Michael Lorenz

Michaela Zahorik: Ferdinand Schubert, Diplomarbeit, Universität Wien 1995

Diese an und für sich unbedeutende Arbeit hat ihren Wert in erster Linie darin, daß sie zukünftigen Bibliographen einst vor Augen führen wird, was im Jahr 1995 genügte, um an der Wiener Universität den Titel "Magistra der Philosophie" zu erwerben. Die Autorin hatte zu Beginn sicher die besten Absichten. Auf das Kapitel "Biographischer Abriß" (drei Seiten) folgt ein Abschnitt "Ferdinand Schubert als Pädagoge" (sieben Seiten), der eine Kompilation der Literatur über das österreichische Schulwesen nach Maria Theresia darstellt. Aber schon bei Seite 28, nach dem Kapitel "Ferdinand Schuberts Verdienste um die Pflege und Überlieferung der Werke seines Bruders Franz Schubert", das ausschließlich aus O. E. Deutschs Edition abgeschriebenen und nicht kommentierten Schubert-Dokumenten besteht, mußte Zahorik erkennen, daß sich auf diese Weise eine Diplomarbeit nicht ausgehen würde. Da halfen auch nicht mehr sieben Absätze pro Seite, die oft nur aus einem Satz bestehen und von drei Zentimeter langen Zwischenräumen unterbrochen werden. Also entschloß sich die Autorin, ihre Studie um ein thematisches Verzeichnis zu erweitern und es erwies sich als sehr praktisch, daß Alexander Weinmann bereits 1986 dieses Werkverzeichnis ("Ferdinand Schubert – eine Untersuchung") vorgelegt hatte. Nun hatte die Autorin ganze 114 Seiten dazugewonnen und es kam endlich Land in Sicht. Sie fügte eine völlig überflüssige Konkordanz und ein Register hinzu und schwang sich noch zu einer Abschreibarbeit mit dem Titel "Ferdinand Schubert. Die Dokumente seines Lebens" auf, die (wie schon Kapitel I) ausschließlich auf den Arbeiten von O. E. Deutsch und Alexander Weinmann sowie Ernst Hilmars Publikation von Ferdinand Schuberts autobiographischer Skizze basiert. Dann war es fast geschafft. Eigene Quellenstudien brauchte die Autorin nicht anzustellen, es genügte, Ferdinand Schuberts eigenhändige Werkliste (WStLB I.N. 218.371/1,2) unvollständig und mit kuriosen Fehlern abzuschreiben (Schuberts "Ouverture zu Kinder=Opern" wurde z.B. zu "Ouverture zu Glucks Oper", "Begleitung" zu "Baßleitung" usw. - auf die Unmengen von weiteren Fehlern in dieser Arbeit kann hier gar nicht eingegangen werden). Auch die Abbildungen (wieder neun Seiten gewonnen!) wurden unter Verwendung eines Kopiergeräts von Alexander Weinmann übernommen, der nunmehr nach Herbert Krenns Dissertation über Josef Lanner (Universität Wien, 1994) bereits als postumer Mitautor zweier akademischer Arbeiten gelten kann. Aus durchaus verständlichen Gründen ließ Zahorik ihr Werk nicht in der Hauptbibliothek der Universität Wien auflegen und beantragte (wohl auf dringendes Anraten ihres Betreuers, an dessen Lehrkanzel diese Vorgangsweise wahrlich kein Einzelfall war) für ihre Diplomarbeit eine fünfjährige Benutzersperre. Ein ungutes Gefühl mag sich also doch bemerkbar gemacht haben. Was man als wissenschaftlicher Laie zum Thema Ferdinand Schubert an Forschung zu leisten imstande ist, zeigte im Jahr 1999 Martha Böhm-Schubert mit dem zweiten Teil ihrer Familien-Chronik "Franz Schuberts Bruder" (Privatdruck, Wien 1998/99), in welchem auf 200 Seiten zahlreiche bisher unbekannte Primärquellen zu Ferdinand Schubert präsentiert werden.


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