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Karl
Reitter
Grundeinkommen
als Recht in einer nachkapitalistischen Gesellschaft
Eine andere Welt ist
möglich – aber wie soll sie aussehen? In diesem Artikel, der auch als
Fortsetzung meiner Arbeit „Grundeinkommen jetzt!“ gelesen werden kann, möchte
ich begründen, warum auch in einer nachkapitalistischen Gesellschaft das
Grundeinkommen als unabdingbares Recht eingeführt werden sollte. Wenn das
Grundeinkommen in erster Linie keine Methode der Armutsbekämpfung darstellt,
sondern vor allem mehr Freiheit bewirken soll, dann muss dieses Prinzip in
einer nachkapitalistischen Gesellschaft um so mehr gelten.
So manche mögen nun
einwenden, warum der Umweg über das Grundeinkommen, warum nicht gleich Sozialismus
auf die Fahnen schreiben? Dieser sehr summarische Streifzug durch Theorie und
Praxis nachkapitalistischer Gesellschaften soll jedoch zeigen, dass wir heute
über keinerlei Modell verfügen, das wir als klares Ziel formulieren können.
Umgekehrt: Wir können auf Grund der historischen Erfahrungen bestimmte Konzepte
als nicht emanzipatorisch ausschließen. Das Grundeinkommen kann kein Ersatz für
die gescheiterten staatsplanwirtschaftlichen Modelle sein, und löst auch
keineswegs die Probleme einer zukünftig möglichen sozialistischen Gesellschaft.
Es könnte jedoch eine der neuen Institutionen werden, die die konkrete
Emanzipation zugleich ausdrücken wie ermöglichen.
Marx:
Verteilung beruht im Sozialismus auf ökonomischen Größen
Die kurze Schrift. „Zur Kritik
des Gothaer Programms“ zählt wohl zu dem
am breitesten rezipierten Arbeiten von Marx. Seine dort getroffene
Unterscheidung zwischen einer „ersten Phase der kommunistischen
Gesellschaft“, die noch durch Missstände und begrenztes bürgerliches Recht
gekennzeichnet sein soll, und einer „höheren Phase der kommunistischen
Gesellschaft“, in der alle Mängel überwunden sein sollen und die „auf
ihre Fahne schreiben [kann]: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen
Bedürfnissen!“ (MEW 19; 21), wurde unzählige Male interpretiert und
wiederholt. Marx geht davon aus, dass in der ersten Phase das bürgerliche Recht
noch in Geltung sein wird. Recht sei, so Marx, per definitionem gleiches Recht
für ungleiche Menschen und er schlussfolgert: „Es ist daher ein Recht der
Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht.“ (MEW 19; 21) Daraus zu
folgern, das Weiterbestehen des bürgerlichen Rechtes sei ausschließlich als
Mangel zu verstehen, bedeutet, die Aussagen von Marx radikal zu verkürzen. Der
entstehende Staats- und Parteimarxismus hatte an einer derartigen
Fehlinterpretation höchstes Interesse. Zum einen konnte das formale,
bürgerliche Recht oberflächlich als minderwertig, ja ungerecht diffamiert und
der Rückfall in unmittelbare Gewalt- und Machtausübung geradezu als Überwindung
des bürgerlichen Rechtshorizonts gefeiert werden. Zum anderen diente die
Marxsche Rede von den unvermeidlichen Missständen während der ersten Phase oder
von den Muttermalen der alten Gesellschaft als universale Entschuldigung für
die krasseste Fehlpolitik. Zugleich ermöglichte die Marxsche Idee einer höheren
Stufe des Sozialismus ausuferndes Schwadronieren über zukünftige Paradiese,
allerdings nur mit dem Resultat, tatsächliche Probleme und Konflikte mit
Vorgriff auf das Zukünftige zu relativieren. Wäre die Orthodoxie, allen voran
Lenin, tatsächlich so texttreu und philologisch akribisch verfahren, wie sie
vorgab, hätte sie folgende Passage akzeptieren oder sich direkt dazu äußern
müssen, die ich hier in ganzer Länge zitieren möchte: „Womit wir es hier zu
tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer
eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der
kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung,
ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten
Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt. Demgemäß erhält der einzelne
Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt. Was er ihr
gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. Z.B. der gesellschaftliche
Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die
individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte
Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft
einen Schein, dass er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit
für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem
gesellschaftlichen Vorrat von Konsumationsmitteln soviel heraus, als gleich
viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer
Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück.“ (MEW 19; 20)
Durch die eigentümliche
grammatikalische Form ist die Auffassung von Marx leicht zu überlesen. Marx
sagt also klipp und klar: In einer sozialistischen Gesellschaft wird das Maß
der Verteilung keineswegs durch politische Entscheidungen, sei es durch eine
Partei, sei es demokratisch durch Räte oder ähnliches, sondern aus der
geleisteten Arbeit mittels Stundenzettel bestimmt. Die individuelle Konsumation
kann keine Plangröße sein, sondern resultiert aus der individuell geleisteten
Arbeit. Im gesamten sogenannten orthodox-leninistischen Schrifttum und ebenso
in deren damit legitimierten Praxis wurde diese Forderung, die Marx offenbar
für so selbstverständlich hielt, dass er ihr die Form einfacher Aussagesätze
gab, vollständig ignoriert. Damit wurde weiters ignoriert, dass Marx die
Distribution auf Basis einer objektiven Rechengröße explizit als Recht
formuliert. Nicht politische Entscheidung, nicht der Bezug auf einen
Solidarzusammenhang, sondern eine Rechengröße als Basis eines Rechtsanspruches,
so und nur so konnte Marx sich die nachkapitalistische Gesellschaft in ihrer
ersten Phase denken. In keiner Phase im so genannten realen Sozialismus, sei es
in der Sowjetunion, sei es in China, wurde bei der Distribution der Güter an
eine messbare Größe gedacht.
Marx und
die Stundenzettelökonomie
Die Thematik der
Stundenzettel taucht keineswegs erst in der „Kritik des Gothaer Programms“ auf.
Marx diskutiert sie ausführlich in den „Grundrissen“, aber auch im ersten Band
des „Kapitals“ bezieht sich Marx auf das Konzept der Stundenzettel. Ein wenig
relativiert er hier seine eigenen Aussagen, in der er mit der Wendung „nur zur
Parallele mit der Warenproduktion“ einsetzt, dann konstatiert er aber recht
eindeutig, dass die geleistete Arbeitszeit eine doppelte Rolle im Sozialismus
spielen wird. Die Gesellschaft müsse die gesamte Verteilung der verfügbaren
Arbeitszeit auf die verschiedenen Produktionszweige bestimmen, eine
gesamtgesellschaftliche Arbeitszeitrechnung sei also notwendig. „Andrerseits
dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des
Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren
Teil des Gemeinprodukts.“ (MEW 23; 93) Auch im „Kapital“ sagt Marx also
klar, dass in einer nachkapitalistischen Gesellschaft es ein objektives Recht
auf Konsum nach Maßgabe der geleisteten Arbeitszeit – also einem objektiven
Faktum – geben wird. Marx wiederholt in der „Kritik des Gothaer Programms“ also
nur eine früher bereits formulierte Ansicht.
In den „Grundrissen“
steht die Thematik „Stundenzettel“ eng im Zusammenhang mit seiner Kritik an
Proudhon. Proudhon, so Marx kritisch, wolle mit den Stundenzetteln die kapitalistische
Produktionsweise quasi überlisten. Marxens Argumentation läuft zusammengefasst
darauf hinaus, dass jene zentrale Bank, die die Stundenzettel ausgibt, im Grund
die gesamte Wirtschaft planmäßig organisieren müsste, soll die auf den
Stundenzettel ausgewiesene Arbeitszeit diese auch tatsächlich repräsentieren.
Diese Bank „müsste die Arbeitszeit bestimmen, in der die Waren
hervorgebracht werden können, mit den Durchschnittsmitteln der Industrie, die
Zeit, in der sie hervorgebracht werden müssen. (…) Sie hätte auch die Zeit zu
bestimmen, in der ein gewisses Quantum Produkte hervorgebracht werden muss, und
die Produzenten in solche Bedingungen zu setzen, dass ihre Arbeit gleich
produktiv ist (…), sie hätte auch die Quanta Arbeitszeit zu bestimmen, die auf
die verschiednen Produktionszweige verwandt werden soll.“ (MEW 42; 89)
Sollen die Stundenzettel funktionieren, so könne dies nur durch eine absolut
zentralistische „despotische Regierung“ bewerkstelligt werden, und eine solche
sei mit der kapitalistischen Produktionsweise nicht ohne weiteres vereinbar.
Marx selbst fügt an seine Kritik des Konzepts von Proudhon folgenden höchst
interessanten Satz an: „In der Tat wäre sie [die Bank, die die
Stundenzettel ausgibt, K R.] entweder die despotische Regierung der Produktion
und Verwalterin der Distribution, oder sie wäre in der Tat nichts als ein
board, was für die gemeinsam arbeitende Gesellschaft Buch und Rechnung führte.“
(MEW 42; 89)
Gegen das Konzept der
Stundenzettelökonomie müssen einige Einwände erhoben werden. Der einfachste und
unmittelbar ins Auge springende ist jener der Messbarkeit. Es muss nämlich
nicht nur die individuell geleistete Arbeit, sondern auch die zur Produktion
eines bestimmten Gutes geleistete Arbeitszeit bestimmt werden und beide müssen
gesamtgesellschaftlich gleiche Größen ergeben, sonst kommt es zu einer de facto
Ab- oder Aufwertung der Stundenzettel.[1] Sollen Stundenzettel tatsächlich funktionieren,
sind „die Quanta Arbeitszeit zu bestimmen, die auf die verschiednen
Produktionszweige verwandt werden“, wobei die einzelnen Produktionszweige
in adäquaten Proportionen zueinander stehen müssen. Doch welche Arbeit hat Marx
eigentlich im Blick, wenn er für Produktion wie Distribution Stundenzettel
fordert? Es ist wohl zulässig, die durch Stundenzettel zu entlohnende Arbeit in
der „Kritik des Gothaer Programms“ mit der ehemaligen Lohnarbeit der früheren
kapitalistischen Ökonomie gleichzusetzen. Was sich 1875 gesellschaftlich in
gewissem Grade rechtfertigen ließ, nämlich der strikte Fokus auf die offizielle
Lohnarbeit, die in der Übergangsgesellschaft auf Stundenzettelbais organisiert
werden soll, ist 2005 unmöglich. Nicht zufällig habe ich im ersten Teil dieser
Artikelserie das Grundeinkommen mit der Auflösung der Fabrik in die
Gesellschaft, dem Aufweichen der Trennungen zwischen Arbeit und Freizeit,
kurzum mit dem Verflüssigen der ehemals fordistischen Schranken und Grenzen
begründet. Gerade in einer sozialistischen Gesellschaft ist jede Art von Arbeit
anzuerkennen. Wenn sich Arbeit jedoch von unserer allgemeinen
gesellschaftlichen Tätigkeiten wohl unterscheiden, aber nicht wirklich klar
trennen lässt, wird die Bestimmung der Arbeitszeit nochmals erschwert.
Doch hinter diesen
technisch anmutenden Problemen steht ein sehr fundamentales Defizit der Marxschen
Sozialphilosophie. Diese Schwäche lässt sich am kürzesten durch die Formel der
sachlichen Verwaltung von Sachen auf den Begriff bringen, die Marx immer wieder
für eine zukünftige Gesellschaft verwendet. So spricht er, wie zitiert, von
einem „board“, das für die gesamte Gesellschaft Buch führen soll. Auch im II.
Band des „Kapitals“ meint er, eine nachkapitalistische Gesellschaft bedürfe
bloß einer „Buchführung als Kontrolle und ideeller Zusammenfassung“ (MEW
24; 137) der Produktion. Marx dürfte also der Ansicht gewesen sein, eine
sozialistische Gesellschaft beruhe auf rein objektiv-sachlichen Grundlagen, auf
jederzeit problemlos objektivierbaren Faktoren, wie etwa der geleisteten und
durch Stundenzettel messbaren Arbeitszeit. Ein „Verein freier Menschen“
benötige also bloß eine buchführende Stelle, als Ort der Aufzeichnung,
Kontrolle und Koordination. Ob in einer fernen Zukunft ein derartiger Zustand
denkbar ist, müssen wir nicht entscheiden. Für eine unmittelbar aus dem
Kapitalismus hervorgehende Gesellschaft ist dieses Konzept völlig untauglich.
Damit werden die Probleme der Institutionen, der Form der Selbstreflexion der
Gesellschaft über sich selbst übersprungen. Bei Marx finden wir daher ein sehr
geringes Problembewusstsein und kaum Begriffe, die Konflikte und Fragen
zukünftiger Gesellschaften darstellbar und diskutierbar machen.
Gesellschaftliche,
politische Entscheidungen können nicht durch neutrale, sachliche Faktoren
ersetzt werden. Das ist letztlich der entscheidende Einwand gegen die Stundenzettelökonomie.
(Schon die Frage, ob jede Arbeit gleich bewertet werden kann oder ob für eine
Übergangsphase verschiedenen Tätigkeiten Stundenzettel in verschiedener Höhe
zugeordnet werden müssen, da, wie Marx unmissverständlich feststellt, die
einzelnen Arbeiten unterschiedlich produktiv sind, stellt die strikte
Sachlichkeit der Messung in Frage.) Zugleich ist die Perspektive, aus der Marx
das Konsumationsrecht entwickelt, allen späteren Praxen des Staats- und
Parteimarxismus vorzuziehen. Marx geht bei der Bestimmung der Konsumation vom
Individuum und seinen geleisteten Stunden aus. Das heißt, er geht vom
Individuum aus und keineswegs von den Erfordernissen des „Aufbaus des
Sozialismus“, denen sich die Einzelnen unterzuordnen hätten. Damit kehrt ein
Motiv aus der „Deutschen Ideologie“ wieder, in der er die Hemmung der
Individualität durch die kapitalistischen Verhältnisse kritisiert und die
Durchsetzung der Persönlichkeit als ein wesentliches Ziel der
gesellschaftlichen Umwälzung angibt. (Vergl. MEW 3; 77)
Das Ausmaß der
individuellen Konsumation wäre, so Marx, durch bürgerliches Recht zu sichern,
das in dieser Phase nicht überwunden werden kann. Wenn wir das Konzept der
Stundenzettel ablehnen, dann stellt sich die Frage, wodurch können sie ersetzt
werden? Eine mögliche Antwort ist das Grundeinkommen in maximal möglicher Höhe.
Während die Stundenzettel auf einer scheinbaren Objektivität beruhen, besteht
kein Zweifel, dass das Grundeinkommen, als Institution selbst und ebenso in
seiner Höhe, einer gesellschaftlichen Willensentscheidung bedarf. Zugleich kann
es nur in Rechtsform verwirklicht werden.
Das Grundeinkommen kann
sich nicht aus Marktverhältnissen entwickeln. Es muss bewusst politisch
institutionalisiert werden. Es wäre also durchaus vorstellbar, dass für eine
Übergansphase beides nebeneinander existiert: einerseits noch die Lohnform, die
jedoch in dem Maße relativiert wird, in dem das Grundeinkommen erhöht wird,
andererseits eben das Grundeinkommen, dass den Warenstatus der Arbeitskraft
überwindet und allen ein unmittelbares Recht einräumt, in einem bestimmten
Ausmaß individuell zu konsumieren. Während die Lohnform den noch
weiterbestehenden Warenverhältnisse entspricht, anerkennt das Grundeinkommen
die allgemeine gesellschaftliche Existenz des Menschen und seinen nicht
messbaren Beitrag zur Gesellschaft.
Der Prozeß der
Emanzipation, und daran lässt Marx keinen Zweifel, muss selbstverständlich
bereits im Kapitalismus beginnen. Die Elemente der neuen Gesellschaft müssen
bereits in der alten entstehen. Im Gegensatz zur Stundenzettelökonomie, die,
soweit ich sehe, aktuell von niemandem favorisiert wird, wird das
Grundeinkommen von den verschiedensten Kräften eingefordert. Das Bedürfnis, den
Kapitalismus zu überwinden, kann nur die Kehrseite des Bedürfnisses sein, die
Elemente der Emanzipation und Befreiung, die immer auch die eigene Veränderung
mit einschliesst, auszubauen, weiterzuführen und zu verstärken.
Emanzipatorische Transformation ist Prozeß in der Zeit.
Staatsplanwirtschaft
– Weichenstellung bei Engels
Die Schrift „Herrn Eugen
Dührings Umwälzung der Wissenschaft“, besser bekannt als „Anti-Dühring“, stellt
einen der meistverbreiteten Texte von Engels dar. Diese Arbeit kann als
Rezeptbuch für alle Fragen, Gesellschaft, Ökonomie, Wissenschaft, Politik und
Revolution betreffend, gelesen werden. In der Tat bietet uns Engels eine Summe
von Formeln an, die bis zur Gegenwart als Grundlage des Marxismus verbreitet
werden. Sehen wir uns den Text genauer an, so erkennen wir eine ganze Reihe von
Brüchen, Ungereimtheiten und Unklarheiten. Aber beschäftigen wir uns erstmals
mit den offiziellen Seiten dieser Arbeit.
Engels nimmt darin eine
ganz entscheidende Weichenstellung vor, die ausgesprochen rezeptionswirksam war
und noch immer ist. Er postuliert einen prinzipiellen Gegensatz zwischen dem
Wertgesetz und der bewussten Planung. Das Wertgesetz, also die Tatsache, dass
die Waren durchschnittlich zu ihren Werten verkauft werden, muss notwendig zu
immer wiederkehrenden wirtschaftlichen Krisen führen. Engels spricht oftmals
von der Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise, um das „hinter dem
Rücken der Produzenten“ Wirkende zu betonen. Gewissermaßen sei die Gesellschaft
dem Wertgesetz ausgeliefert. Nicht die Menschen beherrschen die Ökonomie, die
ökonomischen Gesetze beherrschen die Menschen. Dem gegenüber setzt Engels den
Plan. In einer Gesellschaft, in der die Produzenten bewusst die Ökonomie planen
würden, sei dieses Verhältnis umgekehrt. Nun bestimmten nicht mehr anonyme
Gesetze den Lauf und Gang der Ökonomie, sondern die bewussten Produzenten. An
euphorischen Worten lässt es Engels nicht fehlen, um die geschichtliche
Bedeutung dieses Gegensatzes herauszustellen: „Die Anarchie innerhalb der
gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßig bewusste
Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit scheidet der Mensch,
in gewissem Sinne, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen
Daseinsbedingungen in wirklich menschliche.“ (MEW 20; 264) Mehr als hundert
Jahre und zahllosen Erfahrungen später ist es leicht, klüger als Engels zu
sein. Heute sehen wir klar, dass an dieser Konzeption alles falsch und schräg
ist, was nur falsch sein kann. Zum einen sind die periodischen
Wirtschaftskrisen nur ein Moment dessen, was der Kapitalismus den Menschen
antut. Die Unterdrückung auch und gerade in weitgehend krisenfreien Perioden
verliert Engels weitgehend aus dem Blick. Sein Krisenbegriff ist sehr
äußerlich, die Universalität der Unterdrückung, die ständig in den Poren des
Alltags stattfindet, tritt hinter Phänomenen wie Überproduktion,
Arbeitslosigkeit und Inflation zurück. Aber vielleicht noch problematischer ist
der zweite Aspekt dieses Schemas. Der Plan gewinnt quasi ontologische Weihen,
er tritt genau genommen an die Stelle des Prozesses der Befreiung und
Emanzipation. Ihm werden Qualitäten angedichtet, die er nicht haben kann und
auch nicht hat. Nicht nur, dass im Plan die Möglichkeit der Fehlplanung liegt.
Planung hat im realen Sozialismus mehrfach zu Desastern geführt. Dass dafür
nicht das Wirken des Wertgesetzes die Ursache war, mag für die Betroffenen ein
schwacher Trost gewesen sein. Weiters: Auch der Kapitalismus kennt
selbstverständlich den Plan. Staaten planen, Konzerne planen, die EU plant,
ganz Städte wurden ebenso geplant wie weltumspannende Kriege. Ich kann auf
weitere Bespiele wohl verzichten.
Das Problem ist, dass in
der Engelsschen Euphorie über den Plan der entscheidende Unterschied zwischen
Planungen innerhalb der Gesellschaft und die Planung der Gesellschaft selbst
verwischt wird. Die Vorstellung, die gesamte Gesellschaft könne umfassend
geplant werden, ist nichts als ein größenwahnsinniger Alptraum. Es ist eine
Sache, einen möglichst weit ausgedehnten ökonomischen Plansektor innerhalb der
Gesellschaft einzuführen – und dass dies unter bestimmten Umständen durchaus
gut funktioniert, hat die Geschichte bewiesen –, etwas anderes ist es zu
meinen, Gesellschaft selbst sei einem intervenierendem, planenden Zugriff
zugänglich. Wenn jedoch zugestanden wird, dass eine umfassende Planung der
Gesellschaft unmöglich ist, ist der von Engels postulierte Gegensatz von
Wertgesetz und Plan relativiert.
Bevor wir uns weiter mit
Engels beschäftigen, ein kurzer Zwischenblick zum eigentlichen Thema, zum Grundeinkommen.
Ob maximales Grundeinkommen oder Stundenzettelkonzept, das individuelle Recht
auf Konsumation kann durch den Gegensatz von Wertgesetz und Plan gar nicht
formuliert werden, es hat darin keinen Platz. Wenn wir das Konzept der
umfassenden Gesellschaftsplanung als letztlich repressive Utopie zurückweisen,
müssen wir sogar sagen, das Konzept der Revolution als Prozeß der Emanzipation
und Befreiung hat darin keinen Platz. Ich werde im Lauf dieses Artikel noch
zeigen, wie der Plan zum Fetisch wurde, mit dem die Frage nach Befreiung, ja
nach der bloßen Lage der ArbeiterInnenklasse vom Tisch gefegt wurde.
Auch im Kapitalismus wird
geplant, war soeben zu lesen. Das war Engels nicht nur bewusst, er baut auch
eine ganze Reihe von Überlegungen auf. Tatsächlich produziert die gesamte
Gesellschaft, so Engels, der Form nach findet diese Produktion jedoch privat
statt. Dieser Widerspruch wächst analog zum Wachstum der kapitalistischen
Wirtschaft, insbesondere der großen Industrie. So versteht Engels den Widerspruch
zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Engels
interpretiert nun die Marxsche Position, dass bereits im Kapitalismus die
Elemente einer neuen Gesellschaft entstehen müssen, auf höchst einseitige aber
sehr rezeptionswirksame Weise, an die Lenin später unmittelbar anknüpfen
konnte. Es sind nicht die Momente der Kompetenz, der Befreiung, des erkämpften
Freiraumes, der durch den Fortschritt der Produktion bewirkten Bildung des
Proletariats, mit einem Wort, es sind nicht die sozialen und gesellschaftlichen
Bedürfnisse und Beziehungen der ArbeiterInnenklasse, an denen die Konturen
einer neuen Gesellschaft sichtbar werden, sondern es ist das Faktum der
Verstaatlichung großer Industrieunternehmungen. „Auf einer gewissen
Entwicklungsstufe genügt diese Form nicht mehr: Der offizielle Repräsentant der
kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, muss ihre Leitung übernehmen. Diese
Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei den
großen Verkehrsanstalten: Post Telegraphen, Eisenbahnen.“ (MEW 20; 259) Mit
der Verbindung Staat – Plan ist jene Achse hergestellt, die, so meine ich
entschieden, wir endgültig überwinden müssen. Auch wenn die leninistische
Orientierung auf Machtergreifung plus Staatsplan kaum hegemonial ist, tritt uns
diese Methodik in der sozialdemokratisch domestizierten Form entgegen. Die
Perspektive der Überwindung des Kapitalismus hat die Sozialdemokratie
selbstredend aufgegeben, aber dass die verstaatlichten Sektoren der
Gesellschaft „irgendwie“ den privatkapitalistischen vorzuziehen seien, das
können wir heute täglich aus dem sozialdemokratischen Umfeld, insbesondere von
ihren linken Flügeln, vernehmen.
Zu Ehrenrettung von
Engels ist allerdings zu sagen, dass seine Position keineswegs so simpel und
wasserdicht ist, wie es erscheinen mag. Zwar nur in einer Fußnote, aber
immerhin verwehrt sich Engels dagegen, jede Verstaatlichung als Antizipation
des Sozialismus zu interpretieren. Er unterscheidet zwischen Verstaatlichungen,
die „ökonomisch unabweisbar geworden“ seien, und so genannten unechten
Verstaatlichungen. „Es ist aber neuerdings, seit Bismarck sich aufs
Verstaatlichen geworfen, ein gewisser falscher Sozialismus aufgetreten, und
hier und da sogar in einige Wohldienerei ausgeartet, der jede Verstaatlichung,
selbst die Bismarcksche, ohne weiteres für sozialistisch erklärt.“ (MEW 20;
259 FN) Da es Engels jedoch nicht gelingt, diesen Unterschied plausibel
durchzuargumentieren, wurde diese versuchte Unterscheidung auch rasch
verdrängt.[2] Ähnlich zweideutig ist seine Haltung zur
Übernahme der Staatsmacht. „Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und
verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum.“ (MEW 20; 261)
Das steht so schwarz auf weiß und noch dazu hervorgehoben im Text. Allerdings
glaubt Engels daran, dass der Staat im Moment der Machtübernahme durch das
Proletariat gleichsam wie eine Silvesterrakete verglüht. Im Grunde, so Engels,
wird der Staat nur für einen engen historischen Moment existieren. Er ist
bloßer Durchgangspunkt der Revolution, sofort verlöschendes und verschwindendes
Moment. „Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen
Gesellschaft auftritt – die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der
Gesellschaft – ist zugleich sein letzter selbständiger Akt. (…) An die Stelle
der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen.“ (MEW
20; 262) Während bei Marx die Tendenz vorherrscht, das Problem der Konstitution
neuer gesellschaftlicher Institutionen zu überspringen oder sie durch die hoch
abstrakte Formel des „Vereins freier Menschen“ zu relativieren, identifizierte
Engels den Staat für einen sehr kurzen historischen Augeblick als tragende
Institution der Transformation – und danach sollte der Kommunismus beginnen?
Und im Gegensatz zum utopischen Sozialismus, der noch genötigt war, „sich
die Elemente einer neuen Gesellschaft aus dem Kopfe zu konstruieren“ (MEW
20; 247), vermeinte Engels, diese Elemente in der kapitalistischen
Staatswirtschaft erkennen zu können.[3] Engels greift
allerdings auch auf die Kritik der Arbeitsteilung zurück, die er und Marx
bereits in der „Deutschen Ideologie“ entwickelt haben. „Indem
die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt.“ (MEW 20; 272) Auch hier vermeint er, in der stattfindenden
Entwicklung Momente der Überwindung der Arbeitsteilung zu erkennen: „Während
aber die kapitalistische Anwendungsweise der Maschinerie die alte Teilung der
Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten weiter fortführen muss, trotzdem
diese technisch überflüssig geworden, rebelliert die Maschinerie selbst gegen
diesen Anachronismus.“ (MEW 20; 274) Allerdings
steht das Thema der Arbeitsteilung recht zusammenhanglos neben dem Thema der
Verstaatlichung. Das ist freilich kein Zufall, Verstaatlichung war Realität,
die Überwindung der Arbeitsteilung reine Möglichkeit. Die über den Kapitalismus
hinaus weisenden Tendenzen, die Engels vermeinte erkennen zu können, lagen also
auf unterschiedlichen Ebenen.
Lenin
als Nachfolger Engels
Lenins berühmte und viel diskutierte
Imperialismusschrift interessiert uns jetzt vor allem unter den Aspekten der
Fetischisierung des Plans und der Ignoranz gegenüber der tatsächlichen Lage des
Proletariats. Als Beschreibung des Gesichts der kapitalistischen Produktion des
ausgehenden 19. Jahrhunderts ist Lenins Arbeit durchaus zutreffend, gigantische
Trusts, sich bildende Monopole, die umfassende Planungen benötigten, massive
Staatsplantendenzen, alle diese Phänomene lagen im Grunde auf der Hand – Lenin
verfasste den Text 1916, also während des 1. Weltkrieges. Die in der linken
Literatur üblichen Einwände und Kritikpunkte möchte ich ausklammern, denn sie
führen zumeist an dem eigentlichen Problem vorbei. Lenin gibt nämlich der
marxschen These, die Elemente der neuen Gesellschaft müssten in der alten
entstehen, ansonsten „wären alle Sprengversuche Donquichoterie“ (MEW 42;
93) eine ganz entscheidende Wendung, die bis heute das Verständnis vieler
Linker mitbestimmt. Plan, Verstaatlichung und Monopole sollen bereits objektiv
nachkapitalistische Verhältnisse antizipieren. „Die Konkurrenz wandelt sich
zum Monopol. Die Folge ist ein gigantischer Fortschritt in der
Vergesellschaftung der Produktion.“ (Lenin AW I/783) Anstatt angesichts der
massiven Verknüpfung von Monopolen, Staat und Planung, auf deren Basis die
imperialistischen Mächte die Massen in den Krieg hetzen, Zweifel zu bekommen,
ob hinter der Fratze der imperialistischen Kriegswirtschaft (die natürlich nur
einer Weiterführung der Friedenswirtschaft war) sich tatsächlich das liebliche
Gesicht des Sozialismus verbergen konnte, eliminierte Lenin Themen wie die
mögliche Überwindung der Arbeitsteilung durch die Entwicklung der Industrie
völlig. Was bei Engels noch in Schwebe war, wurde einseitig gelöst. Mit keiner
einzigen Zeile geht Lenin in seiner Imperialismusschrift auf die Frage ein, ob
und inwieweit die Monopolphase die reale Lage des Proletariats verändert hätte.
Vergrößert oder vermindert das Monopol (um bei der Terminologie Lenins zu
bleiben) die Kompetenzen, die Fähigkeiten, das Selbstbewusstsein, kurzum die
realen sozialen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Produktionssphäre?
Stiegen oder sanken durch das Monopol die Chancen für die Überwindung der
Arbeitsteilung? Und wie verändert das Monopol das Geschlechterverhältnis, ein
Thema, das dem viel gescholtenen Engels immerhin stets wichtig war?
Lenin ignorierte solche
Fragestellungen nicht nur. Im Gegenteil, er erklärte die Selbstbefreiung des
Proletariats für eine schiere Unmöglichkeit. Dass sich das Proletariat durch
sein Streben nach Befreiung und nach Emanzipation aus der kapitalistischen
Verwertungsmühle selbst befreien könnte, war für Lenin undenkbar. Die These von
der Unfähigkeit zur Selbstemanzipation formulierte Lenin schon sehr früh,
spätestens 1902 in der Schrift „Was Tun?“. Die Begründung erfolgt auf mehren
Ebenen; einerseits argumentiert Lenin mit der besonderen Situation in Russland,
andererseits meint er, sehr allgemeine Überlegungen sprächen für sein Konzept
einer Organisation von Berufsrevolutionären. Als konjunkturelle Faktoren führt
Lenin das Zirkelwesen[4] sowie die Illegalität[5] an. Prinzipieller ist das Argument der
Bildungskluft zwischen ArbeiterInnen und Mittelschicht. Auf der
empirisch-soziologischen Ebene war es sicher richtig, dass um die Jahrhundertwende
Bildung ein Privileg der bürgerlichen Schichten war, erst im Postfordismus
beginnen diese Grenzen zu verschwimmen. So simpel soziologisch das Faktum auch
war, so simpel führt es Lenin auch an: „Der Träger der Wissenschaft ist aber
nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz, in einzelnen
Mitgliedern dieser Schicht ist auch der moderne Sozialismus entstanden und
durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn
dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die Verhältnisse es
gestatten.“ (Lenin AW 1; 174) Diese Worte sind von Kautzky und Lenin
zitiert sie mit Begeisterung. Zwischen diesem Faktum und dem eigentlichen,
oftmals zitierten, berühmten Argument: „Wir haben gesagt, dass die Arbeiter
ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben können. Dieses konnte
ihnen nur von außen gebracht werden.“[6] (Lenin AW 1; 166), klafft freilich eine
gigantische Lücke. Nur durch eine mehrstufige Ableitung wird ein Zusammenhang
erkennbar. Lenin übernimmt zum einen die szientistischen
(wissenschaftsgläubigen) Tendenzen bei Marx und kappt jedes Verhältnis zwischen
realer, gesellschaftlicher Lage und geistiger Orientierung. Wissenschaftliche
Erkenntnisse könnten nur über die Kanäle der Wissenschaft weitergegeben werden.
Die Wissenschaft wiederum könne nicht den Erfahrungen im Alltag, der
Klassenauseinandersetzung entspringen, noch mehr, auch die Reflexion und
Verarbeitung von Erfahrungen führe nur in die Sackgasse des
„trade-unionistischen Bewusstseins.“ Inwieweit bereitet bürgerliche Bildung den
Boden für die Ausbreitung und Aufnahme marxistischer Analysen? Gerade die
Leninisten wurden niemals müde, den prinzipiell „idealistischen“ Charakter der
bürgerlichen Wissenschaft herauszustreichen. Stalin zog die Schraube noch ein
wenig mehr an: Bürgerliche und proletarische Ideologie, das sei ein
unversöhnlicher Widerspruch, wurde hinausposaunt. Gerde im leninistischen
Denksystem muss es unbegreiflich bleiben, wieso idealistische, bürgerliche
Bildung und Ideologie besonders zur Rezeption des Marxismus prädestinieren
müsse. Ein systematisches Argument ist in „Was Tun?“ auch nicht zu finden. Es
sei eben so. Sowohl in Deutschland als auch in Russland, die MarxistInnen
entstammten eben soziologisch gesehen der bürgerlichen Intelligenz und nicht
dem Proletariat.[7] Wie dünn die Suppe ist, zeigt auch das Argument,
warum das Proletariat, von der Avantgardepartei allein gelassen, nicht aus dem
bürgerlichen Bewusstsein herausfinden könne. Adorno- und Lukacs-LeserInnen
würden wohl einen Hinweis auf das Fetisch-Kapitel im Kapital, oder auf das
Faktum der Verkehrung der tatsächlichen Sachverhalte durch die Preis- und
Profitform erwarten. Für Lenin ist die Sache freilich etwas einfacher: „Warum
aber, wird der Leser fragen, führt die spontane Bewegung, die Bewegung in der
Richtung des geringsten Widerstandes, gerade zur Herrschaft der bürgerlichen
Ideologie? Aus dem einfachen Grund, weil die bürgerliche Ideologie ihrer
Herkunft nach viel älter ist als die sozialistische, wie sie vielseitiger
entwickelt ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mittel der Verbreitung
verfügt.“ (Lenin AW 1; 176)
Dass die Zentralisation
und teilweise Verstaatlichung der Produktion sozialistische Verhältnisse vorwegnähme,
hat bereits Engels formuliert. Lenin baut diesen Gedanken in seiner
Imperialismusschrift systematisch aus. Durch seine Parteitheorie erfährt diese
Konstruktion eine bedeutende Verschiebung, denn plötzlich wird die Macht zu
einem ganz entscheidenden Faktor. Bei Marx ist Macht und Gewalt eine notwendige
und unvermeidliche Begleiterscheinung gesellschaftlicher Umwälzungen. Bei Lenin
verändert sich diese Sichtweise vollkommen, Machtausübung gewinnt einen
unmittelbaren Klassenindex. Denn die Partei der Berufsrevolutionäre, die die
ArbeiterInnenmassen aufzuklären haben, will nicht bloß Avantgarde im Wortsinne
des Voranschreitens einer Vorhut sein. Sie will im Grunde das politisch
handelnde und intervenierende Proletariat selbst sein und dazu bedarf sie der
Macht. In Form der Partei betritt das Proletariat die gesellschaftliche Bühne.
Die Nutzanwendung der Hegelschen Kategorien des „an sich“ (das existierende
Proletariat) und „für sich“ (die Partei) lag natürlich auf der Hand.[8]
Von diesem Selbstverständnis
ausgehend kann Lenin die Vorwürfe, die Bolschewiki würden statt der Diktatur
des Proletariats eine Diktatur über das Proletariat errichten, nicht einmal
wirklich verstehen. „Schon allein die Fragestellung, Diktatur der Partei
oder Diktatur der Klasse? – Diktatur (Partei) der Führer oder Diktatur (Partei)
der Massen?, zeugt von einer ganz unglaublichen und uferlosen
Begriffsverwirrung.“ (Lenin GW 31; 26) Da Lenin nicht einmal im Traum am
Repräsentationsprinzip zweifelt[9] – irgendwer muss das Proletariat repräsentieren;
es muss sich in irgendeiner Kraft artikulieren –, interpretiert er diese Kritik
wiederum im Sinne seiner Parteitheorie. Wer die Bolschewiki der Diktatur über
die Klasse bezichtigt, will in Wirklichkeit deren Stelle einnehmen, so Lenins halb
ausgesprochene Schlußfolgerung, die wiederum nicht ganz von der Hand zu weisen
war. Doch dieser Umstand konnte nur zur weiteren Verdeckung der
Repräsentationsproblematik führen. Zudem führte Lenin einen völlig neuen Stil
der Polemik und Auseinandersetzung ein. Marx und Engels behielten den Stil des
linkshegelianischen Nachfolgestreits bei. Letztlich galt es nachzuweisen, dass
der andere ein Wirrkopf und seine Ausführungen weitgehend undurchdacht seien.
Lenin hingegen zielt auf Verurteilung ab, der andere ist nicht nur dumm, er ist
schuldig.
Manche werden nun
bemerken, wir sind recht weit vom Thema abgewichen. Anstatt über das
Grundeinkommen oder das Konzept der Stundenzettel zu schreiben, skizziere ich
einige grundlegende Elemente der Leninschen Konzeptionen. Nun, genau darin
liegt das Problem. Als die Bolschewiki nach 1917 tatsächlich die Macht
errangen, war weder von der Selbstverständlichkeit objektiver bürgerlicher
Rechtsansprüche des Proletariats auf Einkommen die Rede, noch von der doppelten
Funktion der realen Arbeitszeit, wie Marx es mehrmals angedacht hatte. „Demgemäß
erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr
gibt.“ So dachte sich Marx die Wirklichkeit in einer sozialistischen
Gesellschaft, zumindest während ihrer ersten Phase. Von dieser Gleichheit des
Gebens und Nehmens als verbrieftes Recht konnte 1917 und in den Folgejahren
keine Rede sein.
Pragmatik
der Machterhaltung
Auch wenn es uns die
Legenden der Orthodoxie anders berichten, die zumeist aus jahrelangem Exil
zurückgekehrten bolschewistischen Kader waren natürlich nach der
Machtergreifung völlig überfordert. Die unmittelbare Lage nach dem Oktober 1917
dürfte wohl bekannt sein: ein beginnender Bürgerkrieg, eine praktisch zum
Stillstand gekommene schwache Industrie, ein schmales, durch Entbehrungen und
Hunger geschwächtes Proletariat, eine gigantische, schwankende Bauernschaft.
War es wirklich verwunderlich, dass die mit dem Grundeinkommen in Zusammenhang
stehenden Themen zumindest in der offiziellen bolschewistischen Debatte keinen
Platz hatten, da es erstmals ums politische Überleben ging? Selbst die Gegenüberstellung von Plan und
Wertgesetz hatte für die realen politischen und ökonomischen Maßnahmen der
Bolschewiki kaum eine Bedeutung. Damit ist nicht gesagt, dass es diese
Diskussionen nicht gegeben hat. Angeblich gab es um 1919 und 1920 eine Debatte
um ein alternatives Maß der Wirtschaftsplanung, welches das Geld ersetzen
sollte. Eine unmittelbare Verwendung von Stundenzettel wurde offenbar als nicht
zielführend erachtet. Nicht zufällig wissen wir von dieser Diskussion kaum
etwas. Joseph Green erwähnt als beteiligte Diskutanten Chayanov, Klepikov,
Shmelev und Strumilin[10], doch nur hoch spezialisierten HistorikerInnen
werden diese Namen etwas sagen. Wäre Lenin auf diese Diskussion eingegangen,
wäre sie durchaus bekannt. Aber offenbar hat sie ihn kaum interessiert.
Lenins Charakter zeigt
einen Zug, der durchaus schätzenswert ist, er beschönigte niemals die realen
Verhältnisse und zögerte nicht, Probleme zuzugeben. Wer die Schriften Lenins
nach 1917 aufmerksam liest, wird erkennen, dass er die Frage, was denn am
nachrevolutionären Rußland eigentlich sozialistisch sei, sehr offen und klar
beantwortet: Nichts, abgesehen von der Macht der Partei! Das sozialistische
Element gründe letztlich allein im festen Willen, den Sozialismus aufzubauen. „Kein
einziger Kommunist hat wohl auch bestritten, dass die Bezeichnung
‚Sozialistische Sowjetrepublik‘ die Entschlossenheit der Sowjetmacht bedeutet,
den Übergang zum Sozialismus zu verwirklichen, keineswegs aber, dass die
jetzigen ökonomischen Zustände als sozialistisch bezeichnet werden.“[11] (Lenin GW 32; 342) Aufbau des Sozialismus
bedeutete praktisch Aufbau einer Staatsplanwirtschaft, die Lenin wiederum recht
offen als Staatskapitalismus bezeichnet. Aufbau einer industriellen
Staatsplanwirtschaft und Erhaltung der Staatsmacht angesichts von Bürgerkrieg,
Unruhen und Aufständen, diese beiden miteinander verflochtenen Themen
kennzeichnen primär die theoretischen, auf die Situation in Russland selbst
bezogenen Überlegungen Lenins. Lenin verstand es offenbar sehr gut
einzuschätzen, wann Diskussion und Annahme von Kritik, wann hingegen offene
Repression angesagt sei. Ein berühmtes Beispiel ist die sogenannte
Gewerkschaftsfrage. Trotzki plädierte für die rasche Umwandlung der
Gewerkschaft in eine Arbeitsarmee und die Militarisierung der Arbeit. Umgekehrt
vertrat die so genannte Arbeiteropposition die Notwendigkeit des
Weiterbestehens unabhängiger Gewerkschaften. Lenin entschied sich in diesem
Falle für eine sanfte Gangart. Selbst der Staat habe durchaus noch bürgerlichen
Charakter und zeige bürokratische Züge: „Unser heutiger Staat ist derart
beschaffen, dass das in seiner Gesamtheit organisierte Proletariat sich
schützen muss, wir aber müssen diese Arbeiterorganisationen zum Schutz der
Arbeiter gegenüber ihrem Staat und zum Schutz unseres Staates durch die
Arbeiter ausnutzen.“ (Lenin GW 32; 7) Aber letztlich war das imaginäre
Proletariat in Form der Partei dem realen Proletariat vorzuziehen. Bereits in
Juli 1919 wurde den ArbeiterInnen der Ortswechsel in Russland verboten und
damit jener Freiraum, den die Revolution geschaffen hatte, wieder
zurückgenommen. „Da ein großer Teil der Arbeiter auf der Suche nach besseren
Lebensverhältnissen, nicht selten auch zu Spekulationszwecken, die Betriebe
eigenmächtig verlässt und von Ort zu Ort zieht (…) erklärt der Parteitag für
eine der dringendsten Aufgaben der Sowjetmacht und der
Gewerkschaftsorganisationen, den planmäßigen, hartnäckigen, rücksichtslosen
Kampf gegen die Arbeiterdesertion, insbesondere durch Veröffentlichung von
Deserteur-Straflisten, durch Bildung von Strafarbeiterkolonien aus Deserteuren
und endlich durch Einsperren in Konzentrationslager.“ (Lenin GW 25; 670,
zitiert nach Bettelheim 1974) Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt,
nach und nach wurde die Schraube immer mehr angezogen, bis schließlich unter
Stalin das russische Proletariat immer brutaler ausgebeutet und ausgepresst
wurde.
Fetische:
Plan und Wertgesetz
Mit etwas ironischem
Augenzwinkern könnte gesagt werden, der eigentliche Begründer des Trotzkismus
sei Eugen Preobraschenski gewesen. Ohne es tatsächlich zu wollen, legte er in
seiner 1926 verfassten Schrift „Die neuen Ökonomik“ die Grundlage für die
Fetischisierung der Staatsplanwirtschaft, die Trotzki später zu seiner Theorie
des deformierten Arbeiterstaates ausbauen sollte. Prinzipiell fügte sich diese
Arbeit völlig in das von Lenin formulierte Paradigma: Aufbau des Sozialismus
und Festigung der Parteiherrschaft erfordere den raschen Aufbau einer potenten
Staatsindustrie, die nach der Revolution fast vollkommen zum Erliegen gekommen
war. Preobraschenskis Buch ist zum einen bloß ein Vorschlag für eine Staats-
und Parteispitze, die Staatsindustrie entschlossen zwischen Landwirtschaft und
Weltmarkt zu positionieren und durch Abschöpfung des Mehrprodukts systematisch
diesen Staatsplansektor auszubauen. 1926 zeichnete sich aber bereits die
kommende Niederlage der Linksopposition klar ab. Preobraschenski reagierte mit einer
objektiven Bewertung des Staatsplansektors, dessen an sich fortschrittlicher
Charakter nicht mehr an die Politik der Führung gekoppelt wurde, schließlich
hieß der Vorsitzende 1926 schon länger Stalin. Wenn die Staatswirtschaft
bereits im Kapitalismus objektiv den Sozialismus vorbereite, um so mehr müsse
das für einen Staatssektor gelten, den erst die Revolution geschaffen habe, der
Staatsplansektor sei „historisch gesehen die Fortsetzung und Vertiefung der
Monopoltendenzen des Kapitalismus“. (Preobraschenski 1971; 181) Die
grundlegende Aufhebung des Wertgesetzes argumentiert der Autor mit der
politischen Möglichkeit, einerseits die Bauern- und Kleinwirtschaft vom
Weltmarkt abzuschneiden, um Preisdifferenzen auszunutzen, und vor allem mit der
kostenlosen Aneignung eines Teiles des landwirtschaftlichen Produktes. Gelte
umgekehrt das Wertgesetz, könne die ursprünglich sozialistische Akkumulation
nicht vor sich gehen, die er folgendermaßen definiert: „Ursprüngliche
sozialistische Akkumulation andererseits ist die Akkumulation materieller
Hilfsquellen in den Händen des Staates, aus Quellen, die teilweise oder
hauptsächlich außerhalb der Staatswirtschaft liegen.“ (Preobraschenski
1971; 108) Es ist zwar nicht falsch, wenn er die Wirtschaft der
imperialistischen Staaten während des 1. Weltkrieges wie Lenin folgendermaßen
charakterisiert: „Die Produktion, die formal Warenproduktion blieb, wurde de
facto in den wichtigsten Industriezweigen zur geplanten Produktion. Die freie
Konkurrenz wurde abgeschafft, und die Wirkung des Wertgesetzes wurde beinahe
vollständig durch das Planungsprinzip des Staatskapitalismus ersetzt.“
(Preobraschenski 1971; 196) Da er offenbar das Planungsprinzip als solches als
sozialistisches Element missversteht, rechtfertigt sich der Begriff Fetischismus.
Damit soll auch die geradezu scholastische Diskussion relativiert werden, die
bis in die 70er Jahre hinein innerhalb der Linken über den „Klassencharakter“
der Sowjetunion auf Basis Wertgesetz oder Plan geführt wurde. Ein genauerer
Blick auf seine Arbeit zeigt zahlreiche Unsicherheiten bezüglich dieser Fragen.
Welche Rolle spielt der ökonomische Druck der Weltwirtschaft und der
Landwirtschaft auf die Staatswirtschaft? Ist der Rubel bloße Verrechnungsgröße
oder doch Geld? So meint Preobraschenski zur Frage, ob „in der staatlichen
Industrie Mehrwert oder Mehrprodukt existiert“, dies sei „eine harte
Nuß“ und keineswegs einfach zu beantworten. (Preobraschenski 1971; 234) Ich
vertrete überdies die These, dass die Debatte um Ausmaß der Geltung des Wertgesetztes
in der Sowjetunion in dem Maße einsetzte, in dem die Zweifel am sozialistischen
Charakter unabweisbar wurden.
Preobraschenski schrieb
also aus der Situation der Opposition gegen das damalige Führungsduo Stalin - Bucharin.
Schon diese Konstellation musste dazu führen, „die Entschlossenheit der
Sowjetmacht (…), den Übergang zum Sozialismus zu verwirklichen“, zu
relativieren und das objektive Bestehen der Staatswirtschaft aufzuwerten. Die
vernichtende Niederlage im Fraktionskampf, die nachfolgenden Moskauer Prozesse
veranlassten Trotzki, diese Sichtweise noch zu verschärfen. In seiner zentralen
Kritik am Stalinismus, im Buch „Verratene Revolution“, schildert Trotzki die
Ausbeutung und Rechtlosigkeit der russischen ArbeiterInnen in den glühendsten
Farben, was ihn jedoch keineswegs daran hindert, die Sowjetunion als
historischen Fortschritt zu preisen. Seine Argumentation ist im Grund sehr
einfach: Die Staatsplanwirtschaft stellt prinzipiell den Modus einer
sozialistischen Vergesellschaftung dar. Auch wenn die herrschende Bürokratie
die ArbeiterInnen ausbeute und völlig entrechte, ist die Bürokratie auf diesen
Staatsplansektor angewiesen. Sie kann die Staatsplanwirtschaft nicht aufgeben,
ohne sich selbst aufzugeben. „Sie ist gezwungen, das Staatseigentum als
Quelle ihrer Macht und ihrer Einkünfte zu verteidigen. Von dieser Seite ihres
Wirkens her bleibt sie immer noch ein Werkzeug der Diktatur des Proletariats.“
(Trotzki 1979; 243) Auf das Thema des Wertgesetzes und des Ausmaßes seiner
Überwindung geht Trotzki kaum ein, offenbar waren solche Fragen nicht seine
Stärke und er zu einer systematischen Bearbeitung gar nicht in der Lage. Seine
diesbezügliche Aussagen sind unausgereift und widersprüchlich. So behauptet er,
dass gerade angesichts der Verstaatlichung der Produktionsmittel „die
elementaren Funktionen des Geldes als Wertmesser, Tausch- und Zahlungsmittel
nicht nur erhalten [bleiben], sondern bekommen auch ein viel breiteres
Wirkungsfeld als unter dem Kapitalismus“. (Trotzki 1979; 68) Doch Wert ist
ja nur eine scheinbare Dingeigenschaft und reflektiert letztlich ein
Klassenverhältnis. Wie passt also die Existenz des Werts zur These, die
Sowjetunion sei keine Klassengesellschaft, sondern bloß von einer Bürokratie
beherrscht? An anderer Stelle fordert er die Einführung des Goldrubels zur
Bekämpfung der Inflation. Kurz gesagt: Die Frage, inwieweit die
Sowjetwirtschaft durch den Wert bestimmt wird und inwieweit nicht, diskutiert
Trotzki eigentlich gar nicht. Ihm genügt die Existenz einer
Staatsplanwirtschaft, die durch politisches Kommando und nicht
Verwertungsbedingungen geleitet wird. Ob in scheinbar rein politischen
Entscheidungen sich nicht doch das Wertgesetz geltend macht – derartige
Probleme werden ignoriert. Daher kann Trotzki den Begriff Staatskapitalismus
auch in drei Seiten erledigen. Sein Argument ist unwiderlegbar: „Die in der
Geschichte erstmalige Konzentrierung der Produktionsmittel in den Händen des
Staates wurde vom Proletariat mit der Methode der sozialen Revolution
verwirklicht, und nicht vom Kapitalisten mit der Methode der staatlichen
Vertrustung.“ (Trotzki 1979; 241) Zweifellos, ohne Russische Revolution
wäre 1936 Stalin wohl kaum an der Spitze einer Staatswirtschaft gestanden ...[12]
Kritik
der Internationalen Kommunisten Hollands
1930 veröffentlichte die
Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands, deren bekanntester Aktivist wohl
Anton Pannekoek war, die Schrift „Grundprinzipien kommunistischer Produktion
und Verteilung.“ Die Arbeit wurde vor allem von Jan Appel und Henk Canne Meijer
nach längeren Diskussionen geschrieben. Der Text stellt eine rätekommunistische
Kritik an der sowjetischen Staatswirtschaft dar. Interessant ist, dass die
Autoren sich wortwörtlich an die Marxschen Ausführungen halten und auf Basis
der Stundenzettel ein Konzept für eine Gesamtwirtschaft entwerfen. Damit ist
zugleich die Stärke wie die Schwäche dieser Arbeit gegeben.
Die Stärke sehe ich in
den grundlegenden Prinzipien, die sie ihren Ausführungen zu Grunde legen, die
Schwäche darin, dass sie offenbar meinen, die Verwirklichung dieser Prinzipien
könne einzig und allein nur durch ihr sehr konkretes Modell und kein anderes
erfolgen. Aber sehen wir uns dieses Modell ein wenig näher an.
Als Maßstab sowohl der
Produktion wie auch der Distribution schlagen sie wie Marx die konkret
geleisteten Arbeitsstunden vor. Die Berechnung der tatsächlich verwendeten
Arbeitszeit sei kein Problem, da sie jeweils in den Betrieben von den dort
Beschäftigten selbst vorgenommen werden soll. Die benötigte Arbeitsstundenzahl
ergäbe sich aus der Summe der geleisteten Arbeitszeit plus jener Arbeitszeit,
die zur Produktion der Maschinen und Rohstoffen aufgewendet worden sei. (Der
Unterschied zwischen Rohstoffen, die ganz, und der Maschine, die nur teilweise
in den Stundenaufwand eingeht, wird sehr wohl berücksichtigt, er kann hier
jedoch vernachlässigt werden.) Als nächstes gilt es jedoch zu berücksichtigen,
dass die Produktivität in den einzelnen Betrieben ungleich ist. Es müsse also
ein Branchendurchschnitt von allen dazugehörigen Betrieben berechnet werden.
Wenn also die gesamte Arbeitzeit der Schuhfabrikation, so ihr Beispiel, addiert
und durch die Anzahl der Schuhe dividiert werde, erhalte die Gesellschaft eine
exakte Größe, eben die Stundenanzahl, die es erfordert, ein Paar Schuhe zu
produzieren. Dazu sei keine zentrale Planstelle nötig, sondern die freie
Assoziation aller SchuherzeugerInnen könne dies durchaus sehr genau errechnen.
Wenn die Stundenzahlen
aller Produktionsstätten zusammengerechnet würden, können also die
Arbeitsstunden der gesamten Gesellschaft (etwa eines Monats) genau berechnet
werden. Diese Art und Weise der Produktion bestimme nun auch die Distribution.
Das Gesamtprodukt lasse sich aufgliedern in x verbrauchte Arbeitsstunden in
Form von Maschinen und Rohmaterial und y zusätzlichen, in der Produktion
aufgewendeten Arbeitsstunden, in Summe also x + y. Im einfachsten Falle könnten
nun die Betriebe für den neuen Produktionszyklus Produkte im Ausmaß von x
Arbeitsstunden aus dem Gesamtprodukt entnehmen, die ProduzentInnen Produkte im
Ausmaß von y Arbeitstunden, wobei jedes Individuum tatsächlich nur so viel
entnehmen kann, als es Arbeitsstunden geleistet hat. Ihr Konzept entspricht
daher buchstäblich der Aussagen von Marx im Kritik des Gothaer Programms: „Was
aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft,
herrscht das selbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird
gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern
ausgetauscht.“ (MEW 19; 20) Klarerweise ist durch dieses Recht die
Arbeitskraft keine Ware mehr. Komplexer wird dieses Modell, wenn zwei weitere
Faktoren hinzutreten. Erstens müssten die
„ökonomischen Kongresse der Betriebsräte“ (GIK 78) einen
Akkumulationsfonds bestimmen, der aus der je individuellen Konsumation
abgezogen und den Betriebsmitteln zugeschlagen werde. Zweitens gäbe es
Betriebe, die kein unmittelbar messbares und verteilbares Produkt herstellen
würde. Als Beispiel nennen sie das Schulwesen, die Krankenpflege, weiters
allgemeine kulturelle und soziale Einrichtungen. Diese AGA-Betriebe (Betriebe
für allgemein gesellschaftliche Arbeit) müssten das Recht haben, aus dem
gesellschaftlichen Gesamtprodukt das zu entnehmen, was sie eben benötigen
würden. Das tatsächlich individuell zur Verteilung gelangende Produkt würde
sich also aus dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt, abzüglich der Größen für
Reproduktion, Akkumulation und die Aufwendungen der AGA-Betriebe, errechnen und
sich letztlich in einem Abwertungsquotienten der individuell geleisteten
Arbeitsstunde manifestieren. Auch dieses Abzugsverfahren formulierte Marx recht
detailliert in der Kritik des Gothaer Programms.[13]
Um ihr Modell etwas
plastischer darzustellen, noch einige Erläuterungen zum Modus der betrieblichen
wie individuellen Konsumation in ihrem Modell. Einheit und zentraler
Knotenpunkt ist der Betrieb: „Das Geheimnis ist, dass jeder Betrieb –
geleitet und verwaltet von seiner Betriebsorganisation – als selbständige
Einheit auftritt, gerade wie im Kapitalismus.“ (GIK 49) Die Betriebe
errechnen einerseits die Stundenmasse ihres Gesamtprodukts, andererseits können
sie von anderen Produktionseinheiten nur Güter in jenem Ausmaß beziehen, das
sich aus der oben skizzierten komplexen Berechnung (Betriebsprodukt minus
individuelle Konsumption, minus Anteil für die AGA-Betriebe, plus
Akkumulationsfaktor) ergibt. Eine gesamtgesellschaftliche Berechnung ist dazu
unbedingt notwendig. Die Arbeitszeitmengen werden jeweils auf Konten
aufgezeichnet. „Das kommunistische Betriebsleben kennt keinen Geldverkehr
und keinen Markt, es leitet den Strom der Verrechnungen durch das Girokonto.“
(GIK 103) Diese Verrechnungsmethode würde andere ökonomische Einheiten, die
noch außerhalb dieses Zusammenhanges arbeiten würden, dazu zwingen, sich dem
Modell anzuschließen. Denn, so die Autoren, Güter könnten nur dann von
Betrieben angefordert werden, wenn sich die ökonomische Einheit der
Arbeitszeitberechnung unterwerfen würde. Den Individuen hingegen wären
Stundenzettel zu übergeben, in dessen Ausmaß sie Güter und Dienstleistungen
konsumieren könnten.
Soweit, in aller gröbsten
Zügen, das positive Resultat ihrer Kritik an der stalinistischen
Staatsplanwirtschaft. Bevor ich auf einige Schwächen und Probleme zu sprechen
komme, einige mir sehr positiv erscheinende Momente: Den Holländischen
Linkskommunisten war offenbar völlig klar, dass Plan, Staatsplanwirtschaft und
Ausschaltung des Wertgesetzes keinerlei emanzipatorischen Eigenwert besitzen.
Das kann ich nur mehrmals unterstreichen. Es kann nur um die tatsächliche
Verfügungsmacht der ProduzentInnen über die Produktionsmittel und das
Arbeitsprodukt gehen. Die konkreten Arbeitstunden erfüllen diese Bedingungen.
Nur weil sie – so zumindest die Annahme von Marx und den Internationalen
Kommunisten Hollands – streng objektivierbar sind, kann ein Rechtsdiskurs
geführt werden, das heißt unter anderem die Frage aufgeworfen werden, ob ein
Fall von Betrug und Fälschung vorliegt.
Eine Schwäche sehe ich im
Zuschnitt auf eine industriell fordistische Gesellschaft, in der mittlere und
große Industriebetriebe das Zentrum der Ökonomie bilden; ein Fokus, der 1930
wohl nicht falsch war, sich gegenwärtig jedoch anders darstellt. Ihrem Modell
liegt eine klar erkennbare Trennung zwischen der Arbeits- und der Privatsphäre
zu Grunde. Anstatt die gesamte Gesellschaft als produktiven Zusammenhang zu
erkennen und anzuerkennen, reduzieren sie die produktiven Zusammenhänge auf
industriell organisierte Teilbereiche der Gesellschaft. Wenn Arbeit jedoch weit
über den fordistischen Industriesektor hinausreicht, wie dann die Arbeitszeit
berechnen? Diese damals wohl korrekte, heute jedoch problematische
Unterscheidung zwischen Produktionssektor und gesellschaftlichem Leben spiegelt
sich im zweifachen Verteilungsmodus.
Selbst wenn das Konzept
der Stundenzettel funktioniert – was a priori nicht zu hundert Prozent
auszuschließen ist –, müssen sich diese Stundenzettel nicht in Geld und die
unabhängigen Betriebe in unabhängige ProduzentInnen verwandeln? Bevor wir auf
diese Frage näher eingehen, empfiehlt sich ein Blick auf das Werk von Charles
Bettelheim.
Charles
Bettelheim und der ökonomische Kalkül
In diesem Zusammenhang
darf ein Autor nicht unerwähnt bleiben: Charles Bettelheim. Er studierte die
planwirtschaftlichen Versuche vor Ort sowohl in der Sowjetunion als auch in
Cuba und in China. Ursprünglich Stalinist, weitete er seine Kritik am
Stalinismus immer mehr aus, um schließlich mit der Arbeit „Die Klassenkämpfe in
der UdSSR 1917 – 1923“ die äußerste noch mögliche linksmaoistische Position
einzunehmen. Eigentlich ist genanntes Werk eine vernichtende Kritik an der
Herrschaft der Bolschewiki, doch sein Beharren auf der leninistischen
Parteitheorie bewahrt ihn vor einem totalen Bruch mit dem Leninismus. Zur
leninistischen Partei existiere keine Alternative – dieses Postulat hinderte
ihn daran, aus seiner eigenen akribischen und sehr genauen Kritik weitere
Konsequenzen zu ziehen. Seine Offenheit für die tatsächlichen Bedingungen[14], insbesondere für die „tatsächliche Teilnahme
der Massen“ (Bettelheim 1970; 54) zwang in dazu, ständig zwischen zwei
Gesichtspunkten zu oszillieren: Einerseits zählt für ihn nur die tatsächliche
Situation der Massen. Daraus kann er eine klare Kritik am Fetisch Planwirtschaft
oder gar des Staatseigentums gewinnen. Andererseits erfordere der Ausbau des
Sozialismus – dass die Verhältnisse sowohl in China als auch der UdSSR weit
davor entfernt waren, zu Recht sozialistisch genannt zu werden, war für ihn
selbstverständlich – die führende Rolle der Partei. Teilweise löst Bettelheim
dieses Problem, in dem er, umgekehrt wie der Trotzkismus, Politik und Gesinnung
fetischisiert. So preist er die Appelle Lenins, unbezahlte Arbeit am Samstag zu
erreichten – die so genannten Subbotniks –, in den höchsten Tönen. Andererseits
zeigt er selbst auf, dass die Säuberungswellen in der Partei in den Jahren nach
der Revolution keinerlei greifbares Ergebnis brachten, sondern nur den
stalinistischen Terror vorbereiteten. Die tatsächlichen Verhältnisse in
Produktion und Gesellschaft einerseits, die richtige, revolutionäre Gesinnung
in der Partei andererseits, Bettelheim kann sich nicht entscheiden, welchem
Faktor er Priorität einräumen soll und setzt in verschiedenen Texten durchaus
verschiedene Akzente.
Für unsere Diskussion ist
vor allem sein Buch „Ökonomischer Kalkül und Eigentumsformen“ interessant.
Diese Arbeit ist nicht einfach zu lesen, zumal Bettelheim seinen in sich
widersprüchlichen Linksmaoismus in strukturalistische Terminologie kleidet. Ich
werde jedoch versuchen, einige mir wesentlich erscheinende Momente
herauszuarbeiten.
Bettelheim setzt an den
Beginn des zweiten Teils seines Buches seine These von der „doppelten Trennung“
in der kapitalistischen Produktionsweise, die ja durch eine sozialistische
abgelöst werden soll: „die Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln
(deren Gegenstück der Besitz der Produktionsmittel durch die Unternehmen ist,
das heißt faktisch durch ihre Leiter)
und die Trennung der einzelnen Unternehmen untereinander.“
(Bettelheim 1970; 72) Die erste Trennung betrifft also das Verhältnis zwischen
den Betrieben, die keineswegs, wie etwa Abteilungen in einer Fabrik, durch
einen übergreifenden Arbeitsprozeß verbunden waren. Die zweite Trennung
betrifft die Kluft zwischen den Werktätigen und den Produktionsmitteln.
Letztere standen in der Verfügungsgewalt der Betriebsleiter. Ebenso wie im
Kapitalismus ist zwischen formalen Eigentum (Staatseigentum, Aktienbesitz) und
realer Verfügungsgewalt (Betriebsleiter, Manager) zu unterscheiden.
Verstaatlichung und Staatsplan bilden nur formale Mittel, um diese beiden
Trennungen zu überwinden, sagen jedoch über das reale Ausmaß nichts aus. Im
Gegenteil, der Staatsplan kann eine Form sein, in der diese Trennungen, statt
überwunden, nur verschleiert werden. In der Sowjetunion seien diese Trennungen,
so Bettelheim, niemals überwunden
worden, sondern eben nur durch das formale Staatseigentum und die
Fünfjahrespläne verschleiert worden.
So ermöglicht die These der
doppelten Trennung eine Debatte auf zweifacher Ebene. Sie kann auf die Ebene
der Fabrik, der Produktionsstätten fokussiert werden. Hier sind sogar
Veränderungen innerhalb des Kapitalismus möglich. Eine besetzte,
selbstverwaltete Fabrik ist zwar nicht im formal juridischen Eigentum der dort
Tätigen, aber de facto in ihrem Besitz. Aber eine solche Fabrik produziert
innerhalb eines kapitalistischen Milieus, sie ist also über Warenbeziehung mit
anderen privaten Produktionsstätten verbunden. Eine sozialistische Ökonomie
erfordert auch die Aufhebung der zweiten Trennung, allein hier kommt ein
gesamtgesellschaftlicher Wirtschaftsplan ins Spiel. Ein allgemeines
Staatseigentum mag zwar Vorbedingung für die tatsächliche Überwindung der
Trennung zwischen den Produktionseinheiten sein, aber: „Sie ist nicht
identisch mit der Errichtung einer gesellschaftlichen Fähigkeit und Macht, die
Produktionsmittel in Bewegung zu setzen und über die Produkte zu verfügen.“
(Bettelheim 1970; 67) Der Autor zeigt sehr genau, dass die russischen Betriebe
keineswegs durch einen gemeinsamen und übergreifenden Arbeitsprozeß verbunden
waren wie etwa Abteilungen innerhalb einer produzierenden Einheit. In
Wirklichkeit sei die Willkür bei der Festsetzung von Planpreisen, die die
Beziehungen zwischen den Betrieben regelte, keineswegs so willkürlich, wie es
scheinen mag. Gerade am Beispiel der Planpreise lasse sich zeigen, dass der
Staatsplan Ort der Verschleierung sein kann; ebenso wie es scheint, dass im
Kapitalismus die Preise durch Angebot und Nachfrage bestimmt würden, so scheint
es, dass eine Staatsplanwirtschaft gewissermaßen Angebot und Nachfrage durch
willkürliche, politisch Entscheidungen ersetzen könne.
Die nach 1989 folgende
Entwicklung hat Bettelheim einerseits glänzend bestätigt. Die praktisch
reibungslose Widereinführung des Kapitalismus war nur deshalb so problemlos
möglich, weil nur die bereits bestehenden Trennungen sowohl zwischen den
Betrieben als auch (und vor allem) die Trennung innerhalb der Betriebe und
Institutionen nur weitergeführt und schlichtweg legalisiert werden mussten. Die
Entwicklung in der Volksrepublik China zeigt freilich, dass auch Bettelsheims
linksmaoistischer Leninismus eine Illusion darstellt. Die oben angeführte
Zweideutigkeit lässt sich sehr leicht an seinem Text dokumentieren. Wenn er
nämlich von der „Herrschaft der Arbeiterklasse über die Produktion“ spricht, so
kann dies zweierlei bedeuten. Entweder die reale Situation in den Betrieben und
Institutionen, oder aber die Herrschaft der leninistischen Avantgardepartei.
Nicht, dass Bettelheim das einfach gleichsetzen würde. Keineswegs. Aber das
schöne Wechselspiel zwischen Parteipolitik und realen Verhältnissen ging nicht
so auf, wie er es sich offenbar erhoffte. In letzter Instanz, und bei einem
sich an Althusser sich orientierenden Autor darf diese Wendung wohl gebraucht
werden, hat Bettelheim für die Wiederkehr des Kapitalismus in der Sowjetunion
eine sehr leninistische Erklärung parat: „Wenn eine solche Avantgarde nicht
existiert, insbesondere wenn die führende Arbeiterpartei nicht oder nicht mehr
die Merkmale besitz, die sie zu einer Avantgarde der Arbeiterklasse machen,
existieren die politischen und ideologischen Voraussetzungen, die die
Vorherrschaft von Planverhältnissen über die Warenverhältnisse erlauben,
nicht.“ (Bettelheim 1970; 95) Für China ist er uns eine solche Erklärung
schuldig geblieben.
Sein Buch beginnt,
umgekehrt zu meiner kleinen Skizze, mit dem Begriff „ökonomischer Kalkül“.
Ökonomischer Kalkül meint, dass auch eine nachkapitalistische Wirtschaft eines
in Zahlen darstellbaren Maßes bedürfe. Stundenzettel werden von ihm rundweg
abgelehnt. Sein Argument ist einfach: das Messen der verbrauchten Stunden sei
angesichts komplexer Arbeitsprozesse, die wiederum nur Teil der
gesellschaftlichen Gesamtarbeit seien,
einfach nicht durchzuführen.[15] Ebenso wie die durchschnittlich gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit der kapitalistischen Produktionsweise sei die notwendige
Arbeitszeit im Sozialismus zwar als theoretischer Begriff notwenig, was jedoch
keineswegs bedeute, dass diese Begriffe auch konkret gemessen werden könnten.
Statt dessen schlägt er anknüpfend an eine Passage bei Engels[16] vor, die Messung an den Nutzeffekten der
Gebrauchswerte durch die Art ihrer Substituierbarkeit vorzunehmen. „Das besagt:
es bleibt das System von Begriffen und Verfahrensweisen explizit zu klären, die
es ermöglichen sollen, den gesellschaftlichen Nutzen der verschiedenen Arbeiten
und Produkte zu messen, um auf Grundlage dieser Messungen die Verteilung der
Arbeiten unter die verschiedenen Produktionsbereiche vorzunehmen.“ (Bettelheim
1970; 21) Auch wenn ich noch mehr Passagen zitieren oder zusammenfassen würde,
Konkreteres ist dem Text nicht zu entnehmen.
Bettelheim stellt nun den
„ökonomischen Kalkül“, also seine modifizierte Form der Stundenzettelökonomie,
dem monetären Kalkül gegenüber. Unter letzterem versteht er einfach das sich in
Preisen ausdrückende Wertgesetz der kapitalistischen Ökonomie. Eine
Gesellschaft im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus sei durch den
Gegensatz zwischen diesen beiden Kalkülen gekennzeichnet. Welcher Kalkül sich
jedoch durchsetze, das könne nicht durch die bloße Existenz einer
Staatsplanwirtschaft oder des Staatseigentums entschieden werden, sondern hänge
von der Art und Weise ab, ob und wie weit die beiden Trennungen (der Betriebe
voneinander, der ArbeiterInnen von den Produktionsmitteln im Betrieb) real
überwunden werden.
Es existiert allerdings
ein Faktum, das Bettelheim nur am Rande erwähnt und nicht wirklich
ausformuliert, da sich sein maoistischer Politizismus darüberlegt und dieses
Faktum verdeckt. Egal ob simpler Stundenzettel oder komplexer ökonomische
Kalkül, beiden ist ein Wesenszug mit dem Geld gemeinsam, es ist klar, dass „ein
solches Maß immer aus einem Abstraktionsprozeß hervorgeht, der insgesamt und
von Anfang an die Eigenschaften eliminiert.“ (Bettelheim 1970; 19) Die
Gebrauchswerte, so Marx, seien qualitativ wie quantitativ völlig verschieden,
sie besitzen nichts Gemeinsames. Durch die doppelte Trennung müsse das Arbeitsprodukt
Waren- und folglich Wertform annehmen. Das Gemeinsame sei dann die abstrakte
Arbeit, die im Geldmaß ihren Ausdruck findet. (Ich verkürze jetzt die
Zusammenhänge natürlich radikal.) Eine sozialistische Gesellschaft könne jedoch
nur auf einer reinen Gebrauchswertökonomie beruhen. Wenn aber die
Arbeitsprodukte so verschieden sind wie die Arbeiten, die sie hervorbringen,
dann verfügt eine nachkapitalistische
Ökonomie jedoch über keinerlei Plangrößen. Wo es nichts Gemeinsames
gibt, kann auch nichts Gemeinsames gemessen und in Zahlen ausgedrückt werden.
Genau das schwebt Marx mit der berühmten Formel „Jeder nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Bedürfnissen!“ vor. Castoriadis hat zu Recht erkennt, dass
hinter dieser Formel die Verstellung steht, es gebe kein allgemeines Maß, daher
auch kein Problem der Messung und vor allem der gerechten Zuteilung mehr.[17] Das möge in einer utopisch zukünftigen
kommunistischen Gesellschaft verwirklichbar sein. Wir müssen uns jedoch mit der
nächsten Phase beschäftigen. Auch wenn in einer nachkapitalistischen
Gesellschaft die Bedingungen für Warenproduktion (bleiben wir jetzt bei den
zwei Trennungen Bettelheims) verlöschen, so keineswegs von einen Tag auf den
anderen, sondern eine sozialistische Ökonomie kann nur „das progressive Werk
der Zeit sein“. (MEW 17; 546)
Worauf möchte ich hinaus?
Es ist innerhalb theoretischer Konzeptionen möglich, Stundenzettel oder
ökonomische Kalkülzahlen von Geld abzugrenzen, in der Realität wird dies
keinesfalls so einfach möglich sein. Dürfen die Stundenzettel, die Marx in der
Kritik des Gothaer Programms vorschlägt verborgt, vererbt, gegen Zinsen
verliehen werden? Wenn die Betriebe in der Konzeption der Internationalen
Kommunisten Hollands untereinander nur über Konten verrechnen, welchen
Unterschied macht es, ob die Stundeneinheiten auf gedrucktem Papier oder nur
auf Listen geführt werden? Weiters: Kann die Belegschaft mit ihren
Stundenzetteln zusätzliche Güter für die gemeinsam besessene Fabrik erwerben?
Hinter dieser Frage verbirgt sich freilich ein tieferes Problem. Sind diese
Stundenzettel nicht doch verborgenes Geld? Dass sie – nach dem Modell der
Internationalen Kommunisten – zwischen den Betrieben nicht als Papiermarken
zirkulieren, sondern nur auf Konten geführt werden, ändert wohl nichts an der
Tatsache, dass alle Produkte in den Stundenzettel ihr allgemeines Äquivalent
finden.
Wenn wir hier und heute
in Österreich diese Fragen diskutieren, so kann es natürlich nicht darum gehen,
ausgeklügelte Modelle zu entwerfen. Derartige Konzepte existieren durchaus und
nicht zufällig werden sie kaum beachtet. Mehr als eine prinzipielle
Orientierung, in die selbstredend die Erfahrungen mit der Staatsplanwirtschaft
einfließen müssen, können wir heut nicht entwickeln. Die von Bettelheim getroffene
Unterscheidung der zwei verschiedenen Trennungen (diese Unterscheidungen fassen
im Grund bloß die Marxsche Kapitalanalyse zusammen) erscheint mir als sehr
sinnvoller Ausgangspunkt für weiter führende Diskussionen. Ich meine nämlich,
dass diese Trennungen bezüglich Emanzipation und Überwindung des Kapitalismus
keineswegs gleichwertig sind. Denn die tatsächliche Herrschaft der
ProduzentInnen über den Produktionsprozeß und ihr Produkt setzt nicht nur am
unmittelbaren Arbeitsprozeß an, sondern ist in besetzten und selbstverwalteten
Betrieben tendenziell schon gegenwärtig verwirklicht. Auch Marx scheint für die
Übergangsperiode an lokale, abgegrenzte Einheiten, die auch eine Rechtsform
besitzen, gedacht zu haben: „Sind die sachlichen Produktionsbedingungen genossenschaftliches
Eigentum der Arbeiter selbst, so ergibt sich ebenso eine von der heutigen
verschiedne Verteilung der Konsumationsmittel.“ (MEW 19; 22) In letzter
Instanz geht es doch darum, dass die soziale Existenzform des Proletariats
aufgehoben wird, das Marx bekanntlich durch das Fehlen von Mittel definiert,
den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Von der Textlage bei Marx ist die
Sache sonnenklar: Proletariat bezeichnet keineswegs „lohnarbeitende“ Menschen,
sonder bezieht sich auf einen Mangel, auf eine Nicht-Verfügung, auf eine
Zwangssituation, nämlich jene, die Arbeitskraft verkaufen zu müssen. Die
Überwindung dieses Status erscheint mir der entscheidende Punkt. Betriebe in
der Verfügung der dort Arbeitenden ist dazu ebenso ein Mittel wie ein garantiertes
Grundeinkommen für alle. Demgegenüber erscheint die Entwicklung und
gesellschaftliche Durchsetzung des ökonomischen Kalküls wesentlich schwieriger,
aber auch für die unmittelbare Emanzipation sekundärer. Denn bei der
Entwicklung von gesellschaftlich umfassenden Planstrukturen stoßen wir sofort
auf die Existenz des Weltmarktes.
Alle diese sehr komplexen
Fragen bedenkend, scheint der Einwand, das Grundeinkommen würde am Geldfetisch
fixiert bleiben, doch recht verkürzt. Ich meine, dass ein derartiger Einwand
letztlich sehr stark von der gegenwärtig recht beliebten Lesart des Kapitals
motiviert ist, die darauf hinausläuft, die Lektüre nach dem ersten Abschnitt
abzubrechen und die Klassenanalyse bei Marx durch eine Fetischanalyse des Werts
und des Geldes zu ersetzen. Oder, um nochmals mit Bettelheim zu sprechen: Die
Trennung zwischen den Produzenten der Trennung der Produzenten von den
Produktionsmitteln so radikal vorzuordnen, dass die zweite Trennung überhaupt
aus dem Blickfeld verschwindet. Ich plädiere für eine umgekehrte Sichtweise.
Bezüglich des Warenstatus bedeutet dies, dass die Emanzipation aus
kapitalistischen Verhältnissen an der Überwindung des Warenstatus der
Arbeitskraft ansetzen muss. Das Grundeinkommen wäre dazu ein Mittel.
E-Mail: k.reitter@gmx.net
Verzeichnis der Siglen:
GIK 1971 = Gruppe
Internationaler Kommunisten Hollands, „Grundprinzipien kommunistischer
Produktion und Verteilung“
Lenin AW = W.I. Lenin,
Ausgewählte Werke in 3 Bänden, Berlin 1961
Lenin GW = W.I. Lenin
Gesammelte Werke, Berlin 1962
MEW = Marx Engels Werke
in 43 Bänden, Berlin
Im Text zitierte
Literatur:
Bettelheim, Charles (1975), „Die Klassenkämpfe in der UdSSR, Band 1“
Berlin 1975
Bettelheim, Charles (1970), „Ökonomischer Kalkül und Eigentumsformen.
Zur Theorie der Übergangsgesellschaft“, Berlin
Engels, Friedrich, „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der
Wissenschaft“, In: MEW 20
Gruppe Internationale
Kommunisten Hollands (1971); „Grundprinzipien
kommunistischer Produktion und Verteilung“, Reibeck bei Hamburg
Lenin, Wladimir Iljitsch, „Was Tun? Brennende
Fragen unserer Bewegung“, In: AW I
Lenin, Wladimir Iljitsch, „Der Imperialismus
als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß“, In: AW I
Lenin, Wladimir Iljitsch, „Der linke
Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, In: GW 31
Lenin, Wladimir Iljitsch, „Über die
Gewerkschaften“, In: GW 32
Lenin, Wladimir Iljitsch, „Über die
Naturalsteuer“, In: GW 32
Marx, Karl, „Kritik des Gothaer Programms“, in: MEW 19
Marx, Karl, „Das Kapital Band 1“, In: MEW 23
Marx, Karl, „Das Kapital Band 2“, In: MEW 24
Marx, Karl, „Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des
Generalrates der Internationalen Arbeiterassoziation“, In: MEW 17
Marx, Karl, „Grundrisse der Kritik der politischen
Ökonomie“, In: MEW 42
Preobraschenskij,
Eugen (1971); „Die Neue
Ökonomik“, Berlin
Trotzki, Leo (1979), „Verratene Revolution. Was ist die
Sowjetunion und wohin treibt sie?“, Dortmund
[1] Marx selbst hatte offenbar gewisse Zweifel, ob die
individuelle Arbeitzeitmessung so einfach durchzuführen wäre: „Die Arbeitszeit, die in ihr enthalten
ist, braucht nur authentisch verifiziert zu sein, (was nebenbei nicht so leicht
ist, wie die Feinheit und das Gewicht von Gold und Silber erproben.)“ (MEW
42; 87) Die Internationalen Kommunisten Holland, die vehement das
Stundenzettelmodell favorisierten, meinten, dass aus der Kommandohöhe einer
Staatswirtschaft sich die Arbeitszeit keineswegs, an der Basis der Produktion
jedoch ohne Probleme feststellen ließe: „Was Kautsky von seiner ökonomischen
Zentrale aus nicht kann, nämlich feststellen, wieviel verdinglichte Arbeitszeit
ein Produkt auf seinem lagen Weg der Teilarbeiten im Produktionsprozeß aufgenommen
hat, das können die Produzenten selbst sehr gut.“ (GIK 1971; 49)
[2] Auch die Abgrenzung zwischen der
historisch-logischen Methode Hegels und jener Marxens (aus der Sichtweise
Engels) scheint ihm nicht so recht zu gelingen. Dazu Backhaus: „Unschwer lässt
sich ein geradezu beschwörender Ton heraushören: Man solle ja nicht glauben,
dass die logische Entwicklung Marxens von der logischen Entwicklung Hegels sich
nicht unterscheiden lasse – es handele sich sehr wohl um etwas anderes, wenn
auch zugegeben sei, dass die positive Bestimmung nicht so recht gelingen
will.“ Hans-Georg Backhaus, „Dialektik der
Wertform“, Freiburg 1977, Seite 244
[3] Interessant
ist in diesem Zusammenhang die Stellung Engels zu Robert Owen. Im Grunde war Owen
ein lupenreiner Anarchist. Hätten nicht Marx und Engels über Owen in den
höchsten Tönen gesprochen, die Orthodoxie hätte seine gescheiterten Projekte
höhnisch in der Luft zerrissen. In Wirklichkeit war seine genossenschaftlich konzipierte Kolonie New
Harmony, die er ab 1825 in den USA zu verwirklichen versucht, keineswegs um
Lichtjahre von den Wirtschaftskommunen des Herrn Dühring entfernt und Engels
hat alle Mühe, die Owenschen Stundenzettel vom Dühringschen Konzept
abzugrenzen. „Erstens wäre zu einem solchen Missbrauch der Owenschen Arbeitsmarken ihre
Verwandlung in wirkliches Geld nötig, während Herr Dühring wirkliches Geld
voraussetzt, ihm aber verbieten will, anders als bloße Arbeitsmarken zu
fungieren. (…) Zweitens sind bei Owen die Arbeitsmarken nur eine Übergangsform
zur vollständigen Gemeinschaft und freien Benutzung der gesellschaftlichen Ressourcen, nebenbei höchstens noch ein
Mittel, dem britischen Publikum den Kommunismus plausibel zu machen.“ (MEW 20;
284f)
[4] Der Marxismus war unter den Intellektuellen und den
StudentInnen sehr verbreitet. Fast in jeder Stadt nahmen diese Kreise Kontakt
zu den ArbeiterInnen auf, und agitierten gemeinsam gegen die kapitalistische
Ausbeutung. Lokal entstanden, agierten diese Gruppen auch lokal, und so gab es eine
ganze Reihe von Zeitungen und Flugschriften. Lenin bezeichnet diese Form der
politischen Tätigkeit recht abfällig als Handwerkelei. Diese dezentralen Netze
entzogen sich natürlich auch der Kontrolle und Leitung eines Zentrums, das
allerdings Lenin unbedingt installieren wollte.
[5] Die Illegalität erfordere eine Gruppe von straff organisierten
Berufsrevolutionären, so Lenin.
[6] Lenin war damals noch Mitglied der II.
Internationale, „sozialdemokratisch“ steht also für revolutionär marxistisch.
Eine weitere Formulierung dieser Grundthese findet sich weiter hinten im Text: „Das politische Klassenbewusstsein
kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, das heißt aus einem Bereich
außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen
Arbeitern und Unternehmern.“ (LW 1; 211)
[7] Damit diese Konstruktion etwas an Plausibilität gewinnt,
verwendet Lenin die Unterscheidung zwischen Ökonomie und Politik, die er jedoch
keineswegs problematisiert. Dass die Trennung dieser Sphären Ausdruck wie
Produkt der bürgerlichen Gesellschaft selbst ist, die jede emanzipatorische
Bewegung kritisieren muss, dieser Gedanke war Lenin völlig fremd.
[8] Aus spinozistischer Sicht kann es eine
Unterscheidung zwischen an sich und für sich gar nicht geben. Daher sind
gegenwärtige Konzeptionen, vor allem jene von Negri und Holloway, in denen
spinozistische Elemente enthalten sind, substantiell antileninistisch.
[9] In folgender Passage zeigt sich die vollkommene
Verständnislosigkeit Lenins für das Repräsentationsproblem. Da es recht lange
ist, habe ich es aus dem Text herausgenommen, aber ich will es nicht
vorenthalten, da sich darin auch die unerträgliche Plattheit manifestiert, die
im allgemeinen seine theoretischen (im Gegensatz zu den politisch taktisch –
strategischen Schriften) Arbeiten kennzeichnen. „Jedermann weiß, (…) dass
die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den modernen
zivilisierten Ländern, von politischen Parteien geführt werden; dass die
politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der
autoritativsten, einflußreichsten, erfahrensten, auf die verantwortungsvollsten
Posten gestellten Personen geleitet werden, die man Führer nennt. Das sind
alles Binsenwahrheiten. Das alles ist einfach und klar.“ (Lenin GW 31; 26)
[10] http://home.flash.net/~comvoice/26cLaborHour2.html,
zuletzt abgefragt am 22. 12. 04
[11] Das Zitat stammt aus der Schrift „Über die
Naturalsteuer“, 1921, wenige Wochen nach dem Aufstand von Kronstadt
geschrieben. Lenin zitiert sich darin zweimal selbst; er reflektiert seine
eigene Einschätzung der Revolution und bilanziert sie.
[12] Durch die Kombination dieser zwei Elemente,
der Staatsplanwirtschaft einerseits und der Herrschaft der Partei andererseits,
lässt sich das Grundverständnis der drei großen Strömungen verständlich machen,
in die der Leninismus nach Lenins Tod zerfallen ist, nämlich Maoismus,
Stalinismus und Trotzkismus. Den maoistischen Blick auf Lenin hat vor allem
Charles Bettelheim durch seine Anfang der 70er Jahre breit rezipierten Werk
„Die Klassenkämpfe in der UdSSR“ vorangetrieben. Um die Kontinuität Lenin – Mao
zu betonen, streicht er bei Lenin besonders jene Passagen und Maßnahmen heraus,
in denen die Auseinandersetzungen nach der Oktoberrevolution als
Klassenauseinandersetzungen verständlich gemacht werden. In dieser sehr
realistischen Sichtweise wird betont, dass die Gesellschaft der Sowjetunion
(ebenso wie jene Chinas) von sozialistischen Verhältnissen weit entfernt ist.
Es gehe also um eine kluge Politik der Partei, die die Klassenwidersprüche
verstehen und adäquat darauf reagieren soll. Diese These bedeutete zumindest
indirekt eine Kritik an einem rein sozialtechnischen Zugriff auf die
Gesellschaft. Der Staatsplanwirtschaft kommt kein Eigenwert zu, sondern erhält
ihre Bedeutung allein aus der Gesamtpolitik der Partei. Der Stalinismus
zeichnete sich durch eine ausgesprochene Primitivität aus. Sowohl die
Staatsmacht als auch die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden per Dekret
kurzerhand als sozialistisch, ja sogar als kommunistisch erklärt. Da, wie
Stalin verkünden ließ, die Klassen endgültig beseitigt seien, könne Kritik nur
von Schurken, Spionen und Verbrechern geäußert werden. Das Ausmaß der
Repräsentation wird auf die Spitze getrieben; die Partei repräsentiert das
Proletariat nicht nur politisch und geschichtlich, sondern auch unmittelbar
juridisch - was die mit dem Staat verschmolzene Partei besitzt, besitze auch
das Proletariat. Da sich das Proletariat nicht selbst ausbeuten könne, sei
Ausbeutung im realen Sozialismus undenkbar, so ein beliebter Kalauer, der bis
in die 80er Jahre im Umkreis der KPÖ vertreten wurde. Im französischen
Trotzkismus (Unter „französischem“ Trotzkismus meine ich die seinerzeit von Ernest
Mandel repräsentierte Strömung, der bezüglich der Sowjetunion einfach die
Argumente Trotzkis wiederholte. In Großbritannien hingegen beeinflusste Tony Cliff durch seine Arbeit
„Staatskapitalismus“ sehr stark die Sichtweise der UdSSR innerhalb des trotzkistischen
Milieus. Dieses Buch ist im Grunde sehr theoriearm und besteht in erster Line
aus Statistiken und Berichten über die rechtlose Lange und die massive
Ausbeutung der russischen ArbeiterInnen) wiederum wurde das Gewicht auf den vorgeblich
objektiven Fortschritt durch die Staatsplanwirtschaft gelegt. Es versteht sich
von selbst, dass alle darauf aufbauenden Prognosen über die zukünftige
Geschichte der Sowjetunion wie ein Kartenhaus zusammenbrachen. (Ernest Mandel, „Nochmals zur Frage
des Charakters der Sowjetunion“ in:
Kritik der Politischen Ökonomie Heft 1, Berlin, 1973, Seite 119: „…
es wird unmöglich sein, die Produktionsverhältnisse der geplanten Wirtschaft,
wie sie aus der Oktoberrevolution entstanden sind, aufzulösen, ohne vorher den
erbitterten Widerstand des Proletariats unterdrücken zu müssen.“) Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
manifestiert sich diese Sichtweise in modifizierter und etwas abgeschwächter
Form. Insbesondere unter jenen trotzkistischen Kräften, die innerhalb der
Sozialdemokratien arbeiten, tritt an die Stelle des Gegensatzes von Wertgesetz
und Planwirtschaft der Gegensatz von Privatkapitalismus und Verstaatlichung.
[13] Nehmen wir zunächst das Wort "Arbeitsertrag" im
Sinne des Produkts der Arbeit, so ist der genossenschaftliche Arbeitsertrag das
gesellschaftliche Gesamtprodukt. Davon ist nun abzuziehen: Erstens:
Deckung zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel. Zweitens:
zusätzlicher Teil für Ausdehnung der Produktion. Drittens: Reserve- oder
Assekuranzfonds gegen Missfälle, Störungen durch Naturereignisse etc. Diese
Abzüge vom „unverkürzten Arbeitsertrag“ sind eine ökonomische Notwendigkeit und
ihre Größe ist zu bestimmen nach vorhandenen Mitteln und Kräften, zum Teil
durch Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber sie sind in keiner Weise aus der
Gerechtigkeit kalkulierbar. Bleibt der andere Teil des Gesamtprodukts,
bestimmt, als Konsumationsmittel zu dienen. Bevor es zur individuellen Teilung
kommt, geht hiervon wieder ab: Erstens: die allgemeine, nicht direkt zur Produktion gehörigen Verwaltungskosten. Dieser Teil
wird von vornherein aufs bedeutenste beschränkt im Vergleich zur jetzigen
Gesellschaft und vermindert sich im selben Maß, als die neue Gesellschaft sich
entwickelt. Zweitens: was zur gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen
bestimmt ist, wie Schulen, Gesundheitsvorrichtungen etc. Dieser Teil wächst
von vornherein bedeutend im Vergleich zur jetzigen Gesellschaft und nimmt im
selben Maß zu, wie die neue Gesellschaft sich entwickelt. Drittens: Fonds
für Arbeitsunfähige etc., kurz, für das, was heute zur sog. offiziellen
Armenpflege gehört. Erst jetzt kommen wir zu der „Verteilung“, die das
Programm, unter Lassalleschem Einfluß, bornierterweise allein ins Auge fasst,
nämlich an den Teil der Konsumationsmittel, der unter die individuellen
Produzenten der Genossenschaft verteilt wird. Der „unverkürzte Arbeitsertrag“
hat sich unterderhand bereits in den „verkürzten“ verwandelt, obgleich was dem
Produzenten in seiner Eigenschaft als Privatindividuum entgeht, ihm direkt oder
indirekt in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsglied zugut kommt. (MEW 19:18f)
[14] Eine Passage als Beispiel: „So entwickelt sich zwischen 1918 und 1921 ein
Verfallsprozeß der Sowjetorgane. Diese bieten den Werktätigen immer weniger
Möglichkeiten, ihre Kritik vorzubringen oder die Beamtenschaft zu
kontrollieren. Der staatliche Verwaltungsapparat erfährt einen
Verselbständigungsprozeß, einen Prozeß der wachsenden Trennung von den Massen.
Die Rolle dieses Apparats hat darüber hinaus zur Folge, dass auch die
bolschewistische Partei nur mit Mühe die Kontrolle und politische Führung über
den Staatsapparat ausübt“. (Bettelheim 1975; 229)
[15] Die Messung von Arbeitsquanten sei „weit davon
entfernt, lösbar zu sein.“ (Bettelheim 1970; 29)
[16] „Die Nutzeffekte der verschiedenen Gebrauchsgegenstände,
untereinander abgewogen und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen
Arbeitsmenge, werden den Plan schließlich bestimmen.“ (MEW 20; 288)
[17] „Man kann sich fragen, in welchem Maße
diese Problemlösung nicht die Bedingungen tendenziell aufhebt, unter denen sich
das Problem überhaupt stellt;“ Cornelius Castoriadis, „“Wert, Gleichheit,
Gerechtigkeit, Politik Von Marx zu Aristoteles und von Aristoteles zu uns“, In:
Durchs Labyrinth, Frankfurt am Main 1983; Seite 265