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Zu Postones
Buch: „Zeit, Arbeit
und gesellschaftliche Herrschaft“
Postones
Buch „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ erschien im Original
bereits Mitte der 90er Jahre und liegt nun auch in deutschsprachiger
Übersetzung vor. Diese Arbeit kann durchaus als eine Art Manifest der
sogenannten Wertkritik bezeichnet werden. Die Wertkritik stellt nun keinesfalls
eine einheitlich Strömung dar, ganz im Gegenteil.
Sowohl AktivistInnen der Krisis-Gruppe als auch der „Initiative Sozialistisches
Forum“, letztere mit klar antideutscher Ausrichtung, haben gemeinsam an der
Übersetzung gearbeitet, obwohl sich diese Gruppen äußerst kritisch, ja
feindselig gegenüberstehen und ihre Form der Auseinandersetzungen bis an die
Grenze der Handgreiflichkeit heranreicht. Aber Postone
ist es mit seinem Buch offenbar gelungen, der Wertkritik eine so allgemeine
programmatische Form zu geben, daß die
unterschiedlichsten Strömungen darin eine diskussionswürdige Basis ihres
Marxverständnisses erkennen. Grund genug, sich genau mit diesem Buch
auseinanderzusetzen.
Aus Postones Arbeit wird klar, daß
Wertkritik gegenwärtig wohl als Sackgasse angesehen werden muß.
Ihre ursprüngliche Intention bestand darin, ein vorgebliches Defizit des
bisherigen Marxismus, oftmals als „Arbeiterbewegungsmarxismus“ oder
„traditioneller Marxismus“ bezeichnet, zu korrigieren. Vereinfacht gesagt, ging
es darum, den gesellschaftskritischen Gehalt der Begriffe der Kapitalanalyse,
wie Ware, Wert, Doppelcharakter von Arbeit und Ware usw. herauszuarbeiten und damit
gleichzeitig die Verkürzungen des „Arbeiterbewegungsmarxismus“ zu kritisieren.
Diesem wurde vorgeworfen, die Kritik Marxens am Kapitalismus auf ungerechte
Verteilung, Ausbeutung usw. zu reduzieren, somit die Tiefendimension der
Marxschen Begriffe ebenso zu verkennen wie die notwenige Tiefe der Kritik am
Kapitalismus. Allerdings ist die Wertkritik sehr rasch übers Ziel
hinausgeschossen und hat tatsächliche oder vermeintliche Verkürzungen sehr
rasch durch eigene ersetzte. Ja, in gewissem Sinne wurde der oftmals sehr grob
und unzureichend dargestellte „Arbeiterbewegungsmarxismus“ einfach auf den Kopf
gestellt. Wurde diesem etwa aus wertkritischer Perspektive vorgeworfen, die
Kritik am Kapitalismus auf ungerechtre Verteilung zu reduzieren, so wurde diese
Verkürzung sehr rasch durch ein völliges Unverständnis der Ausbeutung und ihrer
Konsequenzen ersetzt; auf die ehemalige Verehrung der fordistischen,
industriellen ArbeiterInnenklasse folgte die Verwerfung des Klassenbegriffs
überhaupt usw. usf.. Franz Schandl schreibt etwa über
den Begriff der Ausbeutung: „Ausbeutung ist eine moralisch aufgeladene
Kategorie, die jedoch wenig begreift.“[i]
Mit dieser Aussage wird die Reduktion des Ausbeutungsbegriffs auf ungerechte
Verteilung für bare Münze genommen. Im Kern bezeichnet jedoch Ausbeutung jenen Prozeß, durch den das Klassenverhältnis selbst produziert
wird, in dem sich das Kapital die Produkte unserer Arbeit aneignet, und dieses
Angeeignete uns als sachliche Macht entgegentritt. Ausbeutung ist Prozeß, das Privateigentum an Produktionsmittel das
Resultat. Zu sagen, „Wir arbeiten, aber die Bosse profitieren“ ist bestenfalls
nur ein Moment der Ausbeutung, keineswegs ihr eigentlicher Mechanismus.
Gleichzeitig werden einmal gewonnene Erkenntnisse schematisch immer wieder wiederholt.
Zentrales Beispiel dafür ist die Kritik an der Arbeit, die auch im Buch von Postone zentral ist. Es ist sicher richtig und notwendig,
der von Gewerkschaften und Sozialdemokratie (und nicht nur von ihr)
transportierten Arbeitsmoral entgegenzutreten, die Affirmation der Lohnarbeit
durch ihre Kritik zu ersetzen. Aber nach dem siebenundfünfzigsten Artikel gegen
die Arbeit, nach dem x-ten Manifest gegen sie, usw., wäre doch wohl die Frage
angebracht, ob hier nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.
In Postones Buch finden sich nun alle Halbwahrheiten,
Verkürzungen, Unzulänglichkeiten und Fehldeutungen gesammelt und versammelt.
Das erste Problem, und damit sind wir bereits mitten in der Kritik an Postone, ist die Art und Weise, wie die Thesen vorgetragen
werden. Anstatt die Auseinandersetzung mit Marx zu eröffnen und eine neue
Debatte zu ermöglichen, wird die Rezeption von Marx hermetisch abgeriegelt. Das
liegt weniger an dem schwer erträglichen Pathos, mit dem Postone
die Erfindung des Rades präsentiert. Tatsächlich hat Stefan Breuer bereits ab
Mitte der 70er Jahre vieles von dem vorweggenommen, was in Postones
Buch als zentrale Aussage formuliert wird. Die Auseinandersetzung wird deshalb
so erschwert, weil Postone suggeriert, seine höchst
selektive und einseitige Interpretation sei bei Marx eins zu eins zu finden,
während jene Passagen, deren Buchstaben und Geist Postone
ignoriert oder verschweigt, böswillige Erfindungen und Verzerrungen des
„Arbeiterbewegungsmarxismus“ darstellten. Breuer war da weitaus redlicher. Er
unterschied zwischen dem „guten“ Marx, das sei der Marx des „automatischen
Subjekts“, der Marx der subjektlosen Herrschaft, der Marx des abstrakten Werts
und dem „üblen“ Marx, das sei der Marx des transhistorischen
Arbeitsbegriffes, des Klassenkampfes – Marx, der Gattungsgeschichtler, der uns
die Geschichte der Emanzipation durch Arbeit erzählen würde. Breuer anerkannte
zumindest, daß seine Interpretation nicht restlos in
den Marxschen Texten aufgeht. Wenn wir in der Folge einige Zitate aus den
Marxschen Texten bringen werden, so wollen wir damit nicht reklamieren, wir
seien im Besitz des „wahren“ Marxverständnisses, oder Marxinterpretation
erschöpfe sich in bloßer Verständnisleistung, insofern alles klipp und klar in
den blauen Bänden stünde. Es ist selbstverständlich legitim, ja notwendig, Marx
auch zu kritisieren, seine Unklarheiten und schwachen Stellen aufzuzeigen und
auf dieser Basis eine „neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx“ –
so der Untertitel des Buches – vorzuschlagen. Statt sich mit den Wendungen und
Aspekten der Marxschen Kritik detailliert auseinanderzusetzen, behauptet Postone seine höchst einseitige Darstellung sei der
wirkliche Marx, die von ihm ausgeblendeten Aussagen geistlose Erfindungen des
Traditionsmarxismus. Indem Postone Auffassungen von
Marx mit jenen des sogenannten Arbeiterbewegungsmarxismus vermengt und
vermischt, indem er kaum unterscheidbar macht, was seine höchstpersönliche
Interpretation und was die Auffassung von Marx darstellt, wo und in welchem
Punkt über Marx hinauszugehen sei, wo wir anknüpfen müssen und welche Passagen
bei unserem Philosophen des 19. Jahrhunderts als eher problematisch einzustufen
sind, sind wir mit einem höchst hermetischen Text konfrontiert.
Mein
Hauptproblem ist jedoch, daß das Buch aus der
Perspektive der sogenannten objektiven, wissenschaftlichen Erkenntnis und nicht
der Perspektive der Revolte heraus geschrieben ist. Postone
will uns zeigen, wie der Kapitalismus ist, in seinem
unveränderliche Sosein. Er, Postone, als
schreibendes und denkendes Subjekt steht hier, der Kapitalismus ist dort, als
Objekt der Erkenntnis. Es ist eine kalte, gefrorene Welt, die uns Postone da zeigt. „Der Begriff des Wissenschaftlichen fußt also auf
einer offensichtlichen Unwahrheit, nämlich auf der Vorstellung, es sei möglich,
einen Gedanken auszudrücken, der den Denkenden ausschließt.“, schrieb John Holloway [ii]. Postone breitet vor uns eine erstarrte,
identitätslogisch fixierte, kalte Welt aus, in der Momente der Revolte, des
Widerstandes und der Befreiung nur Verwirrung stiften können. Aber den
Kapitalismus als starr, als geschaffen zu analysieren, bedeutet für mich, den
Kapitalismus im Kern zu verfehlen, das Prozeßhafte,
Unfertige, sich im Fluß Befindliche zu ignorieren und
schon in der Theorie auszuschalten. Wie wir sehen werden, endet das Buch auch
mit der Perspektive auf objektive, jenseits unseres Begehrens, Wünschens und
Kämpfens ablaufende Prozesse. Kurz gesagt, die Botschaft lautet letztlich: Der
Kapitalismus wird sich (hoffentlich) selbst abschaffen, indem er Arbeit und
Proletariat abschafft. Und was tun wir bis dahin?
Hinzu
tritt, daß Postones Buch
trotz des nicht unbeträchtlichen Umfangs einen sehr unfertigen, ja
skizzenhaften Eindruck hinterläßt, der wiederum im
krassen Gegensatz zum erwähnten Duktus steht. Wer den Begriff der Zeit
gemeinsam mit Arbeit und Herrschaft auf den Buchumschlag setzen läßt, von dem ist wohl zu erwarten, daß
er das Verhältnis zwischen Uhrzeit und abstrakter Arbeit genau entwickelt. Aber
gerade jene Passagen, in denen sich Postone diesem
Thema widmet, also die Kapitel 5 („Abstrakte Zeit“) und Kapitel 8 („Die
Dialektik von Arbeit und Zeit“) sind ausgesprochen vage beziehungsweise
enttäuschend.
Im
Kapitel fünf versucht Postone, den Zusammenhang
zwischen der Einführung der gleichförmigen, abstrakten Uhrzeit und der
kapitalistischen Produktionsweise nachzuzeichnen. Doch seine Aussagen bleiben
ausgesprochen vage. „Die Ursprünge abstrakter Zeit sollten in der
Vorgeschichte des Kapitalismus, im Spätmittelalter gesucht werden.“ (310)
Aber sind sie dort auch zu finden, und wenn: wie und wo? „Der Ursprung
abstrakter Zeit scheint also mit der Organisation der gesellschaftlichen Zeit
zusammenzuhängen.“ (315) Scheint es so, oder ist es so? „Ich behaupte
also, daß das Aufkommen einer solchen neuen Zeitform
mit der Entwicklung der Warenförmigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse
zusammenhängt.“ (323) Zweifellos eine Behauptung, für die vieles spricht,
aber wäre es nicht nützlich, diese Behauptung genauer zu explizieren? Was
unterscheidet „warenförmige Verhältnisse“ von „kapitalistischen Verhältnissen“?
Es wird zwar an einer Stelle das mittelalterliche, städtische Bürgertum kurzum
als „Bourgeoisie“ (318) bezeichnet, aber Postone
behauptet an keiner Stelle eine direkte Verbindung zwischen kapitalistischer
Produktionsweise und dem Entstehen der gleichförmigen Zeitmessung durch die
Uhr. Wie auch, klafft zwischen beiden Phänomenen immerhin – nach seiner eigener
Darstellung – ein Zeitraum von ungefähr vier Jahrhunderten. Welchen
Erkenntniswert hat also der Verweis – und mehr ist es ja nicht – auf die
strukturelle Affinität zwischen Zeitmessung und gesellschaftlicher Durchsetzung
des abstrakten Zeitmaßes als Maß des abstrakten Wertes? Das Verhältnis von
gesellschaftlicher Durchsetzung der gleichförmigen Uhrzeit und der
kapitalistischen Arbeitsorganisation ist aber sehr gut und ausführlich
analysiert worden. Als eine Studie unter vielen sei die Arbeit von Edward
Thompson „Time, Work-Discipline and Industrial Capitalism“ erwähnt.[iii]
Die Analysen der Durchsetzung der gleichförmigen Uhrzeit im Europa des 12.
Jahrhunderts mögen sicher nicht uninteressant sein; dennoch kommt
Postone nicht über vage Analogien hinaus. Wenn er
Seiten später selbstbewußt behauptet: „Es wurde
beispielsweise gezeigt, daß die Marxsche Bestimmung
der Wertgröße eine soziohistorische Theorie der
Entstehung absoluter mathematischer Zeit als gesellschaftliche Wirklichkeit und
als Begriff unterstellt.“ (323) [Da haben sich die ÜbersetzerInnen selbst
übertroffen] so müssen wir leider einwenden: Gezeigt wurde da nichts,
bestenfalls skizziert.
Abgesehen
davon, ignoriert Postone weitgehend den elaborierten
Versuch Sohn-Rethels, den Zusammenhang zwischen
Warenform und Abstraktion zu analysieren. Sohn-Rethel versuchte, die Abstraktion
als solche aus den Abstraktionen des Warentausches abzuleiten, genauer,
Sohn-Rethel meinte, daß Warentausch unbewußt eine Reihe von Abstraktionen, ein „Absehen-von, Auskammern-von“
voraussetzt und dergestalt Abstraktion gesellschaftlich wirksam werden konnten.
Daher wurde er zeitlebens von der Intuition geleitet, „daß im Innersten
der Formstruktur der Ware - das Transzendentalsubjekt zu finden sei.“[iv], da Abstraktion nicht nur die Dinge in der
Welt, sondern auch das Subjekt erfassen müsse. Die Abstraktionen, so
Sohn-Rethel, seien historisch mit dem geldvermittelten Warentausch
gesellschaftlich wirksam geworden. Von dieser These ausgehend, versuchte
Sohn-Rethel nicht nur die abstrakten Begriffe der Naturwissenschaft, etwa die
gleichförmige Uhrzeit, auf ihren gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang
zurückzuführen, sondern auch die Basis für die Trennung von Hand- und
Kopfarbeit verständlich zu machen. Es sei kein Zufall, daß
mit dem Aufkommen der Münze[v]
in der griechischen Antike die Philosophie sich als getrennte Kopfarbeit,
abgesondert vom übrigen Produktionsprozeß, etablieren
konnte, ja mußte. Das ehrgeizige und umfangreiche
Programm von Sohn-Rethel halte ich zwar für gescheitert, wer jedoch den
Zusammenhang von Warenproduktion und Abstraktion untersucht, sollte Sohn-Rethel
nicht einfach wie Postone mit einigen Worten abtun. Postone zitiert Sohn-Rethel im Grunde nur, um sich von
dessen Begriff der „Produktionsgesellschaft“ abzugrenzen.
Was verstand
Sohn-Rethel unter diesem Ausdruck, warum muß Postone dagegen polemisieren? Sohn-Rethel entwickelte
einmal den Begriff der „gesellschaftlichen Synthesis“. Unter gesellschaftlicher
Synthesis verstand er den Modus, oder wenn mensch will, den Mechanismus, der
den gesellschaftlichen Zusammenhang herstellt. Sohn-Rethel unterscheidet dabei
zwei mögliche Mechanismen des gesellschaftlichen Zusammenanhangs in allen nur
denkbaren Gesellschaften. Entweder werden gesellschaftliche Beziehungen durch
den Tausch konstituiert, oder sie werden unmittelbar in der gesellschaftlichen
Gesamtarbeit, also im Arbeitsprozeß selbst
konstituiert. Die erste Form entspräche prinzipiell der Klassengesellschaft,
die zweite wäre zumindest der Möglichkeit nach klassenlos. Tatsächlich spricht
alles dafür, daß beide Formen in der kapitalistischen
Gesellschaft verwirklicht sind. Natürlich passen sie nicht zusammen. Synthesis
durch den Tausch und Synthesis durch die gesellschaftliche Gesamtarbeit stehen
in strikter Entgegensetzung. Der entgegengesetzte Doppelcharakter von
Tauschwert und Gebrauchswert, von Verwertungsprozeß
und Arbeitsprozeß muß sich
auch im entgegengesetzten Doppelcharakter der gesellschaftlichen Beziehungen
zeigen. Wir verhalten uns zueinander einerseits als Käufer und Verkäufer, aber
zugleich müssen wir gesellschaftliche Beziehungen jenseits des
Tauschverhältnisses ausbilden: Liebe, Freundschaft, und nicht zuletzt der
konkrete Zusammenhang im Arbeitsprozeß sind solche
Formen. Postone hingegen erklärt schlicht und einfach
diese zweite Form für inexistent. „Vielmehr“, so schreibt er auf
Sohn-Rethel gemünzt, „bewertet er die unterschwellig durch Arbeit in der
industriellen Produktion bewirkte Art gesellschaftlicher Synthesis positiv als
nicht-kapitalistisch und stellt sie der über den Tausch sich vollziehenden
Vergesellschaftung gegenüber, die er negativ einschätzt.“ (275) Postone als strikter Monist kennt jedoch nur eine Form, die
Synthesis durch den abstrakten Wert. Daher distanziert er sich von der
Auffassung Sohn-Rethels: „Die gesellschaftliche
Synthesis wird in der vorliegenden Studie nie als eine Funktion der Arbeit
betrachtet, sondern als Form der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen
Produktion stattfindet.“ (276) Daß Postone die soziale Wirklichkeit „so betrachtet“,
akzeptieren wir gerne, aber die Frage,
ob diese Betrachtung auch angemessen sei, bleibt offen. Im übrigen hat schon
Stefan Breuer haargenau die selbe Versicherung, wonach „Gesellschaft eben so
sei“ ,vorgetragen: „Konstitutiv für den gesellschaftlichen Zusammenhang ist
nicht die lebendige Arbeit, auch nicht das konkrete Bedürfnis, ‚Grundbestand
der Gesellschaft an sich’, ‚maßgebende Struktur der Gesellschaft’ ist vielmehr
der Tausch, in dem die konkreten Einzelarbeiten auf ihren gemeinsamen Nenner
reduziert werden – abstrakte Arbeit als Substanz des Wertes.“[vi]
Wir
stoßen hier auf einen ganz zentralen Punkt bei Postone,
nämlich seine Tendenz, die kapitalistische Gesellschaft fast ausschließlich als
gut geöltes Karussell darzustellen. Der Tausch mache die Dinge nicht nur
gleich, der abstrakte Wert allein verbinde und verknüpfe alternativlos unsere
gesellschaftlichen Existenzen. Entgegensetzungen, Widersprüche, Konflikte, all
das wird seitenlang als nicht existent, als unwesentlich oder als reine
Illusion des „Arbeiterbewegungsmarxismus“ dargestellt. Auch auf Postone trifft die Aussage von Holloway über die
traditionellen Strömungen im Marxismus zu: „In der Zukunft wird es einen
radikalen Bruch geben, aber in der Zwischenzeit können wir den Kapitalismus so
behandeln, als wäre er eine sich selbst reprozuzierende
Gesellschaft“[vii] An die
Stelle von Widerspruch und Konflikt setzt Postone
Übereinstimmung und Harmonie – eine zwar entfremdete, abstrakte, verkehrte,
aber dennoch ungestörte, alternativlose Harmonie ohne wirkliche Mißklänge. Auf den letzten Seiten des Buches jedoch meint
er einen Punkt erkennen zu können, an dem der Kapitalismus zerschellen könnte.
Wer jedoch nach etwa 400 Seiten zu lesen aufhört, wird kaum auf die Idee
kommen, hier läge ein Werk vor, das systematisch die Grenzen der
kapitalistischen Produktionsweise untersucht.
Das
größte Erstaunen löste das achte Kapitel aus, „Die Dialektik von Arbeit und
Zeit“ übertitelt. Was Postone uns hier vorstellt, ist
im Kern nichts anderes als die sehr beredt vorgetragene Rezeption des Begriffs
der Produktivkraft der Arbeit, wie ihn Marx auf den Einleitungsseiten des
„Kapitals“ entwickelt. Postone verspricht uns durch
seine „erneute Interpretation der Marxschen Basiskategorien eine
begriffliche Neubestimmung des Wesens des Kapitalismus“ (432) vorzulegen.
Und was folgt wirklich? Nicht viel mehr als eine umständliche Darstellung des
Begriffs der Produktivkraft der Arbeit. Worauf läuft Postones
Argumentation in diesem Abschnitt hinaus? Bei oberflächlicher Lektüre könnte
der Eindruck entstehen, Marx würde beiden Dimensionen von Arbeit und Ware, also
konkrete und abstrakte Arbeit, Tauschwert und Gebrauchswert, als quasi
unabhängig von einander konzipieren. Dieses Mißverständnis
könnte durch folgende zwei Aussagen von Marx provoziert werden.
Aussage
1: „Dieselbe Arbeit ergibt daher in denselben Zeiträumen stets dieselbe
Wertgröße, wie immer die Produktivkraft wechsle.“ (MEW 23; 61)
Aussage
2: „Produktivkraft ist natürlich stets Produktivkraft nützlicher, konkreter
Arbeit und bestimmt in der Tat nur den Wirkungsgrad zweckmäßiger produktiver
Tätigkeiten.“ (MEW; 60)
Die
erste Aussage interpretiert Postone mit Blick auf den
Traditionsmarxismus so: „Die Wertgröße scheint also allein eine Funktion von
verausgabter abstrakter Arbeitszeit zu sein, vollkommen unabhängig von der
Gebrauchswertdimension der Arbeit.“ (433) Eine Stunde abstrakter Arbeit
ergibt eben eine geronnene Stunde abstrakten Wert; diese Aussage scheint keinen
Bezug zum Gebrauchswert zu enthalten. Dann verweist Postone
triumphierend auf das Handweber-Maschinenweberbeispiel im „Kapital“. Mit der
Einführung der Maschine wurde die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, läßt uns Marx annehmen, halbiert. Nun gilt es das doppelte
Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln, um eine Stunde abstrakter Arbeit zu
produzieren und den entsprechenden Gegenwert im Austausch zu erhalten. Selbst
wenn eine abstrakte Stunde eine abstrakte Stunde bleibt, steigt doch die
Gebrauchswertmenge, die in dieser einen Stunde zu produzieren ist: also sind
beide Dimensionen verklammert, und die abstrakte Zeit ist ihr Maß. Jede bessere
Einführung in das „Kapital“ hat diesen Zusammenhang klar herausgearbeitet. Mit
steigender Produktivkraft der Arbeit steigt also notwendig die Masse an
Gebrauchswert, die erzeugt werden muß, um der
gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit zu entsprechen. Wer,
wie die armen Handweber, in einer Stunde weiterhin nur halb soviel wie die
Maschinen leistet, wird als Gegenwert auch nur eine halbe, statt der tatsächlich
geleisteten ganzen Arbeitsstunde vergütet bekommen. So weit, so gut. Im übrigen kann die Verklammerung von Gebrauchs- und Tauschwert
an vielen anderen Beispielen gezeigt werden, etwa bei der Untersuchung der
Reproduktionsschemata im II. Band des „Kapitals“. Postone
jedoch präsentiert diesen Zusammenhang als großartige, neue Erkenntnis: „Somit
ist diese Bewegung der Zeit eine Funktion der Gebrauchswertdimension der Arbeit
in ihrer Wechselwirkung mit dem Wertrahmen und kann als eine Art konkreter Zeit
verstanden werden. Bei der Untersuchung der Interaktion von konkreter und
abstrakter Arbeit, die den Kern der Marxschen Analyse des Kapitalismus
ausmacht, haben wir zeigen können, daß ein
Wesenszug des Kapitalismus in einem (konkreten) Zeitmodus liegt, der die
abstrakte Zeitbewegung ausdrückt.“ (441, Hervorhebung im Original) Es
ist kaum zu fassen: Postone buchstabiert uns einfach
den Begriff der Produktivkraft vor, in dem er den Zusammenhang zwischen Aussage
1 und Aussage 2 von Marx erläutert und meint nun, den Stein der Weisen gefunden
zu haben. Nein! ruft er triumphierend aus: Tauschwert und Gebrauchswert sind
keine unabhängigen Dimensionen, sie stehen in Wechselwirkung, und die abstrakte
Zeit ist ihr Maß!
Um den
sozialphilosophischen Gewinn zu verstehen, den Postone
mit seiner eher umständlichen Rezeption des Begriffs der Produktivkraft der
Arbeit errungen zu haben meint, muß auf ein weiteres
Postulat unseres Autors verweisen werden. Denn Postone
ist felsenfest überzeugt, daß der Traditionsmarxismus
fälschlich die beiden Dimensionen von Arbeit und Ware, also konkrete und
abstrakte Arbeit, Tauschwert und Gebrauchswert, als völlig unabhängige, für
sich bestehende Dimensionen begreife. Deshalb, so könnte mensch Postone paraphrasieren, müsse der Traditionsmarxismus auch
Arbeit und Proletariat vom Kapital unabhängig setzen. Aus dieser Perspektive
kritisiert Postone den traditionellen Marxismus uns
dessen Ausrufung des Proletariats zum revolutionären Subjekt. Die TraditionsmarxistInnen meinten, daß
Proletariat existiere außerhalb und unabhängig vom Kapitalismus, als
unschuldiges und vor allem arbeitendes Subjekt („Standpunkt der Arbeit“). Postone hält dagegen: „Die Marxsche Kritik ist nicht
positiv. Ihr grundsätzlicher Standpunkt ist nicht der einer bestehenden
gesellschaftlichen Struktur oder Gruppierung, die für vom Kapitalismus
unabhängig gehalten wird.“ (541) Der Arbeiterbewegungsmarxismus hingegen
behauptete, das Proletariat und seine Arbeit seien im Grunde völlig unabhängig
vom Kapital. Das jedoch, so Postone, sei völlig
falsch, weil das Proletariat nur im und durch den Kapitalismus existiere. Weil
es also Teil des Kapitalismus, und zwar notwendiger Teil sei, wäre es
integriert. „Wie festgestellt, widerspricht die Marxsche Analyse der
Auffassung, der Kampf zwischen der Kapitalistenklasse und dem Proletariat sei
einer zwischen der herrschenden Klasse im Kapitalismus und einer, die den
Sozialismus verkörpere, und der Sozialismus bedeute deshalb die
Selbstverwirklichung (sic!) des Proletariats.“ (532) „Weit davon
entfernt, die vergesellschafteten Produktivkräfte darzustellen, die in
Widerspruch mit den kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse geraten
und dadurch auf die Möglichkeiten einer postkapitalistischen Zukunft verweisen,
ist die Arbeiterklasse für Marx das wesentliche, konstituierende Element dieser
Verhältnisse selbst. Sowohl die Arbeiterklasse als auch die Kapitalistenklasse
bleiben an das Kapital gebunden, die erstere jedoch um einiges mehr: das
Kapital könnte ohne Kapitalisten existieren, jedoch nicht ohne wertproduzierende Arbeit.“ (535f) Jetzt wird auch der
strategische Gewinn seines achten Kapitels klar: Die beiden Dimensionen sind
eben ineinander verklammert, und die abstrakte Zeit ist ihr gemeinsames Maß.
Also existiert auch die arbeitende Klasse nur als Pol eines Verhältnisses,
keineswegs unabhängig vom Kapital oder außerhalb desselben. Und weil das
Proletariat das wesentliche, konstituierende Element dieser Verhältnisse
selbst ist, ist es völlig integriert, der Klassenkampf Illusion. Klassen
und Klassenkampf gibt es zwar, räumt Postone ein, sie
sind aber völlig bedeutungslos. Die Klassenherrschaft sei Marx (sic!) „zufolge
nicht der letzte Grund der gesellschaftlichen Herrschaft, sondern ist selbst
aus einer ihr übergeordneten, abstrakten Herrschaftsform herzuleiten.“ (199)
Klassenkampf, so wäre Postone zu paraphrasieren, sei
also ein bloßes Zubehör zum Kapitalismus.
Angesichts
derartiger Argumentationslinien wird die Auseinandersetzung freilich recht
mühsam. Sollen wir wirklich unzählige Zitate Reigen tanzen lassen, die glasklar
machen, daß die revolutionäre Rolle des Proletariats
gerade aus dessen Verstrickung ins Kapital abgeleitet wurde? Sollen wir
wirklich daran erinnern, daß nach Marx allein der
Kampf der vorkapitalistischen Klassen notwendig mit dem gemeinsamen Untergang
beider sich bekämpfenden Kontrahenten enden mußte,
hingegen das Proletariat als Allgemeine verkörpert, mithin sein
Klasseninteresse darin besteht, Klassen überhaupt aufzuheben, und keineswegs
sich als Klasse festzuhalten und zu bestätigen? Weil wir auch „v“, also
variables Kapital sind, weil wir nur als Pol des Kapitalverhältnisses
existieren, deshalb kann an die revolutionäre Rolle des Proletariats
gedacht werden, und nur deshalb. Marx kann natürlich kritisiert, seine
entsprechenden Aussagen hinterfragt werden. Die Heere von Pappkameraden, die Postone aufstellt, machen die Auseinandersetzung so mühsam
und unfruchtbar. Wenn Postone uns sagen will, daß zur Arbeiterklasse zu gehören Pech[viii]
und nicht Glück sei, so wollen wir antworten, daß
dies in der Tat völlig richtig ist, oder wie Holloway sagt: „Nur insoweit,
als wir nicht die Arbeiterklasse sind, kann die Frage der Emanzipation
überhaupt gestellt werden.“[ix]Aber
ebenfalls mit Holloway ist daran zu erinnern, daß wir
beides sind, Proletariat und Nicht-Proletariat zugleich. Gerade diese innere
Spannung und Entgegensetzung versucht Postone
sozialphilosophisch zu beseitigen. Im Grunde ist er monistischer
Identitätstheoretiker. Die Herrschaft des abstrakten Werts macht alles gleich,
friert die Welt identitätslogisch ein. Das Proletariat ist, was es ist, nicht
mehr und nicht weniger. Da gibt es keinen Überschuß,
keine Unklarheiten, kein Noch-Nicht, keine
angezweifelte, brüchige, vielschichtige Identität, kein Spiel von Identität und
Nichtidentität, letztlich keine Wirklichkeit unserer schwankenden Existenzen.
Wir alle
kennen den Yin-Yang Kreis. Die Momente bedingen
einander gegenseitig, schmiegen sich ineinander und haben jeweils auch das
andere Element in sich. Beide Seiten können niemals unabhängig von einander
existieren, das eine bedarf des anderen, um zu sein, was es ist, und umgekehrt.
Der Yin-Yang Kreis ist ein gutes Bild, um das
Verhältnis von Gebrauchswert zu Tauschwert, von konkreter zu abstrakter Arbeit,
von Proletariat zum Kapital zu kennzeichnen, das Postone
entwirft. Die beiden Dimensionen von Arbeit und Ware sind Postone
zufolge gleichzeitig durch das Kapitalverhältnis gesetzt. Mit seinen eigenen
Worten: „Weil jede besondere Art der Arbeit als abstrakte Arbeit fungieren
und jedes Arbeitsprodukt als Ware dienen kann, werden Tätigkeiten und Produkte,
die in anderen Gesellschaften nicht als ähnlich klassifiziert würden, im
Kapitalismus als gleiche, als Vielfalt (konkreter) Arbeiten oder als besondere
Gebrauchswerte klassifiziert. In anderen Worten: die durch abstrakte Arbeit
historisch konstituierte abstrakte Allgemeinheit etabliert auch die konkrete
Arbeit und den Gebrauchswert als allgemeine Kategorien.“ (237) Von
konkreter Arbeit und von Gebrauchswerten zu sprechen, ist nach Postone also nur im Kapitalismus sinnvoll. Da jedoch
konkrete wie abstrakte Arbeit nur zwei Aspekte des selben
Yin-Yang Kreises darstellen, ist es nicht nur
möglich, sondern auch geboten, den Begriff Arbeit strikt für den Kapitalismus
zu reservieren. Daher der Schluß: „Die Aufhebung
des Kapitalismus bedeutet auch die Aufhebung der durch das Proletariat
verrichteten konkreten Arbeit.“ (59) Arbeit ist also genuin kapitalistisch.
Abschaffung des Kapitalismus bedeutet folglich Abschaffung der Arbeit. In den
Aussendungen der Krisis-Gruppe liest sich dieser Gedanke folgendermaßen: „Arbeit ist keine
überhistorische Kategorie, keine unveränderliche Bedingung menschlicher
Existenz, sonst könnte sie weder in die Krise geraten noch ließe sie sich
kritisieren. Sie ist ein Spezifikum der bürgerlichen Gesellschaft, ein
Zwangsprinzip, das immer sinnloser wird, aber eben deswegen um jeden Preis aufrecht erhalten werden muß.“[x]
Diese
Terminologie könnte als etwas skurrile Sprachregelung durchgehen. An die Stelle
der Arbeit tritt in einer nachkapitalistischen Gesellschaft nützliche
Tätigkeit, und in der Antike wurden nicht Gebrauchswerte, sondern
Gebrauchsgüter produziert usw. Allerdings wird mit diesem Vorschlag eines der
wesentlichsten Elemente revolutionärer Hoffnung aufgegeben. Im Gegensatz zu Postones Harmoniedenken sind die Verhältnisse keineswegs in
der Balance. Es kann Gebrauchswert ohne Tauschwert, es kann konkrete Arbeit
ohne abstrakte geben, aber nicht umgekehrt. Marx: „Ein Ding kann Gebrauchswert
sein, ohne Wert zu sein“, jedoch: „Endlich kann kein Ding Wert sein,
ohne Gebrauchsgegenstand zu sein.“ [xi]
Das Kapital ist von uns abhängig, es ist unser Produkt, aber wir sind nicht im
gleichen Maße vom Kapital abhängig[xii].
Indem Postone dieses Ungleichgewicht in Harmonie
verwandelt, verschließt er sich einem der wesentlichsten Momente der Rebellion
und Revolte gegen das Kapitalverhältnis. „Aus dieser Perspektive (darauf
komme ich noch zu sprechen) wird die konkrete Dimension der Arbeit sozusagen
durch die abstrakte angeeignet. Diese strukturelle Aneignung der
Gebrauchswertdimension der Arbeit durch ihre abstrakte Dimension macht die
grundlegende Enteignung der kapitalistischen Gesellschaftsformation aus.“
(525)
Den
Gebrauchswert einfach als die harmonische Ergänzung des Tauschwerts
darzustellen, überspringt und verkürzt die gesamte Debatte um die Qualität der
Gebrauchswerte im Kapitalismus, die seit Jahrzehnten geführt wird. Es gab
zumindest drei Strömungen: Gebrauchswerte wurden entweder als materielle Basis
der Emanzipation verstanden (diese Position unterstellt Postone
pauschal dem „Arbeiterbewegungsmarxismus“)[xiii];
oder als neutrale Mittel, als bloßes Potential; und drittens wurde auch auf die
destruktiven Seiten verwiesen, etwa in der Debatte um den „grünen“ Marx, der
auf die umweltschädigenden Aspekte des Kapitalismus
sehr wohl hingewiesen hat. Auch hier ist es eine gewisse Zumutung für die
LeserInnen, wie Postone einerseits diese Debatte
ignoriert, andererseits so tut, als ob die Prägung und Formung der
Gebrauchswerte im Kapitalismus seine großartige neue Entdeckung wäre.
Ich will
noch ein weiteres Bild verwenden, das den Geist des Postonschen
Arbeitsbegriffs illustrieren kann. Ein Blatt Papier hat unabdingbar zwei
Seiten, aber es kann nicht gesagt werden, diese Seiten würden nicht zusammen
passen, in Gegensatz zueinander stehen. Wenn ich also eine Seite des Papiers
verwerfen möchte, muß ich das ganze Blatt
zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen. Und genau das schlägt uns Postone vor: Weg mit der Arbeit, weg mit dem
Arbeitsbegriff! Ärgerlich ist nun, daß Postone behauptet, diese seine Auffassung von Arbeit sei
jene von Marx, oder zumindest im Grunde jene von Marx, abgesehen von einigen
unklaren Stellen. „Zwar konstituiert und bestimmt Marx zufolge die Arbeit
tatsächlich die Gesellschaft – aber nur im Kapitalismus“ (107) Arbeit ist
ein Spezifikum des Kapitalismus, Punktum. Nur der Arbeiterbewegungsmarxismus
würde den Popanz des transhistorischen
Arbeitsbegriffs erfinden, von dem es sich endlich zu befreien gelte. „Die
Marxsche Analyse des Entwicklungsverlaufs des kapitalistischen
Produktionsprozesses verweist jedoch nicht auf die zukünftige Möglichkeit einer
Affirmation des Proletariats und der von ihm verrichteten Arbeit. Ganz im
Gegenteil verweist sie auf die Möglichkeit der Abschaffung dieser Arbeit.“ (489)
Die Art der Postoneschen Aussagen bedeuten fast den
Abbruch der Diskussion, bevor sie richtig begonnen hat. Postone
sollte zur Kenntnis nehmen, daß auch andere Menschen
Marx ausführlich gelesen haben. Selbstverständlich vertritt Marx einen transhistorischen Arbeitsbegriff, und zwar von den „Pariser
Manuskripten“ aus 1844 bis zu seinem Tode. Etwas Anderes zu behaupten, ist
einfach Unsinn oder Vertrauen auf die Unkenntnis des Publikums. Daß sich innerhalb dieses Rahmens Verschiebungen und
Veränderungen bei Marx erkennen lassen, gestehen wir gerne zu. Anstatt jedoch
zu sagen: „Achtung, Marx tendiert zu einem höchst problematischen, transhistorischen Arbeitsbegriff, wir sollten diese
Konzeption überdenken und nach Momenten bei Marx suchen, die dieses Konzept
relativieren“, will uns Postone weismachen, sein
skurriler Arbeitsbegriff sei jener von Marx, des authentischen Postone-Marx, versteht sich.
Umgekehrt
erhärtet sich der Verdacht, daß Postone
dem Schein des bürgerlichen Denkens aufsitzt, allerdings um 180 Grad gewendet.
Das bürgerliche Denken kann den Arbeitsprozeß als
solchen nicht von seiner kapitalistischen Form trennen, identifiziert das eine
mit dem anderen. Marx geht davon aus, daß der Arbeitsprozeß unter doppeltem Gesichtspunkt betrachtet
werden muß. Einerseits ist er immer durch die
spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse formbestimmt, andererseits hat er
immer auch überhistorischen Charakter: „Auf
der einen Seite nennen wir die Elemente des Arbeitsprozesses verquickt mit den
spezifischen gesellschaftlichen Charakteren, die sie auf einer bestimmten
historischen Entwicklungsstufe besitzen, und auf der andern Seite fügen wir ein
Element hinzu, das den Arbeitsprozeß unabhängig von
allen bestimmten gesellschaftlichen Formen als einen ewigen Prozeß
zwischen Mensch und Natur überhaupt zukommt.“[xiv]
Das bürgerliche Denken kann diese innere Entgegensetzungen nicht begreifen und
schließt also: Weil der Arbeitsprozeß ewig ist und
eine andere als die kapitalistische Form undenkbar ist, ist auch der
Kapitalismus ewig. Postone kehrt diesen Gedanken
einfach um: Da der Arbeitsprozeß nur in der
kapitalistischen Form historisch existiert, eine andere Form undenkbar ist,
bedeutet Abschaffung des Kapitalismus also Abschaffung der Arbeit. Auf Postone trifft – um 180 Grad gewendet – zu, was Marx über
die bürgerliche Ideologie schreibt: „Ebenso daß, weil der Produktionsprozeß des Kapitals überhaupt Arbeitsprozeß ist, der Arbeitsprozeß
als solcher, der Arbeitsprozeß in allen
gesellschaftlichen Formen notwendig Arbeitsprozeß des
Kapitals ist. (...) Es ist die dieselbe Logik, die schließt, daß weil Geld Gold ist, Gold an und für sich Geld ist, daß weil Lohnarbeit Arbeit, alle Arbeit notwendig
Lohnarbeit ist.“[xv] Postone kann und will Entgegensetzungen nicht
denken. Die Dinge sind, was sie sind, der kapitalistische Arbeitsprozeß
ist kapitalistischer Arbeitsprozeß und nichts
anderes. Marx hingegen unterscheidet sehr wohl zwischen der kapitalistischen
Formbestimmung und der allgemeinen Natur des Arbeitsprozesse: „Weil sich das
Kapital des Arbeitsprozesses bemächtigt hat, der Arbeiter daher für den
Kapitalisten statt für sich selbst arbeitet, verändert der Arbeitsprozeß
jedoch nicht seine allgemeine Natur.“[xvi]
Hat also Marx recht und Postone unrecht? Das ist
mit diesen Hinweisen keineswegs gesagt. Darüber wäre zu diskutieren. Aber die
unentwegt an den Haaren herbeigezogenen Behauptungen zum Kern der Marxschen
Aussagen machen die Debatte so unendlich mühsam. Wie soll mensch darauf
reagieren? Mit Zitatenschlachten, mit Exegese, mit „Was Marx wirklich sagte“?
Nebenbei bemerkt: Axel Honneth betitelte seine Kritik
an Cornelius Castoriadis mit „Eine ontologische Rettung der Revolution“.
Castoriadis, der sich seinerseits von Marx abzugrenzen versuchte, fokussierte
ähnlich wie Marx, Negri oder auch Holloway die schöpferische, weltschaffende Potenz der Praxis, das „Tuns“, die Arbeit,
in der Weite, die dieser Begriff bei Marx besitzt. Das Ontologische, ja das Rettende
der Revolution ortete der Habermasschüler Honneth treffsicher im weiten Praxisbegriff Castoriadis’.
Welterschließendes, weltschöpfendes, weltkonstituierendes Tun, verstellt und gebrochen in der
Lohnarbeit? Vergessen wir diesen Unfug, schlägt uns Postone
vor. Gut, aber können wir uns bei Max Weber wirklich wohler fühlen?
„In
seinem Mittelpunkt steht die Beherrschung von Menschen durch abstrakte,
quasi-unabhängige Strukturen gesellschaftlicher Verhältnisse, die durch die warenförmig
bestimmte Arbeit vermittelt sind und die Marx in den Kategorien Wert und
Kapital zu erfassen sucht.“ (199) „Nach Marx besteht die gesellschaftliche Herrschaft im Kern nicht
in der Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern in der Beherrschung von
Menschen durch abstrakte gesellschaftliche Strukturen, die von den Menschen
selbst konstruiert werden.“ (61f) Diese zwei Zitate mögen als Illustration
genügen. Kapitalismus bedeutet nach Postone die
Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen. An deren Stelle
tritt, wie die Zitate ja klar belegen, die Subsumtion von uns allen unter
verdinglichte Strukturen, egal ob wir Kapital oder nur unsere Arbeitskraft
besitzen. Diese anonyme Herrschaftsstruktur relativiert, ja beseitigt
die Gegensätze innerhalb der Gesellschaft. Entfremdung und Verdinglichung
umfassen alle gleichermaßen, ArbeiterInnen wie Kapitalisten. Zwar schrieb ein
engagierter Schriftsteller des 19. Jahrhunderts: „Insofern steht hier der
Arbeiter von vornherein höher als der Kapitalist, als der letztere in jenem Entfremdungsprozeß wurzelt und in ihm seine absolute
Befriedigung findet, während der Arbeiter als sein Opfer von vorn herein
dagegen in einem rebellischen Verhältnis steht und ihn als Knechtungsprozeß
empfindet.“[xvii],
doch ist es wohl an der Zeit, die Rudimente des Arbeiterbewegungsmarxismus zu
überwinden. Wenn die Herrschaft von Menschen und Klassen über andere durch die
abstrakte Herrschaft von Strukturen und Verhältnissen ersetzt wird, dann ist
klar, daß der Klassenbegriff und vor allem der
Klassenkampf ein höchst altmodisches Konzept darstellen.
Allerdings
ist auch bei dieser Frage der Verdacht nicht abzuwehren, daß
Postone Schein mit Sein verwechselt. Marx postuliert
schon auf den ersten Seiten des „Kapitals“, daß sich
die Form der Herrschaft durch das Kapitalverhältnis grundlegend ändert. „Persönliche
Abhängigkeit charakterisiert ebensosehr die gesellschaftlichen Verhältnisse als
die auf ihr aufgebauten Lebenssphären.“ [xviii]
schrieb Marx über die Form der vorkapitalistischen Herrschaft. Im Grunde
verwechselt Postone einfach zwei Dinge. Weil
Herrschaft sachliche Form annimmt, hält er sie für eine Herrschaft von Sachen.
Auf mögliche Mißverständnisse hat Marx explizit
hingewiesen: „Es charakterisiert endlich die Tauschwert setzende Arbeit, daß die gesellschaftliche Beziehung der Personen sich
gleichsam verkehrt darstellt, nämlich als gesellschaftliches Verhältnis von
Sachen. (...) Wenn es also daher richtig ist zu sagen, daß
der Tauschwert ein Verhältnis zwischen Personen ist, so muß
aber hinzugesetzt werden: unter dinglicher Hülle verstecktes Verhältnis.“[xix]
Die Herrschaft des Menschen über den Menschen stellt sich nach Marx zwar als
Verhältnis von Dingen dar; hinter dieser Hülle verhalten sich aber Personen.
Nur Postone kann diese nicht mehr entdecken. Er hält
den sachlichen Schein für die Sache selbst. Selbst Adorno, der in manchen
Aspekten den Auffassungen von Postone nahe kommt, und
der Sätze wie: „Der totale Zusammenhang hat die Gestalt, daß
alle dem Tauschgesetz sich unterwerfen müssen, ob sie subjektiv von einem
Profitmotiv geleitet werden oder nicht.“ formulierte, ließ sich vom
sachlichen Schein keineswegs beirren und konstatierte: „In der Reduktion der
Menschen auf Agenten und Träger des Warenaustausches versteckt sich die Herrschaft
von Menschen über Menschen.“[xx] Zugegeben,
auch die Bourgeoisie kann nicht ganz willkürlich herrschen und unterliegt auch
Gesetzen. Aber das gilt im Prinzip für jede Form der Herrschaft. Selbst die
Pharaonen waren dem Imaginären ihrer Epoche untergeordnet. Nur weil Herrschende
auch Bedingungen und Gesetzen unterliegen, zu schließen, Herrschaft sei
obsolet, ist ein Trugschluß. Das wäre, als sei
Herrschaft dadurch zu widerlegen, daß alle Menschen
Sauerstoff einatmen müssen, mithin alle unterschiedslos von einem Dritten
abhängen. Wir alle erinnern uns wohl noch an die Rhetorik der grünen Bewegung
in den 80er Jahren. Wurde damals nicht argumentiert, der Klassenkampf sei
gegenstandslos, weil die Gattung selbst von der ökologischen Katastrophe
bedroht sei? Wer gesellschaftlichen Verhältnissen mit simplen
falsch/richtig-Dichotomien, also mit simpler,
identitätslogisch binärer 0-oder-1-Logik zu Leibe rücken will, wird scheitern.
Nebenbei bemerkt: Auch wenn der Bourgeoisie mitunter das Ausmaß der notwenigen
Arbeitszeit „als regelndes Naturgesetz gewaltsam [sich] durchsetzt, wie wenn
einem das Haus über den Kopf zusammenpurzelt“[xxi],
so hält sich unser Mitleid doch in Grenzen. Sind wir schon so abgestumpft und
zugerichtet, daß wir den Haß,
die Wut, die Überheblichkeit und Lächerlichkeit der Herrschenden nicht mehr
wahrnehmen können, daß deren Gewalt gegen Revolte und
Widerstand niemals exzessiv scheint, während auf Protest und Widerstand der
Unterdrückten stets die Keulen der Moral und der Menschenrechte, sowie die Angemessenheitsfrage
niedersaust?
Ein
angemessener Begriff von Herrschaft darf nicht ignorieren, daß
trotz der sachlichen Form die strikt persönliche Herrschaft keineswegs einfach
verschwunden oder gesellschaftlich bedeutungslos geworden ist. Wenn eine Frau
von ihrem Mann halb tot geprügelt wird, weil sie daran denkt, ihren
Göttergatten zu verlassen, so kann wohl schwerlich davon gesprochen werden,
konkrete, personale Herrschaftsformen gehörten der Vergangenheit an. Auch im Arbeitsprozeß selbst ist das unmittelbare persönliche
Kommando nicht verschwunden. Selbst wenn mensch das Konzept subjektloser
Herrschaft akzeptiert, müßte zumindest zugestanden
werden, daß diese Form persönlicher,
unmittelbaren Herrschaft verwoben ist. Postone
jedoch behauptet umgekehrt, daß die Klasse der
KapitalbesitzerInnen für den Kapitalismus schlicht redundant sei. Marx: „Ich
kann das Kapital wohl von diesem einzelnen Kapitalisten scheiden und es kann
auf einen andern übergehen. Aber indem er das Kapital verliert, verliert er die
Eigenschaft Kapitalist zu sein. Das Kapital ist daher wohl vom einzelnen
Kapitalisten trennbar, nicht von dem Kapitalisten, der als solcher dem Arbeiter
gegenübersteht.“[xxii]
Wie
einst Stefan Breuer will Postone seine Vorstellung
von Herrschaft mit den Begriffen „Totalität“ beziehungsweise „reelle
Subsumtion“ plausibel machen, insbesondere im Abschnitt „Produktion und
Verwertung“. Der Kerngedanke läßt sich folgendermaßen
darstellen: Ursprünglich übernimmt die kapitalistische Produktionsweise einfach
die vorkapitalistischen Arbeitsmethoden und unterwirft sie dem Diktat der
Profitproduktion. Diese Phase wäre mit Marx als formelle Subsumtion zu
bezeichnen. Auch wenn das kapitalistische Kommando einiges ändert, etwa durch
schärferes Arbeitstempo, Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit usw., bleibt doch
der Arbeitsprozeß im Prinzip, wie er vorher
entstanden ist. Dies ändert sich erst mit der reellen Subsumtion. Nun wird der Arbeitsprozeß von Grund auf nach kapitalistischen
Verwertungsbedingungen umstrukturiert. Diesen Übergang analysiert Marx unter
anderem in der Analyse der Entwicklung von der Manufaktur zur großen Industrie.
Dieser Umschlag läßt sich paradigmatisch vor allem am
Verhältnis Arbeiter – Arbeitsmittel begreiflich machen. Während in der
Manufaktur der Arbeiter das Werkzeug anwendet, wird er in der großen Industrie
umgekehrt von der Maschine angewandt. Postone zitiert
und interpretiert ausführlich das 13. Kapitel des „Kapitals“, wo Marx etwa
schreibt: „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des
Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung
des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der
Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der
Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden als
lebendige Anhängsel einverleibt.“ [xxiii]
Daraus linear zu schließen, die ArbeiterInnen würden zu willenlosen Rädchen,
tatsächlich zu seelenlosen Dingen, ist freilich nicht nur verkürzt, sondern verblüffend
weltfremd. Der Kapitalismus bedurfte immer der Aktivität der Arbeitenden.
Dienst nach Vorschrift war immer ein Kampfmittel, der erste Schritt zur
Arbeitsverweigerung. Den Widerspruch, die ArbeiterInnen einerseits in
Marionetten verwandeln zu wollen, während es andererseits ihrer
aktiven Teilname bedarf, konnte und kann das Kapital nie lösen. Bloß die Form
hat sich historisch verändert. Die große Industrie war unter anderem ein
Versuch des Kapitals, das Unbeherrschbare irgendwie doch zu beherrschen. Das
sagt auch Marx, und er spricht es gerade im 13. Kapitel aus. Ich erinnere an
die berühmte Aussage: „Sie
[die Maschinerie] wird das machtvollste Kriegmittel zur Niederschlagung der
periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wider
die Autokratie des Kapitals. (...) Man könnte eine ganze Geschichte der
Erfindungen seit 1830 schreiben, die bloß als Kriegsmittel wider Arbeitermeuten
ins Laben traten.“[xxiv] Postones Analyse hat zudem etwas seltsam
Zeitloses. Mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt Postone
die Entwicklung nach dem Hochfordismus. Als habe Marx mit seiner Untersuchung
der Großen Industrie tatsächlich das letzte Wort gesprochen, als seien wir
immer noch mit gigantischen Fließbandanlagen konfrontiert, ignoriert Postone die Entwicklung der letzten dreißig Jahre. Ist es
nicht eine Banalität, daß das Kapital in den
postfordistischen Verhältnissen bestimmte Kompetenzen an die Werktätigen
zurückgeben mußte? Selbst wenn mensch wie Postone
die reale Entwicklung der kapitalistischen Produktionsformen ausblendet,
genauer, sie in den 20er und 30er Jahren anhält, läßt
sich der sozialphilosophische Referenzpunkte der kreativen Subjektivität nicht
ausblenden oder verleugnen. Das Tun muß gebrochen,
die Subjektivität kontrolliert werden. Die Methoden der Großen Industrie machen
ja nur dann Sinn, wenn ich einen Gegenpol anerkenne. „Das ‚Kapital’ ist eine
Untersuchung der Selbst-Negation des Tuns. Von der Ware bewegt sich Marx weiter
zu Wert, Geld, Kapital, Profit, Pacht, Zins – zu immer dunkleren Formen, die
das Tun verbergen, zu immer entwickelteren Formen der
Unterdrückung der kreativen Macht.“[xxv]
Oder wie Castoriadis bemerkte: „Die Unternehmensführung muß
die Arbeiter einerseits aus der Produktion möglichst ausschließen, kann sie
andererseits aber auch nicht aus der Produktion ausschließen. Der sich daraus
ergebende Konflikt ist ein äußerer zwischen Entscheidungsträgern und
Ausführenden, wird jedoch auch von jedem Ausführenden und Entscheidungsbefugten
verinnerlicht. Wäre die Produktion statisch und die Technik versteinert, so
könnte dieser Konflikt allmählich seine Konturen verlieren und verwischen. Die
ökonomische Expansion und die ständigen technologischen Umwälzungen wecken ihn
jedoch immer wieder aufs neue.“ [xxvi]
Das 13. Kapitel muß unter dem Gesichtspunkt des
Klassenkampfes gelesen werden. Durch die Organisation der Produktion selbst,
genauer, durch die Einführung der Großen Maschinerie sollte die rebellische
Arbeitersubjektivität kontrolliert und beherrscht werden. Das gelang zweifellos
eine ganze Epoche lang, aber es konnte nicht die letzte Form der Produktion
darstellen. Zu sagen, in der Manufaktur wende der Arbeiter das Werkzeug an, in
der Großen Industrie wende umgekehrt die Maschine den Arbeiter an, und dies als
letztes Resultat und Schußfolgerung der Kapitalanalyse
darzustellen, ist – mit Verlaub – doch etwas simpel.
Wenn nun reelle
Subsumtion wie bei Breuer oder Postone als Prozeß des mit sich selbst identisch Werden des
Kapitalismus verstanden wird, dann kann die Konsequenz tatsächlich nur in einem
Bild der Gesellschaft münden, in dem Widerspruch, Klassenkampf und Revolte als
illusionär und vor allem sozialphilosophisch unhaltbar erscheinen müssen. Um es
möglichen KritikerInnen dieser Kritik an Postone
einfach zu machen, soll eine gerne zitierte Belegstelle bei Marx –
selbstverständlich bereits von Breuer erwähnt[xxvii]
– vorweg angeführt werden: „Wenn im vollendeten bürgerlichen System jedes
ökonomische Verhältnis das andre in der bürgerlich-ökonomischen Form
voraussetzt und so jedes Gesetz zugleich Voraussetzung ist, so ist das mit
jedem organischen System der Fall. Dies organische System selbst als Totalität
hat seine Voraussetzungen, und seine Entwicklung zur Totalität besteht eben
[darin], alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen, oder die ihm noch
fehlenden Organe aus ihr heraus zu schaffen. Es wird historisch zur Totalität.“[xxviii]
Der Kontext, aus dem diese Stelle stammt, verweist jedoch nicht unbedingt auf
das geschlossenes Gehäuse des abstrakten Werts. Marx meint hier nur, daß der Kapitalismus vorkapitalistische Formen – konkret
geht es um die Form des Grundbesitzes – auflösen und beseitigen muß. Gerade in den „Grundrissen“, aus denen diese Passage
stammt, entwickelt Marx einen sehr interessanten Gedanken, der auch jenen zu
denken geben sollte, die eine strikt objektivistische Sichtweise des
Kapitalismus vertreten zu müssen meinen, sprich eine Sichtweise, in welcher der
Kapitalismus ohne unser Zutun – vor allem ohne unsere Kämpfe – selbst eine
letzte Schranke errichtet, an der er zerschellen muß;
ein Gedanke für jene also, die Postones Position
vertreten.
Ich will diese
Überlegung direkt und unmittelbar formulieren: Das Kapital kann keine letzte,
endgültige Form finden. Jede Form ist zugleich ein Hemmschuh. Was sind Formen
des Kapitals? Die wesentlichsten Formen sind variables und konstantes, also
lebendige Arbeitskraft und totes, angehäuftes Kapital. Beide Formen können
keine letzten, endgültigen sein. Als variables Kapital, als Arbeitskraft
besteht das Kapital unmittelbar aus der Form seines Feindes, in den Massen der
ArbeiterInnen. Als totes Kapital, als geronnene lebendige Arbeit bedarf es doch
wieder der lebendigen Arbeit, um in Bewegung gesetzt zu werden. Als bloßes
Finanzkapital, ohne Berührung mit der realen Welt, ist es zwar den Gefahren und
Risken nicht mehr ausgesetzt, kann jedoch nur über den Ausgleich der Profitrate
akkumulieren, da es selbst keine lebendige Arbeit einsaugen kann.
Im
sogenannten Maschinenfragment der „Grundrisse“ zeigt Marx, daß
auch der Gegensatz von fixem und flüssigem Kapital das Formproblem verschärft.
Zur Erläuterung: Unter fixem Kapital versteht Marx jenes Kapital, daß über einen Produktionszyklus hinaus fungiert, also etwa
umfangreiche industrielle Anlagen, Eisenbahnnetze, Pipelines usw., die fix mit
einer bestimmten Form von Gebrauchswert verbunden sind und nur unter Mühen
wieder verflüssigt werden, also einem Formwandel, etwa der Verwandlung in
Geldkapital durch Verkauf zugänglich sind. Flüssiges Kapital wäre etwa die
Arbeitskraft und das Leder einer Schuhfabrik, das bereits nach einem
Produktionszyklus als Schuhware auf die Formverwandlung in Geld harrt. Marx
zeigt im „Maschinenfragment“ folgenden Widerspruch auf: Einerseits verkörpert
die Große Maschinerie, die nur als fixes Kapital vorgestellt werden kann
(Kapital, welches über die einzelnen Produktionszyklen übergreift), den
ArbeiterInnen gegenüber die Wissenschaft, die Produktivkraft schlechthin. „In
der Maschinerie tritt die vergegenständlichte Arbeit stofflich der lebendigen
als beherrschende Macht entgegen und als aktive Subsumtion derselben unter
sich, nicht nur durch Aneignung derselben, sondern im realen Produktionsprozeß selbst...“ [xxix]
Das Problem ist nun, daß das fixe Kapital in
bestimmter Gebrauchswertform fixiert ist. Dem Begriff des Kapitals entspricht
es aber, jedem bestimmten Gebrauchswert gegenüber gleichgültig zu sein,
umgekehrt ist das fixe Kapital als automatischer Produktionsapparat in
bestimmter Gebrauchswertform fixiert und davon nicht abzulösen. „Die
Maschinerie erscheint als die adäquate Form des capital
fixe und das capital fixe, soweit das Kapital in seiner Beziehung auf sich selbst
betrachtet wird, als die adäquateste Form des Kapitals überhaupt. Andererseits,
soweit das capital fixe in seinem Dasein als
bestimmter Gebrauchswert festgebannt, entspricht es
nicht dem Begriff des Kapitals, das als Wert gleichgültig gegen jede Form des
Gebrauchswerts und jede derselben als gleichgültige Inkarnation annehmen oder
abstreifen kann. Nach dieser Seite hin, nach der Beziehung des Kapitals nach
außen, erscheint das capital circulant
als die adäquate Form des Kapitals gegenüber dem capital
fixe.“ [xxx] Das
heißt also, das Kapital kann mit seinem Begriff nicht identisch werden, weil es
keine ihm angemessene letzte Form finden kann. Es existiert ebenso adäquat wie
inadäquat als konstantes wie variables Kapital, und ebenso adäquat wie
inadäquat als fixes wie flüssiges Kapital. Die Totalität findet keine Form. Der
letzte Grund für dieses Formproblem ist natürlich der Gegensatz zur lebendigen
Arbeit, zum Tun, welches das Kapital bricht und das in erstarrter, sachlicher
Form die Basis der Klassenherrschaft darstellt. Die mit sich selbst identische
Totalität muß also scheitern. Verwundert habe ich
daher in einer Besprechung von Capital & Class,
Nr. 54 gelesen: „Postone macht sich zu Recht über
»Post-Marxisten« und »Post-Modernisten« lustig, die der Kategorie der Totalität
die Gültigkeit absprechen, als trügen Hegel und Marx die Schuld an ihr. Dabei
reflektieren diese nur (Hegel unkritisch, Marx kritisch) die totalisierende Logik der Wertform, die sich selber so
erdrückend aufzwingt, daß alle Beziehungen von ihr erfaßt werden.“[xxxi]
Verwundert, weil von Marx bis Marcuse immer wieder der Gedanke formuliert
wurde, daß Widerspruch und Negation bei Hegel
letztlich Scheincharakter annehmen müssen, daß nach
dem Durchgang durch Zerrissenheit und Kampf, nach Widerspruch und Entzweiung
die abschließende Versöhnung das geschichtliche und gedankliche Resultat sein muß. Die Beziehung Marx zu Hegel ist natürlich uferlos
diskutiert worden; dies soll kein weiterer Beitrag sein. Und doch ist die
Sprache verräterisch. Postone zieht nämlich – von
seiner Warte aus gar nicht zu Unrecht, wie ich meine – eine Parallele zwischen
seinem Marx und Hegel und meint, Marx habe den Hegelschen Geist durch die
gesellschaftliche Substanz abstrakter, sich selbst bewegender Werte ersetzt.
Gesellschaft sei Totalität, die „substantiell homogene Totalität“ Hegels
(132f). Homogen – das schreibt Postone ungerührt so
hin.
Haben
wir letztlich Postone unrecht getan, nicht genau
genug gelesen? Ist Postone keineswegs der monistische Identitätstheoretiker, als der er hier
vorgestellt wird? Sagt Postone nicht, daß die kapitalistische Gesellschaft „... nicht zu einer
einheitlichen Identität geworden ist, die das Nicht-Identische vollkommen
assimiliert habe“ (286) Tatsächlich können ganze Passagen in diesem Buch
kaum anders verstanden werden, denn als Plädoyer für ein geschlossenes Gehäuse
des abstrakten Werts und seiner substantiellen Homogenität. Aber blicken wir
weniger auf die Uneinheitlichkeit seiner Argumentation, sondern beachten wir
seine Überlegungen bezüglich der Überwindung des Kapitalismus.
Wo
ist nun das Moment des Nicht-Identischen zu finden? Alle Momente des
gesellschaftlichen Lebens, die Gebrauchswertdimension wie das Proletariat,
Wissenschaft wie Technik, sind für Postone nur
Aspekte des Ewiggleichen. Als Kandidaten für die Überwindungen der
kapitalistischen Verhältnisse kommen diese Dimensionen demnach keineswegs in
Frage, und eine rebellische, widerständige, nach Befreiung strebende
Subjektivität wird so selbstverständlich ausgeschlossen, daß
es kaum einer expliziten Bekräftigung bedarf. Sind wir alle also im
identitätslogischen Gehäuse des Kapitals eingeschlossen? Stoßen wir immer nur
auf seine Aspekte, seine Formen, seine Produkte, seine Verhältnisse? Ist
Veränderung Utopie? Die Antwort Postones: Ja und
Nein. Proletariat und Gebrauchswert als Kandidaten der Befreiung scheiden, wie
gesagt, aus. Was verbleibt? Postone hätte es uns
allen einfacher machen können. Er hätte schreiben können, die Lösung liege im
Abschnitt „Widerspruch zwischen der Grundlage der bürgerlichen Produktion und
ihrer Entwicklung selbst“ der Marxschen „Grundrisse“. Er hätte sagen können:
Sehen wir uns diese Stelle genau an, diskutieren wir ihre Voraussetzungen und Schlußfolgerungen. Statt dessen läßt er uns wie ein Krimischreiber 520 Seiten nach dem
Mörder suchen, um seine Identität stückweise zu enthüllen. Marx denkt in diesem
Abschnitt, auf den die Überlegungen Postones
hinauslaufen, die Tendenz des tendenziellen Falls der Profitrate und die
Entwicklung der großen Maschinerie zusammen und versucht, eine zukünftige
mögliche Entwicklung zu antizipieren: „Es ist nicht mehr der Arbeiter der
modifizierten Naturgegenstand zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern
den Naturprozeß, den er in einen industriellen
umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur,
deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozeß,
statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die
unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die unmittelbare
Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen
Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch
sein Dasein als Gesellschaftskörper – in einem Wort die Entwicklung des
gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion
und des Reichtums erscheint.“[xxxii]
In einer solchen Phase, so Marx, müsse „die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion“ zusammenbrechen. In der Sprache Postones klingt diese Stelle so: „Dies resultiert darin,
daß proletarische Arbeit mit der fortdauernden
Entwicklung der kapitalistischen industriellen Produktion vom Standpunkt der
Produktion von stofflichem Reichtum zunehmend überflüssig und deshalb letztlich
anachronistisch wird...“ (534) Wenn das Proletariat überhaupt noch etwas
produziert, so Postone, dann Wert, mitnichten jedoch
Gebrauchswert. „In der Marxschen Analyse kommt dem Proletariat also weiterhin
eine strukturell wichtige Funktion für den Kapitalismus zu: Quelle des Werts zu
sein, nicht jedoch Quelle des stofflichen Reichtums.“ (535) Der stoffliche
Reichtum trudelt nämlich quasi automatisch aus dem automatisierten
industriellen Produktionsprozeß ein, den ein paar
gelangweilt herumstehende Proletarier nebenbei ein wenig überwachen. In einer
derartigen Gesellschaft sind praktisch „Wert und proletarische Arbeit“ (540)
abgeschafft, ergibt sich die „Möglichkeit einer Lebensweise, in der Arbeit keine
gesellschaftlich vermittelnde Rolle spielt“ (542), wird „Arbeit ... als
gesellschaftlicher Quelle stofflichen Reichtums bedeutungslos“ (544), wird „proletarische
Arbeit als Quelle stofflichen Reichtums zunehmend bedeutungslos...“ (548)
Könnte es nicht sein, daß dieser von Marx angedachte zukünftige gesellschaftliche Zustand doch eher
noch Jahrhunderte entfernt ist, so er überhaupt den Fluchtpunkt der
kapitalistischen Entwicklung darstellt? Geht aktuell die gesellschaftliche
Entwicklung nicht wieder in die Richtung der erneut gestiegenen Bedeutung des
absoluten Mehrwerts, was sich im Drängen des Kapitals zeigt, sowohl die Wochen-
wie auch die Lebensarbeitszeit auszudehnen? Auch wenn ein derartiger von Marx angedachter Zustand in einigen hundert Jahren aktuell sein
möge, was können wir bis dahin tun? Tatsächlich endet die Arbeit von Postone im striktesten Ultraobjektivismus, der überhaupt
denkbar ist. Wir können nur abwarten, bis der Kapitalismus selbst durch die
Entwicklung gigantischer Produktionsanlagen das Proletariat und seine Arbeit
abgeschafft hat.
e-mail: karl.reitter@univie.ac.at
[ii] John Holloway, „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, Münster 2002, Seite 78
[iii] E. P. Thompson, "Time,
Work-Discipline and Industrial Capitalism" Past and Present, 38 Dec. 1967
[iv] Alfred Sohn-Rethel, „Geistige und körperliche Arbeit“ Frankfurt am Main 1973 Seite 12
[v] Dazu: Alfred Sohn-Rethel, „Das Geld, die bare Münze des Apriori“, Berlin 1990
[vi] Stefan Breuer, „Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation“, Hamburg 1995 Seite 79
[vii] John Holloway, „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, Münster 2002, Seite 158
[viii] Karl Marx: „Produktiver Arbeiter zu sein ist daher kein Glück, sondern ein Pech.“ (MEW 23; 532)
[ix] John Holloway, „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, Münster 2002, Seite 167
[x] e-mail Aussendung vom 30.3.04 von krisisweb@gmx.net
[xi] MEW 23; 55
[xii] „Das Kapital ist von der Arbeit in einer Weise abhängig,
wie die Arbeit nicht vom Kapital abhängig ist. Ohne die Arbeit hört das kapital
zu existieren auf. Die Arbeit wird ohne das Kapital zu praktischer Kreativität,
zu kreativer Praxis, Menschlichkeit.“ John Holloway,
„Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, Münster 2002 Seite 209
[xiii] „Die Idee, die Produktionsweise sei wesensmäßig vom Kapitalismus unabhängig, beruht des weiterten aus einem eindimensionalen, linearen Verständnis von technischen Fortschritt – Fortschritt der Arbeit – der oft dem gesellschaftlichen Fortschritt überhaupt gleichgesetzt wird.“ (116 )
[xiv] Karl Marx, „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“, Frankfurt am Main 1969, Seite 25
[xv] Karl Marx, „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“, Frankfurt am Main 1969, Seite 10
[xvi] Karl Marx, „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“, Frankfurt am Main 1969, Hervorhebung im Original, Seite 24
[xvii] Karl Marx, „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“, Frankfurt am Main 1969, Seite 18
[xviii] MEW 23; 91
[xix] MEW 13; 21
[xx] Theodor. W. Adorno, Soziologie Schriften I, Frankfurt am Main 1979, Seite 14
[xxi] MEW 23; 89
[xxii] Grundrisse, Seite 211, Ausgabe Europäische Verlagsanstalt, ohne Jahresangabe
[xxiii] MEW 23; 445
[xxiv] MEW 23; 459
[xxv] John Holloway, „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, Münster 2002 Seite 63
[xxvi] Cornelius Castoriadis, „Gesellschaft als imaginäre Institution“, Frankfurt am Main 1984, Seite 136
[xxvii] „Totalität ist keine Erfindung herrschsüchtiger Intellektueller, sondern eine Realität, die sich nicht einfach wegdekretieren läßt. Sie manifestiert sich in der Tendenz des Kapitals, „alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen, oder die ihm noch fehlenden Organe aus ihr heraus zu schaffen“ (Gr. 189); sie zeigt sich in der Universalisierung und Globalisierung der dem Kapitalverhältnis eigenen Produktions- und Zirkulationsformen, und nicht zuletzt in der massiven Expansion der experimentellen Wissenschaften, die immer tiefer in die Infrastrukturen der Materie intervenieren und längst keine Grenzen mehr kennen.“ Stefan Breuer, „Die Gesellschaft des Verschwindens“, Hamburg 1995, Seite 9
[xxviii] Grundrisse, Seite 189, Ausgabe Europäische Verlagsanstalt, ohne Jahresangabe
[xxix] Grundrisse, Seite 585, Ausgabe Europäische Verlagsanstalt, ohne Jahresangabe
[xxx] Grundrisse, Seite 586, Ausgabe Europäische Verlagsanstalt, ohne Jahresangabe
[xxxii] Grundrisse, Seite 592f, Ausgabe Europäische Verlagsanstalt, ohne Jahresangabe