Seminar
Action Settings

Letzte Aktualisierung: 22.04.2002

Architekt Dipl.-Ing. Fritz MATZINGER

Einige Links zu Projekten des Architekten

Der Linzer Architekt Fritz Matzinger hat eine Reihe von Wohnsiedlungen entworfen, die als besonders anschauliche Beispiele für das Konzept der Action Settings in der Architektur interpretiert werden können.

Ausgehend von einem Programm des Zusammenlebens in überschaubaren Gemeinschaften konzipierte Fritz Matzinger  ein Wohnmilieu,  das "zwanglose und bewusst gewollte Begegnungen der Bewohner" gleichsam provoziert.

Für die Bereitstellung der im Folgenden ausgewiesenen Materialien wird Herrn Matzinger herzlichst gedankt. 


Das Grundkonzept der Atrium-Siedlungen

 

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LES PALETUVIERS ist als soziale Alternative zwischen dem individualistischem Einzelhaus und dem üblichen mehrgeschossigen Wohnbau unserer Zeit zu verstehen und entstand 1974 unter dem persönlichen Eindruck westafrikanischer Compounds.  

Der Mensch als SOZIALES WESEN braucht die Geborgenheit einer überschaubaren Gemeinschaft. Die Anordnung einer Gruppe von Wohneinheiten um einen transparent und mobil überdeckten, und damit winterfesten Hof/Atrium (Gemeinschaftsraum für Spiele, Geselligkeiten und Feste) ermöglicht die zwanglose oder bewußt gewollte Begegnung der Bewohner. Ein “Stadt/Dorf/platz” schlechthin. Dieser soll mithelfen, die Isolation der Menschen in der “zivilisierten  Welt” zu verringern.  

Die hier aufwachsenden Kinder jedenfalls werden eine natürliche Integration in die GEMEINSCHAFT erleben. Aus der  bisherigen Wohnpraxis in diesem Projekten  sehen wir, daß Kinder schon im Krabbelalter aus der eigenen Wohnung in die Gemeinschaft, ins Atrium hinausdrängen. 

 Der planerische Ansatz dieses Konzeptes war das kommunikative Wohnen basierend auf der Idee der “selbstgewählten Nachbarschaft”, der WAHLVERWANDTSCHAFT. Also Mitbestimmung nicht nur beim Planen und Bauen, sondern  auch gezielt bei der Zusammensetzung der Bewohnergruppe.  

Das ATRIUM mit dem Wintergarten als zwangloser, zufälliger, vielleicht alltäglicher Treffpunkt. Ein Spielbereich für die Kinder und ihre Freunde, für den Kaffeeplausch der Erwachsenen, Platz für die Feiern und Feste der Nachbarschaft, Raum für besondere Anlässe (Konzerte, Tanz etc.) und, und, und.. 

Die KINDER finden hier, was sie in der Kleinstfamilie nicht mehr finden, Freunde, Spielgefährten, das Gefühl in einer Gemeinschaft zu leben mit vielen Bezugspersonen, oder sie finden hier den fehlenden Teil der Einelternfamilie als wichtige Bezugsperson. Der Begriff “Schlüsselkinder” wird zum Fremdwort, in diesem familienüberspannenden Netzwerk. 

“Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder” (Julius Tandler 1910). Und nach Raymond UNWIN (1901): “Sorgfältig gestaltete Gemeinschaftsräume sind die Voraussetzung für eine funktionierende Gemeinschaft”. 

Und das zu BAUKOSTEN, die trotz der enormen Ausstattung mit Gemeinschaftseinrichtungen   das übliche Maß bedeutend unterschreiten. 

Fritz Matzinger  


Fritz MATZINGER, 
Linz


Vortrag im MAK Wien 2000

© Fritz Matzinger

 


LES PALETUVIERS

Als Einstieg von der Psychologie zur Architektur vielleicht ein Zitat von Ernst Bloch:

Eben weil die Baukunst,  weit mehr als die anderen bildenden Künste, eine soziale Schöpfung ist und bleibt, kann sie im spätkapitalistischen Hohlraum nicht blühen. Erst die Anfänge einer neuen Gesellschaft ermöglichen wieder echte Architektur, eine aus dem Kunstwollen konstruktiv und ornamental durchdrungene. 

Philip Langdon (1994)

schreibt in “A better place to live”

Wenn ein Phänomen die westlichen Gesellschaften in wachsendem Maße prägt, so ist es die zunehmende Individualisierung in allen Lebensbereichen. Sie führt im Extrem zu einer Atomisierung der Gesellschaft. 

Bonmot eines Holländers bei einem Kongress in Hamburg:

wenn wir heute bei unseren Planungen nur an morgen denken
wird das Übermorgen Schnee von gestern sein......

Und wir brauchen zur Erneuerung unserer Behausungen ca. 100 Jahre also rund 5 Generationen (wir sind ja schließlich nicht in Hongkong, einer Stadt die sich praktisch alle 25 Jahre erneuert). 

Daher stellt der Holländer die Forderung, daß jedes Haus ein Experiment sein müsse. Gerade die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen (Kleinfamilie, Einzelkinder, demographische Entwicklung, multikulturelle Integration, Emanzipation etc) fordern uns zu Experimenten auf. 

Zu meiner Arbeit: 

1973-74 hatte ich zwar bereits eine neue wunderschön gelegene 120 m2 Wohnung direkt an der Donau, mitten in Linz. Der Wohnungsbedarf war sozusagen gedeckt.   

Also keine Wohnungsnot.

Warum war ich dann auf der Suche nach einer Alternative?

Die bekannten physikalischen Ansprüche an die Wohnung (Vier Wände und das Dach über dem Kopf) waren ausreichend erfüllt. Statistisch gesehen ein Wohnungswerber weniger.

Die Behausungsfrage (ein Begriff vom gebürtigen Wiener Friedrich Neutra) war scheinbar und real in diesem Fall nicht zufriedenstellend gelöst.

Es war ein Wohnbau ohne jeder Philosophie. 

Erst durch die Berührung mit der Dritten Welt,

der verwandtschaftlichen Beziehung zu einem  Psychologen,

dem Studium der Berichte aus der Gartenstadtbewegung

und der Kommunebewegung aus Dänemark und Holland,

entstand anläßlich eines  Aufenthalts in der Elfenbeinküste in mir sehr spontan Ende 1973 die Idee zu einem neuen Wohnkonzept  mit dem bezeichnenden Namen Les Paletuviers (zu deutsch Wurzelbaum).
 

Der Leitgedanken war   und ist seit damals unverändert:

eine Hausgruppe, in überschaubarer Größe, um einen gemeinsamen “Dorfplatz”, einem winterfesten Atrium überdacht mit einem mobilen Glasdach, im Sommer als offener Hof, im Winter als attraktiver Raum für Spiel, Sport und Feste ganzjährig nutzbar

Als stark kommunikationsfördernd sollte auch Schwimmbad, Sauna und eine gemeinsame Küche integriert sein.

Gedanklich war auch die Flexibilität durch die Wahl eines wirtschaftlichen Modulbausystems enthalten (mehr oder weniger Raumzellen konnten gekoppelt werden).

Von Anfang an war die Wahrung der Intimsphäre der Familie, der Rückzugsbereich neben den den vielen Gemeinschaftsflächen, für jeden Bewohner, unumstritten (hier wurden Erfahrungen aus Dänemark umgesetzt). 

Experiment

Dieses Experiment begann dann 1975 mit der Errichtung der ersten Siedlung in Linz-Leonding Wirklichkeit zu werden,

Eine Ironie des Zufalls will es, dass zur gleichen Zeit auch die beiden 20geschoßigen Wohnscheiben der VÖEST (im Standard als Wohnbau-SuperGau bezeichnet) errichtet wurden, die jetzt mit viel Publicity und Geld auf Wunsch der Bewohner abgerissen werden.

Abgesehen von der in meinem Projekt vorgesehenen gemeinsamen Küche, die nie in der geplanten Form umgesetzt wurde, hat das Modell seine Nagelprobe, so meine ich, nach immerhin ganzen 25 Jahren, bestanden. 

Entgegen vieler anderslautender Vorhersagen,  wohne und arbeite ich noch immer hier.

Das hat für mich den Vorteil, dass ich das Experiment am eigenen Leib erlebe. Meine Erfahrungen fließen dann natürlich als Rückkoppelungseffekt in die laufenden Planungen ein.

Auch wenn ich selbst in der Beurteilung natürlich nicht unbefangen bin, so stimmen doch die diversen Forschungen über diese Projekte und vor allem Äußerungen der Bewohner insgesamt sehr positiv.

Die höchste Anerkennung erhielt eine Siedlung in Baden Württemberg mit dem 100.000 DM dotierten Karl-Kübel-Preis. Das Preisgeld wurde den Bewohnern gestiftet mit der Auflage damit eine Photo-Voltaikanlage zu installieren.

 

Inzwischen gibt es in Österreich und Deutschland 16 Siedlungen nach diesem Konzept und weitere sind in Vorbereitung. 

Was in diesen Siedlungen passiert entspricht etwa den Forderungen von Erwin Ringel vom Architektursymposium in Bad Ischl,

wo er sagt:

“Kommunikation und Begegnung sind absolute Notwendigkeiten. Die menschliche Entwicklung ist ohne Gemeinschaft nicht möglich. Alles was der Mensch tut ist darauf ausgerichtet, dass er es nicht allein ist

Wenn man Wände zwischen Menschen aufrichtet wird das die Entfremdung fördern. Man kann sich öffnen, ohne aufgefressen zu werden”. 

Die Realität:

Der Mensch ist nach Eberhardt Richter ein soziales Wesen

und nur die Umweltbedingungen verändern ihn.

Darum ist diese Modell auch nicht für Jedermann geeignet und brauchbar.

Es ist ein Modell für offene, tolerante und kommunikative Menschen, für die zum  gebauten Wohnumfeld auch die dort lebenden Menschen von Bedeutung sind.

Deshalb halte ich es für sehr wichtig, bei der Zusammensetzung dieser Wohngruppen mit Sorgfalt und Erfahrung umzugehen.

Es bedarf meines Erachtens eines qualifizierten

“kommunikativen Auswahlverfahrens”

um Fehlbelegungen zu vermeiden.

Wir wissen aus gebauten Beispielen, dass kommunikative Architektur nicht automatisch eine Nachbarschaft entstehen lässt, sie legt nur gleichsam einen Keim in den Humus, gegossen muss der Keimling naturgemäß werden. 

Hier kann ich der Meinung von Sir Winston Churchill nicht ganz folgen wo er meint: Zuerst formen wir die Häuser und dann formen die Häuser uns. 

Auch bei meinem Mietobjekt in Berlin/Neukölln habe ich von der Genossenschaft 1892 die Installation dieses Auswahlverfahrens verlangt, was dann zusammen mit einer Soziologin auch stattfand. 

Auch die Projektsgröße hat seine Grenzen. Ein Beispiel in Linz von Thomas Herzog zeigt die deutlich die Problematik großer Projekte, die auch schon bei den ersten Gemeinschaftshäusern ähnlicher Art im Norden Frankreichs, der Wohnanlage Familistere von Joan Baptist Godin, schon vor 100 Jahren erkannt wurde.

Will man Nachbarschaften fördern darf die Gruppengröße ein bestimmtes “humanes” Maß nicht überschreiten, dafür sind wir nicht konditioniert.

Im Gegensatz dazu dürfen die Gruppengrößen auch nicht zu klein sein, dann wird die Gemeinschaft zur Belastung und konfliktträchtiger, schon immer Ehe-ähnlicher und Probleme eskalieren dann stärker.

 

Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Tauglichkeit von Gemeinschaftseinrichtungen. Hier haben schon 1901

Raymond Unwin  und  Barry Parker 

(zwei Architekten der Gartenstadtbewegung)

darauf hinwiesen, dass nur sorgfältig gestaltete Gemeinschaftsräume auch wirklich angenommen werden.

Resträume im Keller oder Dachgeschoß sind sinnlos vergeudete Gelder.

Auch die Raumhöhen dürfen ein menschliches Maß nicht überschreiten. 

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Wohnbau sind natürlich dergestalt, dass solche Gemeinschaftsräume eigentlich nichts kosten dürfen, sonst fallen diese beim ersten Ansatz des Rotstifts zum Opfer.

Damit wird hohes Kostenbewusstsein bei der Planung und Bauleitung zwingend unter Umständen auch unter Verzicht auf unnötige Perfektionen oder Über-Standards.  

Politisch gab es nie eine Absicht solche Räume mit zusätzlicher Förderung auszustatten.

Obwohl diese Räume eine gesellschaftliche Funktion haben.

Als Beispiel sei hier alleine angeführt,

dass die soziale Reife der in diesen Siedlungen geborenen Kinder gegenüber Kindern aus normalen Wohnformen schätzungsweise ein Jahr im Vorteil sind. Oder der Einfluss auf die Stabilität der Familien nach den Forschungen von Prof. Strozka in den 50iger Jahren: Fehlende Nachbarschaftsbeziehungen machen Familien zunehmend instabil. 

Forschung:

Mein forschungsmäßiges Interesse liegt jetzt im Studium der geschichtlichen Entwicklung solcher Gedankenguts wie z.B.

die Arbeit der Sozialutopisten im  19.Jhdt. Owen (1820),
Fourier mit seinem Sozialpalast (Phalanstere) und
Godin  (1859-1885) einerseits und
die  Gartenstadtbewegung in ganz Europa in seiner vielfältigen Dimension
bis hin zum politischen Abbruch dieser Entwicklungen. 

Noch wichtiger und interessanter sind mir aber die Studien der weltweit vielfältigsten, und vor allem noch praktizierten gemeinschaftlichen Wohnformen, die primär in den unterentwickelten Ländern noch vorhanden sind und die dort zu bekommenden Informationen und Erfahrungen der Bewohner z.B.

die chinesischen Erdsiedlungen in Henan und Shannxi und
die Wohnanlagen der Hakkas in  Fujian,
oder die Langhäuser der Ibans auf Borneo,
die Siedlungen in der Casamance in Südsenegal   usf.
 

Gedanken an die Zukunft: 

Amitai Etzioni (1995) meint in dem Buch “Verantwortungsgesellschaft”

“Ohne gemeinschaftliche Bindungen und geteilte Werte führen die garantierten Freiheitsrechte des Individuums zu verantwortungslosem Handeln und untergraben somit die Solidargemeinschaft sowie die Demokratie. 

Frank Lord Wrigth

hat uns Architekten aufgefordert: gebt unserer Architektur eine Philosophie, einen Inhalt, eine Hintergrund.

Und genau hier im Wohnbau sind wir doch aufgerufen unserem Tun einen Inhalt zu geben, einen humanen einen ethologischen einen sozialen, sonst reduzieren/beschränken wir uns selbst zu Behübschern und es treten Leute auf den Plan, die das möglicherweise viel besser können als wir (Maler, Graphiker, Designer). 

 


Einige Links zu Projekten von Fritz Matzinger

Sächsischer Rundling Atrium-Höfe Wohndorf
Wohnhöfe Offenau Kommunikatives Wohnen  
     

Literaturhinweise

"20 Jahre Atrium-Wohnhöfe Les Paletuviers"
Dokumentation und Evaluation von 20 Jahren Wohnerfahrung in den Wohnhöfen von Arch. Fritz Matzinger
(Wien/Salzburg 1996-1997)

Auftraggeber: Länder NÖ, OÖ, Steiermark, Salzburg und BM für wirtschaftliche Angelegenheiten (F 1374)

T. NEUHUBER, 2001, Wohn-Räume: Leben im sozialen Verbund. Eine Untersuchung zu Fragen der sozialräumlichen Bindung am Beispiel dreier Wohngruppenprojekte. - Wien, geographische Diplomarbeit, huso-Fakultät, 167 Seiten.