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Karl Reitter
Traurige
Ratlosigkeit. Bemerkungen zur Kritik am Grundeinkommen von Markus Koza und Angela Klein.
In einem Beitrag in der „SoZ“
(Sozialistische Zeitung, Frankfurt) schreibt Angela Klein über das
Grundeinkommen[1],
wie es von Götz Werner propagiert wird, in der „akin“ (Wien) Markus Koza über diese Forderung an eine Wortmeldung von Bernhard Redl anknüpfend[2]. Mit
diesen Beiträgen meldet sich eine Linke zu Wort, die das Grundeinkommen
durchwegs ablehnt. Ihre Kritik lässt jedoch keine Alternative erkennen, sondern
besticht durch weitgehende Resultatlosigkeit. Hier ist keine Gegenrede am Werk,
die die Thesen des Gegenübers kritisch aufnimmt und in einer neuen Lösung
aufhebt und überwindet. Der Stil der Aussagen entspricht der Gedankenwelt.
Gelangweilt wird aus dem ABC des Marxismus zitiert, einige Szenarien
beschworen, die durch die Einführung des Grundeinkommens zu erwarten wären und
Versatzstücke mit fast hörbarem Seufzer über die Zusammenhänge von Steuern,
Produktion und Verteilung zu Papier gebracht – das alles müsste der Linken doch
klar sein, aber leider… angesichts der Forderung nach dem Grundeinkommen müsse
halt wieder an das Elementare erinnert werden: Wer zahlt’s
letztlich? Die ArbeiterInnenklasse.
Zur vorgeblich geringen
Radikalität des Grundeinkommens
Was sind eigentlich die Ziele des Grundeinkommens? Der Zwang
zur Lohn- und Erwerbsarbeit soll möglichst aufgehoben und alle Tätigkeiten, vor
allem auch die unentlohnten, gesellschaftlich anerkannt werden. Zudem
formuliert das Grundeinkommen ein Distributionsprinzip, das auch in einer
nachkapitalistischen Gesellschaft Grundlage der Verteilung des geschaffenen
Reichtums sein könnte.[3] Dem wird
entgegengehalten, das sei alles zu wenig radikal, das taste das Eigentum an
Produktionsmitteln nicht an und ob das Grundeinkommen den „Arbeitszwang“
(Angela Kein) wirklich aufhebe, sei von der Höhe abhängig. Zweifellos, als
gesellschaftliche Institution bleibt die Lohnarbeit einmal bestehen, die Frage
nach dem Eigentum an Produktionsmitteln wird nicht umfassend gestellt (obwohl
Produktionsmittel keineswegs ausschließlich mit industriellen
Produktionsanlagen gleichgesetzt werden können). Darüber hinaus löst ein
bedingungsloses Grundeinkommen keineswegs die Frage nach den Strukturen einer
nachkapitalistischen Ökonomie. Welche Alternativen skizzieren nun die
KritikerInnen des Grundeinkommens? Wie greifen sie den Impuls auf, der von der
Vorstellung, „in Freiheit tätig zu sein“ (so lautete das Motto des großen
Kongresses zum Grundeinkommen letzten Herbst in Wien) ausgeht?
Spielen wir mit offenen Karten. Vor zwanzig, dreißig Jahren
hätte jenes Denken die Alternativen lauthals hinausposaunt: Von Verstaatlichung
unter ArbeiterInnenkontrolle in der trotzkistischen Variante bis zu
Staatsplanwirtschaft unter Führung der Partei; die Alternativen wären nur so
aus dem Text gepurzelt. Die Staatsplanwirtschaft hat jedoch als
emanzipatorisches Konzept jämmerlich Schiffbruch erlitten. Die für Linke
zweifellos bitteren Erfahrungen der russischen wie chinesischen Revolution ließen
alte Gewissheiten obsolet erscheinen. Wenn sich die gesellschaftliche
Alternative aus den bestehenden Tendenzen heraus entwickeln muss – und in
diesem Sinne können wir heute noch LeninistInnen sein –, dann sind die
Strukturen, die an der postfordistischen Produktionsweise anknüpfen und diese
emanzipatorisch weiter entwickeln, nicht wirklich klar und eindeutig erkennbar.
In Wirklichkeit ist alles offen, die Rolle von Plan, Markt,
Entscheidungsstrukturen, Steuerungsmechanismen, die Rolle der Repräsentation,
Politik, alles ungeklärt in der gesellschaftlichen Transformation. Wir sind
aktuell auf den Widerstand zurückgeworfen, auf den Kampf um Würde, gegen die
Zumutungen und Zurichtungen.
Was ich an der linken Kritik am Grundeinkommen so ärgerlich
finde ist nicht, dass die KritikerInnen über keine klaren Vorstellungen
möglicher Alternativen verfügen, sondern dass sie so tun, als hätten sie
welche. Wenn etwa Angela Klein von „einem demokratischen Gemeinwesen, in dem
der Mehrheitswille respektiert“ wird schreibt, so verrät schon die
Formulierung, dass hier eine nichtssagende Floskel produziert wird. Erneuert
wird damit bloß das (das) Phantasma,
„danach“ wäre alles anders. Marcus Koza mimt den
Geheimnisvollen, wenn er behauptet, seine Überlegungen seien nicht so simpel
wie die Forderung nach dem Grundeinkommen. Worin seine Konzepte im Gegensatz zu
den „einfachen Lösungen“ nun bestünden, wird aber nicht verraten. Ein paar
Phrasen und eine verschämte Erinnerung an das, was einst so klar schien – und
das soll uns überzeugen? Das kühne Konzept der Eroberung der
Staatsmacht und der Errichtung einer Planwirtschaft schrumpft zum Votum für
soziale Infrastruktur, Lohnerhöhung (für jene, die noch ein reguläres
Arbeitsverhältnis haben), Arbeitszeitverkürzung (für jene, die überhaupt noch
in Vollzeitbeschäftigung tätig sind), und für den Rest wird ein gesicherter
fordistischer Sozialstaat vorgeschlagen. Sollen dies die zukunftsorientierten
Forderungen sein, deren Radikalität das Grundeinkommen überflügelt?
Die forsche Frage nach dem Eigentum an Produktionsmitteln –
der das Grundeinkommen vorgeblich ausweicht – bleibt selbst unbeantwortet. Wie
verunsichert diese Linke ist, zeigt sich an der völlig passiven und bloß
reaktiven Forderung nach Verstaatlichung. Hände weg! Hände weg von dem kleinen
bisschen Rest, das der postfordistische Umbau des Staates noch übrig gelassen
hat. Hände weg von der Wasserversorgung und der Müllabfuhr. Sich an den
fortgeschrittensten produktiven Bereichen zu orientieren würde jedoch bedeuten,
die Verstaatlichung von Google, von Microsoft und des Internets zu fordern.
Aber auch diese Problematik wird nicht thematisiert und diskutiert. In einem
vagen Irgendwie werden der Staatssektor und seine Aktivitäten dem
Grundeinkommen alternativ gegenübergestellt.
Ich sage dir, was für dich
emanzipatorisch ist
Die Lohnarbeit, so Martin Koza,
gilt es „ja tatsächlich zu überwinden“. Schön, aber wie? Wie ist es hier und
heute möglich, den Zwang zur Lohnarbeit zumindest zu relativieren, wenn nicht
durch das bedingungslose Grundeinkommen? Und wieder: nichts, keine Antwort,
keine Perspektive, keine Forderung. Statt dessen
schmuggelt sich unter der Hand die alte These sein, so übel sei die Lohnarbeit
ja auch wieder nicht. Ermöglicht sie nicht die Teilhabe an der Gesellschaft,
sei sie nicht Bedingung für Emanzipation? Lassen wir vorerst den guten Marx
beiseite, der über die Lohnarbeit schrieb: „Ihre Fremdheit tritt darin rein
hervor, daß, sobald kein Zwang existiert, die Arbeit
als eine Pest geflohen wird.“ (MEW Erg.1; 514) Das Grundeinkommen formuliert
keine absolute Kritik der Lohnarbeit, was ihr von verschiedenen Seiten ja
wieder zum Vorwurf gemacht wird. Das Grundeinkommen greift jedoch die absolute
Definitionsmacht über die Arbeit und Reichtumsproduktion an. Gerade jenseits
der Lohnarbeit ist Arbeit, gesellschaftlich nicht anerkannt, ignoriert,
entwertet in jedem Sinne des Wortes. Diese anzuerkennen, bedarf es des
Grundeinkommens. Wie und wodurch sonst kann die Gesellschaft Tätigkeiten
anerkennen, die den Markt nicht berühren wollen oder können. Wie und wodurch
kann sie institutionell anerkennen, dass der kapitalistische Sektor der
Ökonomie keineswegs den gesamten Reichtum produziert?
Nach wohl einem guten halben Dutzend Podiumsdiskussionen zum
Grundeinkommen in linken Kontexten wage ich vorauszusagen, wie der Diskurs
weiterläuft. Zuerst entrückt die Nichtlohnarbeit aus dem Blick. Hausarbeit,
künstlerische, wissenschaftliche, soziale, mediale Tätigkeiten verschwinden aus
der Ökonomie. Dann werden die emanzipatorischen Effekte der Lohnarbeit
entdeckt. Plötzlich ist der Zwang zur Lohnarbeit relativiert. Der nächste
Schritt hängt zumeist von der gesellschaftlichen Rolle der SprecherInnen ab.
Dass Koza wie Klein an diesem Punkt nicht mehr
mitziehen, möchte ich ihnen solidarisch unterstellen. „Im Fortgang der
kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus
Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als
selbstverständliche Naturgesetze anerkennt.“ (MEW 23; 765) Nun beginnt die
zweite Natur zu sprechen und fordert unabdingbar Lohnarbeit, je mehr, desto
besser. Genügen die sanften Hinweise auf die emanzipatorischen Qualitäten der
Lohnarbeit nicht – die das Grundeinkommen ja keineswegs kategorisch verneint –
erscheint die Keule des „was die Leute eigentlich so wollen“. Wie gesagt, alles
eine Frage der Integration in das Establishment der RednerInnen. Wer sei schon
für das Grundeinkommen? Ein kleines Grüppchen, eine Minderheit, versponnene
KünstlerInnen, politische AbenteuerInnen.
Indirekt ist in den angesprochenen Artikeln auch dieser
unerträglich advokatorische Gestus enthalten. Wir, und dieses Wir beansprucht
keine quantitative oder qualitative Geltung, wir wollen das Grundeinkommen. Und
was antworten uns Marcus Koza wie Angela Klein? Eurer
Wunsch nach Grundeinkommen ist Unfug, das ist abzulehnen. Eure Forderung kann
nur zum bösen Erwachen führen. Wir, die ExpertInnen in Sachen Emanzipation und
sozialer Prozesse, sagen euch das noch einmal ganz geduldig. Schminkt euch also
diese Forderung rasch ab, wollt ihr weiter von uns ernst genommen werden.
In guter Gesellschaft
Obwohl die Forderung nach 800 Euro Grundsicherung der SPÖ
Lohnarbeitszwang und Kontrolle des Staates einschließt, brach ein Sturm der
Entrüstung los. Selbst die vage Möglichkeit, dem Zwang zur Lohnarbeit zu
entkommen, dürfe nicht geduldet werden. Eine ganze Reihe von Artikel,
Stellungnahmen und Fernsehsendungen folgte. Obwohl die Grundsicherung
Bedingungslosigkeit strikt ausschließt, begegnet die ÖVP mit folgender Aussage
vorbeugend einem gar nicht existierenden und ausgesprochenen Konzept der
offiziösen Politik: „Ein Rechtsanspruch auf ein Grundeinkommen ohne Arbeit
kommt für die ÖVP nicht in Frage.“[4] Der Schatten des
bedingungslosen garantierten Grundeinkommens genügt, und die Repräsentanz der
Bourgeoisie erkennt, was Sache ist. Die in der Debatte verwendeten Ansichten
und Auffassungen ermöglichen einen Vorgeschmack auf eine mögliche
Auseinandersetzung, sollte die Einführung des
Grundeinkommens tatsächlich in Reichweite sein. Es wäre interessant, im Detail
zu analysieren, was in diversen Stellungnahmen, Foren und Artikeln so über
Arbeit, Legitimation von Einkommen, Reichtum, sozialen Transfers und
politischer Akzeptanz geäußert wurde.
Dass die Argumente pro Grundeinkommen tatsächlich
ideologisch übergreifend sind, gilt noch mehr für die Kritik. Befreien wir die
Argumente von ihrem spezifischen politischen Stallgeruch, so zeigt sich eine
breite Phalanx, die verblüffend ähnliche Argumentationsfiguren benützt: „Das
von Ihnen geforderte Grundeinkommen weist eine starke bis gänzliche Aufweichung
des ausgewogenen Verhältnisses von Leistung und Beträgen auf. Ebenso ist es im
Grundansatz leistungsfeindlich und verwässert den Wert, den Arbeit für die
Menschen in ihrem Leben darstellt. Es ist unseres Erachtens mit dem Respekt vor
der Würde der Person nicht vereinbar, von vorneherein und ohne Wissen näherer
Umstände jedem Mitglied der Gesellschaft die Fähigkeit abzusprechen, zunächst
für den eigenen angemessenen Unterhalt selbständig und selbstverantwortlich
sorgen zu können. Damit nehmen Sie dem Einzelnen seine sinngebende
Lebensaufgabe.“[5]
Zweifellos finden sich in der Stellungnahme Elemente, die nicht aus linken
Kontexten stammen können. Aber die „sinngebende
Lebensaufgabe“, die Gleichsetzung von Arbeit mit Erwerbsarbeit sowie ihrem
„Wert, den die Arbeit für die Menschen in ihrem Leben hat“, das zählt zu den
Standardargumenten der linken Kritik, gerade wenn sie sich sozialphilosophisch
inszeniert.[6]
Dieser Passus stammt überdies aus dem Antwortbrief der ÖVP auf ein Schreiben
des Netzwerks „Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt“[7].
Ein weiteres schönes Beispiel für die Gehirnwäsche pro
Lohnarbeit stellen zwei Artikel in der österreichischen Tageszeitung „Kurier“
dar. Im April dieses Jahres erschien eine Serie zur Arbeitslosigkeit mit all
diesen unappetitlichen Ingredienzien, kurzum ein
ergreifender Bericht über die Geißel Arbeitslosigkeit. Ein Hausfrau, die
eigentlich gerne keine wäre, aber leider keine Arbeit – egal welche – findet,
wird uns vorgestellt. Sogar geweint hat sie schon. Vierzehn Tage später geht es
im Kurier wieder um arbeitslose Frauen. Nur sind sie diesmal sehr, sehr
wohlhabend, Millionenerbinnen als Beruf, „Reich und Schön“ titelt der Artikel[8]. Strahlend, lächelnd,
Golfspielelend werden sie porträtiert. „Gabi hat ein Golfhandicap von elf, ich
habe fünfzehn“ sagt Kathi. „Da sieht man, ich bin die Fleißigere“ sagt dazu
Gabi. Freilich, was für die bourgeoise Eilte gilt, gilt nicht für den Pöbel.
Fleiß ist eben nicht gleich Fleiß, ebenso unterschiedlich sind die Vorstellung
in Bezug darauf, was Glück sein könnte. Seltsam, nur den Habenichtsen scheint
die Arbeit als Lebenszweck abzugehen.
Vom Urteilsvermögen
“Something
is happening, but you don’t know what it is, do you, Mr Jones?”[9] Zu den am meisten attackierten, drangsalierten und unmittelbar
der Willkür ausgesetzten Teilen der Menge zählen gegenwärtig die Arbeitslosen
und die MigrantInnen. Es sollte den VerfechterInnen
der staatlichen Infrastruktur zu denken geben, dass es eben diese staatliche
Infrastruktur ist, mittels derer diese Menschen zu willfährigen Objekten
degradiert, des Landes verwiesen oder zur Arbeit verpflichtet werden sollen. Es
ist daher kein Zufall, dass insbesondere Arbeitsloseninitiativen entschieden
für das Grundeinkommen eintreten, sie wissen warum. Was Fremdenpolizei und
Justizapparat für die MigrantInnen, das ist die Arbeitsmarktverwaltung für die
Arbeitslosen. Die kapitalistische Herrschaft erkennt klar, dass Druck auf die
Arbeitslosen zugleich Druck auf die Lohnarbeitenden bedeutet. Die
bedingungslose Arbeitswilligkeit der Klasse kann probat gerade über den nicht
lohnarbeitenden Teil hergestellt werden. Dass selbst der Vorschein des
Grundeinkommens diesen Mechanismus in Frage stellen könnte, wird klar erkannt.
Wie schon Herbert Marcuse seinerzeit im „Eindimensionalen Menschen“ beschrieb,
zeigt die Konterrevolution eine Wucht, die durch Ausmaß und Bedeutung der
Revolte kaum zu erklären ist. Angesichts der aktuellen Debatte sind die
Phantasien der KritikerInnen, das Grundeinkommen sei eine vergiftete Pille, ein
listiges Mittel der Bourgeoisie um möglichen Widerstand zu unterlaufen, wie
Seifenblasen zerplatzt. Das scheint Angela Klein erkannt zu haben. Auch hier
ist tiefe Verunsicherung zu erkennen. Was aus der Tatsache, dass Götz Werner
kein Marxist, sondern Unternehmer und seine Begründung pro Grundeinkommen in
vielen Punkten zu kritisieren ist eigentlich zu folgern sei, bleibt
unbeantwortet. Dass eine Forderung, deren Möglichkeit wie Notwendigkeit durch
die gesellschaftlichen Verhältnisse des Postfordismus selbst geschaffen wird,
von vielen Menschen aufgegriffen wird, was ist daran verwunderlich? Könnte dies
anders sein? Angela Klein bleibt uns aus guten Gründen ein abschließendes
Resümee schuldig.
Der Aspekt der Bedingungslosigkeit ist der Stachel im
Fleisch innerhalb der gesamten Debatte um Sozialstaat, Transfers und
Grundsicherungen. Er wirkt bereits bei kleinen, scheinbar nebensächlichen
Fragen. Die Forderung nach Freiwilligkeit in Bezug auf die Teilnahme an AMS-Kursen ist nicht die Revolution. Aber die
Freiwilligkeit wäre ein kleiner Baustein im Kampf um die Würde der
unterworfenen Subjekte. Ein wenig Spielraum, Holloway würde sagen, ein kleiner
Spalt, um Nein zu sagen, um den Stachel des Befehls nicht ins Fleisch dringen
zu lassen. Sehen wir uns die Polemik gegen die Bedingungslosigkeit bei Koza an, so wissen wir nicht, ob wir seine feine
Sensibilität für die kleinen Szenen des Alltags oder doch den großen Blick für
die Notwendigkeiten bewundern dürfen: „Bedarfsprüfung? Na und? (…) Es braucht
eine grundlegende Reform von Bedarfsprüfung – etwa Anspruch auf
Invaliditätspension etc. gilt es zu reformieren. Es braucht eine grundlegende
Reform, die sich vor allem an den Interessen der ‚Bedürftigen’ zu orientieren
hat. Andererseits machen Bedarfsprüfungen genauso auch Sinn: dass
Kinderbeihilfe nur bei einem entsprechenden Bedarf – nämlich wenn frau/mann Kinder hat – ausbezahlt
wird, stellt wohl keiner infrage.“[10]
Spricht der Text über das, was ist, unterscheidet er sich
schon in Klang und Duktus: „Du willst Sozikohle nach Hartz IV? Wer bist du
überhaupt? Sag uns alles über dich. Über die Leute, mit denen du zusammenlebst:
wie eng? Was macht ihr zusammen? Habt ihr gemeinsame Hobbys? Hast du eine Beziehung?
Wie eng? Was war früher, wie hat sich das entwickelt? Was planst du? Wir sind
erst mal höflich, aber wenn du nicht mitmachst, können wir auch anders: dann
gibt’s nichts mehr. Willst du den Umgang mit uns lernen, gemeinsam mit uns
zusammen? Wir sind geduldig, aber wir wollen alles wissen. Wir werden in der
Zukunft die Anforderungen an deine Bereitschaft, dich uns anzuvertrauen,
verschärfen. Du willst doch kein Sozialparasit sein? Du willst doch unsere
Kohle?“[11]
Eine Männerunterhose, von Kontrollorganen aus der Schmutzwäsche gefischt,
beweist bei zwischenstaatlichen Ehen noch lange nicht deren Aufrichtigkeit,
während bei Hartz IV BezieherInnen die Bedarfsgemeinschaft so und so feststand.
Um die historische Bedeutung des Grundeinkommens zu
erkennen, hilft es nichts, Theorien zu befragen oder an Prinzipien zu erinnern.
Was besagt die Grundthese des „Kapitals“, dass der abstrakte Reichtum
ausschließlich von der ArbeiterInnenklasse geschaffen wird, Kapital wie
Grundbesitz als weitere, unabhängige ökonomische Quellen erscheinen, es aber
nicht sind? Es ist reine Tautologie zu sagen, dass das Grundeinkommen alleine
vom Proletariat geschaffen würde. Ich verstehe nicht, wie aus dieser
theoretischen Erkenntnis Ablehnung wie Begründung des Grundeinkommens
abgeleitet werden können, wie Koza und Klein dies
versuchen, als ob dies bei anderen ökonomischen Transfers und Bestandsgrößen
verschieden wäre. Als solche beantwortet diese abstrakte Erkenntnis keine Frage
bezüglich des Grundeinkommens. Um zu verstehen, welche Rolle diese Forderung in
der gegenwärtigen Epoche des Postfordismus spielt, wie sie zum Versuch der
kapitalistischen Herrschaft steht, ein neues, nun bescheideneres, gefügigeres
Proletariat zu produzieren, das sich die Flausen von substanzieller Sicherheit,
Karriere und vermehrtem Reichtum endgültig aus dem Kopf zu schlagen hat, um
also diese Rolle verstehen zu können, benötigen wir etwas, über das wir nicht
ohne weiteres verfügen: Urteilskraft.
Erwähnte Literatur:
Karl Marx, „Das Kapital Band 1“ = MEW 23, Berlin 1865
Karl Marx, „Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844“
= MEW Ergänzungsband 1
[1] Angela Klein, „Wundertüte mit vielfältigem Inhalt“, in: SoZ Nr, 10/2006, Frankfurt am Main, Seite 11
[2] Markus Koza, „Lieber ‚halbe Sachen’‚ als ‚ganze Blödheiten’“, in: „akin“ Nr. 22 des 33. Jahrgangs, Wien
[3] Ich habe dies in folgendem Artikel zu begründen versucht: „Grundeinkommen als Recht in einer nachkapitalistischen Gesellschaft“, grundrisse Nr. 13/2005, Wien
[4] http://www.oevp.at/index.aspx?pageid=8450 Abgefragt am 13.10.06
[6] z.B. Ulrich Busch, „Schlaraffenland – eine linke Utopie? Kritik des Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens“, in: „Utopie kreativ“, Nr. 181/2005
[7] siehe: www.grundeinkommen.at
[8]„Kurier“ vom 16.4.2006, Seite 21
[9] Diese Zeile stammt aus „Ballad of a Thin Man“, zu finden auf: „Highway 61 Revisited“, Bob Dylan 1965
[10] Markus Koza, „Lieber ‚halbe Sachen’‚ als ‚ganze Blödheiten’“, in: „akin“ Nr. 22 des 33. Jahrgangs, Wien
[11] Detlev Hartmann und Oskar Schlaak, „Abrichtung und Revolte“, in: Schwarzbuch Hartz IV, Berlin/Hamburg 2006, Seite 157