Michael Lorenz

Einige Korrekturen und Ergänzungen zu Klaus Martin Kopitz’ Aufsatz "Anmerkungen und Korrekturen zu Haydns Wiener Wohnungen"[1]

 

Klaus Martin Kopitz "merkt an und korrigiert", aber es zeigt sich, dass er mit der Haydn-Literatur nicht ausreichend vertraut ist und nur Irrtümer korrigiert, die längst ausgeräumt sind. Pohl und Botstiber (deren Bücher zwischen 1878 und 1927 erschienen) zu korrigieren, ist wahrlich keine Kunst. Da Kopitz Häuserverzeichnisse als Quelle benützt, die für ihre notorische Fehlerhaftigkeit berüchtigt sind, kann er tatsächlich ein paar neue Irrtümer anbieten. Was er uns als "erstmalige korrekte Bezeichnung" von Haydns frühester Wiener Unterkunft präsentiert, ist nichts als ein Druckfehler, denn dieser Friedhof am Dom hieß nicht "Stephansfreihof", sondern "Stephansfreithof" (ein "Freihof" ist etwas ganz anderes). Und "Ecke Stock-im-Eisen-Platz" kann sich auf drei verschiedene Ecken beziehen. Wo bis 1803 die "Cantorei" von St. Stephan stand, ist der Haydn-Forschung seit langem bekannt. Kopitz aber kann dieses historische Gebäude nicht exakt lokalisieren. Der Besitzer des alten Michaelerhauses wird in den Häuserverzeichnissen nicht genannt, denn jedes Kind wusste, dass die beiden Michaelerhäuser dem Barnabitenkollegium gehörten.

 

Das Haus von Haydns Schwiegervater Johann Peter Keller befand sich nicht (wie Kopitz aus der zu korrigierenden Literatur abschreibt) in der Ungargasse. Dieses Gebäude auf dem "halben Joch Weingarten vor dem Stubentor auf den Joÿsen", das Keller von 1734 bis 1766 besaß, sei hier erstmals lokalisiert und richtig bezeichnet: es war das Haus Landstraße 51 (heute ungefähr Beatrixgasse 21). Glaubt man den Angaben von Dies, so hat Haydn eine zeitlang dort gewohnt. Viel wichtiger als längst korrigierte Fehler zu korrigieren, ist es auch, erstmals das Haus des Bandmachers Johann Wilhelm Buchholz zu identifizieren, in dem Haydn (laut Dies) ebenfalls in den 1750er-Jahren Unterkunft fand. Johann Wilhelm Buchholz, der 1723 noch als "Gschirrhändler" tätig war, starb am 28. März 1753 im Haus "Zum Weißen Rössel" am Neubau. Dieses Haus Neubau 143 (letzte CNr. 290) befand sich an der heutigen Adresse Lindengasse 51 im 7. Wiener Gemeindebezirk. Johann Wilhelm Buchholz war der Bruder des Marktrichters Anton Buchholz (ca. 1685 - 1769), der 1760 Trauzeuge von Haydns Braut war und dem notleidenden Komponisten in dessen Jugend zinsenlos 150 Gulden lieh. Haydn muss die Familie Buchholz über seinen späteren Schwiegervater Johann Peter Keller kennengelernt haben, denn dieser fungierte bei den Hochzeiten von Anton Buchholz (1732) und von dessen Sohn Johann Michael (1766) als Trauzeuge. Längst überfällig ist auch die Korrektur einer immer wieder abgeschriebenen angeblichen Wohnadresse Haydns im Jahr 1792, die als "Johannesgasse 18" durch die Literatur (Kretschmer, Czeike et al.) geistert. An der Stelle Johannesgasse 18 befand sich zur Zeit Haydns der Hofgarten vor der Wasserkunst-Bastei.

 

Das Haus auf dieser Bastei (erste CNr. 1196), in welchem Haydn nach 1790 wohnte (und wo er sich im Dezember 1790 von Mozart verabschiedete), trug ab 1795 nicht die Nummer 1275 (wie Kopitz meint), sondern 1274. Es gehörte nicht nur Johann Nepomuk Hamberger, sondern auch dem Steuergegenhändler Joseph Plank und Maria Anna Schrattenbacher, die ihren Anteil 1795 an Hamberger abtrat. Das Haus stand nicht "an der Stelle Seilerstätte 21", sondern direkt auf der Fläche der heutigen Straße auf der Höhe von Nr. 21. Wenn Botstiber dieses Haus mit Nr. 992 bezeichnet, so hat er - von Kopitz ganz zu unrecht korrigiert - völlig recht, denn 992 ist die aus dem Jahr 1821 stammende letzte Konskriptionsnummer dieses Gebäudes. Das ehemalige "Soldatenhäusel" auf der Bastei, wo Haydn im ersten Stock "vier Zimmerl und ein Altona [Söller]" zur Verfügung standen, wurde 1805 zusammen mit drei anderen einstöckigen Häusern (1052, 1053 und 1075) abgerissen, um die Fläche dieser vier Häuser für den Neubau von Stadt 992 zu nützen.

 

Das Haus Stadt 1196 an der Seilerstätte, wo Haydn 1790 wohnte. Zu sehen ist der "Altona" des Hauses, der auch in der Josephinischen Steuerfassion genannt wird.

 

Wo genau das "Hoföbstlerische Haus" war, in welchem Haydn die "Kaiserhymne" komponierte, weiß die Haydn-Forschung seit über 100 Jahren. Kopitz rennt hier weit offene Türen ein, wobei ihm nicht bekannt ist, dass sich an diesem Haus heute eine Haydn-Gedenktafel befindet. Kopitz’ "Präzisierung" von Botstibers korrekten Angaben ist unpräzise und lasst sich daher präzisieren: Georg Pichler besaß nicht "bereits 1779" das Haus (letzte CNr.) 1052 am Neuen Markt, sondern schon ab 1753 gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau Anna Maria. Wenn der Öbstler Pichler in Kopitz' Häuserverzeichnis "noch 1785" als Besitzer dieses Gebäudes genannt wird, so ist das schlicht falsch, denn Georg Pichler starb bereits am 16. September 1779. Er hinterließ dieses Haus seiner zweiten Frau Magdalena, die somit Haydns Hausherrin war. Magdalena Pichler starb 1802. Der 1797 auf der Landstraße ansässige "Kaffeefabrikant Georg Pichler", den Kopitz ganz unverdient aus dem Dunkel der Geschichte hervorholt, hat mit dem Öbstler Pichler und Haydn absolut nichts zu tun.

 

Die Besitzerin des Hauses Krugerstraße 1075 (letzte CNr. 1013 - sämtliche dieser wichtigen letzten Konskriptionsnummern fehlen bei Kopitz) hieß nicht "Therese Sind", sondern Eleonora Sind, geborene Hönig, verwitwete Zimandl. Dass im Häuserverzeichnis als Besitzerin von Windmühle 73 eine "Katharina[sic] Haiden" genannt wird, hätte Kopitz misstrauisch machen sollen. Aber wenn man sich auf Franz de Ponty und den Schematismus verlässt, die als Quellen nicht vertrauenswürdiger als Kopitz selbst sind, gerät man nur allzu leicht ins Schleudern. Der Anlass für die Publikation von Kopitz' Aufsatz "Anmerkungen und Korrekturen zu Haydns Wiener Wohnungen" war sicher nicht die Tatsache, dass der Autor Neues zu diesem Thema zu sagen hatte. 2009 war ein Haydn-Jahr und da fühlt man sich eben verpflichtet, zur "Haydn-Nummer" einer Zeitschrift etwas beizusteuern.

 


[1] Diese kurze Arbeit entstand als Replik auf  Klaus Martin Kopitz' Aufsatz: "Anmerkungen und Korrekturen zu Haydns Wiener Wohnungen" in: Die Tonkunst, Jahrgang. 3, Nr. 3, Juli 2009, 324–328. Die Veröffentlichung meiner Korrekturen wurde von der Herausgeberin der Zeitschrift Die Tonkunst mit der Begründung abgelehnt, "Kopitz könne sich persönlich getroffen fühlen".

Siehe auch: "Die 'Enttarnte Elise". Elisabeth Röckels kurze Karriere als Beethovens 'Elise und: Brief an die Herausgeber der Zeitschrift Die Tonkunst.


© Dr. Michael Lorenz 2009. Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlicht am 14. November 2010.     Website counter                                                    nach oben