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Karl Reitter

Das Kapital wieder lesen.

Eine Alternative zur wertkritischen Interpretation.

 

Dieser Artikel ist Resultat meiner Vorlesung zum Kapital. Die dafür notwendige erneute Lektüre des Marxschen Hauptwerkes führte zur Klärung und schärferen Fassung wesentlicher Marxscher Positionen, die ich hier darstellen möchte. Zugleich reagiert dieser Artikel indirekt sowohl auf die Debatte um die Wertkritik[1], zu der in der  Nr. 16 der „grundrisse“ zwei Texte erschienen sind als auch auf die Auseinandersetzung um das Buch von Michael Heinrich, „Kritik der politischen Ökonomie“ die in der Nr. 11 dieser Zeitschrift bereits geführt wurde. Inzwischen sind auch in der Zeitschrift „Wildcat“ (Nr. 75) zwei interessante und kritische Artikel zu Heinrichs Thesen publiziert, auf die ebenfalls hinzuweisen ist. Dieser Artikel ist aber weniger explizite Kritik als vielmehr positive Darstellung des Marxschen Denkens. Ich möchte das Augenmerk auf drei Aspekte lenken, die nach meiner Auffassung von entscheidender Wichtigkeit sind. Diese drei Momente, die in der Folge ausführlicher dargestellt werden, sind: Erstens der von Marx ganz bewusst herbeigeführte Bruch in der Darstellungsweise des „Kapital“. Zweitens die eigentümliche Doppellgesichtigkeit des Kapitalverhältnisses, sowohl Wertgrößen/Preiszahlen wie auch ein soziales Verhältnis zu sein und drittens der „Springpunkt“ der Ökonomie, der Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert, letztlich das Verhältnis zwischen kapitalistischer Ökonomie und jeder möglichen Ökonomie, welches das gesamte Denken von Marx strukturiert. In letzter Konsequenz lässt sich die hier vertretene Auffassung mit folgender Aussage zusammenfassen: „Mehrwert ist überhaupt Wert über das Äquivalent hinaus, Äquivalent seiner Bestimmung nach ist nur die Identität des Werts mit sich.“ (MEW 42; 243) Das Kapitalverhältnis beruht auf der versuchten und ständig neu zu sichernden Unterwerfung des ihm anderen und fremden: der lebendigen Arbeitskraft. Um als Kapital zu wirken, muss es das Wertverhältnis permanent überschreiten. Daraus folgt, dass alle Begriffe, die Marx entwickelt, letztlich nur aus dem Gegensatz von Kapital und Proletariat verstanden werden können.

 

Von Statik zu Dynamik, von Gleichheit zu Ungleichheit, von WarenbesitzerInnen zu antagonistischen Klassen

 

Marx beginnt das „Kapital“ mit einer scheinbar sehr paradoxen Argumentationsweise. Er setzt mit der Untersuchung der Elementarform der kapitalistischen Produktionsweise - der Analyse der Ware - ein. Er zeigt sowohl den Doppelcharakter der Ware, als auch den Doppelcharakter der Arbeit. Es sind zwei Aspekte derselben Arbeit die als konkrete den Gebrauchswert, als abstrakte den Tauschwert produziert. Diesen inneren Gegensatz von Ware und Arbeit bezeichnet Marx als den „Springpunkt, … um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht, …“ (MEW 23; 56) Nachdem Marx die Substanz des Wertes, die vergegenständlichte abstrakte Arbeit, das Maß des Wertes, die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, dargestellt hat, analysiert er die Form des Wertes. Da die Ware ihr Wertsein nicht an sich selber zeigen kann, benötigt sie eine andere Ware, die sie als ihren Wertausdruck benutzt. Über eine Reihe von Argumentationsstufen zeigt dann Marx, dass es letztlich nur eine Ware sein kann, die als Wertspiegel aller anderen Waren dient – eben die Geldware. Danach lässt Marx die WarenbesitzerInnen auftreten, die ihre Waren für Geld, und dieses Geld wieder gegen Waren austauschen. Diese Zirkulationsform lässt sich als W – G – W darstellen. Zu all diesen Bestimmungen wäre sehr viel zu sagen und zu diskutieren. Entscheidend ist jedoch der argumentative Mangel, das strukturelle Defizit dieses ersten Abschnitts des „Kapitals“. Es lässt sich zwar die Bewegungsform des Kapitals mit G – W – G’ anschreiben, aber nicht mehr erklären. Bei Analyse und Erklärung des Mehrwerts stockt die weitere Darstellung, denn die bisher unterstellten Verhältnisse, vor allem jener These, die Waren würden durchschnittlich zu ihrem Wert getauscht, lasse es nicht zu G’, also den Wertzuwachs zu erklären. „Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen und es kann ebenso wenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muss zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen.“ (MEW 23; 180) Klarerweise ist dieser Krisenpunkt in der Darstellung von Marx ganz bewusst inszeniert. Geradezu genüßlich führt er die Annahmen der einfachen Warenproduktion in die argumentative Krise. All das, was über Wert und Ware, Tausch und Geld bis zu diesem Stand der Darstellung gesagt werden kann, reicht nicht aus, um die Akkumulation des Kapitals zu erklären: Denn aus der blossen Zirkulationsform von Ware und Geld kann der Mehrwert nicht abgeleitet werden. Aber aus Geld (G) mehr Geld (G’) zu machen, ist Zweck und Ziel der kapitalistischen Produktionsweise. Der Mehrwert kann nun nicht kurzschlüssig aus dem Begriff des Kapitals erklärt werden, nach dem Motto: Akkumulation des Kapitals sei eben im Begriff des Kapitals enthalten. Wenn etwa Anselm Jappe schreibt: „In der Tat leitet Marx auch die Schrankenlosigkeit des Kapitals aus dessen Begriff ab.“[2], so überspringt diese Aussage die Analyse des Mehrwerts und setzt das fertige Resultat als Begründung. Marx ist sich eines solchen tautologischen Zirkels wohl bewusst. „Wird gesagt, Kapital ist Tauschwert, der einen Profit produziert oder wenigstens mit der Absicht, einen Profit zu produzieren, angewandt wird, so ist das Kapital zu seiner eigenen Erklärung schon vorausgesetzt, denn Profit ist ein bestimmtes Verhältnis des Kapitals zu sich selbst.“ (MEW 42; 183) Marx läßt nun keineswegs die sozialen Verhältnisse aus dem Begriff entspringen, vielmehr umgekehrt, die sozialen Verhältnisse führen zum Begriff. Um den Mehrwert, um also G – W – G’ begreifen zu können, muss ich ein soziales Verhältnis analysieren. „Das Geheimnis der Plusmacherei muß sich endlich enthüllen.“ (MEW 23; 189)

 

Die Unmöglichkeit, mit den Begriffen der einfachen Zirkulation G’, den Wertzuwachs, zu erklären, resultiert nicht aus der ungenügenden Darstellung, sondern aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, die Marx zu Beginn der Darstellung im „Kapital“ analysiert. Welche Verhältnisse hat Marx im Blick, wenn er Ware und Wert analysiert? Auf welcher Ebene bewegt sich eigentlich die Analyse auf den ersten Seiten des „Kapitals“? Hier hat die Rede des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten – vorgeblich die Methode Marxens im „Kapital“ – einiges an Verwirrung gestiftet. Als schlicht abstrakt können die Ausführungen nicht bezeichnet werden. Waren existieren handgreiflich wirklich und dass Menschen diese besitzen, kaufen und verkaufen, ist trivial konkret. Zudem unterstellt der Terminus „Aufsteigen“ eine fließende, kontinuierliche Entwicklung der Darstellung, stattdessen sind wir mit Krise und Bruch konfrontiert. Tatsächlich ist es die Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, das, was sich auf den ersten Hinblick zeigt, die Marx vor unseren Augen ausbreitet. Es ist nicht irgendeine Zirkulation, es ist die Oberfläche des Kapitalismus. Auf dieser zeigen sich die Ware, das Geld, die WarenbesitzerInnen. Um jedoch zum Kern des Kapitalismus vorzudringen und damit die Oberfläche der Zirkulation tatsächlich verstehen zu können, müssen wir die Perspektive wechseln und in die Produktion vordringen. Das Entscheidende ist also: Wert, Ware, Geld, Warenproduktion und Warenbesitz stellen weder ein theoretische Objekt noch eine gesellschaftliche Form dar, die existieren oder für sich hinreichend analysiert werden kann. Oder, mit Spinoza gesprochen, sie sind völlig ungeeignet, die Essenz des Kapitalismus verständlich zumachen, also dasjenige, ohne das ein Ding weder sein noch begriffen werden kann.

 

Eine, allerdings sehr angreifbare Begründung für die Selbständigkeit der „einfachen Warenproduktion“, legt die so genannte historische Interpretation des Kapitals vor. Diese Sichtweise vertritt die These, die logische Darstellung im „Kapital“ würde die historische Entwicklung wiederholen und es hätte eine Phase in der geschichtlichen Entwicklung gegeben, in der „einfache Warenproduktion“ mit einfachen WarenbesitzerInnen historisch real war. Diese, in sogenannten orthodoxen Kreisen verbreitete Ausfassung, wurde mehrfach widerlegt, unter anderem durch die lesenswerte Arbeit von Nadja Rakowitz „Einfache Warenproduktion“[3]. Tatsächlich treffen wir in vorkapitalistischen Epochen auf Herren und Sklaven, auf Feudaladel und Leibeigene, auf Handwerker und Gesellen aber niemals auf einfache WarenbesitzerInnen. Nun, diese Sichtweise können wir getrost ad acta legen, zumal sie auch innerhalb der Wertkritik nicht akzeptiert wird. Damit verschärft sich das argumentative Problem für die Wertkritik aber beträchtlich. Eine Gesellschaft aus warenproduzierenden WarenbesitzerInnen bestehend könnte sich gar nicht reproduzieren. Anders gesagt, die im ersten Abschnitt des „Kapitals“ analysierte Sphäre der Zirkulation kann gar nicht aus sich selbst begriffen werden. Ich werde im letzten Abschnitt dieses Artikels nochmals genauer darauf eingehen. Halten wir vorerst fest: Isoliert, für sich alleine verwendet, ist der Begriff der Warengesellschaft (Anselm Jappe) wahrlich ein hölzernes Eisen, ebenso sinnvoll, wie den Herrn ohne den Knecht oder die Bewegung der Erde ohne Sonne denken zu wollen.

 

Es ist in der Tat eine unwirkliche Welt, die Marx auf den ersten Seiten des „Kapitals“ ausbreitet. Nicht, dass es an gesellschaftskritischen Momenten fehlen würde. So können wir im Fetisch-Kapitel lesen: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaft dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“ (MEW 23; 86) Erst unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen werden also Arbeitsprodukte zu Waren und ihre Eigenschaft, Träger von Wert zu sein, entpuppt sich als Widerspiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse. Weiters: das Verhältnis der ProduzentInnen zueinander regelt sich durch die Wertgröße ihrer Arbeitsprodukte. Die „… allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten …“ werden eben durch das berühmte Wertgesetz (Definition: Die Waren werden im Durchschnitt zu ihrem gesellschaftlichen Wert getauscht) „… fortwährend auf ihr gesellschaftlich proportionales Maß reduziert …“ (MEW 23; 89) Die Wertkritik findet in diesen Passagen alle jene Stichworte, die sie zu einer kompletten Gesellschaftskritik zusammenfügt: Verkehrung, Schein, Fetisch, verdinglichte, über das Ding Geld vermittelte, soziale Beziehungen. Und doch ist es eine eigentümlich verkürzte Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die uns im ersten Abschnitt entgegentritt. Jede Dynamik fehlt, das rasante, umwälzende der kapitalistischen Produktionsweise bleibt unbegreiflich, ebenso der soziale Konflikt. Warum sollen sich die WarenbesitzerInnen eigentlich in die Haare geraten? Wie sind gesellschaftliche Konflikte, Gegensätze, Widersprüche zu begreifen? Die Antwort: Gar nicht. „Die Sphäre der Zirkulation oder des Warentausches …. war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum ….“ (MEW 23; 189) Freie und gleiche WarenbesitzerInnen, die sich „wechselseitig als Privateigentümer anerkennen“ (MEW 23; 99) tauschen äquivalente Wertgrößen zu ihrem gegenseitigen Nutzen aus. Die Gesellschaft der Waren- und Geldzirkulation kennt keine Klassen und keine Aneignung unbezahlter Mehrarbeit. In reiner Form hat es eine solche Gesellschaft nicht gegeben. Verwirklichbar ist sie nur im Kopf, in den diversen Entwürfen über eine gerechte Gesellschaft von Tauschkreisen.

 

Zwischenbemerkung: Zur vorgeblich verwirklichten Gerechtigkeit im Kapitalismus

 

Auf der Wert- und Warenebene allein erscheint alles seltsam verzerrt. Gleiche und Freie tauschen als WarenbesitzerInnen Äquivalente aus, so können wir im ersten Abschnitt des Kapitals lesen. Dieser Befund hat zu den tollsten Theorien beflügelt. Allen ernstes wird in wertkritischen Kreisen die These vertreten, Gleichheit und Gerechtigkeit seien de facto verwirklicht und daher kein Anknüpfungspunkt für emanzipatorische Politik. Da der Mechanismus der Klassengesellschaft begrifflich im ersten Abschnitt noch nicht entwickelt ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kritik an dieser noch weitgehend unentfaltet bleibt. Wie soll auch Ungleichheit und Unterdrückung auf dieser Stufe der Analyse erscheinen? Daraus zu schließen, dass sie als konstitutive Elemente der kapitalistischen Gesellschaft nicht existieren, ist zumindest eigentümlich. Aber selbst die Gerechtigkeit des Tausches ist selbstredend eine contrafaktische Unterstellung. Die Waren werden durchschnittlich zu ihren Werten getauscht, auch die Ware Arbeitskraft, so die Annahme Marxens. Theoriestrategisch ist es sowohl möglich wie nötig zu unterstellen, dies gelte auch für die Ware Arbeitskraft und ihr Wert werde im gesellschaftlichen Durchschnitt voll bezahlt, „was tatsächlich nicht der Fall ist“ (MEW 19; 360) wie Marx klipp und klar erklärt, im Gegenteil: „In den Abschnitten über die Produktion des Mehrwerts ward beständig unterstellt, dass der Arbeitslohn wenigstens gleich dem Wert der Arbeitskraft ist. Die gewaltsame Herabsetzung des Arbeitslohns unter diesen Wert spielt jedoch in der praktischen Bewegung eine zu wichtige Rolle, um uns nicht einen Augenblick dabei aufzuhalten.“ (MEW 23; 626) Es ist sehr bezeichnend, dass so manche aus dem wertkritischen Milieu nicht zwischen contrafaktischer Unterstellung in der theoretischen Analyse (von Marx als solche auch gekennzeichnet) und realen Verhältnissen unterscheiden können oder wollen und statt dessen machen sie sich mit viel Getöse über diejenigen lustig, die sich auf den Begriff der Gerechtigkeit beziehen.

 

Es ist letztlich der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft, der alles verändert

 

Die Arbeit selbst ist die Anwendung dieser Ware, ihr Gebrauchswert. Arbeit hat als solche keinen Wert, aber sie schafft Wert, indem sie sich in Produkten und Dienstleitungen entäußert und vergegenständlicht. Der Mehrwert entspringt der Differenz zwischen dem Wert der Ware Arbeitskraft und jenem Wert, der durch die ausgeübte Arbeit geschaffen wird. Zwischen dem Kauf der Arbeitskraft und ihrer Anwendung ist strikt zu unterscheiden. Der erste Akt, der Erwerb des Arbeitsvermögens fällt noch ganz in die Sphäre der einfachen Zirkulation. Vom Standpunkt des Proletariats ist der Verkauf der Arbeitskraft einfach der erste Teil der W – G – W Zirkulation. Die Arbeitskraft (W) wird gegen Lohn (G) getauscht, mit diesem Lohn werden nun die nötigen Waren (W) erworben. Die Anwendung dieser Arbeitskraft hingegen fällt aus der Sphäre der einfachen Zirkulation völlig heraus, hat mit Zirkulation und Tausch von Äquivalenten nichts zu tun. „Im Austausch zwischen Kapital und Arbeit ist der erste Akt ein Austausch, fällt ganz in die gewöhnliche Zirkulation; der zweite ist ein qualitativ vom Austausch verschiedner Prozeß, und es ist nur by misuse, daß er überhaupt Austausch irgendeiner Art genannt werden könnte.“ (MEW 42; 201) Dieser zweite Akt ist nun die Anwendung des Arbeitsvermögens. Nun geht es um Art, Dauer und Intensität der Arbeit. Üblicherweise ist der Gebrauch einer Ware eine vorerst unproblematische Sache. Das Buch, das ich erworben habe, lese ich, das gekaufte Kipferl schmause ich zum Kaffee. Mit dem Gebrauch der Ware Arbeitskraft ändert sich die Szenerie vollständig. Die friedliche Gleichheit der Warenbesitzer schlägt in Gegensatz und Kampf um: „Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus einem Arbeitstag zwei zu machen sucht. Andererseits schließt die spezifische Natur der verkauften Ware eine Schranke ihres Konsums durch den Käufer ein, und der Arbeiter behauptet sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgröße beschränken will. Es findet hier also eine Antinomie statt, Recht wieder Recht, beide gleichmäßig durch das Gesetz des Warenaustausches besiegelt. Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt.“ (MEW 23; 249) Dieser Kampf oder soziale Gegensatz ist unmittelbar relevant für die Existenz und Größe des Mehrwerts. Aus der Perspektive der einfachen Zirkulation, also des ersten Abschnitts des Kapitals ist überhaupt kein Gesetz abzuleiten, welches Existenz und Dauer der Mehrarbeit bestimmt. Anders gesagt, Existenz und Größe des Mehrwerts erfordern eine Perspektive, die „der Warenproduktion total fremd ist.“ (MWE 23; 612) Es ist dies die Perspektive der offenen Klassenauseinandersetzung, des Kampfes, der Gewalt aber auch der verschiedene Legitimationsstrategien kapitalistischer Verhältnisse.

 

Doch der Wechsel der Perspektive ist damit nicht abgeschlossen. Durch die Anwendung der Arbeitskraft muss das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit in Herrschaft und Ausbeutung umschlagen. Die WarenbesitzerInnen, die gegenseitig ihre Waren zu gleichen Werten austauschen, entpuppen sich als reine Fiktion. „Der Austausch von Äquivalenten, der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, dass nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden Arbeitsproduktes ist, und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus ersetzt werden muß.“ (MEW 23; 609) Woher auch immer das erste, ursprüngliche Kapital stammte, spätestens nach einer bestimmten Anzahl von Umschlagsperioden muss das gesamte angewandte Kapital aus angeeigneter Mehrarbeit stammen. Die einfache WarenbesitzerIn, die einmal Produkte ihrer eigenen Arbeit am Markt gegen Geld eintauschte, wird zum Kapitalist. „Nicht der Austausch, sondern ein Prozeß, worin er ohne Austausch vergegenständlichte Arbeitszeit, d.h. Wert, erhält, kann ihn allein zum Kapitalisten machen.“ (MEW 42; 243) Die abgepresste Mehrarbeit stellt jedoch alle Verhältnisse der einfachen Zirkulation auf den Kopf. In der einfachen Warenproduktion gehört das Arbeitsprodukt dem Arbeitenden, nun gehört „das Produkt dem Kapitalisten … und nicht dem Arbeiter“; während in der „einfachen Warenproduktion“ noch Äquivalente getauscht werden und Steigerung des Reichtums nur durch vermehrte eigene Arbeit möglich ist, reüssiert nun der Kapitalist einen Mehrwert, der ihm „nichts gekostet hat, und der dennoch [sein] rechtmäßiges Eigentum“ ist. (MEW 23; 611)

 

Die Grenzen des Wertgesetzes I

 

Der Mehrwert entspringt also weder einem gerechten noch ungerechten Tausch, sei er durch Geld vermittelt oder nicht. Seine einzige Quelle ist die Verlängerung des Arbeitstages über die notwenige Arbeitszeit hinaus. Für diese Verlängerung, ebenso wie für die Intensivierung der Arbeit hat das Wertgesetz keinerlei Bedeutung. Während sich also die Größe des Werts der Ware Arbeitskraft, von Marx als variables Kapital bezeichnet, theoretisch aus den Gesetzen des Äquivalententausches bestimmt, ist Quelle wie Größe des Mehrwerts unmittelbar in der Klassenherrschaft fundiert. Nicht zufällig schrieb Marx ein langes und detailreiches Kapitel über den Kampf um den Normalarbeitstag vom 14. bis zum 19. Jahrhundert. Wenn die Quelle des Mehrwerts und daher des Kapitals in der Verlängerung des Arbeitstages über das Maß der notwendigen Arbeitszeit (auf diesen Begriff komme ich noch zurück) beruht, dann ist die Klassenauseinandersetzung um den Arbeitstag keine Begleitmusik zu irgendwelchen Bewegungsgesetzen eines automatischen Subjekts, sondern der den Mehrwert konstituierende Mechanismus selbst. Anders gesagt: Der Abschnitt um den Kampf um den Arbeitstag illustriert oder bebildert kein automatisches Gesetz, vielmehr ist die Verlängerung des Arbeitstages Quelle und Basis des Mehrwerts, das gesuchte Gesetz in reiner Form. Das einzige Gesetz, das die Größe des Mehrwerts bestimmt, ist der Klassenkampf.

 

Das Wertgesetz hingegen regelt ausschließlich die Wertgröße einer Ware, die in den Warentausch eingeht. Der Mehrarbeit steht kein Äquivalent gegenüber, ihre Aneignung ist kein Austausch. Daher kann die Mehrarbeit auch nicht durch dieses, hinter dem Rücken der Menschen wirkende, Gesetz geregelt werden. Zu behaupten, das Wertgesetz sei das Hauptgesetz der kapitalistischen Produktionsweise verwandelt es buchstäblich in einen Fetisch; es soll etwas sein, was es nicht ist.

 

Klassenverhältnisse sind Wertgrößen/Preiszahlen und umgekehrt

 

In einer Vorarbeit zum „Kapital“, in „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ finden wir eine Passage, die für das Marxsche Verständnis von Ökonomie sehr erhellend ist. Er politisiert gegen eine Reihe von zeitgenössischen Positionen, um seine Kritik letztlich auf jenen Punkt hinzuführen, dass die bürgerliche Theorie das Verhältnis von Wert, Wertgröße und sozialer Beziehung nicht fassen kann: „Sie bricht hervor in dem Geständnis naiver Verwunderung, wenn bald als gesellschaftliches Verhältnis erscheint, was sie eben plump als Ding festzuhalten vermeinten, und dann wieder als Ding sie neckt, was sie kaum als gesellschaftliches Verhältnis fixiert hatten.“ (MEW 13; 22) Diese Kritik ist so aktuell wie je. Die bürgerliche Ökonomie erklärt einerseits ökonomische Größen mit ökonomischen Größen (selbstverständlich mit den Methoden höherer Mathematik), andererseits anerkennt sie eine subjektive Dimension, in der ein mehr oder minder komplex konzipiertes wertschätzendes, kalkulierendes, rational handelndes, Erwartungen und Risken abwägendes Subjekt eingeführt wird. (Bei diesem Subjekt kann es sich klarerweise nicht nur um ein Individuum handeln, sondern auch um eine Gruppe, z.B. Gewerkschaften, Staaten, Konzerne usw.) Das soziale Verhältnis bleibt dabei außerhalb der Betrachtungsweise. Marx hingegen will die Identität wie Nichtidentität von Wert und Sozialbeziehung aufzeigen. Soziale Verhältnisse reflektieren sich in der Wertdimension ebenso wie umgekehrt, Größe und Form des Wertes soziale Verhältnisse bestimmen.

 

Schon der Wertbegriff selbst entspringt einem sozialen Verhältnis, nämlich der geldvermittelten Tauschbeziehung, „voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten“ (MEW 23; 87). Der Wert, die scheinbare Eigenschaft von Dingen, reflektiert also ein soziales Verhältnis von gleichartigen und gleichwertigen WarenbesitzerInnen die sich „wechselseitig als Privateigentümer anerkennen“. (MEW 23; 99) Um jedoch den Mehrwert als soziales Verhältnis zu dechiffrieren, müssen sich die WarenbesitzerInnen als KapitalistInnen und Proletarier zu erkennen geben. Das soziale Verhältnis als Wertverhältnis zu bestimmen, bedeutet über die soziale Beziehungen des Kapitalismus zu sprechen. Mehrwert und daher Kapital ist das Klassenverhältnis in dinglicher Form und umgekehrt. Diese Bestimmung ist so elementar bei Marx, dass keine Interpretation dies ignorieren kann.

 

Im Kapitalismus nimmt Herrschaft eine dingliche, sachliche Form an. Herrschaft ist also primär indirekt, sachlich. Doch um welche Sache handelt es sich, welche Dinge dienen der Herrschaft? Marx gibt darauf im „Kapital“, vor allem im 13. Kapitel, eine sehr ausführliche und klare Antwort: Es ist das konstante Kapital in seiner sachlichen Form als Industrie und große Maschinerie. Unter konstantem Kapital versteht Marx den in Rohstoffen, Maschinerie und sonstigen Produktionsmitteln investierten Kapitalteil. Die Herkunft dieses Kapitalteils ist klar, es ist der in früheren Produktionszyklen angeeignete Mehrwert, der nun in Form von Arbeitsmitteln und Rohstoffen in die Produktion eingeht. Dieses konstante Kapital, die vergegenständlichte Arbeit spielt, wie die lebendige Arbeit selbst, eine Doppelrolle: Jede produktive Tätigkeit erfordert bestimmte materielle Mittel, mögen sie umfangreich oder bescheiden sein. Doch neben dieser sozusagen unschuldigen Rolle kommt ihnen in der kapitalistischen Produktionsweise eine explizite Funktion zu: nämlich die Klassenherrschaft auf eine sachliche, materielle Basis zu stellen.

 

Marx bezieht seine Analyse des Maschineneinsatzes auf eine spezifische Umbruchssituation in der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise. Warum konnte der eigentliche take of des Kapitalismus nicht schon während der Manufakturperiode erfolgen? Von der Form her war die Manufaktur bereits ein kapitalistisches Moment. Im Prinzip beruhte die Organisation der Arbeit noch auf handwerklichen Verfahren, allerdings wurde der Arbeitsprozess bereits in viele Teilabschnitte zerlegt. Trotzdem erwies sich diese formelle Subsumtion des Arbeitsprozesses unter die Kapitalverwertung als unzureichend, um diese neue Produktionsweise gesellschaftlich durchzusetzen. Es stellt sich also die Frage nach Grund und Ursache. In seiner Antwort verweist Marx auf die geringe Wirksamkeit der sachlichen Mittel der Herrschaft in dieser Phase: Das Kapital konnte letztlich die für sie notwendige Arbeitsdisziplin nicht durchsetzen, „Durch die ganze Manufakturperiode läuft daher die Klage über den Disziplinmangel der Arbeiter.“ (MEW 23; 390) Es gelang dem Kapital weder „sich der ganzen disponiblen Arbeitszeit der Manufakturarbeiter zu bemächtigen“ noch die „Ein- und Auswandrung der Arbeiter“ (MEW 23; 390) unter Kontrolle zu bekommen. Erst der Einsatz der Maschinerie änderte das Kräfteverhältnis zugunsten des Kapitals.

 

Im langen, ausführlich geschriebenen 13. Kapitel, das Marx direkt auf die Analyse der Manufakturperiode folgen lässt, zeigt Marx im Detail, dass das Kapital in der damaligen Epoche seine Produktionsweise nur durch den Einsatz der Maschinerie überhaupt stabilisieren und letztlich durchsetzen konnte. Dies erlaubte es dem Kapital, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Einmal konnte es durch die Anwendung des Arbeiters durch die Maschine, die notwendige Disziplin gewährleisten, zum anderen stellte die so erreichte Intensivierung der Arbeit die adäquate Antwort auf die nicht mehr zu verhindernde „Beschränkung“ des Arbeitstages auf 11 oder gar nur 10 Stunden täglich dar: „Sobald die Verkürzung des Arbeitstages, welche zunächst die subjektiven Bedingungen der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähigkeit des Arbeiters, mehr Kraft in gegebner Zeit flüssig zu machen, zwangsgesetzlich wird, wird die Maschine in der Hand des Kapitals zum objektiven und systematisch angewandten Mittel, mehr Arbeit in derselben Zeit zu erpressen.“ (MEW 23; 434) An einer anderen Stelle schreibt Marx kurz und bündig: „Das Arbeitsmittel erschlägt den Arbeiter.“ (MEW 23; 455) Die Maschinerie wird, „als feindliche Potenz laut und tendenziell vom Kapital proklamiert und gehandhabt. Sie wird das machtsvollste Mittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals.“ (MEW 23; 459)

 

Das konstante Kapital, sachlich wie wertmäßig Produkt der lebendigen Arbeit, wird zum Mittel der Unterwerfung eben dieser Arbeit. Diese Verkehrung nennt John Holloway „Fetischismus“, das „Tun“ gerät unter die Herrschaft des „Getanen“, die lebendige Arbeit unter das Diktat und die sachliche, instrumentelle Macht des konstanten Kapitals. „Im Kapitalismus wird das Getane vom Tun getrennt, und gegen das Tun gewendet.“ (Holloway 2002; 58) Die Argumentationsfigur der Entfremdung und Verkehrung aus den Marxschen Frühschriften findet in den Abschnitten zum konstanten Kapital ihre elaborierte Einlösung. „Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum des Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw. ...“ (MEW 23; 465) Beachtenswert sind die Sprache und die Figuren des Umschlagens. „Der Mensch“ agiert als Subjekt wie Objekt, das Resultat der eigenen Arbeit verkehrt sich ins Gegenteil, aus Verkürzung wird Verlängerung, aus Reichtum Armut und vor allem aus dem „Sieg des Menschen“ die Unterjochung. Oder anders gesagt, aus der lebendigen Arbeit wird tote Arbeit, konstantes Kapital. In den Frühschriften wurden diese Gedanken noch in einer anderen Sprache formuliert:  „Wir haben den Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit, nach zwei Seiten hin betrachtet. 1. Das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt der Arbeit als fremden und über in mächtigen Gegenstand.“ (MEW Erg. 1; 515) Aber was ist das Produkt der Arbeit anderes als Waren, die nicht ihm gehören, die ihm kapitalisiert als konstantes Kapital als feindliche Macht entgegentreten, als Produktionsmittel in der Hand des Kapitalisten, das ihn zum ständig erneuten Verkauf seiner Arbeitskraft zwingt? „2. Das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion innerhalb der Arbeit. Dies Verhältnis ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eigenen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben, … als ein wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit.“ (MEW Erg. I; 515) Und was ist diese zweite Bestimmung der Entfremdung im Manuskript von 1844 anderes, als eine etwas schwülstige Beschreibung der Lohnarbeit?

 

Profitrate

 

Die Profitrate ist jener Faktor, um den sich das Kapital in einer Umschlagsperiode vermehrt. Ihre Formel lautet: Mehrwert dividiert durch die Summe des konstanten und variablen Kapitals (m/c + v). Diese Formel besteht einerseits aus Wertgrößen, somit aus allgemeinen Zahlen die als Rechengrößen fungieren können. Die Profitrate ist also auch ein mathematischer Ausdruck. In dieser Funktion wird sie innerhalb wie außerhalb des marxistischen Diskussionsfeldes verwendet,  modifiziert usw. Das ist klarerweise ein legitimes Vorgehen, soziale Verhältnisse stellen sich eben auch in Wertgrößen und Preiszahlen dar. Zugleich fasst aber die Profitrate sowohl das Klassenverhältnis zwischen dem Arbeitslohn und der Mehrarbeit als auch das Verhältnis des konstanten Kapitals zur lebendigen Arbeit zusammen. Wie wir gesehen haben, entspringt der Mehrwert vollständig der erzwungenen Ausdehnung wie Intensivierung des Arbeitstages. Dass es Mehrwert überhaupt gibt, resultiert wiederum aus der bloßen Existenz von Klassen. Eine soziale Existenz, die ausschließlich auf die Lohnarbeit ausgerichtet ist, ist nicht selbstverständlich und muss daher immer wieder sozial und politisch durchgesetzt werden. Ein wesentliches Mittel dazu ist eben das konstante Kapital. Das Resultat der Arbeit geht in die Hände der Kapitalistenklasse über, so sichern sie sich das Monopol auf die Produktionsmittel. Zugleich wird es in konkreter Form als Kontroll- und Disziplinarmittel in der Produktion eingesetzt. Die Arbeit im Kapitalismus produziert also die Mittel zur weiteren Durchsetzung und Sicherung des Klassenverhältnisses. Ich fürchte, ich wiederhole mich bereits, wenn ich darauf verweise, dass diese Größen keineswegs vollständig aus dem Wertgesetz, das hinter dem Rücken der Menschen wirkt, abgeleitet werden können. Insgesamt gesehen oszilliert die kapitalistische Produktionsweise zwischen Sphären, die durch das Wertgesetz bestimmt, und solchen, die es nicht sind. Als Klassenverhältnisse sind sie immer durch Gegensatz und Konflikt bestimmt, sie können keine letzte, in sich ruhende Form finden. Die Profitrate und ihre Entwicklung ausschließlich als Resultat von Wertgrößen zu interpretieren ohne deren Fundierung im Klassengegensatz zu thematisieren, transformiert das Marxsche Denken letztlich auf die Ebene einer bürgerlichen Faktorenanalyse. Wer bloß vom „automatischen Subjekt“ (MEW 23; 169) und dem Wertgesetz spricht, versucht mit einer Schwarz-Weiß Kamera, Farbbilder aufzunehmen. Aber das Argument, die Bilder der Kamera würden beweisen, dass Rot und Grün bloße Grautöne seien, überzeugt nicht wirklich.

 

Das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist die Produktion von Klassen, Klassenkampf der Kampf gegen das zur-Klasse-gemacht-werden

 

Das Wechselspiel von angeeignetem Mehrwert und Akkumulation dieses Mehrwerts wäre höchst unzureichend dargestellt, wenn nicht der letztlich entscheidende Punkt betont wird: Das wesentliche Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist sie selbst. Produktion der kapitalistischen Produktionsweise bedeutet zu allererst die aktive Produktion der Klassen. In vielen linken und marxistischen Kreisen wird fälschlicherweise angenommen, die Produktion der Klassen wäre mit der ursprünglichen Akkumulation im 18. Jahrhundert abgeschlossen. Holloway hat für diese unrichtige Auffassung ein treffendes Bild entworfen. Der Kapitalismus sei wie Frankenstein einst historisch geschaffen worden, nun sei er eben „da“. „Der Kapitalismus existiert nicht deswegen heute, weil wir ihn vor zweihundert oder einhundert Jahren erschaffen haben, sondern weil wir ihn heute erschaffen haben.“ (Holloway 2004; 6) Kapitalisten sowie das Proletariat existieren nicht einfach, sondern werden tagtäglich produziert, und zwar auf vielfältige Weise. Im Zusammenspiel sachlich vermittelter Herrschaft, dem zwanglosen Zwang der Verhältnisse so wie direkter, bewusster politischer Intervention wird permanent das Proletariat produziert.

 

Marx zeigt es ausführlich und an zahlreichen historischen Beispielen: „Früher macht das Kapital, wo es im nötig schien, sein Eigentumsrecht auf den freien Arbeiter durch Zwangsgesetze geltend. So war z.B. die Emigration der Maschinenarbeiter bis 1815 bei schwerer Strafe verboten.“ Und Marx verallgemeinert: „Wie sehr der Kapitalist das Dasein einer solchen geschickten Arbeiterklasse unter die ihm zugehörigen Produktionsbedingungen zählt, sie in der Tat als die reale Existenz seines variablen Kapitals betrachtet, zeigt sich, sobald eine Krise deren Verlust androht.“ (MEW 23; 599) Marx kann natürlich nur Beispiele aus seiner Epoche anführen: „Daher Wakefields Kolonietheorie, von der englischen Regierung in Australien in der Praxis befolgt. Das Grundeigentum wird hier künstlich (!) verteuert, um die Arbeiter in Lohnarbeiter zu verwandeln, das Kapital als Kapital wirksam zu machen und so die neue Kolonie produktiv zu machen; … „ (MEW 42; 204)

 

Die gegenwärtige Form, in der die Kapitalisten politisch ihren Anspruch auf Existenz ihres tatsächlichen und potentiellen „variablen Kapitals“ durchsetzen, unterscheidet sich klarerweise von den Maßnahmen des 18. und 19. Jahrhunderts in England. Doch die politische Form der Durchsetzung zählt unabdingbar zur „reinen Form“ des Kapitalverhältnisses, und kann nicht unter die spezifische, historische Besonderheiten gereiht werden. Wir sind jetzt geradezu Lichtjahre von den Unterstellungen der „einfachen Warenproduktion“, vom ersten Abschnitt des Kapitals entfernt. Und als ob Marx bestimmte spätere Interpretationen geahnt hätte, beharrt er auch auf der Tatsache, dass dieses Verhältnis sich niemals in eine anonyme Struktur verflüchtigen kann, sondern an Personen mit Fleisch und Blut gebunden ist. „Im Begriff des Kapitals ist der Kapitalist enthalten.“ (MEW 42; 420) „Das Kapital ist daher wohl von einzelnen Kapitalisten trennbar, nicht von dem Kapitalisten, der als solcher dem Arbeiter gegenübersteht.“ (MEW 42; 225) Marx zeigt im Detail, wie sowohl Größe und Ausmaß des Mehrwerts unmittelbar sowohl durch politische Auseinandersetzungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene (10 Stunden Bill) wie auch dem scheinbar unpolitischen Konflikt auf betrieblicher Ebene (Disziplin) entspringen. Er zeigt aber auch weiters, dass die Bourgeoisie ständig Status wie Reproduktion der ArbeiterInnenklasse politisch, ökonomisch und moralisch sicherzustellen versucht. Marx gibt zahlreiche Bespiele sowohl für die Methoden der Produktion des Proletariats, als auch für den Kampf dagegen. Die Intervention der Bourgeoisie nimmt oftmals die Form der Gesetzgebung an, mit der einerseits verhindert werden soll, dass die Arbeitskraft dem Kapital nicht mehr bedingungslos zur Verfügung seht (Gesetze die die Migration regeln oder den Rückzug in Subsistenzwirtschaft verhindern sollten, Versuche, die Flucht in das Bildungssystem zu unterbinden usw.). Andererseits scheut das Kapital nicht davor zurück, mehr oder minder offene Formen der Zwangsarbeit durchzusetzen. Die bewusste politische Intervention ist genuiner Aspekt der abstrakten Gesetze des Kapitals. Es sind also materielle, ideelle und politische Mittel, die das eigentliche Resultat des Kapitalismus bewirken. „Der kapitalistische Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet, oder als Reproduktionsprozeß, produziert nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der anderen den Lohnarbeiter.“ (MEW 23; 604)

 

Die Wertkritik will oder kann nicht erkennen, dass der Widerstand gegen das zur Klasse gemacht werden, die Opposition gegen die lebenslange Einpressung in das Lohnarbeitsverhältnis, den entscheidenden Inhalt des Klassenkampfes ausmacht. Dabei befindet sie sich durchaus in guter Gesellschaft mit dem von ihr salopp und pauschal abgekanzelten Traditionsmarxismus. Es ist schon grotesk: Gerade in dieser entscheidenden Frage geht die Wertkritik mit dem, was sie zu überwinden vorgibt, völlig konform. Mit der Epoche der ursprünglichen Akkumulation sei alles abgeschlossen: Klassen sind halt eben da, das sei im Kapitalismus eben so. Dass aus diesem reichlich naiven und unkritischen Blickwinkel kein adäquater Begriff des Klassenkampfes entwickelt werden kann, wundert nicht. 

 

Der Springpunkt der Kritik der politischen Ökonomie, oder das Verhältnis zwischen kapitalistischer Ökonomie und jede Ökonomie

 

Auf den Springpunkt der politischen Ökonomie, auf den Doppelcharakter von Arbeit und Ware wurde bereits verwiesen. Jetzt ist es nötig, diese Bestimmung näher zu betrachten. Marx thematisiert die Dimensionen von Gebrauchswert und Tauschwert unter zweifachen Gesichtspunkten, einerseits als von einander unabhängig, andererseits durch ihren Gegensatz bestimmt. Die Wertkritik hingegen versucht ihre unmittelbare Identität zu begründen, wie der Wert, so auch der Gebrauchswert. So schreibt etwa Christian Höner: „Tatsächlich ist der Gebrauchswert dem Diktat des Werts gleich mehrfach unterworfen. Zum einen wird nur das hergestellt, was sich auch verwerten bzw. indirekt über die Verwertung realisieren lässt. Zum anderen beherrscht das Verwertungsdiktat den Produktionsprozess selber. Maschinerie wie Produkt sind unter dem Gesichtspunkt der Verwertung organisiert. Es ist der Produktion wie dem Produkt anzusehen, dass sie unter dem Diktat abstrakter betriebswirtschaftlicher Effektivität realisiert werden.“[4] Weder der Gegensatz noch die Eigenständigkeit des Gebrauchswerts wird bedacht, statt dessen versinkt alles im Grau in Grau des abstrakten Wertes.

 

Werden Gebrauchswert wie Tauschwert für sich betrachtet, zeigt sich, dass beide Dimensionen keineswegs notwendig Aspekte des Selben sind und sich dialektisch bedingen. Während es möglich und nötig ist, den Gebrauchswert auch unabhängig von der gesellschaftlichen Form der Arbeit zu betrachten, ist dies beim Tauschwert nicht möglich. Dies ergibt sich schon aus dem (unterschiedlichen) Naturanteil am Gebrauchswert. „Die Natur ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum) als die Arbeit…“ (MEW 19; 15) Solange das Arbeitsprodukt nicht Ware wird, solange kommt ihm nur ein Gebrauchswert zu, produziert durch konkrete Arbeit. Im Gegensatz dazu kann es keinen Tauschwert ohne Gebrauchswert, keine abstrakte Arbeit ohne konkrete geben. Marx sagt dies sehr klar, vielleicht mit zuwenig theoretischem Pomp, möglicherweise zu schlicht und zu unauffällig. „Ein Ding kann Gebrauchswert sein, ohne Wert zu sein. … Ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein. … Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein.“ (MEW 23; 55) Wir haben also ein eindeutiges Fundierungsverhältnis, die Gebrauchswertdimension ist die Bedingung für die Tauschwertdimension, aber keineswegs umgekehrt. „Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“ (MEW 23; 57) Wie die Wertkritik, die dazu tendiert, sowohl den Tauschwert als auch den Gebrauchswert und die konkrete Arbeit als Spezifikum des Kapitalismus zu interpretieren, mit diesen Passagen umgeht, ist wahrlich ihr Problem. „Die Produktion von Gebrauchswerten oder Gütern, ändert ihre allgemeine Natur nicht dadurch, dass sie für den Kapitalisten und unter seiner Kontrolle vorgeht. Der Arbeitsprozeß ist daher zunächst unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form zu betrachten.“ (MWE 23; 192) Marx meint also nicht nur, dass es möglich ist, den Arbeitsprozess unabhängig von bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen zu betrachten, sondern dass es ebenso sinnvoll und erkenntnisfördernd ist. „Auf der einen Seite nennen wir die Elemente des Arbeitsprozesses verquickt mit den spezifischen gesellschaftlichen Charakteren, die sie auf einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe besitzen, und auf einer anderen Seite fügen wir ein Element hinzu, das dem Arbeitsprozess unabhängig von allen bestimmten gesellschaftlichen Formen, als einen ewigen Prozess zwischen Mensch und Natur überhaupt zukommt.“ (Resultate… 25)

 

Kein Begriff, sei es Ware, Tauschwert oder Gebrauchswert kann auf der Ebene der einfachen Zirkulation, also vor der Analyse der Mehrwertproduktion, wirklich voll entfaltet werden. Im ersten Abschnitt kann Marx nur zeigen, wie sich diese Begriffe aus der Perspektive der Zirkulationsoberfläche darstellen. Ihre Tiefendimension kann erst im Kontext des Klassengegensatzes verstanden werden, auf der Stufe der einfachen Zirkulation sind diese Gegensätze noch nicht voll entwickelt. Gebrauchswert wie Tauschwert erscheinen hier noch als verschwindendes Moment der Zirkulation. In der Zirkulation W – G – W fällt die letzte erworbene Ware durch ihre Konsumation aus der Zirkulation heraus. „Wenn die Ware a gegen Geld b ausgetauscht und dieses gegen die zur Konsumation bestimmten Ware c – das ursprüngliche Objekt des Austausches für a, so fällt der Gebrauch der Ware, ihr Konsum ganz außerhalb der Zirkulation; geht die Form des Verhältnisses nichts an; …“ (MEW 42; 200) Als Endpunkt der Zirkulation W – G – W wird der Gebrauchswert der erworbenen Waren zum verschwindenden Moment der Zirkulation. Auch der Tauschwert verschwindet, kann sich nicht halten. „Es kann nicht gesagt werden, daß in der einfachen Zirkulation der Tauschwert als solcher realisiert wird. Er wird immer nur realisiert im Moment seines Verschwindens.“ (MEW 42; 184) Das allgemeine Äquivalent, Geld, ist nur erlöschender Vermittler der Tauschbewegung, es kann sich nicht fixieren, nicht vermehren. Daher kann auch Marx über die Zirkulationsform W – G – W sagen: „Ein wirkliches Verhältnis von Tauschwert und Gebrauchswert fand nicht statt.“ (MEW 42; 195) Jetzt wird wohl klarer, warum Ausdrücke wie „Warenproduktion“ „Herrschaft der Ware“ (so der Titel eines wertkritischen Seminars) oder „Warengesellschaft“ wirklich hölzerne Eisen darstellen.

 

Der „Springpunkt“ der politischen Ökonomie ist auf der Stufe der Zirkulationsoberfläche des Kapitalismus zwar bereits relevant, doch die Extreme sind noch nicht voll entfaltet. Die gesellschaftliche Form von Gebrauchswert wie Tauschwert, vor allem ihr Verhältnis zueinander kann auf der Stufe der „einfachen Wareproduktion“ noch gar nicht wirklich erkannt werden. Erst als Klassenverhältnis entfaltet sich der Gegensatz. „Daß es Zustände gibt, worin selbstarbeitende Eigentümer miteinander Tauschen, wird certenly nicht geleugnet. Solche Zustände aber sind nicht die Zustände der Gesellschaft, worin das Kapital als solches entwickelt existiert; … Als Kapital kann es sich nur setzen, indem es die Arbeit als Nicht-Kapital, als reinen Gebrauchswert setzt.“ (MEW 42; 214) Aus der Perspektive der Zirkulationsoberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Gebrauchswert tatsächlich bloß als Nützlichkeit eines Dinges und fällt streng genommen aus der Sphäre der Ökonomie heraus. In der Zirkulation G – W – G’ hingegen tritt der Gebrauchswert in die Mitte, er ist nun tatsächlich im vollen Sinn Gegensatz zum Kapital. In der einfachen Identität mit sich selbst, als bloßer Wert, kann sich das Kapital nicht vermehren. Um seinem Begriff zu entsprechen, bedarf es des Gebrauchswerts. „Mehrwert ist überhaupt Wert über das Äquivalent hinaus, Äquivalent seiner Bestimmung nach ist nur die Identität des Werts mit sich. Aus dem Äquivalent heraus kann daher nie der Mehrwert entsprießen; … er muß aus dem Produktionsprozess des Kapitals selbst entspringen.“ MEW 42; 243) Wert und Kapital können definitiv nur existieren und akkumulieren, wenn das Kapital sich (Tausch)Wertfremdes unterwerfen kann. Der mit sich selbst identische Wert ist undenkbar. Und Marx setzt auch diese hier zitierte Passage mit der Darstellung der äquivalentlosen Einsaugung der lebendigen Arbeit fort: „Die zweite Hälfte des Arbeitstags ist Zwangsarbeit…“ (MEW 42; 244)

 

Die Nützlichkeit des Gebrauchswerts findet im Kapitalverhältnis ihre präzise und abschließende Bestimmung: „Die einzige Nützlichkeit, die ein Gegenstand überhaupt für das Kapital haben kann, kann nur sein, es zu erhalten oder zu vermehren.“ (MEW 42; 195) Auch wenn die Diskussion um den Charakter der Gebrauchswerte der im Kapitalismus produzierten Dinge durchaus sinnvoll ist, kann eine sozialphilosophische Debatte über den Gebrauchswert dessen eigentlichen Charakter wohl nicht übergehen. „Der einzige Gebrauchswert daher, der einen Gegensatz zum Kapital bilden kann, ist die Arbeit.“ (MEW 42; 198) Während aus der Perspektive der einfachen Warenzirkulation Gebrauchswert wie Tauschwert eben als zwei entgegensetzte Bestimmungen der Ware erscheinen, entfaltet sich dieser Gegensatz zum direkten Antagonismus: Über den Gebrauchswert zu sprechen bedeutet also über den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft, über das lebendige Arbeitsvermögen zu sprechen. Erst als Gebrauchswert der Arbeitskraft tritt uns dieser Begriff in seiner Vollbedeutung entgegen, ebenso wie der Wert nur als Kapital begriffen werden kann.[5] Wir sehen also: über Wert und Ware zu räsonieren ohne über Kapital und Klassen zu sprechen, führt zu einer völligen Unterbestimmung des Gebrauchswerts. „Als Kapital kann es sich nur setzen, indem es die Arbeit als Nicht-Kapital, als reinen Gebrauchswert setzt.“ (MEW 42; 214) Als sich verwertender Wert ist das Kapital fundamental auf „Arbeit als Subjektivität“ (MEW 42; 197) angewiesen. Und so wiederholt sich auf höherer Ebene das ursprüngliche Verhältnis von Gebrauchswert und Tauschwert, während das Kapital immer das lebendige Arbeitsvermögen benötigt, benötigen wir keinesfalls das Kapital. Während die Gebrauchswerte der Waren durch den Konsum mehr oder minder rasch verschwinden – und damit auch der Wert – ist das Verhältnis bei der Arbeitskraft umgekehrt: Ihr Gebrauch erhält Wert und schafft neuen Wert.

 

Der Begriff der notwendigen Arbeit

 

In Begriff der „notwendigen Arbeit“ (MEW 23; 553) formuliert Marx den Aspekt der Produktivkraft der Arbeit als vom Kapital unabhängig und Produktionsformationen übergreifend. Notwenige Arbeit meint nun jenes Quantum, das in jeder vergangenen und zukünftigen Gesellschaft erforderlich ist, um Leben und Reproduktion der Menschen zu sichern. „Den Teil des Arbeitstages also, worin diese Reproduktion vorgeht, nenne ich notwendige Arbeitszeit, die während derselben verausgabte Arbeit notwenige Arbeit. Notwenig für den Arbeiter, weil unabhängig von der gesellschaftlichen Form der Arbeit.“ (MEW 23; 230f) Der Ausdruck „notwendige Arbeit“ wird von Marx ganz explizit synonym mit den Begriffen „Variables Kapital“ sowie „Wert der Arbeitskraft“ (MEW 23; 553) verwendet. Marx verwendet jedoch nicht zufällig drei verschiedene Ausdrücke. Diese mehrfache Terminologie reflektiert verschiedene Gesichtspunkte. Als variables Kapital, als Arbeitslohn, kann es aus der Perspektive der einfachen Zirkulation entwickelt werden. Der Begriff der notwendigen Arbeit jedoch transzendiert Wert, Ware und Kapitalverhältnis. Marx gibt dafür ein nettes Beispiel im „Kapital“. Ob die Verhältnisse auf den „östlichen Inseln des asiatischen Archipelagus“ tatsächlich so waren, wie sie Marx der Literatur entnommen hat, sei dahingestellt. Uns geht es hier um das Verständnis des Begriffs „notwendige Arbeit“: „Gesetzt, ein solcher ostasiatischer Brotschneider brauche 12 Arbeitsstunden in der Woche zur Befriedigung aller seiner Bedürfnisse. Was ihm die Gunst der Natur unmittelbar gibt, ist viel Mußezeit. Damit er diese produktiv für sich selbst verwende, ist eine ganze Reihe geschichtlicher Umstände, damit er sie in Mehrarbeit für fremde Personen verausgabe, ist äußerer Zwang erheischt.“ (MEW 23; 538) Nachdem die kapitalistische Produktionsweise sich auch in diesen Teil der Erde ausbreitete, war es klarerweise mit der Muße zu Ende. Die Mehrarbeit, die zugleich den Mehrwert produziert, erweist sich als erzwungene Verlängerung des Arbeitstages über das Ausmaß der notwendigen Arbeitszeit hinaus. Und auch hier stoßen wir auf das Ungleichgewicht, den Springpunkt der Kritik der politischen Ökonomie. Der Begriff der notwendigen Arbeitszeit ist auch ohne Rekurs auf kapitalistische Verhältnisse sinnvoll. Umgekehrt jedoch kann der Kapitalismus nur als Überschreitung begriffen werden, als erpresste Mehrarbeit über das notwendige Ausmaß der Arbeitszeit hinaus.

 

Der Begriff der produktiven Arbeit

 

Diese doppelte Betrachtungsweise der Arbeit ist auch beim Begriff „produktive Arbeit“ relevant. Ein und dieselbe Arbeit kann sowohl produktiv wie unproduktiv sein, obwohl sie haargenau dieselben Gebrauchswerte produziert. „Arbeit desselben Inhalts kann daher produktiv und unproduktiv sein.“ (Resultate… 70) Marx gibt dazu ein kleines Bespiel: „Ein Schulmeister, der andre unterrichtet, ist kein produktiver Arbeiter. Ein Schulmeister, der als Lohnarbeiter in einem Institut mit andren engagiert ist, um durch seine Arbeit das Geld des Entrepreneurs der knowledge mongering institution zu verwerten, ist ein produktiver Arbeiter.“ (Resultate… 70) Auf der Ebene des Gebrauchswerts gibt es keinen Unterschied, wohl aber auf der Ebene der Wertproduktion. Auch jener Schulmeister, der bloß „andere unterrichtet“ vermehrt Wissen und Kenntnisse. Auch ein mit Spenden finanziertes Programm zur Senkung der Analphabetenrate produziert gesellschaftliche Wirkung, ist konkrete nützliche Arbeit, auch wenn sie keinerlei Kapital vermehrt und im engen Sinne also unproduktive Tätigkeit ist. Da der Ausdruck produktive wie auch unproduktive Arbeit auf ein- und dieselbe Tätigkeit bezogen werden kann, enthält dieser Begriff nichts Wertendes. „Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient.“ (MEW 23; 532) Der Terminus „produktiv“ wird strikt auf die Essenz des Kapitalismus, die Aneignung unbezahlter Mehrarbeit bezogen. Wird die konkrete Arbeit für sich betrachtet, so spricht Marx zumeist von nützlicher Arbeit. „Darin ist schon zugegeben, daß nur die Arbeit, die Kapital produziert, produktiv ist; daß also die Arbeit, die das nicht tut, wie nützlich sie immer auch sein mag – sie kann ebenso schädlich sein – für die Kapitalisierung nicht produktive, hence unproduktive Arbeit ist.“ (MEW 24; 226f, Hervorhebung im Original) Mir kommt es hier darauf an, auf die strikte doppelte Thematisierung der Arbeit bei Marx hinzuweisen. Einerseits ist sie immer auf die Produktion des abstrakten Werts zu beziehen, andererseits ist sie – als konkrete Arbeit – auch unabhängig davon zu betrachten. „Die Unfähigkeit den Arbeitsprozess selbstständig und doch zugleich als eine Seite des kapitalistischen Produktionsprozesses zu begreifen….“ (Resultate… 27) Wird diese „zwieschlächtige Natur“ (MEW 23; 56) der Arbeit verneint, wird zugleich der Kern der Marxschen Auffassungen verneint.

 

Produktivkräfte = etc.

 

Aber wie steht es nun mit der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit? Auf den ersten Blick scheint dieses Thema geradezu ein Eldorado der hegelianisierenden Marxinterpretation zu sein. Dies stellt sich üblicherweise folgendermaßen dar: Um einen Extramehrwert zu erzielen, versucht jedes individuelle Kapital die Produktivkraft der Arbeit in seinem Betrieb zu erhöhen. Das geschieht durch den Einsatz neuer und verbesserter Maschinen (immer unter der Voraussetzung, das die Gesamtinvestitionssumme sinkt). Nach und nach verbreitet sich das neue Produktionsverfahren. Der individuelle Vorteil, der Extramehrwert verschwindet, das Spiel beginnt von vorne. Als Resultat ergibt sich – ungewollt – eine allgemeine Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit, das Werk der List der Vernunft. Zugleich scheint die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise aus der strengen Immanenz des Kapitalverhältnisses zu rühren. Michael Heinrich scheint dieser Darstellung zuzustimmen, wenn er resümierend schreibt: „Die entscheidende Steigerung der Produktivkraft der Arbeit wird durch die Verwendung von Maschinen erreicht.“ (Heinrich 2004; 108) Diese Sichtweise erlaubt umgekehrt KritikerInnen des Marxschen Denkens von Fortschrittsoptimismus, Industriefetischismus zu sprechen, oder vom Umschlagen der Produktivkräfte in Destruktivkräfte, eine Entwicklung die Marx nicht erkennen konnte, weil er ein fortschrittsoptimistischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts gewesen sei …. usw. usf. Der Verdacht, hier würden notwendige Unterscheidungen verwischt und nicht genügend berücksichtigt wird, unter anderem dadurch erhärtet, dass Marx gerade im Abschnitt, in dem er den Mechanismus des Extramehrwerts analysiert (MEW 23; 334 – 340), den Begriff der Maschine mit keinem Wort erwähnt! Das mag verwundern, aber es ist so. Marx formuliert hingegen ganz lakonisch: „Es gelänge nun einem Kapitalisten, die Produktivkraft der Arbeit zu verdoppeln…“ (MEW 23; 335) Wo und wodurch lässt Marx offen.

 

Um erkennen zu können, dass die Entwicklung der Produktivität keineswegs untrennbar mit dem Mechanismus der Mehrwertproduktion verklammert ist, ist es nötig sehr genau und präzise, die einzelnen Aspekte des Themenkreises Produktivität zu differenzieren. Zwischen der unmittelbaren Produktivkraft der Arbeit (A) und den sie bewirkenden Momenten (B) ist strikt zu unterscheiden.

 

(A) Die Produktivkraft der Arbeit ist ein Zeitmaß. Die Produktivität der Arbeit ist gleich der konkreten Arbeitszeit, die für die Produktion eines Gutes nötig ist. Steigt die Produktivkraft so sinkt die Arbeitszeit, fällt die Produktivkraft, so steigt sie. Wird der Arbeitstag als fixe Ausgangsgröße angenommen so gilt daher: je höher die Produktivkraft, desto mehr Güter können in derselben Zeit hergestellt werden. Die Produktivkraft der Arbeit ist für die Wertproduktion unmittelbar relevant. Sinkt die notwendige Arbeitzeit, so sinkt auch der produzierte Wert und umgekehrt.

 

(B) Davon sind die Momente zu unterscheiden, die auf die Produktivkraft einwirken, also alle Umstände, Verhältnisse die bewirken, dass die notwendige Arbeitszeit sinkt oder steigt. Es ist eben nicht nur ein Moment, etwa der Einsatz von Maschinen, sondern eine ganze Reihe von letztlich unabschließbaren und niemals vollständig zu nennenden Einflüssen, die auf die Produktivkraft der Arbeit einwirken und sie bestimmen. Marx drückt dies unter anderem durch das etc aus, mit der er seine Aufzählungen provisorisch beendet. „Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderem durch das Geschick der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel und durch Naturverhältnisse.“ (MEW 23; 54) Die Steigerung der Produktivkräfte der Arbeit „…resultieren von Wissenschaft, Erfindungen, Teilungen und Kombination der Arbeit, verbesserten Kommunikationsmitteln, Schaffung des Weltmarkts, Maschinerie etc. …“ (MEW 42; 229)

 

Das Entscheidende ist nun: diese Faktoren gehen keineswegs wertbildend in den Produktionsprozess ein. Eigentlich müsste diese Aussage für MarxleserInnen eine Selbstverständlichkeit sein, nicht zuletzt deshalb, weil Marx immer wieder die Wirksamkeit der Naturverhältnisse für die Arbeitsproduktivität nennt. Freilich tritt die Natur als Faktor im Zuge der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung zurück und Faktoren wie Entwicklung der Technik, die allgemeine gesellschaftliche Kommunikation, Bildung usw. kurzum der General Intellect  wird immer bedeutender. Um es nochmals zu betonen: Diese Faktoren bestimmen zwar die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, gehen aber als solche nicht in den Wert der produzierten Waren ein. „Einmal entdeckt, kostet das Gesetz über die Abweichung der Magnetnadel im Wirkungskreis eines elektrischen Stroms oder über die Erzeugung von Magnetismus im Eisen, um das ein elektrischer Storm kreist, keinen Deut.“ Und in der Fußnote setzt er hinzu: „Die Wissenschaft kostet dem Kapitalisten überhaupt ‚nichts’, was ihn durchaus nicht hindert, sie zu exploitieren.“ (MEW 23; 407) Der verbrauchte elektrische Strom geht wohl als Teil des konstanten Kapitals in den Wert der Ware ein, aber nicht die Entdeckung und Erforschung des Stroms. Die Arbeitszeit, die es kostet, eine Maschine zu konstruieren und zusammenzubauen geht wohl in ihren Wert ein, aber nicht die allgemeinen gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Produktionsarbeit. Aber ohne Entwicklung der Schrift, ohne Entwicklung der Mathematik, der Naturwissenschaft usw. gäbe es diese Arbeit, die eine bestimmte Maschine konstruieren kann (und die in Folge bei ihrem konkreten Einsatz die Produktivkraft jener Arbeit steigert, die diese Maschine verwendet), gar nicht. Die tatsächlich zu verausgabende Arbeitszeit bei der Konstruktion dieser Maschine ist das Messbare, die „Mächte der Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen  Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs“ (MEW 42; 602), die die Fähigkeiten eben dieser Arbeit bewirken, sind das Unmessbare. Der Anteil der Schrift am Arbeitsvermögen lässt sich ebenso wenig herausrechen wie der Anteil der internationalen Vernetzung, die Formen der Arbeitsteilung, Kooperationen usw. Ein derartiges Maß wirkt auch nicht hinter dem Rücken der Produzenten. Diese Faktoren erscheinen zwar als Produktivkraft des Kapitals, fallen dem Kapital jedoch kostenlos und automatisch in den Schoß.

 

Daher ist die oben zitierte Aussage von Heinrich, die entscheidende Steigerung der Produktivkraft der Arbeit würde durch Einsatz der Maschine bewirkt, irreführend. Gewissermaßen werden die Umstände, die auf die Produktivkraft der Arbeit einwirken und die Produktivkraft einer bestimmten, konkret ausgeübten Arbeit, kurzgeschlossen. Mit Focus auf die Maschine scheint die Produktivkraft unmittelbar mit dem Wertgesetz verknüpft. Denn die Maschine wird nur dann eingesetzt - und in diesem Punkt hat Heinrich völlig recht - wenn die Investitionssumme aus konstantem plus variablen Kapital sinkt, und nicht, wenn Konstruktion und Einsatz rein technisch möglich wären. Die allgemeinen Voraussetzungen der Produktivkraft der Arbeit erscheinen jedoch nicht wertbildend in der Produktion, im Gegensatz zur tatsächlich angewandten Arbeit.

 

Im sogenannten Maschinenfragment in den „Grundrissen“ antizipiert Marx meiner Meinung nach eine Entwicklung, in der die beiden analytisch zu trennenden Aspekte der gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitzeit, also das Maß der Produktivkraft der Arbeit einerseits und die Voraussetzungen, die die Produktivkraft der Arbeit bestimmen andererseits, völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Das Verhältnis zwischen Produktivkraft (der Arbeit) und Produktivkräften (der Faktorenreihe) ist kein statisches. Marx versucht einen möglichen gesellschaftlichen Zustand zu antizipieren, in dem eben der gesellschaftliche Hintergrund so bedeutend wird, dass die tatsächliche Arbeitszeit tendenziell zu vernachlässigen wäre. Das Bestimmende wird überaus wesentlicher als das Bestimmte. Wenn die Produktivkraft der Arbeit durch die „Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden“ massiv steigt, und wenn weiters auch die Produktion der „powerful effectiveness - selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet“ (MEW 42; 600), dann wird das Unmessbare immer wesentlicher und das Messbare zum verschwindenden Faktor. Die allgemeinen gesellschaftlichen Voraussetzungen und Verhältnisse für die Produktivkraft der Arbeit sind so bedeutend, dass die tatsächlich benötigte Arbeitszeit dagegen unwesentlich wird. Ob und welchem Ausmaß sich die gesellschaftliche Entwicklung diesem Zustand annähert, möchte ich hier offen lassen. Worauf es mir ankommt, ist die Tatsache, dass die Dimension des Wertmaßes, also die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, bestimmt durch die konkrete Produktivkraft der Arbeit auf Momenten beruht, die jenseits des Wertgesetzes als allgemeine, nicht lokalisierbare und nicht messbare gesellschaftliche „mannigfache Umstände“ (MEW 23; 54) gegeben sind. Das gilt laut Marx für jede Gesellschaft.

 

Die Grenzen des Wertgesetzes II – verliert es an Geltung?

 

Unter anderem wird von Antonio Negri die These vertreten, das Wertgesetz könne im Postfordismus nicht mehr als (Mit)Regulator von Produktion wie Distribution angenommen werden. Wir haben bereits gesehen, dass die Existenz wie Größe der Mehrarbeit, mithin des Mehrwerts und daher letztlich das Kapital, ausschließlich durch den Klassengegensatz bestimmt wird. Das einzige Gesetz, wenn man dieses Verhältnis überhaupt Gesetz nennen kann, ist eben der Klassenkampf, der sich konkret als Kampf gegen das Hineinpressen in die Lohnarbeit mittels mannigfacher Mittel manifestiert – die Palette reicht von offenem Zwang zu verschiedenen imaginären Formen. Gewalt ist hier das Gesetz in reiner Form, sei es als zwangloser Zwang der Verhältnisse, sei es durch direkte Machtausübung. Es ist nun freilich richtig, dass bei der Realisierung des Mehrwerts, sprich beim Verkauf der Waren und Dienstleistungen wieder das Wertgesetz relevant wird. Wir finden also das Wertgesetz an den Polen der Kapitalzirkulation G – W – G’. Sowohl beim Einkauf der Rohstoffe wie der Arbeitskraft ist das Wertgesetz zu unterstellen, ebenso beim Verkauf des Warenkapitals. Die Zirkulationsform ist detaillierter auch als  G –  (W-konstant, W-variabel) … P … W’ – G’ anzuschreiben. Der Produktionsprozess beginnt mit der Zirkulation G –  (W-konstant, W-variabel), der in Vorperioden angeeignete Mehrwert wird gegen Arbeitslöhne sowie Produktionsstoffe getauscht, dann folgt die eigentliche Produktion (P), der Ware wird zusätzlicher Wert durch die lebendige Arbeitskraft hinzugeführt, dann der Verkauf des Warenkapitals. Sowohl die erste als auch die letzte Metamorphose (W’ – G’) kann als durch das Wertgesetz geregelt bestimmt werden. Die eigentliche Aneignung der unbezahlten Mehrarbeit fällt jedoch begrifflich außerhalb des Kreises des Wertgesetzes. Negri meint hingegen, auch die erste und die letzte Metamorphose finde keineswegs auf dem Boden und den Gesetzen der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, der Warenzirkulation statt. Obwohl ich dies in Zweifel ziehe, im entscheidenden Punkt stimme ich überein: das Klassenverhältnis, die Ausbeutung besitzt kein Maß. Das Klassenverhältnis kann letztlich nur ein direkt Politisches sein. Auch wenn der Kapitalist X sowohl beim Einkauf der Arbeitskraft sowie des konstanten Kapitalteils, als auch beim Verkauf des produzierten Warenplunders auf das Wertgesetz als Regulationsgröße stößt; Maß und Form der Ausbeutung können nur politisch von der Gesamtklasse der KapitalistInnen durchgesetzt und organisiert werden. Da es für die Größe des Mehrwerts kein ökonomisches Gesetz gibt (im Gegensatz für die einfache Zirkulation der Waren) kann es sich nur um ein unmittelbar soziales Verhältnis handeln, das ohne das Dazwischentreten einer vermittelten Instanz (Wertgesetz) aus dem Klassenkampf resultiert. Die Thesen Negris bereiten also nur jenen wirkliche Probleme, die meinen, die kapitalistische Produktionsweise würde insgesamt und seit Anbeginn an durch das Wertgesetz geregelt, eine Auffassung, die den Marxschen Ausführungen diametral entgegensteht.

 

Zugleich spricht auch einiges für die These von Negri. Wenn es stimmt, dass die allgemeinen Faktoren, die die Produktivkraft der Arbeit bestimmen, verglichen mit der tatsächlich aufzuwenden Arbeitszeit immer wesentlicher werden, wenn also der von Marx in den Grundrissen antizipierte gesellschaftliche Zustand eintritt, dass die „riesigen Gesellschaftskräfte“ zum wesentlichen Faktor werden, muss die Bedeutung der gesellschaftlich durchschnittlich notwenigen Arbeitszeit als Maß des Warenwertes notwendig sinken. Allerdings, und dafür spricht auch einiges, wird es das Kapital nicht einfach hinnehmen, dass die Faktoren der Arbeitsproduktivität seiner Kontrolle entgleiten. Es ist wohl kein Zufall, dass neben dem Verkauf von Waren die juridische Durchsetzung von Rechtsansprüchen, Patenten, Lizenzen kurzum die Rentenform ein wesentlicher Hebel der Kapitalakkumulation wird. In diesem Zusammenhang ist auch die These von Paolo Virno so bemerkenswert: Neben dem Kommando über die tatsächlich ausgeübte Arbeit wird die Befehlsgewalt über das reine Arbeitsvermögen für die Herrschaft des Kapitals offenbar immer wichtiger. Und eben weil das Verfügen nicht nur über die konkret geleistete Arbeit, sondern über das Vermögen selbst, über Potenz, dynamis der Arbeitskraft wesentlich wird, ermöglicht und erfordert dies so etwas wie Biopolitik: „Die Biopolitik ist nur ein Effekt, eine Nachwirkung oder eben eine Ausformung des vorgängigen – historisch und philosophischen – Umstandes, der darin besteht, dass das Vermögen als Vermögen entäußert und erworben wird.“ (Virno; 2005; 116) Die Herrschaft des Kapitals wird von der bloßen Anwendung der Arbeitskraft (durch die Methoden der relativen wie absoluten Mehrwertproduktion) auf diese selbst ausgeweitet, andererseits zeigt sich zugleich die ganze politische und schöpferische Dimension des Arbeitsvermögens: „Die potenzielle Dimension der Existenz erlangt eben nur in Gestalt der Arbeitskraft die entsprechende Bedeutung.“ (Virno 2005; 116) Verweisen die aktuellen Formen des Klassenkampfes der Bourgeoisie nicht doch auf die Erosion des Wertgesetzes?

 

Mit diesen Überlegungen haben wir uns ein wenig von der Rezeption des „Kapitals“ entfernt. Es ist mir auch kein Problem, viele Fragen offen zu lassen. Entscheidend ist, Begriffe und Thesen anzubieten, die es einmal überhaupt erlauben, Prozesse zu erkennen und diese in angemessener Form diskutierbar zu machen. Und an der Fähigkeit, dies zu leisten, ist jedes Denken zu messen.

 

Von Entgegensetzungen, Konflikten und Kämpfen zum Monismus des Werts

 

Die zumeist recht plakativ formulierte These von der Bedeutungslosigkeit des Klassenkampfes in wertkritischen Kreisen, beruht letztlich auf der monistischen Einebnung der Entgegensetzungen, der Zerrissenheit, der Disharmonie der kapitalistischen Gesellschaft. Die Fremdheit von Kapital und lebendiger Arbeit wird wegtheoretisiert. Es ist letztlich der mit sich selbst identische abstrakte Wert, in dem alles verschwindet. Die soziale Wirklichkeit entpuppt sich als Variation des Immergleichen. Der Wert ist überall, alles ist der Wert. Die Schranke der Kapitalakkumulation findet ihre Grenze nur in sich selbst. Der Wert stürzt sich letztlich selbst in die Krise. Der Monismus der Ökonomie ist nicht neu: Wir finden ihn massiv vertreten im bürgerlichen Denken. Die Eigenlogik der Ökonomie erfordere eine Rationalität, ein Steuerungsmedium, eine Handlungslogik. „Geldrechnung, nicht aktueller Geldgebrauch, ist daher das spezifische Mittel rationaler Beschaffungswirtschaft.“ (Weber 1976; 45) Das ist von Max Weber, der sich in wertkritischen Kreisen nicht zufällig einer bestimmten Beliebtheit erfreut. Nur, was bei Weber (möglicherweise) eher affirmativ gedacht, wäre im Sinne der Wertkritik kritisch zu interpretieren. Die Gesellschaft ist eingeebnet, ohne Spannung, ohne treibende Konflikte, ohne das Unbeherrschbare. Die Wahrheit der Eindimensionalität des ökonomischen Feldes sei von AutorInnen wie Weber erkant worden, nun gelte es diese Einsicht kritisch zu wenden. Diese Sichtweise muss darauf hinauslaufen, Marx zu unterstellen, er hätte auf seine Analysen den Klassenkampf quasi aufgepfropft. „Mehrwert ist überhaupt Wert über das Äquivalent hinaus, Äquivalent seiner Bestimmung nach ist nur die Identität des Werts mit sich.“ (MEW 42; 243) Aber was ist jenseits des Äquivalents?

 

E-mail: k.reitter@gmx.net

 

Zitierte Literatur, Verzeichnis der Sigeln

 

MEW = Marx Engels Werke, Berlin 1964ff

Resultate… = Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt 1969

 

Marx, Karl; „Das Kapital, Band 1“ = MEW 23

- „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ = MEW 42

- „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“  = Resultate…

Holloway, John; (2002), „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ Münster

-(2004) „Aufhören, den Kapitalismus zu machen“, Wien, grundrisse # 11

Virno, Paolo; (2005), „Grammatik der Multitude /Die Engel und der General Intellect“, übersetzt von Klaus Neundlinger, Wien

 

 



[1] Für sich genommen sind die Grundlagen der Wertkritik nicht all zu komplex. Wertkritik beruht einfach auf dem Verfahren, die Entgegensetzung von Tauschwert und Gebrauchswert, von konkreter und abstrakter Arbeit, von Arbeits- und Verwertungsprozess monistisch einzuebnen. Der gesellschaftliche Horizont bleibt jener der einfachen WarenbesitzerInnen, mit allen verbundenen contrafaktischen Unterstellungen (Gleiche und Freie tauschen Äquivalente aus). Da der ganze Prozess jedoch der Bewegung G – W – G´ unterliegt, unterliege die gesamte Gesellschaft und alle Klassen gleichermaßen dem Fetisch und der Entfremdung, dem Diktat des automatischen Subjekts. That’s it.

[2] http://www.balzix.de/a-jappe_Kap%204%20-%20Krise%20-%20End_08-2005.html

[3] Nadja Rakowitz, „Einfache Warenproduktion. Ideologie und Ideal“, Freiburg 2000

[4] http://www.streifzuege.org/str_autor_hoener_einf.html

[5] Wenn wertkritische AutorInnen über den Gebrauchswert räsonieren, so bleibt wie nicht anders zu erwarten, der Gebrauchswert im eigentlichen Sinne, eben jener der Arbeitskraft, außerhalb des Blickfeldes. Die „Fähigkeit, Vermögen seiner Leiblichkeit“ (MEW 42; 208), kurzum das Arbeitsvermögen, „absolut gleichgültig gegen ihre besondere Bestimmtheit, aber jeder Bestimmtheit fähig“ (MEW 42; 218), wird auf derselben Ebene wie die fixierte Eigenschaft von „Brötchen“ abgehandelt: „Der Gebrauchswert gibt nur in einem abstrakten Sinn Nützlichkeit an: Nützlichkeit überhaupt.“ Es ist im Grunde unglaublich, dass die „potentia“ (MEW 23; 192) des lebendigen Arbeitsvermögens mit der Eigenschaft toter Dinge zusammengeworfen wird. Zudem wird eine völlig sinnlose gedankliche Abstraktion als gesellschaftlich konstitutiv behauptet. Aber auch zum Gebrauchswert der Ware selbst finden sich recht abenteuerliche Aussagen: „Marx nennt die konkret-sinnliche Gestalt der Ware den Gebrauchswert. Bei Marx ist der Gebrauchswert noch eine überhistorische Kategorie.“ Hier ist wohl alles durcheinander gebracht worden. Diese zwei Sätze widersprechen sich. Ware ist die Elementarform der kapitalistischen Produktionsweise. Das wird auch von der Wertkritik so gesehen, die die historische Lesart des Kapitals strikt ablehnt. Wenn nun Marx, wie es Christian Höner behauptet, den Gebrauchswert als Merkmal der Ware bestimmt, denn ordnet er den Gebrauchswert einer ganz bestimmten historischen Epoche zu und bestimmt ihn eben dadurch keineswegs als überhistorisch. Logisch wäre gewesen, wenn der Autor geschrieben hätte: Marx bestimmt den Gebrauchswert als Merkmal des Arbeitsproduktes schlechthin, dann hätte der Folgesatz gepasst. Da aber Höner den Mythen der Wertkritik folgt, wonach Arbeit und Gebrauchswert Spezifika des Kapitalismus darstellen, schreibt er im ersten Satz diese Auffassung Marx zu, um im zweiten dann seine tatsächliche Position wiederzugeben. Marx ist natürlich keineswegs blind gegenüber der Tatsache, dass der je spezifische Gebrauchswert die Merkmale der Epochen trägt. Immerhin nimmt er auch Branntwein und die christliche Bibel als Warenbeispiele. Ob Marx den Branntwein für einen überhistorischen Gebrauchswert hält, darüber wäre nach dem Genuss einiger Stamperln wohl zu diskutieren, aber die Bibel? Den LeserInnen wird eine feine dialektische Formulierung angeboten, die das Verhältnis schlussendlich klärt: „Der Gebrauchswert ist nur die Konkretion der Abstraktion des Werts.“ Diese Aussage ist mir freilich zu hoch, aber „Konkretion der Abstraktion“, das klingt schon nach was. Im Grunde versucht Höner einfach die Realabstraktion vom Gebrauchswert zum Tauschwert, den Marx im „Kapital“ unterstellt, wenn er von der Gleichsetzung der Produkte als Werte spricht (Verg. MEW 23; 88), umzudrehen. Alle Zitate aus: http://www.streifzuege.org/str_autor_hoener_einf.html