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Vom Fordismus zum Postfordismus.

Formen der Arbeit und soziale Organisation

 

von Karl Reitter

 

Um gegenwärtige gesellschaftliche Veränderungen erfassen zu können, werden häufig zwei Begriffe benutzt, nämlich Fordismus und Postfordismus. Unter Fordismus wird üblicherweise jene Periode verstanden, die in den 1920er Jahren mit der Produktion von Massenwaren begann und in den 1950er und 1960er Jahren ihren Höhepunkt hatte. Oftmals wird Fordismus zudem als Oberbegriff verwendet, der drei Elemente umfasst: den eigentlichen Fordismus, benannt nach dem Autoproduzenten Henry Ford, der ab den 1920er Jahren Autos mittels Fließbandarbeit zu einem Preis herstellte, der von den Arbeitenden bezahlt werden konnte. Allgemeiner gesagt meint Fordismus einmal Produktion von Massenwaren für den Massenkonsum. Die detaillierte Organisation der Arbeit, also die Zerlegung von komplexen Arbeitsvorgängen in einzelne Arbeitsschritte, die auf verschiedene Personen aufgeteilt und deren Zeitaufwand exakt gemessen und errechnet werden kann, wird zumeist mit dem Namen Frederick Winslow Taylor in Verbindung gebracht; dieser nach ihm benannte Taylorismus ist also ein weiteres Moment des Fordismus. Drittens entwarf John Maynard Keynes in den 1930er Jahren eine antizyklische Budgetpolitik, die als Keynesianismus bezeichnet wird. Der Kapitalismus, so Keynes, produziere, sich selbst überlassen, immer wieder Krisen. Dem Staat käme somit die Aufgabe zu mittels budgetärer Maßnahmen gegenzusteuern, das heißt z.B. in Phasen der Konjunkturflaute durch staatliche Nachfrage Arbeitsplätze zu sichern.

 

Es wäre allerdings ein grobes Missverständnis, von diesen drei Elementen (Fordismus, Taylorismus, Keynesianismus) auf eine stabile und dauerhafte Phase der kapitalistischen Gesellschaft zu schließen. Den Fordismus mit eindeutigen Merkmalen hat es nie gegeben. Wenn der Fordismus mit starken, staatstragenden Gewerkschaften, hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad, kollektiv-vertraglich geregelten Arbeitsbedingungen sowie bedeutenden korporativen, sozialpartnerschaftlichen Elementen in Zusammenhang gebracht wird, so trifft dies vor allem für den europäischen Fordismus nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Der nordamerikanische Fordismus jedoch ist bis in die 1940er Jahre hinein eindeutig als »vorgewerkschaftlicher Fordismus« (Ferrucci Gambino) zu bezeichnen; Henry Ford etwa duldete in seinen Betrieben jahrzehntelang nicht einmal gelbe Gewerkschaften.[1] Was nun den Begriff ›Postfordismus‹ angeht, so verrät schon die Wortzusammensetzung (Nach + Fordismus) einiges an Ratlosigkeit, wie denn nun die im Entstehen begriffenen Verhältnisse zu bezeichnen seien. Die Begriffe Fordismus und Postfordismus drücken keine substanziellen Wesenheiten oder über lange Zeiträume konstante Strukturen aus. Denn der Kapitalismus wird tagtäglich neu produziert. Daraus folgt: Er wird tagtäglich in veränderter Form produziert. Synchrone Betrachtungsweisen tendieren immer dazu, den Fluss, die ständige Veränderung zu wenig zu berücksichtigen. Ich schlage also vor, die Ausdrücke ›Fordismus‹ und ›Postfordismus‹ als Hilfsbegriffe zu verstehen, und möchte die beiden von mir entworfenen Schemata unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wissen. Diese Schaubilder stellen also nur Hilfsmittel dar, um den Begriffen ›Fordismus‹ bzw. ›Postfordismus‹ typische Züge zuordnen und diese dann besprechen zu können.

 

Fordismus

 

Die fordistische Fabrik ist einmal durch strikte Abgrenzung gekennzeichnet. Große Dimension und Abgeschlossenheit nach außen sind Merkmale fordistischer Einheiten. »River Rouge« etwa – so hieß das Werk, in dem Henry Ford das berühmte Automodell »T« produzieren ließ – nahm 1.115 Hektar Fläche ein, verfügte über 50 Kilometer Förderbänder, 93 Meilen internes Eisenbahnnetz und, bei voller Auslastung, über 105.000 Beschäftigte.[2] Zumeist war es buchstäblich eine Mauer, die die Fabrik von der übrigen Gesellschaft abtrennte. Innen und Außen waren immer klar ersichtlich.

 

[Abbildung 1]

 

Die unmittelbaren Marktmechanismen waren auf den Einkauf von Rohstoffen und Arbeitskräften und auf den Verkauf von Fertigwaren beschränkt. Dies wurde durch die Tendenz verstärkt, ›alles‹ innerhalb des Betriebes selbst herzustellen, etwa Schrauben nicht zuzukaufen, sondern selbst zu erzeugen, so sie in Masse für das Endprodukt benötigt wurden. Als Steuerungsmedien innerhalb des Betriebes fungierten bürokratisch-administrative Maßnahmen. Natürlich spielten die Aufwendungen der einzelnen Abteilungen, die mittels Buchhaltung und Kostenrechnung ermittelt wurden, bei Entscheidungen eine ganz wesentliche Rolle. Entscheidungen wurden allerdings stets in der Form administrativer, bürokratischer Maßnahmen durchgesetzt. Nehmen wir als Beispiel etwa den Fuhrpark eines großen fordistischen Betriebes. Diese Abteilung war fester Bestandteil des Unternehmens. Sanktionen nahmen letztlich die Form von Entlassungen oder personellen Umbesetzungen an. Eine durchgehende Hierarchie mit entsprechenden Rangordnungen und Aufstiegsversprechen positionierte jedes Individuum eindeutig und schuf so klare soziale Identitäten.[3] Die Produktion selbst war in einem linearen, gerichteten Fluss organisiert; nicht zufällig war das Fließband Inbegriff fordistischer Produktion. Harry Braverman behauptete in seiner viel beachteten Studie »Labour and Monopoly Capital” (1974) eine systematische Dequalifizierung jener, die an der Basis der Hierarchie arbeiteten. Auch wenn seine Schlussfolgerungen inzwischen als etwas überzogene relativiert werden müssen eine Tendenz zur Dequalifizierung existierte zweifellos. Ein wichtiger Aspekt der umfassenden bürokratischen Regelung kann graphisch jedoch nicht dargestellt werden, nämlich die strikte Zeitordnung. Arbeitsbeginn wie Arbeitsende, Pausen ebenso wie Ferien wurden bis auf die Sekunde genau durch das Signal der Fabriksirene geregelt. Insbesondere nach 1945 erkämpfte die Arbeiter/innenbewegung den geregelten Normalarbeitstag. Die strikt gezogene Grenze zwischen Innen und Außen wurde damit häufig auf Bereiche ausgedehnt, die gar nicht unmittelbar mit der Produktion zu tun hatten. Nicht wenige fordistische Großbetriebe unterhielten etwa neben der selbstverständlichen Werksküche auch Werkssportvereine und bauten Werkswohnungen für die Beschäftigten.

 

Die Gleichförmigkeit der Arbeit und ihrer Bedingungen schufen den fordistischen Massenarbeiter. Die männliche Form ist kein Versehen. Musterbild der fordistischen Arbeitskraft war der familienernährende Mann, Frauen wurde primär der Status einer Haufrau, bestenfalls jener einer Hinzuverdienerin zugewiesen. Die Spaltung des Proletariats erfolgte durch die Unterscheidung zwischen inländischen und ausländischen Arbeiter/innen einerseits, und jener zwischen Männern und Frauen andererseits. Ein weiteres Mittel war die arbeitsrechtliche Klassifizierung in Beamte, Arbeitende und Angestellte. Trotz dieser Spaltungstendenzen schuf der Fordismus gleichförmige Lebenslagen für eine Reihe gesellschaftlicher Gruppen, die wiederum die Basis für gruppenspezifische Solidaritäten bildeten.

 

Postfordismus

 

War die pyramidenförmige Struktur des Fordismus in der ersten Abbildung vertikal dargestellt, empfiehlt sich für postfordistische Strukturen nun der Blick von oben, gewissermaßen wie auf eine Landkarte. Die frühere, in viele gesellschaftliche Bereiche expandierende fordistische Fabrik ist nun auf ein kleines, allerdings noch immer strikt hierarchisch organisiertes Zentrum geschrumpft. Wenn wir als Bespiel für postfordistische Unternehmungen etwa an Nike oder Ikea denken, so beschränkt sich das eigentliche Zentrum tendenziell auf Planung, Marketing und Organisation der Produktion und der Distribution. Zumeist sind im Zentrum noch fordistische Arbeitsformen intakt, also geregelte Anstellungen, Arbeitszeiten und kollektiv-vertragliche Entlohnung vorherrschend. Häufig ist das Zentrum jedoch bereits von einer Peripherie umgeben, in der durchgehend neue Arbeitsformen dominieren.

 

[Abbildung 2]

 

Bestimmte, in Masse anfallende Arbeitsvorgänge werden hier durch Personen erledigt, die nicht unmittelbar zum Betrieb gehören, sondern mittels freier Dienstverträge oder als Leiharbeitende beschäftigt werden. Ein Beispiel wären etwa die prekär beschäftigten Interviewerinnen/Interviewer, die für ein Meinungsforschungsinstitut Umfragen durchführen. In noch weiterer Entfernung vom Zentrum finden wir Scheinselbständige, die oft an wenige, ja an einen einzigen Auftraggeber gebunden sind und de facto als Lohnabhängige ohne Lohn und direkte Weisungsbindung arbeiten. Auch das Verhältnis zwischen den ehemaligen Abteilungen des fordistischen Betriebes hat sich verändert. An die Stelle der bürokratisch-administrativen Leitung bzw. in Ergänzung dazu sind simulierte oder tatsächliche Marktbeziehungen getreten. Zwischen den Abteilungen werden Leistungen nun monetär verrechnet. Im Schema habe ich angenommen, dass der Fuhrpark tatsächlich ausgegliedert wurde. Nun ist der Fuhrpark eine eigenständige Firma (die selbstredend denselben Besitzern gehören kann, die auch über das Zentrum verfügen) und arbeitet auf eigener Auftrags- und Rechnungsbasis. Als unabhängige Spedition steht diese ›Abteilung‹ in direkter Konkurrenz zu anderen Transportunternehmungen. Arbeitet dieser Bereich nun nicht zur Zufriedenheit des Zentrums, so setzt es statt Donnerwetter und Entlassungen den Entzug der Aufträge. Ein weiteres Muster der Marktausweitung besteht in der direkten Konfrontation einzelner Abteilungen mit den Kund/innen, sofern dies sachlich möglich ist. Während im Fordismus die Handlungen des Kaufens und Verkaufens an den Rändern des Betriebes in entsprechenden Abteilungen lokalisiert waren, sollen nun möglichst alle Abteilungen unmittelbar mit dem Markt konfrontiert werden. Der Fluss der Produktion führt nicht mehr (oder nicht mehr ausschließlich) durch das Unternehmen selbst, sondern das Zentrum lässt Produkte auch (oder zur Gänze) von anderen Firmen herstellen und distributieren. Da die vom Zentrum beauftragten Firmen ebenfalls postfordistische Strukturen aufweisen, ist somit der Produktionsfluss aufgesplittert und nimmt die Form einer Netzwerkproduktion an. Die starre Zeitordnung des Fordismus ist einer flexiblen und individualisierten Zeitordnung gewichen. Insbesondere bei den Scheinselbständigen ist die Grenze von Arbeitszeit und Freizeit kaum noch zu ziehen. Der fordistische Normalarbeitstag ist vielfach aufgelöst. Die fixierenden, Identität zuschreibenden Begriffe verlieren ihre Bedeutung. Das gilt etwa für den Begriff der Belegschaft. Idealtypisch zählten dazu im Fordismus alle Beschäftigten eines Betriebes, vom Koch in der Werksküche über den Leiter des Fuhrparks bis zur Telefonistin. Nun wird die Kantine von einer Cateringfirma betrieben, der Fuhrparkleiter ist einem Jungmanager der neuen Firma gewichen und die Telefongespräche der Kunden werden an ein Call Center weitergeleitet. Die Grenze zwischen Innen und Außen, Jenseits und Diesseits der Fabrikmauern ist obsolet geworden.[4]

 

Zum Universalismus dieser Organisationsstrukturen

 

Bevor wir uns der Diskussion einzelner Punkte der postfordistischen Organisationsform zuwenden, ist auf einen oft zu wenig beachteten Umstand aufmerksam zu machen: Die soeben skizzierten Organisationsformen gelten nicht nur im Bereich der unmittelbaren Produktion, sondern auch für andere gesellschaftliche Sphären. Ich bringe einige Beispiele und beginne mit dem Militär: Dem Massenarbeiter entsprach der Massensoldat, der statt einer Schaufel eben ein Gewehr in die Hand gedrückt bekam und einer analogen Befehlshierarchie wie in der Fabrik unterstand. Die gegenwärtigen postfordistischen Militärstrukturen zeichnen sich hingegen durch hohe Spezialisierung und durch die Einbeziehung ziviler oder halbziviler Institutionen aus, die häufig nicht nur für das Militär arbeiten. Der Graubereich zwischen einerseits militärischen und andererseits zivilen Firmen und Institutionen erweitert sich damit beträchtlich. Auch hier finden wir also postfordistische Momente: Auflösung klarer Trennlinien, steigende Bedeutung der intellektuellen Arbeit (Stichwort: Computerprogramme), selektive Auslagerung von Prozessen.

 

Ein weiteres Beispiel sind die organisatorischen Strukturen politischer Organisationen, insbesondere jener der Arbeiter/innenbewegung. Was die staatstragenden Gewerkschaften, etwa den ÖGB (Österreichischer Gewerkschaftsbund) anlangt, so war es unmittelbar evident, dass deren Organisation bis ins Detail die hierarchische Pyramide der fordistischen Betriebe schlicht kopierte: Der Betriebsleitung stand der Zentralbetriebsrat gegenüber; er spiegelte eine Stufe der betrieblichen Hierarchie. Die postfordistische Reduktion von Stammbelegschaften läutete folglich die Krise insbesondere der fordistisch-korporatistischen Gewerkschaften ein, die bis dato mühsam um neue, dem Postfordismus angemessene Strukturen ringen.

 

Wie wenig fordistische Strukturen dem postfordistischen Gesellschaftswandel angemessen sind, lässt sich aber noch deutlicher an den politischen Parteien, allen voran an der Sozialdemokratie, zeigen. Ursprünglich kopierten auch die Parteien die nach außen abgeschlossene, alles umfassende hierarchische Pyramide des Betriebes. Ebenso wie der fordistische Betrieb dazu tendierte, neben der Produktion auch Bereiche wie Sport, Unterhaltung und Wohnen zu organisieren, spannten die Parteien ein umfassendes, hierarchisches Organisationsnetz, worin allen, von den Pensionist/innen bis zu den Autofahrern, von den Studierenden bis zu den Briefmarkensammlern, von Frauenorganisationen bis zu den Sportlern ihr entsprechender Platz angewiesen werden sollte. Mittlerweile haben die Parteien, insbesondere jene der Sozialdemokratie, längst eine postfordistische Struktur angenommen. Ein kleines Zentrum beschäftigt verschiedene Berater, Werbeagenturen, Spin Doctors und Politstrategen. Die ursprüngliche Basis wird von bezahlten Spezialisten motiviert, unterhalten und selektiv informiert, ist also im Grunde auf den Status eines Betreuungsfalls herabgesunken. Die alte, quasi fordistische Organisationsstruktur überlebt als leere Hülle, Politik wird von den Profis im Zentrum mit Hilfe bezahlter Spezialisten gemacht, die häufig nicht einmal ein Parteibuch besitzen.

 

Interessanterweise grenzt die Fordismus-Postfordismus-Debatte einen Bereich vielfach aus und handelt ihn stattdessen unter dem Stichwort ›Neoliberalismus‹ ab: den Staatsapparat. Eine Grundlage des weit verbreiteten Mythos vom ›Rückzug des Staates‹ sehe ich in der zunehmenden Einführung postfordistischer Strukturen auch im Rahmen staatlicher Administration. Nicht selten werden nämlich Auslagerungen oder Netzwerkstrukturen als ein Rückzug des Staates aufgefasst; der Staat wird dann mit seiner fordistischen Normalform der 1950er und 1960er Jahre gleichgesetzt. Ebenso wenig wie sich aber Nike von der Schuhproduktion zurückgezogen hat, bloß weil kein einziges Paar in einem Nike-Werk hergestellt wird, zieht sich der Staat zurück, indem er ursprünglich fest integrierte Abteilungen seiner Ministerien aus einer bürokratisch-administrativen Einbindung entlässt und stattdessen Marktstrukturen forciert.[5]

 

Postfordismus: Ein Grund zur Klage?

 

Auf den ersten Blick erscheint diese Frage müßig. Postfordismus bedeutet den Abbau von gewerkschaftlich ausgehandelten Arbeitsverhältnissen, die zunehmende Prekarisierung vieler Lebensbereiche, heißt Scheinselbständigkeit inklusive gestiegener Selbstdisziplinierung und Selbstausbeutung, führt zur Verkürzung der Zeit- und Planungsperspektive des eigenen Lebens oft bis auf den Augenblick. Einiges hindert mich jedoch, in diesen – in meinen Augen einseitigen – Klagechor mit einzustimmen.

 

Der Fordismus, der in Österreich bis in die 1980er Jahre in Blüte stand, fußte wesentlich auf korporatistischen Strukturen. Keynesianistische Politik schwebte ebenso wenig in einem luftleeren Raum wie die repräsentativen Institutionen, sondern diese Politik wurde vielmehr von Eliten formuliert und propagiert, die damit letztlich ihre persönlichen Karrieren verbanden. Dass diese Eliten vom Wandel hin zu postfordistischen Strukturen nun schmerzlich betroffen sind, ist eine Sache; ob sich die reale Lage des ›kleinen Mannes‹ und der ›kleinen Frau‹, die in der glorreichen Perspektive eines ruhigen Arbeiter- und Arbeiterinnenlebens im Hochfordismus etwa Fließbänder bis zur gesicherten Pension beschicken durften, durch den Postfordismus ebenfalls verschlechtert hat, jedoch eine andere.

 

Die Ursachen für die Einseitigkeit der Klagen besitzen freilich noch eine weitere Dimension. Altbewährte und tradierte politische Strategien werden nämlich durch den Postfordismus in Frage gestellt. Wenn, wie Marx es immer forderte, die linke Bewegung an aktuellen Tendenzen des Kapitalismus anknüpfen und diese weitertreiben soll, was lag dann näher, als die gigantischen Produktionspyramiden des Fordismus in einer Staatsplanwirtschaft zusammenzufassen? War die Ökonomie eines Landes von wenigen, doch mächtigen Fabrikstädten á la »River Rouge« organisiert, dann schien es konsequent, diese Produktionsstätten mittels eines Wirtschaftsplanes zusammenzuschließen und den Zweck der Produktion an den Bedürfnissen und nicht am Profit auszurichten. Für den radikaleren Flügel der Arbeiter/innenbewegung stellte die Linie Verstaatlichung-Staatsplan-Sozialismus eine unhinterfragte, in keiner Weise problematisierte politische Orientierung dar. Bei allen Einwänden, die schon seinerzeit und zu Recht gegen diese Ausrichtung auf die blanke Machtergreifung erhoben wurden – ein gewisser rationaler Kern war dieser Strategie nicht abzusprechen. Mit der Ausweitung des Postfordismus wird ihr nun – unabhängig von politischen Argumentationen – schlicht der Boden unter den Füßen weggezogen.

 

Für die Sozialdemokratie markiert der Hochfordismus ein gesellschaftspolitisches Modell, das sie bis in die Gegenwart mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit anstrebt. Diese Modellvorstellung orientiert sich an wesentlichen Elementen der fordistischen Gesellschaftsstruktur: starke, gut organisierte Interessenvertretungen, die nach Möglichkeit mittelbar, noch besser aber unmittelbar in den Staatsapparat eingebunden sind, ein großer Einfluss auf die Wirtschafts- und Budgetpolitik des Staates, um keynesianistische Strategien verfolgen zu können, und nicht zuletzt umfassende und sozialpartnerschaftlich ausgehandelte Regelungen der Arbeitsverhältnisse und der Beschäftigungspolitik. Diese essenziellen Elemente sozialdemokratischer Reformpolitik waren an einen real existierenden Fordismus gebunden. Das wissen die weiter blickenden Vertreter und Vertreterinnen dieser Ausrichtung zwar und wollen die Rezepte der 1960er und 1970er Jahre auch nicht 1 zu 1 wiederholen – doch letzten Endes bleiben sie durchgehend bei einem, wenn auch modifizierten »Zurück zum Fordismus«. Dies zeigt sich etwa an der positiven Bewertung der Verstaatlichung, so als hätte diese auch nur einen Hauch von Emanzipation und Sozialismus an sich. Wie sehr die Vertreter und Vertreterinnen dieser Ausrichtung inzwischen verunsichert sind, zeigt die Tatsache, dass – etwa im Gegensatz zu den 1930er Jahren – heute niemand offensiv und selbstbewusst Verstaatlichung fordert, sondern bloß passiv und abwehrend ein »Hände weg!« von verstaatlichten Strukturen formuliert wird.

 

Wie gezeigt war der Fordismus zum einen auf den männlichen, weißen Arbeiter mit einheimischem Reisepaß zugeschnitten, anders gesagt: auf das patriarchale Familienmodell. Der Mann als Ernährer und Oberhaupt war eine – wiewohl imaginäre – Voraussetzung des Fordismus. Der starre und klar abgegrenzte Charakter der Institutionen erforderte zum anderen fügsame, in Hierarchien eingebettete Individuen; jede unkontrollierte Regung, jede lokale Eigeninitiative waren verdächtig. In den Betrieben herrschten sozialdemokratische Betriebskaiser – so ihre fast offizielle Bezeichnung –, die nicht einen Funken von unabhängigen Regungen zuließen. Ich bin 1953 in Wien geboren. Österreich war wohl ein Paradebeispiel des Fordismus, noch dazu für eine ungewöhnlich zählebige Variante. Ich habe noch Einiges von seiner unglaublichen Ödnis, der mit ihm verknüpften Autoritätsgläubigkeit, von den starren sozialen Abgrenzungen und der besinnungslosen Zurichtungspolitik mitbekommen, die die Menge auf Lohnarbeit vergatterte. Dem Kapital sollten kreuzbrave, gesunde, ausgebildete und willige Arbeiter zugeführt werden, um als Gegenleistung soziale Absicherung und angemessene Pensionen zu erhalten. Der europäische Nachkriegsfordismus war ein gigantisches Unternehmen zur Verstaatlichung der (wohlgemerkt: männlichen) einheimischen Arbeiterklasse. In dieser Hinsicht muss der Fordismus übrigens auch als strikt nationalstaatliches Konzept gesehen werden.

 

Warum ist der Fordismus ein Auslaufmodell?

 

Ich sehe zwei grundsätzliche Antworten auf diese Frage. Eine weit verbreitete Sichtweise erklärt die Umstrukturierungen in Betrieb und Arbeitswelt ausschließlich durch die autonome Eigenlogik der Profitmaximierung. Der Postfordismus sei die Antwort des Kapitals auf rote Zahlen in den Bilanzen. In diesem Zusammenhang bekommt auch der (nicht unproblematische) Begriff der Globalisierung einen spezifischen Sinn: Das Kapital sei eben den nationalen Schranken entwachsen und forme nun die Welt nach seinen neuen Wünschen und Vorstellungen.

 

Diesem Verständnis von gesellschaftlicher Transformation – das Kapital agiert autark und wir sind nur die passiven Objekte – entspricht eine ganz bestimmte politische Strategie, die sich fast ausschließlich an Parlamenten und Gesetzen orientiert. Um dem Treiben des Kapitals – oder schlimmer noch: lediglich dem Treiben bestimmter Kapital-Fraktionen, etwa dem Finanzkapital – Einhalt zu gebieten, müsse ihm auf der repräsentativen politischen Ebene entgegnet werden. Für die Veränderung der alltäglichen Verhältnisse, wie ich sie etwa mit meinen beiden Skizzen beschrieben habe, sei sozusagen das Kapital alleine verantwortlich, die Linke könne nur auf der Ebene der Politik antworten. Also: Neue, bessere Gesetze, bessere Verfassungen, bessere Regierungen und bessere internationale Abkommen stünden auf der Tagesordnung. Manche werden nun verwundert die Augenbrauen hochziehen und fragen, was denn an sinnvollen Gesetzen so problematisch sei? Klammern wir einmal die grundlegende und komplexe Frage nach der Reichweite staatlicher Regelungen aus, so ist jedenfalls entschieden daran zu erinnern, dass die staatstragenden Eliten nach wie vor biographisch, intellektuell, finanziell wie kulturell fest im fordistischen Milieu verankert sind. Der Staatsapparat wird in diesem Zugang als neutrales Werkzeug verkannt. Wohlgemerkt: Es ist die Ausschließlichkeit der Interventionsorientierung auf den Staat, der ich nicht zustimmen kann.

 

Tatsächlich kann die Transformation vom Fordismus zum Postfordismus weder durch reine Profitlogik allein noch durch die systematischen Interventionen von Staaten erklärt werden. Ich plädiere daher für eine etwas andere Sichtweise und beziehe mich dabei auf die inzwischen breite und inzwischen sehr differenzierte Strömung des Operaismus. Auf den Punkt gebracht meine ich, dass das Kapital keineswegs autonom im strengen Sinne des griechischen Wortes (auto nomos = selbst Gesetz) agieren kann und jemals agiert hat. Als Herrschafts- und Kommandoapparat steht das Kapital tatsächlich vor der unlösbaren Quadratur des Kreises. Einerseits ist es auf die lebendige Arbeit, also auf die Fähigkeiten, die Interessen, die Wünsche und Bedürfnisse der Menge angewiesen und muss diese berücksichtigen, ihnen Raum geben und sie bis zu einem gewissen Grade zulassen. Andererseits muss es die lebendige Arbeit kontrollieren, organisieren, kurzum: beherrschen und unter das tote Kapital subsumieren. Es sind die Alltagsverhältnisse, in denen die Unterwerfung der lebendigen Arbeit unter die Kontrolle und das Kommando des Kapitals ausgehandelt und durchgesetzt wird. Der Fordismus, inklusive Fließband, Massenarbeiter/in und staatlich gestütztem Klassenkompromiss war eine dieser Formen, die – eine bestimmte Zeit lang – mehr schlecht als recht funktionierte. Allerdings beruhte das fordistische Modell auf kulturellen und gesellschaftlichen Regelungen, die durch eine Vielzahl von Widerstandsbewegungen und Revolten in Frage gestellt wurden.

 

Nicht der Rechenstift und die roten (aber auch schwarzen) Zahlen in den Bilanzen können die Transformation zum Postfordismus erklären, sondern die widerspenstige Existenz der Menge. Ich kann hier die Faktoren, die in die Aufkündigung des Fordismus mündeten nur ansatzweise anführen. Zu nennen sind allen voran die 1968er-Bewegung, aber auch die Kämpfe in den norditalienischen Industriegebieten, verschiedene kulturelle und soziale Umbrüche sowie die für Kapital und Herrschaft dysfunktionale Explosion des Bildungssektors (mit einer nicht enden wollenden Folge von Gegen-Reformen und -Konzepten). Entscheidend ist, dass die operaistische Sichtweise auf einem breiteren Konzept von Widerstand beruht, als üblicherweise darunter verstanden wird. Denn in der sichtbaren Sphäre der Öffentlichkeit, der Zivilgesellschaft, erscheint nur ein kleiner, oft bereits verstellter Teil der alltäglichen Reibungen, Widerständigkeiten und Verweigerungen. Dieses Verhalten wird häufig nicht mit politischen Begriffen gedeutet und von den Akteurinnen und Akteuren in keinerlei Beziehung zum repräsentativen, parlamentarischen System gebracht. Es sind also diese schwer zu fassenden, nur teilweise medial dargestellten und darstellbaren, nicht systemkonformen Aktivitäten, die jenen Sand in das Getriebe des Fordismus geworfen haben, der letztlich seine Transformation bewirkt hat.

 

Die neuen Bedingungen des Postfordismus

 

Der Postfordismus ist die Antwort der kapitalistischen Herrschaft auf die neuen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Perspektiven der Menge. Daher sind die postfordistischen Verhältnisse zutiefst ambivalent. Für jene, die (offen oder heimlich) den Fordismus rückwirkend vergolden, besteht daher die Möglichkeit, jederzeit und an jedem Punkt eine Gegenrechnung aufzumachen. Die postfordistischen Arbeitsformen bedeuten mehr Autonomie und Souveränität für das Individuum, ja, aber zugleich Verlust sozialer Absicherung und schwindende Lebensplanung usw. usf. An dieser Stelle – eigentlich hätte dies schon längst deutlicher zur Sprache kommen müssen – ist daran zu erinnern, dass jede Gesellschaft auch ein bestimmtes Bild von sich selbst imaginiert, und dieses Bild ist natürlich ebenso Teil der Wirklichkeit wie die materiellen Verhältnisse. Unter diesem Gesichtspunkt erweisen sich bestimmte Zuschreibungen an den Fordismus und Postfordismus mehr als Phantasien denn als materielle Realität. Ein Beispiel dafür ist die beliebte Aussage, der Postfordismus zeichne sich durch sehr unstete, fragmentierte Lebensläufe aus, während der typische fordistische Arbeiter als Lehrling in den Betrieb ein- und als Pensionist aus demselben Betrieb ausgetreten wäre. Tatsächlich hat es solche Phänomene nur für eine eng begrenzte Phase der Entwicklung in begrenzten Bereichen gegeben, etwa der verstaatlichten Industrie in den 1950er bis 1970er Jahre in Österreich. Aber unter dem Strich war das nicht mehr als ein Minderheitenprogramm für Männer mit österreichischem Reisepass. Dennoch wurden viele gesellschaftliche Institutionen, z.B. die Sozialversicherung, so eingerichtet, als ob die angenommenen Normalverhältnisse tatsächlich auch die weiteste Verbreitung gehabt hätten.

 

Was sich zeigt

 

Die Fabrik habe sich in die Gesellschaft aufgelöst, so lautet eine operaistische Grundthese. Tatsächlich sind durch die netzwerkartige Produktion, die Auslagerungen, die allgemeine Ausgliederung bis hin zur Arbeit der Scheinselbständigen die strikten Grenzen zwischen wertschöpfender Arbeit und sonstiger, privater Tätigkeit gefallen. Im Fordismus erschien es vielen sonnenklar, dass das Zusammenschrauben von Kühlschränken eine höchst wertvolle und wertproduzierende Tätigkeit – Arbeit im eigentlichen Sinne – darstellt, während etwa das Aufziehen von Kindern als bloß private, unproduktive Tätigkeit herabgesetzt wurde, die buchstäblich nichts ›zählt‹. Die Grenzen zwischen Arbeit/Freizeit und zwischen wertproduzierender Arbeit/privater Tätigkeit waren glasklar gezogen. Selbstverständlich handelte es sich dabei um fiktive, imaginäre Grenzen. Denn das Geflecht der gesellschaftlichen Verhältnisse ist selbst die große Produktivkraft, die dem Kapital kostenlos zur Verfügung steht. Das Kapital reproduziert niemals die Gesellschaft mit all ihren Beziehungen und Verhältnissen, sondern produziert sich als soziales Verhältnis innerhalb von Bedingungen, die es als Voraussetzung benötigt, aber nicht selbst erzeugen kann. Würde von heute auf morgen jede Tätigkeit, die nicht unmittelbar Erwerbsarbeit ist, eingestellt – die Gesellschaft würde binnen Tagen zusammenbrechen. Die netzwerkartigen Produktionsstrukturen lassen diesen Umstand mit großer Deutlichkeit erkennen. In zahllosen Artikeln, Stellungnahmen und Äußerungen finden wir deshalb immer wieder den Verweis, dass Produktivität und gesellschaftlich sinnvolle Arbeit weit über unmittelbare Erwerbsarbeit hinausgehen. Eine wichtige Konsequenz: Ist die gesamte Gesellschaft produktiver Zusammenhang, so lassen sich herausgehobene Momente nicht mehr exakt bestimmen und messen. Nicht zufällig werden immer häufiger Auffassungen vertreten, wonach die Quellen des Mehrwerts nicht mehr eindeutig zu lokalisieren wären. Das heißt: Der Anteil des Individuums kann nicht exakt gemessen oder bewertet werden. Die ehemals zentrale Bedeutung der Fabrik und der Fabrikarbeit ist heute geschwunden, niemand kann ernsthaft behaupten, das Zusammenbauen von Kühlschränken stelle den Kern der gesellschaftlichen Tätigkeiten dar, der Rest sei belangloses Beiwerk. Dass der gesellschaftliche Zusammenhang als gesellschaftlicher Zusammenhang nicht-hierarchischer Elemente überhaupt auf diese Weise ins Bewusstsein tritt, das hat der Postfordismus dem Fordismus voraus. Dass sich im Postfordismus nicht ein gesellschaftliches Zentrum, wie es im Fordismus die Industrie darstellte, bestimmen und erkennen lässt, hat natürlich gewaltige Auswirkungen auf das politische Denken und die politischen Strategien.

 

Zum intellektuellen und wissensorientierten Charakter der postfordistischen Arbeitsformen existiert inzwischen eine breite Literatur. Unbestritten ist, dass die Tendenz zur Dequalifizierung der Arbeit (Stichwort: Fließband) gegenläufigen Entwicklungen gewichen ist. Ob wir tatsächlich schon davon sprechen können, dass der von Marx prognostizierte »general intellect” Wirklichkeit geworden ist, möchte ich allerdings offen lassen. Klar ist jedenfalls, dass die strikten Trennungen zwischen Gebildeten und Ungebildeten – in der Arbeitswelt wie in der Gesellschaft – in Auflösung begriffen sind. Konnte Lenin in seiner Begründung der Avantgardepartei von 1902 auf das damalige Faktum verweisen, Bildung sei eben ein Privileg der Mittelschichten und kein Recht der Arbeitenden, so ist heute diese Annahme unzutreffend. Gerade das Internet ist Musterbeispiel einer netzwerkartigen Ausbreitung und Weitergabe von Wissen, das nicht mehr nur einer bestimmten sozialen Schicht zugeordnet werden kann, wenn auch manche faktisch von einem unmittelbaren Zugang ausgeschlossen bleiben.

 

Zumindest in seiner imaginären Selbstsicht war der Fordismus eine Gesellschaft der perfekten Identitäten. Die Arbeiter, die Frauen, die Studierenden, die Gewerbetreibenden, die Unternehmer und Intellektuellen, die Journalisten und Journalistinnen, die Wissenschaftler, sie alle hatten klar zugewiesene Plätze in der Gesellschaft, Aufgaben und – selbstverständlich – legitime Interessen und Interessenvertretungen. Klassifikation, Identität und Ordnungsdenken bildeten eine festgefügte Einheit. Verweigerung, Unangepasstheit, das ›Aus-der-Rolle-fallen‹ hingegen konnte in den 1960er Jahren, wie Herbert Marcuse treffsicher feststellte, nur als Irrationalität wahrgenommen werden. »Der Klassenkampf ist also ein Kampf zur Klassifizierung und gegen das Klassifiziertwerden«, lesen wir bei John Holloway.[6] Ob diese Aussage ohne postfordistische Erfahrungen möglich gewesen wäre? Wenn wir uns zur Arbeiter/innenklasse machen lassen, wenn wir fixe Arbeitsplätze und gute Bezahlung als unsere genuinen Wünsche verinnerlichen, wenn wir uns also gesellschaftlich fixieren lassen – dann hat das Kapital fast schon gewonnen. »Nur insoweit, als wir nicht die Arbeiterklasse sind, kann die Frage der Emanzipation überhaupt gestellt werden. Und dennoch, das Bedürfnis nach Emanzipation kann nur insoweit entstehen, als wir die Arbeiterklasse sind.«[7] Der Fordismus war gerade in seiner gewerkschaftlich-sozialpartnerschaftlichen Glanzzeit eine ungeheure Zuschreibungsmaschine. Welche gesellschaftliche Gruppe was und in welcher Form zu wünschen und zu fordern hatte, war im fordistischen Klassenkompromiss bis ins Detail festgelegt.

 

Im Postfordismus ist die Konstitution der sozialen Identität brüchig geworden. Da soziale Identität ein Moment von Herrschaft darstellt, kann zwar keine Rede davon sein, die Zuschreibung von Kompetenzen und sozialem Prestige würde im Postfordismus aufgegeben. Doch bis zu einem bestimmten Grad ist nicht zu verhindern, dass soziale Identität nicht mehr als etwas fix Gegebenes, sondern als stets Verflüssigbares erfahren wird. Die schneller wechselnden Lebenslagen lassen zunehmend die Erfahrung zu, wie konstruiert und einschränkend soziale Identitäten tatsächlich sind. Ich sehe darin einen Keim, eine Möglichkeit für das Bedürfnis nach einer nachkapitalistischen Gesellschaft: Wenn wir morgen anders leben, und vor allem als andere leben müssen, warum soll unsere Form der Existenz allein im Fundus ihrer postfordistischen Variationen zu finden sein?

 

Perspektiven

 

Die Antwort von Kapital und staatlicher Herrschaft auf mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist offenbar der Versuch, alle Menschen zu Arbeitskraftunternehmer/innen, zu Ich-AGs zu machen. Die kapitalistische Verwertungslogik soll von den postfordistischen Subjekten verinnerlicht werden. Wir alle sollen wie Kapitalist/innen zu denken und zu handeln beginnen. Erfreulicherweise wird diesen Zumutungen nicht selten mit Ironie, ja beißendem Spott begegnet. Doch bleibt es oft dabei, sich zu beklagen und letzten Endes von einer Festigung der neoliberalen Hegemonie auszugehen, die nun auch unsere Köpfe und Herzen ergriffen haben soll. Ein entscheidender Punkt wird so aber übersehen: Der Traum des Kapitals, den Klassenkampf stillzulegen, indem alle zu Kapitalisten und Kapitalistinnen werden, dieser Traum ist nicht verwirklichbar. Klassenherrschaft beruht auf der Aneignung von unbezahlter Mehrarbeit, Reichtum und Macht in den Händen weniger, beruht auf der Armut und der Machtlosigkeit von vielen. Dass es teilweise gelingen kann, den Scheinselbständigen und – vor allem – den prekär Beschäftigten einzureden, ihre Existenz beruhe auf der Freiheit des kapitalistischen Unternehmertums und den Segnungen des freien Marktes, will ich nicht kategorisch abstreiten. Allerdings erfolgt die Widerlegung dieses ideologischen Nebelgebildes durch die reale Erfahrung in den postfordistischen Arbeitsformen. Es ist also die soziale Wirklichkeit selbst, die den Menschen tagtäglich vor Augen führt, wo sie gesellschaftlich stehen und dass sie der Tretmühle nicht entkommen können. Durch die ungezügelte Propagierung marktkonformen Verhaltens riskiert die kapitalistische Herrschaft nicht wenig. Denn es ist die soziale Wirklichkeit selbst, die die neoliberale Ideologie ad absurdum führt. Das muss auch einmal deutlich gesagt werden.

 

Zudem stellt sich die Frage, welches Ausmaß die neuen, prekären Arbeitsformen noch annehmen werden. Diese dem Postfordismus angemessenen Arbeitsformen breiten sich zwar mit rasender Geschwindigkeit aus, doch gegenwärtig arbeitet die Mehrzahl noch unter geregelten, fordistischen Arbeitsverhältnissen. Noch sind postfordistische, prekäre Arbeitsverhältnisse in der Minderheit. Da sie eher Frauen betreffen, kann der männliche Mainstream diese prekären Arbeitsverhältnisse noch immer so behandeln wie die Teilzeitarbeit im Fordismus, nämlich als ›nicht eigentliche‹ Erwerbstätigkeit. Je mehr sich der Sektor der prekär Beschäftigten ausbreitet, desto dringlicher wird aber eine Forderung, auf die es aktuell noch keine wirkliche Antwort gibt: die Forderung nach sozialer Absicherung. Denn das hervorstechendste und negativste Merkmal aller postfordistischen Arbeitsverhältnisse ist der völlige Wegfall jeder sozialen Sicherheit; das geht aus jedem Gespräch, aus jedem Interview mit den Betroffenen klar hervor. Mit einem Schlag sind alle erkämpften Ansprüche, vom bezahlten Urlaub bis zur Abfindung, vom Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung bis zum bezahlten Krankenstand, obsolet. Die Einzelnen werden quasi auf frühkapitalistische Verhältnisse zurückgeworfen – zumindest der Tendenz nach. Es bedarf keiner prophetischen Gaben um zu prognostizieren, dass die Forderung nach sozialer Absicherung eine ganz entscheidende sein wird. In welcher Richtung wäre dieses Problem zu lösen? Derzeit herrscht wohl die Neigung vor, die prekären Arbeitsverhältnisse wieder in fordistische rückführen zu wollen. Oft ist dies durch den Gang vors Gericht zu bewirken; nicht selten wird ja gegen bestehende Gesetze verstoßen und eine geregelte Anstellung verweigert, während die Kapitalseite ultimativ fordert, den Status der freien Dienstnehmerin bzw. des freien Dienstnehmers zu akzeptieren, oder überhaupt nur noch auf Honorarbasis arbeiten lassen will. Auf die juristische Intervention folgt in der Regel postwendend die Kündigung. So verständlich und legitim dieses »Zurück-zum-Fordismus« in diesem Punkt auch sein mag, so wenig ist darin eine gesellschaftliche Perspektive zu sehen. Wenn es fordistische Arbeitsplätze ganz einfach nicht mehr gibt, dann kann es auch keine Rückkehr dahin geben.

 

Die postfordistischen Verhältnisse werden, je mehr sie sich ausbreiten, immer dringlicher die Frage einer neuen Form der sozialen Absicherung aufs Tapet bringen. Die häufig angestimmte Klage ob des Abbaus des Sozialstaates weist in eine völlig falsche Richtung. Denn entgegen einem verbreiteten Mythos wird der Sozialstaat keineswegs einfach abgebaut. Hartz IV, aber auch die Praxis des österreichischen Arbeitsmarktservices (AMS) zeigen: So viel Betreuung war noch nie. Angesichts einer Zunahme an Niedriglöhnen, prekärer Arbeitsformen und einer hohen Sockelarbeitslosigkeit wird jene Seite des Sozialsystems dominant, die bereits im Fordismus vorhanden war: nämlich durch psychischen Druck und Gehirnwäsche, durch verpflichtenden Kurs-Besuch und nicht zuletzt durch die zeitweise Sperre des Arbeitslosengeldes die Menschen dazu zu bringen, jeden Scheißjob anzunehmen. Hartz IV ist die legitime, letzte Form des fordistischen Sozialstaates. Ihm kam immer schon die Aufgabe zu, dem Kapital ein verwertbares Proletariat zuzuführen.

 

Die Forderung nach sozialer Absicherung steht unter postfordistischen Verhältnissen vor einer völlig neuen Situation. Während im Fordismus der Sozialstaat spiegelbildlich zur Annahme einer männlichen und einheimischen Normalerwerbsbiographie konzipiert war, das Normalarbeitsverhältnis ihm als Referenz diente, existiert diese Normalität im Postfordismus nicht mehr. Ein Konzept, wonach der Sozialstaat dann einspringen müsse, wenn die Erwerbsbiographie Lücken und Risse zeigt, erweist sich so als völlig untauglich: Postfordistische Lebensverhältnisse bestehen aus Frakturen und permanenten Risken. Löst sich die Normalität im Postfordismus auf, kann sie auch nicht als Richtschnur dienen. Besteht also die Chance, ja die Notwendigkeit, ein zukünftiges Sozialsystem nicht an der Annahme einer fiktiven Normalität auszurichten, die bisher immer auch die Frauen und die MigrantInnen diskriminierte? Bestehen nicht gar die Chance und die Notwendigkeit, die soziale Absicherung von der Erwerbsarbeit zu entkoppeln, den unterschiedlichen Lebenslagen, Arbeitsverhältnissen und Arbeitsformen also durch die Forderung nach dem bedingungslosen, garantierten Grundeinkommen Rechnung zu tragen? Die gleichbewertete Teilhabe aller am gesellschaftlichen Zusammenhang – kann, ja muss nicht dieses Prinzip der emanzipatorischen Neukonzeption sozialer Absicherung zugrunde liegen? Die zweifellos ambivalente soziale Erfahrung postfordistischer Verhältnisse lässt eine rundweg negative Beurteilung einer solchen Forderung ebenso wenig zu wie ungetrübte Schönfärberei. Aber Ambivalenzen eröffnen immer auch Möglichkeiten.

 



[1] Unter gelben Gewerkschaften sind Scheingewerkschaften zu verstehen, die als verlängerter Arm der Unternehmensführung agieren. Da sie aber die Interessen der Arbeitenden artikulieren müssen, um glaubwürdig zu sein, können gelbe durchaus in echte Gewerkschaften kippen. Sie stellen also ein Restrisiko für das Kapital dar.

[2] Diese Daten sind folgendem Buch entnommen: Revelli, Marco (1999): Die gesellschaftliche Linke. Jenseits der Zivilisation der Arbeit. Westfälisches Dampfboot, Münster.

[3] Diese spiegelte gesamtgesellschaftliche Hierarchien – etwa jene zwischen den Geschlechtern oder jene zwischen Inländer/innen und Migrant/innen – und zementierte sie zugleich.

[4] Diese Veränderungen dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in der postfordistischen Struktur vielfältige rassistische und sexistische Identifizierungs- und Ausgrenzungsmechanismen wirken.

[5] Auch durch ökonomische Maßzahlen lässt sich kein vorgeblicher Rückzug belegen, im Gegenteil: In keinem westlichen Land ist die Staatsquote gesunken, in Deutschland ist sie etwa von 38,1% im Jahre 1970 auf 48,4% im Jahre 2001 gestiegen! Die Staatsquote bezieht die Staatsausgaben einer Periode auf deren Bruttoinlandsprodukt. Quelle: www.wirtschaftundschule.de/Lexikon/S/Staatsquote.html

[6] Holloway, John (2002): Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen. Westfälisches Dampfboot, Münster, S. 164.

[7] Holloway, John (2002): Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen. A.a.O., S. 167.