Niku Dorostkar (1999)

 Hermann Hesse

NARZISS UND GOLDMUND

 

Charakteristik der Hauptfiguren

Narziß

 

Goldmund

Geist

Natur

Verstand

Gefühl/Trieb

Wissenschaft

Kunst

Begriffe, Worte

Bilder, Vorstellungen

Vater

Mutter

Seßhaftigkeit

Wanderschaft

"animus"

(C.G.Jung)

"anima"

Narziß:

Narziß ist ein Zögling des Klosters Mariabronn, der aufgrund seiner geistigen Leistungen den anderen überlegen ist. "Jene wenigen, welche gelegentlich die Einfalt des Abtes etwas belächelten, waren desto mehr von Narziß bezaubert, dem Wunderknaben, dem schönen Jüngling mit dem eleganten Griechisch, mit dem ritterlich tadellosen Benehmen, mit dem stillen, eindringlichen Denkerblick und den schmalen schön und streng gezeichneten Lippen. Daß er wunderbar Griechisch konnte, liebten die Gelehrten an ihm." Durch sein Verhalten sticht Narziß ebenso hervor. Er findet viele Bewunderer, aber wenige Freunde. "Der Jüngling nahm jeden Befehl, jeden Rat, jedes Lob des Abtes mit vollkommener Haltung entgegen, widersprach niemals, war nie verstimmt, und wenn das Urteil des Abtes über ihn richtig und sein einziges Laster der Hochmut war, so wußte er dies Laster wunderbar zu verbergen. Es war gegen ihn nichts zu sagen, er war vollkommen, er war allen überlegen. Nur wurden wenige ihm wirklich Freund, außer den Gelehrten, umgab seine Vornehmheit ihn wie eine erkältende Luft."

Goldmund:

Ganz im Gegensatz zu Narziß, der ein asketisches Auftreten hat, ist Goldmund von einer blonden Haarpracht und schaut gut genährt aus. In der Freundschaft, die sich zwischen den beiden entwickeln wird, nimmt Goldmund den emotionellen Teil ein, ohne dabei stumpfsinnig oder dumm zu wirken. Obwohl am ersten Blick nur Gegensätze zwischen den beiden zu stehen scheinen, verbindet sie eine gemeinsame Eigenschaft: ihre Vornehmheit. "Er, der in seiner Vornehmheit Vereinsamte, hatte alsbald in Goldmund den Verwandten gewittert, obwohl er in allem sein Gegenspiel zu sein schien. Wie Narziß dunkel und hager, so war Goldmund leuchtend und blühend. Wie Narziß ein Denker und Zergliederer, so schien Goldmund ein Träumer und eine kindliche Seele zu sein. Aber die Gegensätze überspannte ein Gemeinsames: Beide waren sie vornehme Menschen, beide waren sie durch sichtbare Gaben und Zeichen vor den andern ausgezeichnet, und beide hatten sie vom Schicksal eine besondere Mahnung mitbekommen." Goldmund möchte anfangs Narziß, den er verehrt, gleich werden. Der jedoch bewegt Goldmund letztendlich dazu, daß Kloster zu verlassen. Narziß hat erkannt, daß das Kloster für Goldmund aufgrund seiner Emotionalität und seiner anderen Fähigkeiten kein geeigneter Ort ist.

Abt Daniel:

Die Leitung des Klosters in Mariabronn hat Abt Daniel inne, der einerseits zwar beliebt ist, aber auch vielfach kritisiert wird. "Den Abt liebten die meisten, er hatte kein Feinde, er war voll Güte, voll Einfalt, voll Demut. Nur die Gelehrten des Klosters mischten in ihre Liebe etwas von Herablassung; denn Abt Daniel mochte ein Heiliger sein, ein Gelehrter jedoch war er nicht. Ihm war jene Einfalt eigen, welche Weisheit ist; aber sein Latein war bescheiden, und Griechisch konnte er überhaupt nicht." Der Abt Daniel übernimmt aufgrund seiner Weisheit und Akzeptanz bei Narziß die Rolle des Kritikers.

 

Inhalt

Der junge Goldmund, der ohne Mutter und Geschwister im mittelalterlichen Deutschland aufgewachsen ist, wird von seinem reichen Vater in die Klosterschule Mariabronn gebracht. Goldmund gewöhnt sich schnell ein und fühlt sich zu einer Person im Kloster besonders hingezogen: zum Lehrgehilfen Narziß.

Nach über einem Jahr wird Goldmund zu einem heimlichen Ausflug ins nahegelegene Dorf zu einigen Freundinnen verleitet. Anfangs langweilt er sich nur, als ihm aber beim Abschied eines der Mädchen einen Kuß gibt, wird ihm der Abend zu einem bedrückenden Erlebnis.

Erst nach Monaten erzählt Goldmund die Geschichte seinem guten Freund Narziß und lehnt von jetzt an jede neue Aufforderung, mit ins Dorf zu gehen, ab.

Eines Tages kommt es zu einem Gespräch der beiden, durch das Goldmund das längst vergessene Bild seiner Mutter zurückgewinnt. Narziß erkennt nämlich, daß Goldmund die Erinnerungen an seine Mutter aus früherer Kindheit deswegen verdrängt hat, weil sein Vater und die bürgerliche Welt um sie herum befunden haben, daß die Mutter Goldmunds ein sündhaftes Leben geführt hat.

Er träumt von jetzt an oft von ihr und seiner schönen, freien Kindheit. Narziß vermutet, daß Goldmund das Kloster bald verlassen wird, weil er glaubt, daß Goldmund viel von den freizügigen und freiheitsliebenden Eigenschaften und Gaben seiner Mutter geerbt hat. "An Goldmunds Bestimmung zum Asketen aber glaubte Narziß nicht. Deutlicher als ein anderer verstand er in Menschen zu lesen, und hier, wo er liebte, las er mit gesteigerter Klarheit. Er sah Goldmunds Natur, die er trotz des Gegensatzes innigst verstand, denn sie war die andere, verlorene Hälfte seiner eigen. Er sah diese Natur von einer harten Schale umpanzert, von Einbildungen, Erziehungsfehlern, Vaterworten, und ahnte längst das ganze nicht komplizierte Geheimnis dieses jungen Lebens. Seine Aufgabe war ihm klar: dies Geheimnis seinem Träger zu enthüllen, ihn von der Schale zu befreien, ihm seine eigentliche Natur zurückzugeben.

Es würde schwer sein, und das Schwerste daran war, daß ihm der Freund vielleicht dabei verlorengehen würde." Schließlich kommt es so, wie es Narziß prophezeit hat: Nachdem Goldmund außerhalb der Klostermauern ein Büschel Johanniskraut suchen soll und in der freien Natur ein Mädchen kennenlernt, verabschiedet er sich noch am gleichen Tag von Narziß und verläßt das Kloster. Er verbringt mit der Frau noch eine schöne Zeit, trennt sich aber von ihr, nachdem sich herausstellt, daß sie verheiratet ist.

In den nächsten zwei Jahren wandert er ziellos umher, trifft noch viele Frauen, aber keine, mit der er den Rest seines Lebens verbringen kann. Einmal wird er von einem reichen Ritter mit zwei Töchtern auf seinem Hof aufgenommen. Dort verbringt er viele Monate, als aber die jüngere Tochter aus Eifersucht die inzwischen entstandene heimliche Beziehung der älteren Tochter Lydia mit Goldmund dem Vater verrät, wird er auch von dort vertrieben, obwohl Lydia die einzige Geliebte in Goldmunds Leben bleiben wird, die er wirklich liebt.

Nachdem wieder viele Jahre des ziellosen Wanderns von Dorf zu Dorf und von Frau zu Frau vergangen sind, entdeckt er in einer Kirche eine aus Holz geschnitzte Mutter Gottes, die ihm so gut gefällt, daß er sich auf die Suche nach dem Schnitzer dieser Statue macht. Als er ihn nach langem Suchen in einer Bischofsstadt gefunden hat, wird er von diesem sogar eingestellt.

Goldmund findet sein vorläufiges Ziel und seine Selbstverwirklichung im Schnitzen der Figur des Narziß, den Goldmund als den Jünger Johannes darstellt. Als die Figur aber vollendet ist und der Schnitzer nach vier Jahren bereit ist, Goldmund das Meisterzeugnis auszustellen, lehnt dieser ab, weil "um hübsche Engelsfigürchen oder andern Tand zu machen, und sei er noch so hübsch, lohnte es sich nicht, Künstler zu sein. Für andere vielleicht, für Handwerker, für Bürger, für stille zufriedene Seelen mochte es sich lohnen, für ihn aber nicht. Für ihn waren Kunst und Künstlerschaft wertlos, wenn sie nicht brannten wie Sonne und Gewalt hatten wie Stürme, wenn sie nur Behagen brachten, nur Angenehmes, nur kleines Glück. Er suchte anderes."

Er begibt sich wieder auf Wanderschaft, und ihm schließen sich Robert, ein Landstreicher und Lene, ein Dienstmädchen, die später seine Geliebte wird, an. Auf ihrem Weg begegnen sie immer wieder der Pest. Nachdem Goldmund einen Landstreicher umgebracht hat, der Lene vergewaltigen hat wollen, wird sie selber von der Pest angesteckt. Bevor Lene stirbt, verläßt Robert die beiden.

Goldmund kehrt wieder in die Bischofsstadt zurück, stellt aber fest, daß sein ehemaliger Meister bereits gestorben ist. Er bleibt in der Stadt und freundet sich mit der verheirateten Frau des Stadthalters an. Als er jedoch eines Tages in einem Kleiderschrank vom Mann seiner Freundin gefunden wird, kann er sich gerade noch als Dieb ausgeben, wird aber auf Grund dessen verhaftet. Goldmund wird in ein Verlies gesperrt - ihm droht die Todesstrafe. "Weinend lag er über dem Tisch, ein trostloses Kind. Aus der Not seines Herzens stieg ein Seufzer und flehender Klageruf: «O Mutter, o Mutter!» Und indem er den Zaubernamen sprach, antwortete ihm ein Bild aus der Tiefe seiner Erinnerung, das Bild der Mutter. Es war nicht die Mutter seiner Gedanken und Künstlerträume, es war das Bild seiner eigenen Mutter, schön und lebendig, wie er es seit den Klosterzeiten nie mehr gesehen hatte. An sie richtete er seine Klage, ihr weinte er dies unerträgliche Lied des Sterbenmüssens entgegen, ihr gab er sich anheim, ihr gab er sein ganzes Wesen und Leben zurück, in die mütterlichen Hände."

Am nächsten Morgen kommt ein Priester zu ihm, in dem Goldmund jedoch bald seinen alten Freund Narziß wiedererkennt. Dieser kann die Freilassung Goldmunds bewirken.

Gemeinsam reiten sie am nächsten Tag zurück in das Kloster Mariabronn. Goldmund richtet sich dort eine Werkstatt ein, in der er viele Jahre lang für das Kloster Schmuckverkleidungen, einen Altar und eine Marienfigur, die Lydia darstellt, herstellt.

Nach langer Zeit verspürt er dann aber wieder den inneren Drang, auf Wanderschaft zu gehen, weil sein zweites Lebenswerk, die Marienstatue, vollendet ist, und er neue Erlebnisse machen muß, um eine weitere Figur erschaffen zu können. Er bricht auf, kommt aber schon am Ende des Sommers todkrank wieder zurück.

Narziß sitzt am Bett des Kranken, die Gespräche der beiden drehen sich immer wieder um das Bild seiner Mutter. Als Goldmund dann im Beisein von Narziß stirbt, brennen in ihm Goldmunds letzte Worte wie Feuer: "Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben."

 

Problematik

Die Handlung in Narziß und Goldmund besteht nach dem Aufenthalt Goldmunds im Kloster größtenteils aus seinen Wanderungen und seinem Umherziehen. Goldmund versucht dadurch zu sich selbst zu finden, beziehungsweise zu seiner Mutter oder seiner mütterlichen Natur, die von der väterlichen Seite unterdrückt wird.

Dies ist eine Besonderheit des Romans: das Thema der neurotischen Verdrängung. Hesse war mit den tiefenpsychologischen Methoden vertraut, da er selbst bei C.G. Jung Psychotherapie in Anspruch nahm und von ihm beeinflußt wurde, und läßt Goldmund in das Kloster Mariabronn, einem getreuen Abbild seiner eigenen Klosterschule Maulbronn, bringen. Während er sich in Verkennung seiner Natur auf ein Leben im Kloster vorbereitet, steht ein Psychoanalytiker in Gestalt des Novizen Narziß bereit, der bald erkennt, daß sein Freund unter dem Einfluß des Vaters seine nach bürgerlichen Moralanschauungen sündhafte Mutter nur vergessen hat. In geschickt geführten Gesprächen führt er seinen Freund zur Erkenntnis dieser Verdrängung. Das Bild der vergessenen und verdrängten Mutter erschüttert ihn zunächst sehr, und so kommt er in eine Krise. Nachdem er seinen Schock überwunden hat und seine wahre mütterliche Anlage akzeptiert, begibt er sich auf Wanderschaft ( - Bild für die "Individuation" C.G. Jungs, der "Selbstwerdung" des Menschen, die jeder vollziehen soll, um die ihm angelegten unterschiedlichen Seelenanteile zu einem Ganzen zu verwirklichen). Er verabschiedet sich von Narziß:

"Ich sagte dir schon: ein Ziel habe ich nicht. Auch jene Frau, die so sehr lieb mit mir war, ist nicht mein Ziel. Ich gehe zu ihr, aber ich gehe nicht ihretwegen. Ich gehe, weil ich muß, weil es mich ruft."

Hesse verweist somit auch auf die Thematik der Polarität des väterlichen und mütterlichen Prinzips. Die vielen Geliebten Goldmunds gehören zur mütterlichen Welt, die schön und grausig zugleich sind. Am Ende ist Goldmund alt und müde. Seine Flamme der Liebe und Kunst ist erloschen und die Mädchen, die er einst geliebt hat, sind vergessen. Er ist nicht nur Vagabund und Frauenheld, diese Erfahrungen sind eigentlich nur Vorwände, die ihn für die Kunst bereit machen. Er fertigt unter anderem die Figur des Jünger Johannes, der die Züge Narziß' trägt, und eine Mutter Gottes nach dem Vorbild Lydias, die die einzige Geliebte Goldmunds ist, zu der er tatsächlich Liebe empfindet. In dieser Kunst versöhnen sich die Gegensätze, und es zeigen sich die widersprüchlichen Erlebnisse Goldmunds als Notwendigkeit. Denn diese Kunstwerke sind nicht nur Nachahmungen von Dingen und Personen, sondern sie sind auch Symbole, Spiegelungen einer ewigen Welt.

Eine weitere wichtige Rolle spielt hierbei die Urmutter Eva, die bereits in Demian eine vorrangige Rolle spielt. Sie ist eine Synthese zwischen der längst entschwundenen, leiblichen Mutter und der mythischen Gestalt, die ihm ständig vorschwebt, die Grundidee seines eigenen Lebens. "Es ist die Gestalt der großen Gebärerin, der Urmutter, und ihr Geheimnis besteht nicht, wie das einer anderen Figur, in dieser oder jener Einzelheit, in besonderer Fülle oder Magerkeit, Derbheit oder Zierlichkeit, Kraft oder Anmut, sondern es besteht darin, daß die größten Gegensätze der Welt, die sonst unvereinbar sind, in dieser Gestalt Frieden geschlossen haben und beisammen wohnen: Geburt und Tod, Güte und Grausamkeit, Leben und Vernichtung."

Narziß, der Asket, ist der völlige Gegensatz zu Goldmund, weil er versucht den Sinn des Lebens durch den Intellekt zu ergründen, während der emotionelle und träumerische Goldmund sein Leben lang größtenteils auf Wanderschaft ist. Doch es ist Hesses tief empfundenes Anliegen diese Gegensätze zu versöhnen – dies geht auch aus der Freundschaft der beiden hervor. Am Beginn des Romans ist Narziß der Überlegene, der durch seinen kritischen Geist die Fehlentwicklung seines Freundes erkennt und ihm den Zugang zu den verdrängten Erinnerungen an die Mutter ermöglicht. Am Ende jedoch bringt Goldmund die Weisheit der Lebenserfahrung in das karge Leben des Freundes und stellt somit das Gleichgewicht wieder her. In den Gesprächen der Freunde wird sogar eine gedankliche Annäherung angestrebt.

Mehr als die Hälfte des Romans widmet sich Goldmund. Im Rest ist Narziß zwar gegenwärtig, aber sein Reden und Denken geschieht nur im Hinblick auf den Freund. Dadurch bekommt dieser ein deutliches Übergewicht, das schon durch die Komplexität seiner Problematik gegeben ist. Das angestrebte Gleichgewicht wird letztlich zerstört, als Hesse Goldmund sagen läßt: "Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben."

Hier triumphiert letztlich Goldmunds Prinzip, der in der Suche nach der Urmutter, die die Gegensätze in sich vereint, sein Lebensziel sieht. Der intellektuelle Narziß erkennt: "Mein Leben ist arm an Liebe gewesen, es hat mir am Besten gefehlt."

Ein weiterer Gegensatz, den Hesse gar nicht erst auszugleichen versucht, der aber oft in seinen Romanen ein Thema ist, ist der zwischen der bürgerlichen Existenz und dem Außenseitertum, das in den beiden Hauptgestalten verkörpert ist. Die bürgerliche Alltagswelt fehlt nicht in diesem Roman, sie spielt aber eine negative Rolle. Der Leser weiß, daß Goldmund nicht geschaffen ist für das bürgerliche Leben, aber auch eine Idealfigur ein übersteigertes Prinzip ist. Die Fragen zur Alternative des bürgerlichen Lebens bleiben in Hesses Roman unbeantwortet.

 

Hintergründe und Entstehungsgeschichte

Narziß und Goldmund weist einige autobiographische Züge auf. Hesse ist selbst wie seine Hauptfigur Goldmund in eine Klosterschule geschickt worden: in das Klosterseminar Maulbronn. Goldmund jedoch wird in das Kloster Mariabronn geschickt, aus dem er auf ähnliche Weise flieht wie Hesse aus Maulbronn.

Hermann Hesse begibt sich nach seiner Flucht aus der Klosterschule in symbolischer Weise auf die gleiche Suche nach sich selbst wie es Goldmund tut. Goldmund wird durch Narziß bewußt, daß er dabei dem Weg seiner Mutter folgt. Hesse findet seine Selbstverwirklichung in der Schriftstellerei, Goldmund hingegen in der Handwerkskunst. Hesse erzählt sein Leben in seinen Romanen, wie es Goldmund in seinen Statuen erzählt, die die wichtigsten Personen in seinem Leben verkörpern. "«Aber was heißt das eigentlich: sich verwirklichen?» «Es ist ein philosophischer Begriff, ich kann es nicht anders ausdrücken. Für uns Schüler des Aristoteles und des heiligen Thomas ist der höchste aller Begriffe: das vollkommene Sein. Das vollkommene Sein ist Gott. Alles andere, was ist, ist nur halb, ist teilweise, es ist werdend. ist gemischt, besteht aus Möglichkeiten Gott aber ist nicht gemischt, er ist eins, er hat keine Möglichkeiten, sondern ist ganz und gar Wirklichkeit. Wir aber sind vergänglich, sind werdend, wir sind Möglichkeiten, es gibt für uns keine Vollkommenheit, kein völliges Sein. Dort aber, wo wir von der Potenz zur Tat, von der Möglichkeit zur Verwirklichung schreiten, haben wir teil am wahren Sein, werden dem Vollkommenen und Göttlichen um einen Grad ähnlicher. Das heißt: sich verwirklichen. Du mußt ja diesen Vorgang aus eigener Erfahrung kennen. Du bist ja Künstler und hast manche Figuren gemacht. Wenn dir nun eine solche Figur wirklich geglückt ist, wenn du das Bildnis eines Menschen von Zufälligkeiten befreit hast - dann hast du, als Künstler, dies Menschenbild verwirklicht.»"

Goldmund muß sich letztendlich auch deswegen immer wieder auf Wanderschaft begeben und kann sich nicht längere Zeit an einem Ort niederlassen, weil ihm sonst die Ideen für seine wahren Kunstwerke wie die Marienfigur, die Lydia darstellt, oder die Johannes-Figur, die Narziß darstellt, ausgehen. "Daß diese Figur gut geworden ist, dazu war meine ganze Jugend nötig, meine Wanderschaft, meine Verliebtheit, mein Werben um viele Frauen. Das ist der Brunnen, aus dem ich geschöpft habe."

 

Form

Narziß und Goldmund ist 1930 im Suhrkamp Verlag st 247 erschienen. Der Roman ist in zwanzig numerierte Kapitel unterteilt und in auktorialer Erzählerhaltung verfaßt. Man kann ihn als einen typischen "Entwicklungsroman" bezeichnen, in dem die Selbstverwirklichung eines Menschen durch sein gesamtes Leben dargestellt wird (z.B. Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre", "Wilhelm Meisters Wanderjahre").

 

Literarhistorische Einordnung

Hesse ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Epiker (Romane, Erzählungen) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Roman Narziß und Goldmund gehört zu den erfolgreichsten Titeln vor dem zweiten Weltkrieg. Bis 1940 wurden 64.000 Exemplare verkauft.

1999 N.D.