Dissertation

Deutschsprachige Clavier-Lehrwerke in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Schon ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, spätestens aber den 1920er Jahren, als die Originalinstrumente-Bewegung immer weitere Verbreitung zu finden begann, spielen Clavier-Lehrwerke (die Schreibung des Claviers mit C geschieht in Erinnerung an die historische Bedeutung des Wortes als Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Tasteninstrumenten) in der Beschäftigung mit sogenannter Alter Musik für Tasteninstrumente als Quellen für historische Spieltechnik und Gestaltungsforschung eine wichtige Rolle.

Das Clavier etablierte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts bei Männern wie Frauen geradezu aller sozialen Schichten und Altersgruppen als beliebtes Mode-Instrument. In der Folge wurden Clavier-Lehrwerke in beachtlicher Zahl gedruckt und in Deutschland entwickelte sich, analog zum nationalen Kompositionsstil, eine deutsche Clavier-Kultur und Tradition. Schon zu ihrer Zeit galten dabei F. W. Marpurg, C. P. E. Bach und D. G. Türk mit ihren Lehrwerken als Maß der Dinge – rein quantitativ betrachtet bilden sie jedoch lediglich die Spitze eines Eisbergs von über 60 Clavier-Lehrwerken, die im deutschsprachigen Raum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gedruckt wurden.

Mit der Erforschung dieses Korpus versucht die vorliegende Arbeit eine Lücke der Musikhistoriographie zu schließen, denn eine Geschichte deutschsprachiger Clavier-Lehrwerke in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Sinne einer Gattungsdarstellung oder, wenn man so möchte, einer Phänomenologie lag bislang noch nicht vor. Die Studie folgt aber nicht den bisweilen schon ausgetretenen Pfaden der Aufführungspraxis-Forschung, die seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einige Instrumental- und Vokal-Lehrwerke nachgerade zu Bibeln einer historisierenden Musizier-Ästhetik ernannten, sondern begreift die Clavier-Lehrwerke (darunter die sog. Clavierschulen, aber auch instruktive Ausgaben und verschiedene andere Untergattungen) als kultur- und geistesgeschichtliches Phänomen.

Viele der Clavier-Lehrwerke des mitteldeutschen Raumes zeigen, obwohl ihre Entstehung bis zu vierzig Jahren auseinander liegt, nur wenig nennenswerte Veränderung im Sinne einer evolutionären Weiterentwicklung, Verbesserung oder Veredelung ihrer Inhalte. Die Unterschiede liegen in deren Auswahl und Darstellungsweise, die Gemeinsamkeiten in der ästhetischen Abschottung von anderen geographischen Räumen. Das jeweils jüngere Werk ist demnach vor allem anders, nicht a priori qualitativ „entwickelter“. Eine auf deutschsprachige Clavier-Lehrwerke ausgerichtete Historiographie aus rein chronologisch-evolutionärer Perspektive würde daher dem Gegenstand nicht gerecht. Vielmehr erforderte die Quellenlage eine Beschreibung, die das Gleichzeitige betont und den von den verschiedensten – etwa sozialen, philosophischen, ästhetischen – Beziehungen geprägten Raum, in dem sich Autoren, Zielgruppen und die Lehrwerke selbst verortet finden, miteinbezieht.

Der Versuch einer solchen Beschreibung wird vor allem im ersten Teil der Studie unternommen. Darin gilt es, den im Titel angegebenen Untersuchungsgegenstand zunächst genauer zu erörtern und ein Korpus von Werken zu definieren, das sodann geographisch, ästhetisch und formal verortet werden soll.

Der zweite Teil nähert sich den nunmehr verorteten Einzelwerken und bietet eine Detailschau. Er behandelt in chronologischer Folge jedes einzelne Werk hinsichtlich seines Autors, seines Inhalts sowie seiner Publikations- und Rezeptionsgeschichte. Ein chronologisch-bibliographischer Katalog der aufgefundenen Clavierschulen im behandelten Zeitraum bildet den dritten, die Studie abschließenden Teil, mit dem den Benützern über die theoretischen Betrachtungen hinaus ein praktisches Nachschlagewerk an die Hand gegeben wird.

German-Language Clavier Tutors in the Second Half of the Eighteenth Century

Clavier tutors became important sources for historical playing techniques and performance practice from the mid-nineteenth century. By the 1920's, when the period-instrument movement began to flourish, they were even more valuable. (The spelling of clavier with a “c” refers to the historical meaning of the word as a collective name for all types of keyboard instruments).

In the course of the eighteenth century the clavier became the best-loved instrument for both men and women from all social spheres and age groups. As a result, a considerable number of clavier tutors was published, and a German clavier culture and tradition was developed alongside the national styles of composing. The tutors by F. W. Marpurg, C. P. E. Bach and D. G. Türk were already considered as absolute standards at the time they were printed, but they constitute only a small part of the repertoire that was actually published in late eighteenth-century Germany.

In exploring this corpus this study fills a gap in music history, since no record of clavier tutors as a genre has yet been written. This study does not cope with questions primarily regarding performance practice, but treats the clavier manuals (so-called clavier schools, but also other instructive publications) as a cultural phenomenon.

There are few differences between many of the manuals written in central Germany in terms of the evolution of their contents, even though their publication dates span 40 years. They differ in the selection and presentation of their contents, yet retain clear national characteristics and aesthetics which set them apart from those published in other areas. Therefore the work written later will be ‘different’, but not more ‘developed’, and this is why a history of German language clavier tutors is not justified from a chronological and evolutionary perspective. The sources rather require an approach that emphasises simultaneous ideas, and includes a discussion of the ‘sphere’ in which they were produced, as defined by the social, philosophical and aesthetic ideals to be found within them.

The first part of this study accordingly discusses the subject of clavier tutors in terms of geography, aesthetics and form. The second part presents a detailed view of the individual manuals and tutors in chronological order. It explores the authors' biographies, the contents of their manuals and the history of their publication and reception. The final section provides the reader with a bibliographic catalogue of all the clavier manuals published in Germany in the second half of the eighteenth century.