Grundkurs Politische Theorie SoSe 2004

Mag. Marion Löffler


 

Vertragsdenken in der Politischen Ideengeschichte


 
 

Beginn: 19. März 2004

Ort: HS 1, NIG, 2. Stock

Zeit: 18:00 - 20:00 Uhr (teilw. bis 21:00 Uhr)

Ziele, Inhalte und Methoden der Lehrveranstaltung

Semesterplan

Leistungsnachweis

Übungen / Aufgaben

Reader

Erreichbarkeit


 

 
 
 
 

Ziele, Inhalte und Methoden der Lehrveranstaltung

Der Grundkurs "Vertragsdenken in der politischen Ideengeschichte" ist als Lektürekurs konzipiert. Im Mittelpunkt stehen Staatstheorien und Ideen zu Ursprung und Funktionsweise des Staates, die als Vertragstheorien bekannt wurden. Vor allem in der frühen Neuzeit wurde staatliche Herrschaft legitimiert, indem sie als eine Art Vertrag zwischen den Staatsbürgern konzipiert wurde. Dieses Vertragsdenken ist charakteristisch für Hobbes, Locke und Rousseau. Ein Teil des Grundkurses wird daher der Lektüre von Texten dieser genannten Staatsphilosophen gewidmet sein.

Zudem ist die Idee eines Vertrages aber auch heute noch nicht ganz obsolet. Gerechtigkeitstheorien wie sie z.B. John Rawls verfasst hat, gründen ebenfalls in der Vorstellung eines Vertrages, in den die Vertragsparteien eintreten, solange sie noch in einem fiktiven Zustand der Unwissenheit über ihre tatsächliche soziale Stellung sind. Die frühen Vertragstheoretiker entwarfen als Urzustand einer Gesellschaft die Vorstellung eines "Naturzustandes", in dem alle Menschen frei und gleich sind. Ihre natürlichen und unveräußerlichen Rechte, die in weiterer Folge die philosophische Begründung für staatsbürgerliche Rechte bilden, werden mit dem Abschluss des ursprünglichen Gesellschaftsvertrages in bürgerliches Recht überführt.

Charakteristisch für die frühen Vertragstheorien ist jedoch der Ausschluss von Frauen, die nie an dem Vertrag beteiligt sind. Daher ist auch die Frage von Interesse, ob ein (nachträglicher) Einschluss von Frauen möglich ist, oder ob die Vorstellung von einem autonomen Vertragssubjekt als einseitig männlich zu begreifen ist. Dies ist auch Thema neuerer feministischer Kritik und Theoriebildung, die ebenfalls auf der Agenda des Grundkurses steht.

Der Grundkurs ist als Ergänzung / Vertiefung zur Einführungsvorlesung gedacht, und sollte entweder parallel mit dieser oder nach Absolvierung dieser Vorlesung besucht werden. Entsprechend wird sich auch ein Teil des Grundkurses mit der Methodologie der Ideengeschichte befassen.

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Semesterplan

Beachten Sie, dass einige Termine bis 21 Uhr dauern. Dafür entfallen die Termine am 21. Mai und am 11. Juni.

Termin / Zeit Themen Übung / Aufgabe
19. März
18:00 – 20:00 Uhr
Vorbesprechung Aufgabenstellung
26. März
18:00 – 20:00 Uhr
Vertrag und Vertragsdenken in der Ideengeschichte und heute
Einführung in das Thema
Ausgabe Übung 1
02. April
18:00 – 20:00 Uhr

Methodologie der Ideengeschichte I

Impulsrefertate:
Demirovic: Joachim Schneider
Koselleck: Thomas Strobl

Abgabe Übung 1

Aufgabenstellung

23. April
18:00 – 20:00 Uhr

Methodologie der Ideengeschichte II

Impulsreferate:
Kreisky, Klinger:
Sandra Kahl, Christian Anibas

Ausgabe Übung 2
30. April
18.00 – 21:00 Uhr
Textanalyse (Pufendorf)

Abgabe Übung 2

07. Mai
18:00 – 21:00 Uhr
Referate:
Hobbes; Locke
Ausgabe Übung 3
14. Mai
18:00 – 21:00 Uhr
Referate:
Rousseau; Kant
Abgabe Übung 3
21. Mai entfällt  
28. Mai
18:00 – 20:00 Uhr
Referate:
Rawls
 
04. Juni
18:00 – 20:00 Uhr
Referate:
Buchanan
 
11. Juni entfällt  
18. Juni
18:00 – 21:00 Uhr
Referate:
Pateman; Thompson, Appelt
 
25. Juni
18:00 – 20:00 Uhr
Abschluss
Übung 4

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Leistungsnachweis

  • regelmäßige Teilnahme und Mitarbeit (Anwesenheitspflicht: max. 2 Fehlstunden; Lektüre der Texte aus dem Reader; aktive Beteiligung an Diskussionen)
  • eigenständige Verfassung verschiedener schriftlicher Übungsarbeiten im Lauf des Semesters (Übung 1-3)
  • Beteiligung an einem Referat (Gruppenreferate)
  • selbst erstellte schriftliche Abschlussarbeit (Übung 4)

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Übungen / Aufgaben

19. März 2004: Aufgabenstellung 1 (zu erledigen bis 26. März 2004)

Lesen Sie die beiden Überblickstexte aus dem Reader. Bitte, verlässlich lesen. Wir wollen sie in der Stunde am 26. März diskutieren und die erste Übung vorbereiten!

26. März: Übung 1 (zu erledigen bis 02. April 2004)

Übung 1: Recherche für die Gruppenreferate (Recherchebericht mit Suchstrategie in die Einheit mitbringen - Ergebnisse auch per Mail schicken)

Lesen Sie die ersten beiden Texte zur Methodologie der Ideengeschichte (Demirovic, Koselleck) aus dem Reader.

02. April: Lesen Sie die zweiten beiden Texte zur Methodologie der Ideengeschichte (Kreisky, Klinger) aus dem Reader.

23. April: Übung 2 (zu erledigen bis 07. Mai 2004)

Diskutieren Sie folgende Aussagen unter Zuhilfenahme der vier Texte aus dem Reader zur Methodologie der Ideengeschichte.
D.h. Bringen Sie Argumente vor, die die Aussage belegen und solche, die sie widerlegen. Versuchen Sie PRO und CONTRA abzuwägen und beziehen Sie selbst Stellung.

  • Begriffe bilden die Wirklichkeit ab.
  • „Mensch“ ist eine Bezeichnung für Männer und Frauen.
  • Politisches Denken und politisches Handeln sind völlig verschiedene Tätigkeiten.

30. April: Übung 3 (zu erledigen bis 14. Mai 2004)

Erstellen Sie eine Textanalyse zu Pufendorf: "Über den maßgebenden Grund für die Bildung von Staaten".

25. Juni: Übung 4 (zu erledigen bis spätestens 30. September 2004)

Aufgabenstellung

Wählen Sie aus den untenstehenden drei Bereichen je eine Fragestellung (in Summe 3 Fragen) und beantworten Sie diese unter Verwendung der Texte aus dem Reader.

Jede Frage ist auf ca. 1-2 Seiten abzuhandeln. Belegen Sie die Argumente mit korrekten Zitaten. Zudem ist ein Titelblatt zu erstellen und die verwendete Literatur anzugeben.

Der Gesamtumfang der Arbeit (exkl. Titelblatt und Literaturliste) umfasst mindestens 2, maximal 5 Seiten.

Die Aufgabe ist als Einzelarbeit und selbstständig zu erstellen (keine Gruppenarbeit).

Spätest möglicher Abgabetermin ist der 30. September 2004.

Fragenkatalog:

I: Klassiker der Vertragstheorie (Hobbes, Locke, Rousseau)

Vergleichen Sie zwei klassische Vertragstheorien miteinander:

1) Wie ist die Lage der Menschen im Naturzustand? Warum sollten sie diesen verlassen?

2) Wie wird der Gesellschaftsvertrag konzipiert? Wer ist Vertragspartei und was ist der Gegenstand des Vertages? Welche Probleme des Naturzustandes werden damit gelöst?

3) Welche staatliche/rechtliche Ordnung ergibt sich aus dem Gesellschaftsvertrag? Welche Rechte und Pflichten hat der Bürger, welche der Souverän? Gibt es Gewaltenteilung?

II: Neokontraktualisten (Rawls, Buchanan) und Kant

1) Sowohl Kant als auch Rawls begründen eine "Verfassung" bzw. ein Grundgesetz, aus dem alle weiteren Regeln/Gesetze für das Zusammenleben in der Gesellschaft/im Staat abgeleitet werden können: Inwiefern entsteht dieses Grundgesetz zwingend und notwendig? Inwiefern ist es im Grundvertrag verhandelbar?

2) Welchen Ausgangspunkt ("Naturzustand") für ihre Überlegungen wählen Rawls und Buchanan? Wie begründen sie ihre Wahl? Auf welche "Klassiker" beziehen sie sich ausdrücklich?

3) Wie handhaben Rawls und Buchanan die Ungleichheit zwischen den Menschen in der Gesellschaft? Worauf zielen ihre vertragstheoretischen Entwürfe? Ist die Beseitigung gesellschaftlicher Ungleichheit Teil ihres Ziels?

III: Feministische Kritik und Reformulierung

1) Wenden Sie Patemans Kritik am Begriff des Individuums auf Kant an: Wie unterscheidet er Untertan und Bürger? Welche Bedeutung haben Eigentum an Sachen und Eigentum an der eigenen Person?

2) Appelt spricht von Familialismus als Ideologie. Was meint sie damit? Gilt dieser Vorwurf für Rousseau, gilt er für Buchanan?

3) Welche zentralen Hindernisse nennen Thompson und Appelt für die Inklusion von Frauen in den Gesellschaftsvertrag und somit in die politische Gesellschaft? Wie können diese überwunden werden?

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Reader

Zum Grundkurs gibt es einen Reader. Käuflich zu erwerben (11,- Euro) im Copyshop "die Kopie", Universitätsstraße 8
Liegt ab Montag, 22. März 2004, nachmittags bereit.

Die Texte im Reader sind von allen TeilnehmerInnen verbindlich zu lesen und zur jeweiligen Einheit vorzubereiten.

Inhalt des Readers


Methodologie der Ideengeschichte

Demirovic, Alex 1995: Aspekte der theoretischen und politischen Praxis politischer Theorie, in: Kramer, Helmut (hg.): Politische Theorie und Ideengeschichte im Gespräch, Wien, 204-211.

Koselleck, Reinhart 2000: Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, in: ders., Vergangene Zukunft, Frankfurt / Main, 107-129.

Kreisky, Eva 2004: Geschlecht als politische und politikwissenschaftliche Kategorie, in: Rosenberger, Sieglinde / Sauer, Birgit (hg.), Politikwissenschaft und Geschlecht. (im Druck bei UTB), 11-32.

Klinger, Cornelia 1986: Das Bild der Frau in der Philosophie und die Reflexion von Frauen auf die Philosophie, in: Hausen, Karin / Nowotny, Helga (hg.), Wie männlich ist die Wissenschaft? Frankfurt / Main, 62-84.


Überblick zu Vertragstheorien

Kersting, Wolfgang 1995: Vertragstheorien. In: Nohlen, Dieter / Schultze, Rainer-Olaf (hg.), Lexikon der Politik, Bd. 1, Politische Theorien, München, 680-686.

Appelt, Erna (1995): Familialismus. Eine verdeckte Struktur im Gesellschaftsvertrag. In: Kreisky, Eva / Sauer, Birgit (hg.): Das geheime Glossar der Politikwissenschaft. Geschlechtskritische Inspektion der Kategorien einer Disziplin. Frankfurt /Main, New York, S 114-136.


Quellentexte

Hobbes, Thomas 1992 (1651): Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Frankfurt / Main, 94-109; 131-144.

Pufendorf, Samuel von 1994 (1673): Über die Pflicht des Menschen und des Bürgers nach dem Gesetz der Natur. Frankfurt / Main, Leipzig, 141-146; 159-162.

Locke, John 1996 (1690): Über die Regierung (The Second Treatise on Government). Stuttgart, 4-18; 73-99.

Rousseau, Jean-Jacques 1996 (1762): Gesellschaftsvertrag. Stuttgart, (1. Buch) 5-26.

Kant, Immanuel 1977 (1797): Die Metaphysik der Sitten. Werkausgabe Band VIII, Frankfurt / Main, 429-443.
Kant, Immanuel 1977: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. In: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 1, Werkausgabe Band XI, Frankfurt / Main, (127-172), Auszug 143-153.

Neo-Kontraktualismus

Rawls, John 1979 (1971): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt / Main, 27-39; 81-86; 159-166; 565-574.

Buchanan, James M. 1984 (1975): Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan. Tübingen, 76-105; 247-256.


Feministische Kritik und Re-Formulierung


Pateman, Carole 1994: Der Geschlechtervertrag. In: Appelt, Erna / Neyer, Gerda (hg.), Feministische Politikwissenschaft. Wien, 73-95.

Thompson, Janna 1995: Wollen Frauen den Gesellschaftsvertrag neu fassen? In: Das Argument, 210/1995, 497-512.

Appelt, Erna 1997: Kann der Gesellschaftsvertrag feministisch konzipiert werden? In: L’Homme – Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, 8 / 1 (1995), 64-77.

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Erreichbarkeit

Mag. Marion Löffler

E-Mail: marion.loeffler@univie.ac.at

Tel.: (01) 4277 / 47 729

Sprechstunde: jeweils eine Stunde vor der Lehrveranstaltung im StudienassistenInnen-Zimmer 4 (Raum D 213)

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