Michael Lorenz

Melanie Unseld: Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. – Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2005 (ISBN-10: 3-499-62105-3, ISBN-13: 978-3-499-62105-5), 189, (3) Seiten, mit Abbildungen, 2. Auflage, 2006.

 

Das Thema Mozart und die Frauen erfreut sich seit ein paar Jahren zu Recht großer Aufmerksamkeit. Die qualitative eher schwache Literatur, die sich im 20. Jahrhundert diesem Thema gewidmet hatte, führte zu einem Nachholbedürfnis, dem Melanie Unseld mit ihrem Buch gerecht zu werden versucht. In zehn sehr straff gehaltenen Kapiteln begibt sich die Autorin auf die Spuren der Frauen in Mozarts Leben, wobei sie sich nicht nur den Familienmitgliedern, sondern auch den Kolleginnen, Schülerinnen und Sängerinnen widmet. Wir erfahren erfreulicherweise auch etwas über bisher weniger beachtete Personen aus dem Mozart-Kreis wie Marianna Martines, Maria Theresia Paradis und Barbara Ployer. Die straff komprimierte Form von Unselds Arbeit hebt sich sehr positiv von jener Sorte Plauderliteratur ab, die uns nur zu oft mit irrelevanten, durch keinerlei Quellen abgesicherten Privatexegesen langweilt. Schon zu Beginn des Buches bekennt sich Unseld zu strikter Zurückhaltung, wenn es darum geht, historische Leerstellen mit Vermutungen zu füllen. Es ist genau jene Askese, die, obwohl sie nicht selten die Not zur Tugend adelt, zur größten Qualität dieses Buches wird. Sehr präzise beschreibt Unseld ihr Problem: "Auf der Suche nach den kreativen Frauen in Mozarts Umkreis stößt man immer wieder auf historische Leerstellen. Auch dieses Buch ist voll davon. Immer wieder müssen wir uns damit begnügen, dass nicht – vielleicht noch nicht – mehr zu erfahren ist. Der Weg, jene weißen Flecken mit Vermutungen zu übermalen, führt freilich eher von den Künstlerinnen weg als in ihre Nähe. Geeigneter scheint der Mut zur Lücke, der dort zu schreiben aufhört, wo Mutmaßungen anfangen würden." Die gedruckten Quellen und der Mut zur Lücke, der sich in zahlreichen Formulierungen mit "vermutlich" und "es ist zu vermuten" niederschlägt, sind allerdings eine recht schmale Basis für eine Arbeit, die auch musiksoziologischen Ansprüchen genügen will. In vielen Bereichen, wie etwa der Persönlichkeit von Mozarts Schwiegermutter, oder der Beziehung zwischen Mozart und Constanze wünscht man sich doch, Unseld hätte ihre Scheu vor dem Unbekannten überwunden und sich öfter zu handfesten Aussagen durchgerungen. Der wissenschaftliche Anspruch, dessen sich Unseld befleißigt, erweist sich nicht als tragfähig. Was ein deutsches Wochenmagazin "sorgsam recherchiert" nannte, muss wissenschaftlichen Ansprüchen noch nicht genügen.

 

Es ist Unselds oft strapazierter "Mut zur Lücke", der die sentimentale Frage provoziert, was eigentlich aus dem guten alten Mut zur Forschung geworden ist. Hieße es heute wirklich das breite Publikum überfordern, nicht auf die ewig gleiche, unzählige Male abgehandelte Literatur zu vertrauen und sich statt dessen mit archivalischer Forschung an die konsequente Reduzierung jener "historischen Leerstellen" zu machen? Die vollmundige Aussage auf der Homepage von NDR Kultur ("Drei Jahre hat Melanie Unseld recherchiert. Nach Salzburg und Wien ist sie gefahren, um bisher vernachlässigte Quellen aus Archiven zu heben") kann kaum von der Autorin stammen, denn von der Entdeckung vernachlässigter Quellen als Ergebnis jahrelanger Recherche ist im vorliegenden Buch nichts zu bemerken. Das methodische Dilemma, das ihre Recherchen begleitete und dessen individuelle Lösung nennt Unseld ganz offen: "Welchen Quellen kann man glauben, welchen nicht? Gibt es zuverlässige Quellen und solche von minderer Qualität? – Wohl kaum." "Oh doch!" möchte man hier einwenden. Es ist eben doch ein Unterschied zwischen dem Gesellschaftstratsch in Zinzendorfs Tagebuch (das Unseld aus Michtners Das alte Burgtheater abschreibt) und den Dokumenten der Wiener Archive, die bei Unselds Recherchen keinerlei Rolle spielten. Nancy Storaces Tochter wurde eben nicht als "Frühmensch" im Juli 1785 geboren, sondern schon am 30. Januar dieses Jahres und die Primärquellen beweisen auch, dass das immer wieder kolportierte Gerücht, Storace habe ihre Tochter außer Haus gegeben, oder gar verhungern lassen, nicht wahr ist. Die kleine Josepha Fischer (benannt nach Josepha von Droßdik, einer Subskribentin von Mozarts Trattnerhofkonzerten) starb am 17. Juli 1785 im "Klein Uhlfeldischen Haus" nächst dem Minoritenplatz, wo sie auch geboren worden war. Ein belletristisches Buch aus dem Jahr 1990, in dem Joseph Langes Geliebte irrigerweise "Theresia Vogel" genannt wird, ist als Quelle eben doch nicht mit einem Aufsatz Heinz Schulers über Langes Verlassenschaft zu vergleichen, der wohl deswegen unbekannt ist, weil er in Peter Clives Bibliographie fehlt. Es gäbe zur Familie Lange so viel zu forschen, doch Unseld hat offenbar kein Interesse, uns etwas Neues zu erzählen. Wurden Joseph Langes Schulden, die sich 1794 auf 4.978 Gulden beliefen und zu deren Deckung seine Frau schon 1791 auf die Hälfte ihrer Gage verzichten musste, wirklich nur durch die hohen Behandlungskosten von Aloysias Krankheiten verursacht? Wann wurden die Kinder Aloysia Langes geboren? Das sind die Fragen, auf die man sich Antworten erhofft, wenn eine Wissenschaftlerin "Originalquellen zur Grundlage ihres Buches" macht (wie Unseld dem Hamburger Abendblatt in einem Interview versicherte). Ihre "Ortstermine in Wien" scheinen sich tatsächlich nur auf Antiquariate und Museumsdepots beschränkt zu haben. Weil sie keine verlässlichen Geburtsdaten von Joseph Langes Kindern hat, muss sie erneut zu vielen schwammigen Angaben mit "vermutlich" und "es ist anzunehmen" Zuflucht nehmen. Karl Jakob Lange (gestorben 1836 in Ofen) wurde nicht im September 1788 geboren, sein Bruder Eugen kam nicht im September 1789, sondern erst fünf Monate später zur Welt und die Existenz von Aloysias achtem Kind Joseph Aloys, das am 18. Juli 1792 geboren wurde und nur zwei Wochen lang lebte, ist Unseld völlig unbekannt. Die Ambition der biographischen Recherche kommt in dem resignierenden Satz "genaue Daten fehlen" zur Geltung.

 

Unseld scheint zu glauben, dass in der Mozart-Literatur die jeweils jüngste Publikation die richtigen Informationen enthält. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie trotz der fehlerlosen Forschung von Karl Maria Pisarowitz zur Biographie Catharina Cavalieris, die irrigen Angaben Helmut Kretschmers aus dem Jahr 1999 einer Beachtung würdigt. Kretschmer, der von Pisarowitz' Forschung nichts wusste, ließ sich von der Angabe "von Währing, alt 40 Jahre" im Totenbeschauprotokoll täuschen, und da er in dieser Pfarre nur eine 1760 geborene Francisca Helena Apolonia Cavalier fand, erklärte er diese flugs zur berühmten Sängerin, die sich "den Vornamen »Catarina« wohl aus phonetischen Gründen" zugelegt habe, "da er mit der italienischen Form ihres Namens am besten zusammenpasste." Unseld lässt sich von dieser kuriosen Idee tatsächlich beirren und glaubt, dass die wahre Identität jener Tochter Joseph Cavaliers, "die sich in italianisierender Weise Catarina Cavalieri nannte, wohl nicht mehr eindeutig zu klären" sei. Aber wie das Leben so spielt, starb Helmut Kretschmers "selbst-umbenannte Sängerin" Francisca Helena Apolonia Cavalier bereits als Kleinkind im Jahr 1761. Mehrere Opernsängerinnen, die mit Mozart zusammenarbeiteten, werden von Unseld ganz in den Schatten verbannt und nur kursorisch in einer Art "Liste der Unbeachteten" am Rande aufgezählt. Das ist bedauerlich, da es zu den Biographien dieser Sängerinnen – besonders der am 1. August 1763 in Wien geborenen Dorothea Bussani – noch viel Neues zu entdecken gäbe.

 

Die Autorin bringt auch ein weiteres Problem zur Sprache: "Die Quellen angemessen zu dechiffrieren ist damit ein schwieriger Vorgang, der über das reine Lesen und Verstehen weit hinausgeht und nur mit Hilfe einer weiten Perspektive zu leisten ist." Es ist genau der Mangel an Kenntnis der Mozart-Zeit und die Enge der Perspektive, die Unselds Arbeit eine bedauerlich dünne Faktur verleihen. Wenn Joseph II. vor der Heirat Mombellis mit Luisa Laschi in einem Handbillet an Orsini-Rosenberg mit kaiserlicher Ironie auf das jus primae noctis verzichtet, ist sich Unseld nicht sicher, ob der Kaiser hier Spaß treibt und stellt tatsächlich die Frage, ob diese Notiz als Hinweis auf "ein auch hier 'ungeschriebenes Gesetz'" genommen werden sollte. Mozart und Constanze wandten sich vor ihrer Heirat an den Obersthofmarschall, weil der Hof als Arbeitgeber des verstorbenen Brautvaters die Obergerhabschaft innehatte, und nicht weil Cäcilia Weber "die Hochzeit zu hintertreiben versuchte". Johann Thorwart als Constanzes Vormund hatte jenes Ansuchen um Heiratskonsens einzubringen, in welchem sich Mozarts Verschreibung "Wolfgang Adam Mozard" befindet, die von dort in seine Trauungseintragung kopiert wurde. War die Braut minderjährig, was auch bei Aloysia Weber der Fall war, konnte die Einwilligung der Behörde nicht umgangen werden. Auch die gerichtliche Sperre der Verlassenschaft von Mozarts Mutter war kein Einzelfall, wie Unseld zu vermuten scheint, sondern die Regel.

 

Aufgrund von Hinweisen des Rezensenten wurden mehrere Fehler, die sich in der ersten Auflage des Buches befanden, korrigiert. Diese nachträglichen Änderungen sind allerdings nicht nur deshalb problematisch, weil die erste Fassung des Buches wohl in den meisten Bibliotheken steht, sondern auch weil keine neuen Fußnoten eingefügt wurden und nun die Quellenangaben zu den Korrekturen fehlen. Als Beispiele seien nur die korrigierten Lebensdaten von Storaces Tochter (deren Mutter in der ersten Auflage des Buches "im Juni 1785 im achten Monat schwanger" die Premiere von I sposi malcontenti zu singen hatte) und das Geburtsdatum von Aloysia Langes erstem Kind genannt, das eben nicht schon fünf Monate nach der Heirat ihrer Eltern zur Welt kam (was ja in Anbetracht von Langes "redlicher und reiner" Brautwerbung nicht irrelevant ist). Der Rezensent bekennt sich schuldig, die Lektüre der ersten Auflage nur flüchtig vorgenommen zu haben, weswegen sich auch in der dritten Auflage noch viele Fehler befinden, die nicht alle genannt werden können. Das Entlassungsgesuch Mozarts vom August 1777 wurde von Leopold verfasst. Daher ist es irrig anzunehmen, "Wolfgang erwähne in diesem Gesuch seine Schwester". Das "Mozart'sche Familiengrab" auf dem Friedhof von St. Sebastian, das Unseld für ein historisches Faktum hält, ist ebenso Fiktion wie der imaginierte "Grabstein mit Leopold Mozarts Namen, den Constanze Nissen entfernen ließ". Dass Leopold Mozart nicht in diesem Grab, sondern in der Kommunalgruft von St. Sebastian begraben wurde, ist durch die Familienchronik der Berchtold zu Sonnenburg belegt. Jakob Haibel war 1807 nicht mehr "Mitglied der Schikaneder'schen Truppe". Sein spurloses Verschwinden gemeinsam mit seiner Tochter schon lange vor dem Tod seiner ersten Frau am 14. Februar 1806 setzt den bisher ungeklärten Beginn seiner Beziehung mit Sophie Weber in ein faszinierend schiefes Licht. Der von Unseld stets verwendete Name "Rosenberg-Orsini" ist falsch und die c-Moll-Messe wurde nicht am 28. Oktober 1783 in Salzburg aufgeführt. In der Taufeintragung von Josepha Auernhammers erster Tochter steht nicht der Name "Pößkönig", die betreffende Fußnote wurde zwar amputiert, aber nicht korrigiert. Die populärwissenschaftliche Plauderliteratur als Basis für die Aussage zu verwenden, "Mozarts Todesumstände ließen die Behandlung einer venerischen Krankheit mit einer silberhaltigen[!] Medizin vermuten", fällt definitiv in die Kategorie atemberaubend. Marianna Martines' Vater wohnte 1730 noch nicht im Michaelerhaus und die kuriose Information, Farinelli habe persönlich 1782 in Wien an der Aufführung eines Oratoriums von Martines mitgewirkt, beruht ganz offensichtlich auf einem groben Missverständnis. Auch wäre es besser gewesen, die Aufschrift auf dem Porträt von Martines korrekt vom Original abzuschreiben, statt sie aus der fehlerhaften Sekundärliteratur zu kopieren.

Unseld hat sich viel Mühe gegeben, wovon der besonders liebevoll gestaltete Bildteil des Buches zeugt, der sogar eine Silhouette Strinasacchis und Mozarts Karikatur der Ployer in deren Studienbuch enthält. Doch kann Unselds Arbeit aufgrund des Mangels an originaler Quellenforschung und der vielen, großteils aus der Sekundärliteratur stammenden Fehler wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen. Eine grundlegende, auf sämtlichen Quellen basierende Studie über die Frauen des Mozart-Kreises bleibt noch zu schreiben.


© Dr. Michael Lorenz 2007. Alle Rechte vorbehalten. Publiziert im Mozart-Jahrbuch 2007/08, Bärenreiter, Kassel etc, 2011, 227-231. Im Internet veröffentlicht am 26. November 2011.             nach oben