Niku Dorostkar, Christophe Sauseng (1998)

Hermann Hesse

UNTERM RAD

 

Charakteristik der Hauptfiguren

Gegenüberstellung der Eigenschaften der zwei gegensätzlichen, aber sich ergänzenden Charaktere:

Hans Giebenrath

Hermann Heilner

Selbstzweifel

Abhängig von seinem Vater

Gewissenhaft

Streber

Musterknabe

Ehrfurchtsvoll

Leidend

Introvertiert

Selbstsicher

Selbständiges Denken und Vorgehen

Leichtsinnig

Dichter

Genie

Kritisierend

Lebhaft

Extrovertiert

Sentimental

Über sein Alter entwickelt

 

Inhalt

Hans Giebenrath lebt in einem kleinen Ort in Deutschland, wo sein Schulrektor, seine Lehrer und der Stadtpfarrer ihn auf das Landexamen in Stuttgart vorbereiten, dessen Abschluß die Voraussetzung für die Aufnahme in das Maulbronner Klosterseminar ist. Da es in diesem Ort nur wenig begabte Kinder gibt und die meisten Dorfbewohner ihre Söhne Lehrlinge werden lassen, wird von Hans, der als sehr fähig und talentiert gilt, erwartet, daß er besondere Leistungen hervorbringt. Wegen des Druckes, der unter anderem auch von seinem Vater ausgeht, und des Fehlens ausgiebigerer Freizeit leidet Hans oft unter Kopfschmerzen.

Als einziger und somit als der ganze Stolz der kleinen Stadt reist Hans mit seinem Vater nach Stuttgart, um sich dort den Aufgaben des Landexamens zu stellen. Mit wenig Selbstvertrauen erreicht er dort letztendlich doch den zweitbesten Platz und besteht somit.

Nach seinem Erfolg beim Landexamen wird Hans erlaubt, sich in nächster Zeit auszuruhen und Ferien zu machen. Er nützt diese Gelegenheit und angelt hauptsächlich, was ihm zunächst noch große Freude bereitet. Als nun aber der Stadtpfarrer inmitten der Ferien Hans vorschlägt, sich bei ihm auf das Kloster Maulbronn vorzubereiten, bekommt er hinsichtlich des Angelns ein schlechtes Gewissen. Schließlich setzt sich Hans' alter Schulrektor auch noch für Hebräisch- und Mathematikstunden nebst den Griechischstunden des Stadtpfarrers ein und sorgt somit dafür, daß Hans in den restlichen Ferien nur noch für das Klosterseminar vorausarbeitet. "Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, Kulturloses, das mußte erst zerbrochen werden, eine gefährliche Flamme, die mußte erst gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchdringliches, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt.

Wie schön hatte sich der kleine Giebenrath entwickelt! Das Strolchen und Spielen hatte er fast von selber abgelegt, das dumme Lachen in den Lektionen kam bei ihm längst nimmer vor, auch die Gärtnerei, das Kaninchenhalten und das leidige Angeln hatte er sich abgewöhnen lassen."

 

Nach den Ferien wird Hans von seinem Vater in seine neue Schule, das Maulbronner Klosterseminar, begleitet. Sowohl Hans' neuer Schuldirektor, der Ephorus, als auch seine neuen Lehrer verhalten sich ihren Schülern und Zöglingen gegenüber streng und autoritär. "Dazu kommt als wichtigster Faktor das Internatsleben, die Nötigung zur Selbsterziehung, das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Stiftung, auf deren Kosten die Seminaristen leben und studieren dürfen, hat hierdurch dafür gesorgt, daß ihre Zöglinge eines besonderen Geistes Kinder werden, an welchem sie später jederzeit erkannt werden können - eine feine und sichere Art der Brandmarkung. Mit Ausnahme der Wildlinge, die sich je und je einmal losreißen, kann man denn auch jeden schwäbischen Seminaristen sein Leben lang als solchen erkennen."

 

Hans wohnt mit neun sehr unterschiedlichen Kameraden in einem Zimmer, das auch Stube "Hellas" genannt wird. Einer dieser acht Kameraden, Hermann Heilner, wird zum Freund von Hans. Er ist " ... ein Schwarzwäldler aus gutem Hause. Man wußte schon am ersten Tag, er sei ein Dichter und Schöngeist, und es ging die Sage, er habe seinen Aufsatz in Hexametern abgefaßt. Er redete viel und lebhaft, besaß eine schöne Violine und schien sein Wesen an der Oberfläche zu tragen, das hauptsächlich aus einer jugendlich unreifen Mischung von Sentimentalität und Leichtsinn bestand. Doch trug er weniger sichtbar auch Tieferes in sich.

Er war an Leib und Seele über sein Alter entwickelt und begann schon versuchsweise eigene Bahnen zu schlagen." Hermann Heilner und Hans Giebenrath gelten als das ungleichste Paar unter allen Freundschaften, " ... der Leichtsinnige und der Gewissenhafte, der Dichter und der Streber. Man zählte zwar beide zu den Gescheiten und Begabtesten, aber Heilner genoß den halb spöttisch gemeinten Ruf eines Genies, während der andere im Geruch des Musterknaben stand. Doch ließ man sie ziemlich ungeschoren, da jeder von seiner eigenen Freundschaft in Anspruch genommen war und gern für sich blieb".

 

Eines Tages jedoch macht sich Hermann Heilner eines Vergehens schuldig, indem er einem Mitschüler einen Tritt versetzt. Es handelt sich hierbei um Emil Lucius, der auch der Stube Hellas angehört und als ein sehr geiziger und eigensinniger Einzelgänger gilt. Da sich dies vor dem Raum des Ephorus bei offener Tür abspielt und dieser somit Zeuge des Vergehens wird, erhält Hermann Heilner eine Strafe: Der Kontakt zu ihm wird verboten, er muß von seinen Mitschülern wie ein Aussätziger behandelt werden. Auch Hans Giebenrath hält sich mit schlechtem Gewissen und der Kenntnis, seinen Freund im Stich gelassen zu haben, an den Entschluß des Ephorus.

"An Heilner war ihnen ohnehin von jeher ein gewisses Geniewesen unheimlich - zwischen Genie und Lehrerzunft ist eben seit alters eine tiefe Kluft befestigt und was von solchen Leuten sich auf Schulen zeigt, ist den Professoren von vornherein ein Greuel. Für sie sind Genies jene schlimmen, die keinen Respekt vor ihnen haben, die mit 14 zu rauchen beginnen, mit 15 sich verlieben, mit 16 in Kneipen gehen, welche verbotene Bücher lesen, freche Aufsätze schreiben, den Lehrer höhnisch fixieren und im Diarium als Aufrührer und Karzerkandidaten notiert werden. Ein Schulmeister hat lieber einen Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau genommen hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sonder gute Lateiner, Rechner und Biedermänner."

 

Es ist gerade Winter, als der Schüler Hindinger, von allen liebevoll Hindu genannt, zu dem Zeitpunkt gerade allein, auf einem Teich durch die Eisdecke einbricht. Er wird von einer Vielzahl von Leuten gesucht, bis sie seine inzwischen blaugefrorene Leiche finden. In der ganzen Schule herrscht nun tiefe Betroffenheit. Diese Betroffenheit ist jedoch mit ein Faktor, daß sich Heilner, der allseits geächtete Karzerschüler, und Hans wieder vertragen.

Nach einer Versöhnung ist Hans nun wieder fröhlich und fühlt sich nicht mehr so schuldig wie unmittelbar nach Heilners Straftat. Da sich Hans' Schulleistungen durch die große Inanspruchnahme seines wiedergewonnenen Freundes immer mehr verschlechtern, sieht der Ephorus jene Tatsache mit Mißtrauen an und zitiert ihn auf sein Zimmer. Der Ephorus legt ihm nahe, sich wegen seiner fallenden Leistungen von Hermann Heilner zu distanzieren. Hans zeigt dem Ephorus jedoch deutlich Mißfallen, indem er sich nicht an seine Anweisungen hält.

 

Als Hermann Heilner jedoch eines Tages aus dem Klosterseminar Maulbronn in ein benachbartes Dorf flieht und deswegen letztendlich von der Schule verwiesen wird, muß Hans zu Kenntnis nehmen, daß er sich mit ihm offensichtlich zu lange von dem Rest der Gruppe distanziert hat und nun alleine dasteht.

 

Hans' Schulleistungen fallen nun rapide und seine Kopfschmerzen treten wieder auf. Er hat weiters mit schweren Nervenleiden zu kämpfen und sein Ansehen bei seinen Lehrern sinkt: "Falls sie nicht gerade schlafen sollten, Giebenrath, lesen Sie bitte diesen Satz!" Die Folge ist, daß Hans schließlich wegen eines Nervenzusammenbruches nach Hause geschickt wird. Da sich große Wissenslücken in der verlorengegangenen Zeit bilden würden, wird von ihm nicht erwartet, daß er von diesen Ferien wieder zurückkehrt. "Und keiner dachte etwa daran, daß die Schule und der barbarische Ehrgeiz des Vaters dieses gebrechliche Wesen so weit gebracht hatten. Warum hatte er in den empfindlichsten und gefährlichsten Knabenjahren täglich bis in die Nacht hinein arbeiten müssen? Warum hatte man ihm seine Kaninchen weggenommen, ihn den Kameraden in der Lateinschule mit Absicht entfremdet, ihm Angeln und Bummeln verboten und ihm das hohle, gemeine Ideal eines schäbigen, aufreibenden Ehrgeizes eingeimpft? Warum hatte man ihm selbst nach dem Examen die wohlverdienten Ferien nicht gegönnt? Nun lag das überhetzte Rößlein am Weg und war nicht mehr zu brauchen."

 

In diesen Ferien versucht Hans teilweise seine ihm in früher Zeit nicht gewährten Bedürfnisse nachzuholen. Jedoch spielt er auch mit Selbstmordgedanken, nachdem ihn das Mädchen Emma, das er während seiner ersten Liebeserfahrungen kennengelernt hat, verlassen hat. Diese gibt er schließlich bald wieder auf, nachdem ihm sein Vater vor die Wahl einer Schreiber- oder Mechanikerlehre stellt. Hans entscheidet sich für die Mechanikerlehre, da sein alter Schulfreund August auch dort arbeitet. "Wenn ein Baum entgipfelt wird, treibt er gern in Wurzelnähe neue Sprossen hervor, und so kehrt oft auch eine Seele, die in der Blüte krank wurde und verdarb, in die frühlinghafte Zeit der Anfänge und ahnungsvollen Kindheit zurück, als könne sie dort neue Hoffnungen entdecken und den abgebrochenen Lebensfaden aufs neue anknüpfen. Die Wurzelsprossen geilten saftig und eilig auf, aber es ist ein Scheinleben, und es wird nie wieder ein rechter Baum daraus."

 

An seinem ersten Arbeitstag in der Werkstatt gibt ihm der Meister zunächst eine primitive Arbeit, aber Hans verspürt zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl etwas Nützliches zu tun.

In der Mittagspause trifft er August, der ihn zum Verjubeln seines ersten Wochenlohnes einlädt. Hans sagt zu, und so treffen sich die beiden mit anderen Lehrlingen am Wochenende. Hans, der noch nie etwas getrunken hat und daher schnell betrunken wird, verbringt den restlichen Tag mit einer gemeinsamen Sauftour, bis sie schließlich völlig betrunken den Heimweg antreten.

Niemand weiß, was dann passiert ist - ob er wegen seines Zustandes versehentlich in den Fluß gefallen ist und dann ertrunken ist, oder ob er sich mit Absicht hineingestürzt hat.

Am nächsten Tag wird Hans' Leiche an das Ufer gezogen. Nach dem Begräbnis wird Hans' Vater von dem Schuhmachermeister Flaig, der als einziger den Lebenslauf Hans' vollkommen verstanden hat, nahegelegt, daß sie doch einiges an Hans versäumt haben.

"Und so wiederholt sich von Schule zu Schule das Schauspiel des Kampfes zwischen Gesetz und Geist, und immer wieder sehen wir Staat und Schule atemlos bemüht, die alljährlich auftauchenden paar tieferen und wertvolleren Geister an der Wurzel zu knicken. Und immer wieder sind es vor allem die von den Schulmeistern Gehaßten, die Oftbestraften, Entlaufenen, Davongejagten, die nachher den Schatz unseres Volkes bereichern. Manche aber - und wer weiß wie viele? - verzehren sich in stillem Trotz und gehen unter."

 

Problematik

Für Hermann Hesse ist " ... der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, etwas Unberechenbares ... ein Urwald ohne Weg und Ordnung." Er kritisiert, daß sich die Schule zur Aufgabe macht, " ... den Jugendlichen zu einem nützlichem Glied der Gesellschaft zu machen", indem sie "den natürlichen Menschen zerbricht, besiegt, und gewaltsam einschränkt." Was dabei verloren geht, ist klar: der individuelle Mensch, der Verantwortung für sein Leben selbst übernehmen kann. Hermann Heilner (die Initialen sind dieselben wie bei Hermann Hesse) hat intuitiv erkannt, daß Maulbronn auf ihn wie ein Gefängnis wirkt, in dem es nur geringen Freiraum und keine Möglichkeit sich zu entfalten gibt. Er läßt seine angestauten Aggressionen an seinem Mitschüler Lucius aus, indem er ihn einen Fußtritt verpaßt. Er flüchtet aus dem Klosterseminar Maulbronn und wird deswegen letztendlich von der Schule verwiesen, wo man offensichtlich mit seinem "Freigeist" nicht viel anfangen kann: "Ein Schulmeister hat lieber einen Esel als ein Genie in seiner Klasse ...".

Giebenrath dagegen ist introvertiert und richtet seine Aggressionen gegen sich selbst (à Selbstmord? ). Er ist scheinbar angepaßt, da er im Sinne der Gesellschaft funktioniert und es nicht wagt, sich zur Wehr zu setzen, als er in den wohlverdienten Ferien gezwungen wird, sich auf Maulbronn vorzubereiten. Jedoch lernt er nicht für sich, sondern um seinen Vater zufriedenzustellen. Damit entfremdet er sich selbst. " ... die Gärtnerei, das Kaninchenhalten und das leidige Angeln hatte er sich abgewöhnen lassen." - Was bleibt ihm? Der Druck, der seinen Lebensfunken auslöscht.

Auch heutzutage wird Druck auf Kinder ausgeübt - sowohl von Lehrern, als auch von Eltern. Väter und Mütter projizieren oft eigene Wünsche und Vorstellungen auf das Kind, was schnell zur Überforderung führen kann. Psychosomatische Beschwerden können die Folge des ständigen Leistungsdruckes sein - bei Hans Giebenrath machen sich zum Beispiel im Laufe der Handlung immer wieder Kopfschmerzen bemerkbar.

Bereits in dieser frühen Erzählung Hermann Hesses wird also das Hauptmotiv seines Werkes deutlich: der Kampf des Einzelnen um die Entfaltung seiner Individualität gegenüber einer gleichmachenden Masse. Viele kommen bei diesem Kampf "unters Rad".

 

Hintergründe

Unterm Rad ist sehr autobiographisch orientiert, das heißt, daß Hermann Hesse auf die Probleme in seiner eigenen Schulzeit anspielt und so seine Jugend als Grundlage und Motiv für sein Buch dient. Die Zusammenhänge gehen sowohl aus der Handlung der Erzählung, die nur geringfügige Unterschiede zu dem Leben Hesses aufweist, hervor, als auch aus der Übereinstimmung der Schauplätze (siehe Biographie des Autors).

Hermann Hesse identifiziert sich mit Hermann Heilner, dessen Charakter sich mit dem von Hans ergänzt (Hermann + Hans = H.H.= Hermann Hesse), seine Geschichte jedoch basiert auf Hans Giebenraths Leben im Maulbronner Klosterseminar und der tragischen Entwicklung, die zu Hans' Tod führt.

 

Form

Unterm Rad gehört der Gattung Epik an, es ist in sieben Kapitel unterteilt und in der auktorialen Erzählerhaltung (3.Person, allwissend) geschrieben. Hermann Hesses Erzählung entsteht in der Zeit zwischen Oktober 1903 und Juni 1904 in Calw. 1906 erscheint Unterm Rad erstmals bei S. Fischer in Berlin.

 

Literarhistorische Einordnung

Hesse ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Epiker (Romane, Erzählungen) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

1998 N.D.