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Karl Reitter

Kapitalismus ohne Klassenkampf?

Zu Michael Heinrich: „Kritik der politischen Ökonomie“

 

Einführungen zählen zu den ausgesprochen schwierig zu verfassenden Texten: Nichts soll vorausgesetzt, aber alles, vor allem alles Wesentliche, erklärt werden. Aber was ist das Wesentliche, die Essenz eines Gegenstandes? Und wie soll dieses Wesentliche ohne Rückgriff auf Vorwissen klar und einfach erklärt werden ohne zu versimplifizieren und ohne existierende Problematiken und Probleme zu übertünchen? Wie sollen Kontroversen dargestellt werden, wo doch das notwendige Verständnis für diese Kontroversen noch nicht vorausgesetzt werden kann?

 

Sind Einführungen an sich schon eine heikle Sache, so ist ein solches Unternehmen gerade beim Gegenstand „Kritik der politischen Ökonomie“ fast unlösbar. Nicht nur, dass die Marxschen Werke ausgesprochen komplex und vielschichtig sind, zudem existiert eine über hundert Jahre andauernde Rezeption, die teilweise zu erbitterten Auseinandersetzungen führte, verknüpft und verbunden mit dem Schicksal antikapitalistischer Bewegungen, deren Selbstverständnis und deren internen Machtkämpfen.

 

Mit „Kritik der politischen Ökonomie“ ist Michael Heinrich wirklich sehr viel gelungen. Das Buch ist eine spannende, klar durchdachte und höchst niveauvolle Einführung in diese komplexe Materie, die ich allen ausdrücklich empfehlen kann. Trotzdem gibt der Autor seiner Darstellung des Marxschen Denkens eine gewisse Wendung, mit der ich nicht übereinstimme. Bevor ich nun versuche, meine Differenzen nach und nach zu entwickeln, möchte ich explizit festhalten, dass ich weit davon entfernt bin zu behaupten, aus meinen Auffassungen spräche der wahre, authentische Marx oder ähnliches. Ob eine Theaterszene von oben mit Rotlicht oder von unten mit grünem Licht angestrahlt wird, es bleibt immer dieselbe Szene, obwohl sie jedes Mal in einem anderen Licht erscheint. Mir geht es also nur um die Einstellung der Scheinwerfer der Rezeption des Marxschen Werkes.

 

Um es also nochmals zu betonen: Nach meiner Auffassung steht kein einziger falscher Satz, kein unrichtiges Wort bezüglich der Marxschen Texte in diesem Buch. Ich bin daher nicht sicher, ob ich meine Ausführungen mehr als Ergänzung denn als Kritik bezeichnen soll. Wie auch immer, jedenfalls läuft mein Einwand darauf hinaus, dass einfach ganz wesentliche Aspekte so dargestellt werden, dass unter dem Strich ein einseitiges Verständnis der Marxschen Ausführungen provoziert wird, selbst wenn dies gar nicht beabsichtigt ist.

 

Das zentrale Problem der Darstellung der Marxschen Überlegungen liegt freilich in der Sache selbst begründet und diese „Sache selbst“ ist der doppelte Charakter der kapitalistischen Ökonomie, nämlich zugleich ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen als auch ein quantifizierbares Verhältnis zwischen Dingen. Unter anderem führt Marx diesen Gedanken in der Kapitalvorarbeit „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ aus. „Es charakterisiert endlich die Tauschwert setzende Arbeit, dass die gesellschaftliche Beziehung der Personen sich gleichsam verkehrt darstellt, nämlich als gesellschaftliches Verhältnis der Sachen.“ (MEW 13; 21) Und weiter: „Wenn es daher richtig ist zu sagen, dass der Tauschwert ein Verhältnis zwischen Personen ist, so muss aber hinzugesetzt werden: unter dinglicher Hülle verstecktes Verhältnis.“ (MEW 23; 21) Wir sind also mit dem Wechselspiel zwischen quantifizierbaren Größen und sozialen Beziehungen konfrontiert. Einige Absätze später meint Marx, dass jede einseitige Auflösung dieser Doppelbeziehung zugleich die entgegengesetzte Sichtweise provoziert: Kaum wird Wert „plump als Ding“ festgehalten, erscheint es als „gesellschaftliches Verhältnis“, wird der Wert, und wir können hinzusetzen das Kapital, als gesellschaftliches Verhältnis bestimmt, „neckt“ es uns als „Ding“ mit seiner scheinbaren Werteigenschaft. (MEW 13; 22) Diese Passagen sind natürlich gut bekannt. Trotzdem meine ich, es ist bis dato niemandem wirklich gelungen bei der Darstellung des Marxschen Hauptwerkes diesen Doppelcharakter konsequent und bei allen Fragen durchzuhalten; vielmehr kippen die Ausführungen entweder in die eine oder andere Richtung.

 

Kapital ist also nicht nur eine quantifizierbare, in Preiszahlen darstellbare Wertgröße, es ist ebenso ein Verhältnis zwischen Menschen. Jedoch nicht zwischen Menschen schlechthin, sondern zwischen Klassen, also zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Es ist jedoch kein unmittelbares Verhältnis, ohne Vermittlung, ohne „Mitte“, sondern es ist über Dinge hergestellt. Heinrich führt genau und präzise aus, warum der Wert einer Ware als dinglicher Schein eines gesellschaftlichen Verhältnisses dechiffriert werden muss. Weil hinter der dinglichen Hülle eine Beziehung zwischen Menschen steckt, ist auch der Begriff Kapitalverhältnis sinnvoll. Gut, das alles ist all zu bekannt, worauf will ich nun hinaus? Das gesellschaftliche, soziale Verhältnis verschwindet nicht durch die dingliche Form, es wird nicht aufgehoben, unwesentlich, überschrieben usw. Wenn also Marx Kapital als Bewegung G – W – G’ definiert, so kann diese Definition für sich genommen ein wenig in die Irre führen. Insofern nämlich, als hier offenbar die dingliche Seite scheinbar völlig Oberhand nimmt und leicht vergessen wird, dass sich hier nicht einfach Geldsummen im Kreis drehen, sondern das soziale Verhältnis der Ausbeutung der Akkumulation zu Grunde liegt. Anders gesagt, der Mehrwert erfordert die soziale Beziehung der Unterordnung der lebendigen Arbeit, also unsere Unterordnung im Arbeits- und Verwertungsprozess. Marx spricht in diesem Zusammenhang vom Kapital als „automatischem Subjekt“, ein Ausdruck, den auch Heinrich zitiert. Ich finde diesen Ausdruck nicht restlos geglückt. Denn er könnte dazu verleiten die gesellschaftlichen Verhältnisse ausschließlich als Bewegung von Wertgrößen aufzufassen, kurzum den Doppelcharakter von Wert und Kapital, zugleich Ding wie gesellschaftliches Verhältnis zu sein, in eine einseitige Hierarchie aufzulösen. Das Verhältnis wird vergessen, wir haben nur noch Wertgrößen, die wir in Beziehung setzen.

 

Krisenbegriffe

 

Ein wenig überinterpretiert Heinrich die Formel vom „automatischen Subjekt Kapital“: Das Kapital bewege sich autonom, wir seien vollständig von dieser Bewegung abhängig und würden wie Marionetten an den Fäden der sich bewegenden Wertgrößen hängen. Diese Auffassung kommt besonders bei dem Abschnitt zur Krise zum Ausdruck. Krise, so klingt es aus diesen Ausführungen, resultiert schlicht aus roten Zahlen in den Bilanzen. Diese roten Zahlen veranlassen die kapitalistischen Charaktermasken zu bestimmten Maßnahmen, Maßnahmen, die jedoch notwendig nur in das Wechselspiel von Krise und Prosperität einmünden müssen. Kein Weg führe aus dem Zirkel von Prosperität und Krise heraus, wobei Krise die Prosperität und Prosperität die Krise jeweils im Keim enthält. Diese Darstellung ist nun beileibe nicht falsch, allerdings einseitig. Ich gebe, etwa im Gegensatz zu Antonio Negri, auch gerne zu, dass eine Dimension der Selbststrukturierung des Kapitals existiert, so gesehen der Ausdruck „automatisches Subjekt“ berechtigt ist. Es wäre nebenbei ja auch weltfremd zu behaupten, rote Zahlen würden keine Maßnahmen der Bourgeoisie nach sich ziehen. Nur ist das die ganze Geschichte? Wird der Krisenbegriff nicht ausschließlich aus der einen Seite, der Dingseite, der Seite der Wertgröße, der Preiszahlen abgeleitet? Muss nicht der Krisenbegriff, gerade in Hinblick auf die Überwindung des Kapitalismus tiefer gefasst werden, muss nicht auch das Verhältnis als Verhältnis betrachtet werden? Heinrichs Krisenbegriff ist zweifellos der in der marxistischen Debatte vorherrschende. Brenners viel beachtetes Buch „Boom and Bubble“ argumentiert ebenfalls auf dieser Linie. Die Diskussion dreht sich zumeist darum, woher denn diese roten Zahlen stammen: aus Überproduktion, Unterkonsumtion, dem tendenziellen Fall der Profitrate, dem Ungleichgewicht der Reproduktionssphären usw.? Diese Debatten sind natürlich nicht unwichtig, da sie ja eine real existierende Dimension der kapitalistischen Wirklichkeit betreffen. Das Kapitalverhältnis ist auch Wertgröße, Preiszahl.

Im Marxschen Werk wird jedoch noch ein zweiter, viel weiter gehender Krisenbegriff entfaltet, als er sich mit Folgephänomenen wie Arbeitslosigkeit oder Inflation abdecken läßt. Das Kapital steht nämlich vor einem an sich unlösbaren Problem, es muss das Unbeherrschbare beherrschen, aber es darf es zugleich nicht zu Tode beherrschen. Dieses Beherrschbare/Unbeherrschbare ist dem Kapital nicht fremd, nicht äußerlich, es ist das v, das variabel Kapital, das Proletariat, also wir sind es. Unsere Fähigkeiten, Wünsche, Beziehungen, Fertigkeiten, unser Körper wie unser Geist, unsere Ängste und Sehnsüchte, kurzum uns als lebendige und tätige Menschen muss das Kapital in den Arbeits- und Verwertungsprozess einfügen. Im Kapital findet sich der berühmte Satz, dass die Maschinerie „das machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals. [ wird], (...) Man könnte eine ganze Geschichte der Erfindungen seit 1830 schreiben, die bloß als Kriegsmittel wider Arbeiteremeuten ins Leben traten“ (MEW 23; 459) Es war der italienische Operaismus, der als erster versucht hat, die realen und konkreten Verhältnisse sowohl innerhalb der Betriebe als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene als Ausdruck dieses Beherrschungsversuchs begreiflich zu machen. Ich will nicht abstreiten, dass so manches an diesem Versuch schief lief, so mache Thesen, insbesondere von Negri, völlig überzogen sind. Ich gestehe auch gerne ein, dass es eine eigene, autonome, sich strukturierende Logik des Kapitals gibt, also die roten Zahlen tatsächlich wirksam werden, die der Operaismus nicht mehr erkennen will. Auch wenn die operaistische Sichtweise keineswegs den allumfassenden Ansatz darstellen kann, so ist es doch sehr erhellend, die gesellschaftlich-ökonomische Entwicklung aus der Perspektive des Wechselspiels von Disziplinierung und Motivation der lebendigen Arbeit zu betrachten. Gerade in den gegenwärtigen, postfordistischen Verhältnissen ist das Kapital offenbar gezwungen die rohen fordistischen Disziplinierungsmaßnahmen durch indirektere und raffiniertere Kontrollmaßnahmen zu ersetzen. Ein wenig läßt Heinrich diese Ansicht wohl gelten, wenn er etwa auf Seite 113 schreibt: „Vor allem im letzten Jahrzehnt gab es in einer Reihe von Branchen sogar die Tendenz, von der Kapitalseite aus die Autonomie der Beschäftigten über den Arbeitsprozess zu stärken.“ In Anschluss daran verweist der Autor auf die Studien von Harald Wolf, der wiederum, mit Bezug zu Castoriadis, das Problem der Beherrschung der lebendigen Arbeit als zentrales Moment des Kapitalismus ausmachte.[1] Heinrich erwähnt also dieses fundamentale Problem der kapitalistischen Herrschaft durchaus, aber bloß en passent, ganz nebenbei. Ich halte es umgekehrt für das zentrale Moment des Kapitalismus, das auch die jeweils konkrete Ausprägung der kapitalistischen Gesellschaft erklärt. Den Wandel des Fordismus zu den aktuellen postfordistischen Formen ausschließlich aus roten Zahlen zu erklären erscheint mir unmöglich und höchst unplausibel. Ebenso können die Auswirkungen der Russischen Revolution für das Entstehen des Fordismus nicht ignoriert werden.

 

Die indirekt im Buch favorisierte These von der Autonomie des Kapitals, welches quasi in seinen Akkumulationsbestrebungen von den Wünschen, Bedürfnissen und Kämpfen der Menschen bestenfalls belästigt, aber nicht grundlegend gestört wird, halte ich theoretisch für unbegründet. Sie widerspricht meiner Auffassung nach auch der historischen Erfahrung. Die letzte Schranke des Kapitals kann – darin stimmen Heinrich und ich wohl noch überein – nur eine vom Kapital selbst geschaffene, innere Schranke sein. Aber diese inneren Schanken sind letztlich keine sinkenden Profite, sondern – ich wiederhole mich jetzt – wir selbst, wir, die lebendige Arbeitskraft, das „variable Kapital“.

 

Es existiert innerhalb des Marxismus eine lange und ausufernde Debatte um das Verhältnis von ökonomischer Krise im engeren Sinne und gesellschaftlicher Krise im weiteren Sinne. Nur zur Klärung: Unter ökonomischer Krise im engeren Sinne verstehe ich in Zahlen darstellbare Verwertungsprobleme und deren unmittelbare Auswirkung, etwa Betriebsschließungen. Eine gesellschaftliche Krise wäre etwa die 68er Rebellion, die von Wallerstein inzwischen zu Recht zur Reihe der großen Revolutionen gezählt wird. Aber auch die Russische Revolution beruhte nicht unwesentlich auf der Kriegsmüdigkeit der Massen und ihrem Abscheu, auf den Schlachtfeldern Europas in den Tod geschickt zu werden. Um diese Krisen als Krisen des Kapitalverhältnisses begreifen zu können, muss der Begriff des Kapitalverhältnisses in einem breiteren und weiteren Sinn entwickelt werden, als Heinrich es seinen LeserInnen nahelegt. Eigentlich müssten wir darüber diskutieren, ob die Unterscheidung zwischen ökonomischer und gesellschaftlicher Krise wirklich Sinn macht. Aber indem der Autor das Kapitalverhältnis als „automatisches Subjekt“ relativ unberührt von dem sozialen Verhältnis zwischen den Klassen konzipiert, suggeriert er einen sehr verengten Krisenbegriff, obwohl dies wahrscheinlich gar nicht intendiert ist.

 

Klassenbegriff

 

Auch beim Thema Klassen werden die Akzente in einer Weise gesetzt, dass ein entscheidender Punkt nicht klar genug ersichtlich wird. Ich meine, Klasse muss strikt als Verhältnis verstanden  werden. Um näher zu klären, was ich damit meine, möchte ich zuerst eine weit verbreitete Fehlinterpretation darstellen und folglich auf Heinrichs Ausführungen zu sprechen kommen.

 

Ein Teil der Linken ist einem völlig bürgerlichen, soziologistischem Klassenbegriff verpflichtet. Klasse wird analog zur bürgerlichen Soziologie durch Merkmale definiert. Proletarier sollen also Menschen sein, auf die bestimmte Parameter zutreffen, also werktätig, lohnabhängig, nur mit einem bestimmten Bildungsgrad ausgestattet usw. Als „marxistisches“ Denken gilt, wenn Begriffe aus dem Kapital vorrangig zur Definition benutzt werden, so vor allem das Kriterium „mehrwertproduzierend“. Über die Frage, ob denn nicht mehrwertproduzierende ArbeiterInnen, etwa Hausangestellte, zum Kernproletariat zählen, gab es in der Vergangenheit gar manch scholastische Debatten, die an den mittelalterlichen Streit erinnern, wieviel Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten. Aber oh weh, immer mehr Menschen fristen formal juristisch als Selbständige ihr Dasein, das Industrieproletariat scheint überhaupt aus Mitteleuropa zu verschwinden und oft sind es die kämpferischsten KollegInnen in den Betrieben, die der Arbeitswelt ade sagen und zu studieren beginnen      lang1031langfe1031langnp1031insrsid9076019. was immer das auch heißen mag

 

Zum Thema Klasse findet sich bei Heinrich folgende Passage: „Der kapitalistischen Produktionsweise liegt also ein ganz bestimmtes Klassenverhältnis zu Grunde: Es muss einerseits eine Klasse von Eigentümern (Geld- und Produktionsmittelbesitzern) geben und auf der anderen Seite ein Klasse von weitgehend eigentumslosen, aber rechtlich freien Arbeitern und Arbeiterinnen. Dieses Klassenverhältnis ist meistens gemeint, wenn Marx nicht vom Kapital, sondern vom Kapitalverhältnis spricht.“ (88) Wenn ich jetzt ein ganz klein wenig spitzfindig sein darf, so sei mir die Bemerkung gestattet, dass mit diesen Worten eigentlich kein Verhältnis beschrieben wird. Im Grunde stellt der Autor die beiden Klassen nebeneinander, die eine Klasse besitzt dies, die andere das.[2] Verhältnis meint jedoch eine dynamische, ständig im Fluß befindliche Beziehung, Verhältnis ist immer Interaktion. Ich sehe hier gewisse Parallelen zum Heinrichschen Krisenbegriff. Wenn Krise stets ein Prozess ist, der über die Gesellschaft hereinbricht wie ein Unwetter über einen Landstrich, so sind die Hausbesitzer weniger betroffen als die Obdachlosen. Aber das Unwetter ist nicht Resultat der Beziehung zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Es kann sekundär zu einem konflikthaften Verhältnis werden, wenn die Obdachlosen auch ein Dach über dem Kopf fordern. So würde ich einmal Krisen- und Klassenbegriff bei Heinrich paraphrasieren. Umgekehrt meine ich, dass Klasse strikt als Verhältnis gedacht Kampf, Konflikt und die Krise mit einschließt. Klasse – Verhältnis – Kampf – Krise liegen begrifflich sozusagen auf einer Linie.

 

In Heinrichs Buch finden sich nun zwei beeindruckend klar und präzise formulierte Gedankenstränge, die nur ein Stück weiterzuführen wären um einen adäquat-relationalen Begriff des Proletariats zu entwickeln.

 

Erstens: Um die falsche Auffassung des Wertes als notwendiges Resultat von Arbeit zu kritisieren bringt Heinrich ein sehr anschauliches Beispiel. Er sagt, wenn wir zwei völlig verschiedene Objekte haben, etwa ein Auto und einen Apfel, kann es sein, dass beiden die Eigenschaft „rot“ zukommt. Die rote Farbe wäre also ihr Gemeinsames. Dieses Gemeinsame existiert allerdings auch völlig unabhängig voneinander, auch wenn ich diese Objekte nicht in Beziehung setze, sind und bleiben sie rot. So wurde oftmals fälschlich die Werteigenschaft der Ware missgedeutet. Arbeit produziere den Wert der Ware, wenn nun diese Waren getauscht werden, trete die gemeinsame, sozusagen vorher vorhandene Werteigenschaft zu Tage und nehme im Geld sinnliche Gestalt an. Dem gegenüber zeigt der Autor, dass die gemeinsame Eigenschaft Wert zu verkörpern nur aus dieser Inbeziehungsetzung resultiert, dass also das Charakteristikum von Ware Träger von Wert zu sein ein strikt relationales ist, also nur durch das gesellschaftliche Verhältnis gesetzt wird. Das wäre so, als ob sowohl das Auto wie der Apfel nur dann jeweils rote Farbe annehmen, wenn sie in irgendein Verhältnis treten. Mit der Bourgeoisie und dem Proletariat ist es genau so. Ohne gesellschaftliche Beziehung mag es zwar reiche Menschen und Arbeitende geben, aber keine Bourgeoisie und kein Proletariat. Und genauso wie der Wert als unabhängige, beziehungslose, an sich bestehende Eigenschaft des Arbeitsprodukts missgedeutet wurde, genauso wurde das Proletariat identitätslogisch als Gruppe von Menschen, die arbeiten oder sonst wie werktätig sind, missgedeutet, als könne es ein Proletariat völlig unabhängig von jener spezifischen sozialen Beziehung geben, die es erst konstituiert. So sprach etwa Ernest Mandel, trotzkistischer Vordenker, seinerzeit ungeniert vom Proletariat in der Sowjetunion, obwohl er gleichzeitig behauptete, eine Bourgeoisie gäbe es dort nicht mehr. Wenn es also Menschen gibt, die in Fabriken arbeiten, müsse es auch das Proletariat geben, so sein grandioser Fehlschluss. Wenn freilich das Proletariat strikt als der eine Pol des Verhältnisses erkannt wird, dann ist jede Merkmalsoziologie überwunden, die mit einer Liste von Parametern Existenz, Größe und soziale Dynamik des Proletariats messen möchte. Ebenso ist die individuelle Sichtweise überwunden; ob die Proletarierin X aktuell lohnarbeitet oder nicht, ist für ihre Klassenzugehörigkeit ebenso irrelevant, wie es unwesentlich ist, ob der Kapitalist Y aktuell sein Kapital in einen Betrieb investiert, für eine Zeit lang unter der Decke versteckt oder an der Börse zirkulieren läßt. Morgen mag es für beide anders sein, ihre Klassenlage hat sich dadurch nicht geändert. Anders gesagt, selbstverständlich zählen Arbeitslose, MigrantInnen in Lagern, StudentInnen (in der Mehrzahl), sogenannte Hausfrauen, PensionistInnen (in der Mehrzahl) usw. zum Proletariat. Vor allem ist mit diesem relationalen Begriff von Klasse endlich dem Unfug der theoretische Boden entzogen die ArbeiterInnenklasse mit bestimmten kulturellen und arbeitsorganisatorischen Formen des Fordismus gleichzusetzen oder dem Irrwitz die TeilnehmerInnen an den Sozialforen als „kleinbürgerlich“ zu bezeichnen. Ein paar klärende Worte diesbezüglich wären in einem Buch, das für die Aktualität der Marxschen Kapitalanalyse, die ja wohl zugleich eine Klassenanalyse ist, plädiert, sicher angebracht.

 

Zweitens: Dass Kapitalanalyse substantiell Klassenanalyse ist, zeigt ein weiterer Gedanke im Text, auf den ich jetzt zu sprechen kommen möchte. Heinrich zeigt sehr genau, dass die übliche Formel vom Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten, mit der der Aufbau des „Kapitals“ interpretiert wird, dem eigentlichen Gedankengang nicht ganz gerecht wird. Er schlägt vor, die Sache präziser zu fassen: Das „Kapital“ beginne mit der Analyse der Oberfläche der kapitalistischen Produktionsweise und dringe dann sozusagen in die Tiefe vor. „Es werden nicht vorkapitalistische Verhältnisse analysiert (…) sondern kapitalistische, gegenwärtige Verhältnisse, aber unter Absehung vom Kapital.“  (79) Ich stimme voll zu, im ersten Abschnitten des Kapitals treten uns bloße WarenbesitzerInnen entgegen, die auf dem Markt mit ihren Waren einander gegenübertreten und deren gesellschaftliches Verhältnis eben durch die Beziehung ihrer Waren geregelt ist. Später wird diese Beziehung konkretisiert, zwar bleiben WarenbesitzerInnen solche, aber die Art der Waren wird spezifiziert: Haben die einen (angeeignetes) Kapital in den Händen, so die anderen nur ihre Arbeitskraft. Auch der Schauplatz ändert sich: Wir müssen das bunte Treiben des Markts verlassen und treten in die düstere Zone der Produktion ein. Zur formalen Gleichheit gesellt sich die reale Ungleichheit. Klassenbeziehung ist nicht die Beziehung tauschender und handelnder Warenbesitzer, es ist die Beziehung der Herrschaft mittels der sachlichen Macht des konstanten Kapitals über die lebendige Arbeit. Damit ist aber auch klar, dass das Klassenverhältnis nicht einfach auf die (kollektive) Beziehung von Warenbesitzern reduziert werden kann, die sich auf dem Markt gegenüber treten. Viele scheinbar sehr tief schürfende Analysen und theoretische Standpunkte, die aktuell als der wahre Marxismus verkauft werden, beruhen oftmals schlicht darauf den systematischen Klassengegensatz auf die Konkurrenz einfacher Warenbesitzer zu reduzieren. Diese verzerrende Reduktion wäre zumindest in einer Fußnote zu kritisieren.

 

Klassenkampf

 

Auf der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft, also aus dem ersten Abschnitt des „Kapitals“, sind die Begriffe Klassen und Klassenkampf gar nicht zu entwickeln. Wir finden dort zwar Warenbesitzer in heftigem Konkurrenzkampf,  im Warenfetisch befangen und unter Gesetze subsumiert, die sie nicht durchschauen wollen und können. Und so manches mal purzelt ihnen „das Haus über dem Kopf zusammen“ (MEW 23; 89), wie Marx bilderreich die Erfahrung umschreibt, dass so manche Ware nicht oder nur mit massiven Verlusten zu verhökern sei. Aber erst mit dem Übergang von der Zirkulation zum sozialen Verhältnis in der Produktion zeigt sich die ganze Dimension der Marxschen Kritik. Das Kapitalverhältnis zeigt sich als mittelbares Herrschaftsverhältnis, mittelbar insofern, als es nicht direkt, unvermittelt ausgeübt wird[3], sondern mittels des konstanten Kapitals, der angeeigneten Produktionsmittel. Das Verhältnis zwischen c und v, zwischen dem toten Kapital und der lebendigen Arbeit, zwischen sachlicher Macht und lebendiger Kreativität, zwischen Produktionsmittel und den AnwenderInnen, denen das Kapital einerseits Autonomie zugestehen muss, andererseits seine Verfügungsgewalt nicht aus der Hand geben darf, kurzum der Klassenkampf nimmt selbstverständlich verschiedenste Formen an. Und gerade an diesem Punkt zeigt sich erneut das schwer zu fassende Doppelspiel von sozialem Verhältnis und ökonomischen Größen. Das sachlich vermittelte Herrschaftsverhältnis zeigt sich in vielerlei organisatorischen, psychologischen, ideologischen, moralischen und kulturellen Aspekten. Heinrich kennt natürlich die Debatte um die Transformation der fordistischen in postfordistische Verhältnisse, die Diskussionen um neue Arbeitsformen, Organisationsstrukturen usw. Gerade wir als MarxistInnen sollten klar machen, dass diese Entwicklungen nicht als selbstläufige Modernisierungen, Innovationen und was weiß ich analysiert werden können, sondern eine aktuelle Form des Klassenkampfs darstellen.

 

Aber zugleich ist dieses soziale Verhältnis eine ökonomische Größe, mit der gerechnet und die in Formeln eingesetzt werden kann. Die wesentliche Größe ist die Lohnhöhe. Ich sage offen und mache mich damit gerne angreifbar, dass Marx an diesem Punkt bei seiner Darstellung möglicherweise einen gewissen strategischen Fehler gemacht hat. Denn der Wert der Ware Arbeitskraft ist nicht bestimmbar wie der Wert eines beliebigen Produktes. Was wir an Zeit und Material benötigen um einen Tisch herzustellen, läßt sich deshalb bestimmen, weil wir einen Tisch bestimmen können. Aber was benötigen wir für unsere individuelle und gesellschaftliche Existenz, was benötigen wir um uns zu „reproduzieren“? Was bedürfen wir für unser Leben? Was benötigen wir um zu sein, zu leben, um unsere sozialen Beziehungen zu entwickeln? Marx verwendet dafür eine Formel, die Heinrich paraphrasiert: „Der Umfang der ‚notwendigen Lebensmittel‘ ist in den einzelnen Ländern und Epochen unterschiedlich, er hängt von dem ab, was in einem Land zu den normalen Lebensbedingungen gerechnet wird, sowie dem, was die Arbeiter und Arbeiterinnen als Ansprüche geltend machen.“ (91) Diese mit etwas unterkühltem Understatement formulierte Aussage hat jedoch denselben Inhalt wie meine etwas pathetisch formulierten Fragen: Die Lohnhöhe ist eine Funktion des Klassenkampfs.[4] Hätte Marx also darauf bestanden, dass die Lohnhöhe nicht bestimmbar ist, dass es also keinen zu allen anderen Waren analogen Wert der Ware Arbeitskraft gibt, hätte er das Verfassen des „Kapitals“ an diesem Punkte abbrechen müssen. In gewissem Sinn ist also der „Wert der Ware Arbeitskraft“ eine contrafaktische Unterstellung, eine notwendige und zugleich auch mögliche Annahme. Gerade bei der Arbeitskraft ist also die Unterstellung, gerade diese Ware würde zu ihrem Wert gekauft, eine contrafaktische und fiktive, was Marx selbst klar konstatiert: „ …; übrigens gehe ich z.B. bei Bestimmung des Werts der Arbeitskraft davon aus, dass ihr Wert wirklich gezahlt wird, was tatsächlich nicht der Fall ist.“ [5]

 

Wir können allerdings durchaus einen Wert für die Ware Arbeitskraft annehmen und selbst unter dieser Annahme können wir präzise den Begriff der Ausbeutung entwickeln ohne auf moralische und ethische Postulate zurückgreifen zu müssen, so oder ähnlich hätte Marx formulieren können. Heinrich erwähnt zwar durchaus, dass die Lohnhöhe ein Produkt der Klassenauseinandersetzung sei, aber relativiert dies durch den Ausdruck „mitbestimmt“. Es war überdies der von Heinrich so gescholtene Antonio Negri, der die politische Bestimmung des Lohnes konsequent weitergedacht hat. Der Autor wirft Negri einen „oberflächlichen Umgang mit den Marxschen Kategorien“ (8) vor. Negri mag mensch alles Mögliche vorwerfen, oberflächlich ist sein Herangehen jedenfalls nicht. Allerdings finden sich seine diesbezüglichen Überlegungen im „Empire“ nur noch als vorausgesetztes Resultat. Im leider nur teilweise übersetzen „Marx oltre Marx“[6] denkt Negri die politische Bestimmung des Lohnes konsequent weiter und kommt zum Schluss, dass das Kapitalverhältnis als reines Machtverhältnis aufzufassen sei. Ein wesentliches Moment seiner Argumentation sehe ich darin, dass Negri die Entgegensetzung von Ökonomie und Politik als bürgerliche Mystifikation deutet, also schon in der Akzeptanz dieser beiden unterscheidbaren Sphären ein wesentliches Moment der kapitalistischen Herrschaft zu erkennen vermeint. Im Grunde ist Negris Argumentation sehr komplex und schwierig.[7]

 

Analog zur traurigen Tatsache, dass nicht wenige Linke und MarxistInnen meinen, sie könnten das Proletariat mit einer Liste von Merkmalen definieren, wird oftmals Klassenkampf mit ganz bestimmten, heute nostalgisch anmutenden Formen gleichgesetzt. In einem weiteren Schritt wird dann bedauernd, aber oftmals auch mit hämischen Grinsen konstatiert, den Klassenkampf gebe es nicht mehr oder wenn doch sei er völlig irrelevant. Wenn also Arbeiter nicht ihre schwieligen Fäuste ballen und Kampflieder singend aus den Werkshallen strömen, dann sei es mit dem Klassenkampf Essig. Zu diesem Punkt vermisse ich eine klare Stellungnahme in Heinrichs Buch. Es kann ja wohl nicht die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie höchst aktuell sein, der Klassenkampf jedoch ein Phänomen des 19. und 20 Jahrhunderts? Um die Diskussion zu erleichtern, möchte ich jetzt zwei Beispiele für aktuelle Formen des Klassenkampfs anführen. Einmal die Ströme der Migration, die das Kapital zu kontrollieren, lenken, unterbinden und zu manipulieren versucht. Auch wenn der sozialtechnische Zugriff des Staates auf die Migrationströme gegenwärtig eher mit Foucault und Agamben thematisiert wird, so sollten gerade wir MarxistInnen zeigen, dass dieser Kampf oftmals auf Leben und Tod  eine höchst aktuelle Form des Klassenkampfs darstellt. Mein zweites Beispiel ist etwas weniger dramatisch, aber nicht weniger wirkungsmächtig. Ich meine das massenhafte Ignorieren und Außerkraftsetzen des bürgerlichen Eigentumsbegriffs durch das gegenseitige Überlassen von Musikfiles und anderen Dateien durch die Technik des peer-to-peer Datenaustausches. Auch wenn die Bourgeoisie den Begriff Klassenkampf zumeist entrüstet als „unwissenschaftlich“ zurückweist, konkret führt sie ihn ganz entschlossen. Gerade angesichts der sich rasch ausbreitenden Tauschbörsen, die eigentlich Geschenkbörsen heißen müßten, da im strikten Sinne ja nicht getauscht wird, ziehen die Charaktermasken des Kapitals alle Register. Von wilden Drohungen, moralischen Appellen, billigen Bluffs, Schmeicheleien, der Mitleidsmasche (die armen MusikerInnen), statuierten Exempel, der kaum verhüllten Bereitschaft selbst gesetzliche Grauzonen zu betreten bis hin zum Ruf nach totaler Überwachung und gezielt ausgestreuten Falschmeldungen reicht die Palette ihrer Reaktionen. Natürlich wäre Bedeutung, Reichweite und Perspektive dieser massenhaften Praxis eine eigene Debatte wert. Mir geht es jetzt einmal nur darum Phänomene des Klassenkampfes als solche zu benennen um endlich die völlig verengte, ja rudimentäre Auffassung der Klassenauseinandersetzung in Frage zu stellen. Auch bei diesem Thema habe ich einige klärende Bemerkungen vermisst.

 

Fetisch

 

Ich steige mit zwei Zitaten aus „Die Kritik der politischen Ökonomie“ ein: „Die Warenwerte sind Ausdruck einer übermächtigen, von den Einzelnen nicht zu kontrollierenden Gesellschaftlichkeit. In einer warenproduzierenden Gesellschaft stehen die Menschen (und zwar alle!) tatsächlich unter der Kontrolle der Sachen, die entscheidenden Herrschaftsverhältnisse sind keine persönlichen, sondern ,sachliche‘.“ (73) „Dem Fetischismus der gesellschaftlichen Verhältnisse unterliegen alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft.“ (185) Diese Aussagen halte ich im buchstäblichen, ernst gemeintem Sinne für Halbwahrheiten, sie sind zur Hälfte wahr. Sie sind wahr, wenn wir auf der Ebene der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, also im Umkreis des ersten Abschnitts des „Kapitals“ verbleiben. Sie sind unwahr, wenn wir den Gesichtspunkt der Mehrwertproduktion einnehmen. Ich zitiere dazu eine Lieblingsstelle von mir aus den „Resultaten“:  „Insofern steht hier der Arbeiter von vornherein höher als der Kapitalist, als der letztere in jenem Entfremdungsprozess wurzelt und in ihm seine absolute Befriedigung findet, während der Arbeiter als sein Opfer von vornherein dagegen in einem rebellischen Verhältnis steht und ihn als Knechtungsprozess empfindet.“[8] Anders gesagt: Auf der Ebene der Zirkulation ist das gesellschaftliche Verhältnis für beide Klassen formal gleich, auf der Ebene der Produktion real ungleich. Marx sagt in der oben zitierten Stelle ja nicht, das Proletariat sei frei vom Fetischismus, er sagt nur, dass das Proletariat, also wir[9], dagegen rebellieren, die Bourgeoisie hingegen nicht. Der Begriff der sachlichen Herrschaft besitzt bei Marx eine doppelte Bedeutung. Einerseits ist es richtig, dass wir alle unter der Herrschaft der Sachen stehen und von der Bewegung des Kapitals abhängig sind. Auf sehr abstrakter Ebene gilt dies für alle Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft. Andererseits hat der Ausdruck „sachliche Herrschaft“ den Sinn, dass die ehemals feudale, unmittelbar persönliche Herrschaftsausübung, durch eine Herrschaftsausübung mittels Sachen, sprich den angeeigneten Produktionsmitteln, ersetzt wurde. Das Wertverhältnis von c zu v, also konstantem zu variablem Kapital ist zugleich ein Herrschaftsverhältnis. Das konstante Kapital fungiert hier als sachliches Herrschaftsmittel („Kriegsmittel“ wider die ArbeiterInnenklasse). Diese beiden Bedeutungen sind wohl zu unterscheiden. Während Heinrich den ersten Aspekt immer wieder betont, erwähnt er den anderen kaum.

 

Indirekt leistet Heinrich dem Gerede vom Verblendungszusammenhang, hinter dessen düsterem Vorhang alle Klassengegensätze irrelevant werden, leider einen gewissen Vorschub. (In diesem Zusammenhang verweise ich nur auf meine Kritik an Postone, ich will die Argumente hier nicht wiederholen). Die diesbezügliche Kritik an gewissen Auffassungen vom „Standpunkt der Arbeiterklasse“ und Ähnlichem teile ich durchaus; das ist eine Seite. Etwas anderes ist es aber den Unterschied zwischen der „absoluten Befriedigung“ am Fetischismus und dem „rebellischen Verhältnis“ ein wenig unter den Tisch fallen zu lassen, mithin die verschiedenen sozialen Existenzbedingungen von Bourgeoisie und Proletariat nicht mehr zu reformulieren.

 

MarxistInnen sollten sich darin einig sein, dass Marx sowohl für das Proletariat als auch die Bourgeoisie, auf höchster sozialphilosophischer Abstraktionsstufe klarerweise, ein unterschiedliches gesellschaftliches Sein, trotz gemeinsamer und übergreifender Momente, erkannt hat! Was würde der Autor einem fiktiven Leser seines Buches sagen, der folgendermaßen argumentiert: „Also wenn wir alle gleichermaßen im Fetischzusammenhang verstrickt sind, dann ist die Klassendifferenz im Grunde gar nicht so wichtig. Gut, ich friste mit einigen hundert Euro im Monat mein Leben, mein Boß kassiert das Vielfache, aber die Einkommensunterschiede machen keineswegs die Essenz der kapitalistischen Vergesellschaftung aus. Es geht also darum, Menschen zu finden, die durch ihre Erfahrung und Reflexion[10] den Kapitalismus abschaffen wollen. Durch meine Lebenslage ist es wohl kein Zufall, dass ich antikapitalistisch eingestellt bin. Aber im Grund geht’s meinem Chef auch nicht so gut. Eigentlich kann es nur darum gehen, diese Verhältnisse zu durchschauen, um irgendwann aus dieser Erkenntnis heraus den Kapitalismus abschaffen zu können.“

 

„… die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“[11]

 

Marx verwendet ein ganz starkes, fast erschreckendes Bild für das Entstehen einer neuen Gesellschaft, er verwendet das Bild einer Geburt; die alte Gesellschaft muss sozusagen mit der neuen schwanger gehen[12]. Im letzten Abschnitt seines Buches spricht Michael Heinrich solche neuen Momente an. Als „Voraussetzung“ für den Übergang zu einer nachkapitalistischen Gesellschaft, sei eine „ungeheure Entwicklung der auf Wissenschaft und Technik gegründeten Produktivität sowie die dadurch notwendig gewordene umfassende Entwicklung der Fähigkeiten der Arbeiter und Arbeiterinnen“ (220) notwendig. Leider wird dieser Gedanke nicht ins Zentrum gerückt, sondern eher wie nebensächlich erwähnt. Wie bei so vielen Passagen sind es immer kleine Verschiebungen, bestimmte Akzentsetzungen, bestimmte Formulierungen, die für mich seinen Darstellungen jenen problematischen Drall geben, den ich hier an einigen Punkten darzustellen versuchte. Ich sage nicht, dass folgende Position so in Heinrichs Buch steht, aber sie könnte der Fluchtpunkt eines möglichen Missverständnisses sein: Die Abschaffung des Kapitalismus wäre nur als Resultat einer reinen Einsichtsakkumulation bei vielen Menschen denkbar, die sich, über ihre gemeinsamen Einsichten sich verständigend, zur Abschaffung des Kapitalismus und zur Schaffung neuer Verhältnisse entschließen.

 

Ich setzte dagegen, eine sozialistische Gesellschaft ist nur möglich, wenn bereits im Kapitalismus ihre Keimformen entstehen, oder wie sich der junge Marx ausdrückte: „Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“[13] Worin nun solche den Sozialismus antizipierende Verhältnisse sein können, wie konkret Entwicklungen einzuschätzen sind, darüber ist zu diskutieren. Aber eines dürfte die wechselvolle Geschichte der Revolten und Rebellionen gegen den Kapitalismus gelehrt haben: Eine rein politische, auf die Machteroberung konzentrierte Bewegung hat es niemals vermocht, nicht-kapitalistische, stabile Verhältnisse hervorzubringen. Und auch die bloße Einsicht in die Mechanismen der kapitalistischen Vergesellschaftung ist zu wenig. Kommunismus, so definierte Marx, sei die reale Bewegung, die den Sozialismus schafft. Ich kann mir einen solchen Prozess nur in der Sphäre der alltäglichen, realen Lebensverhältnisse vorstellen und so scheint er auch bei Marx gedacht zu sein.

 

Einen Fragenkomplex, der wiederum mit den angesprochenen Fragen zusammenhängt, habe ich ausgeklammert. Es ist der Themenkomplex Wissenschaft, Erkenntnis und Erfahrung. Es existiert zweifellos eine gewisse szientistische Tendenzen bei Marx, die Heinrich in gewisser Weise aufnimmt und weiterführt. Aber diese Fragen möchte ich hier nicht einfach in zwei, drei Absätzen abhandeln.

 

e-mail: karl.reitter@univie.ac.at



[1]  „Die Unternehmensführung muss die Arbeiter einerseits aus der Produktion möglichst ausschließen, kann sie andererseits aber auch nicht aus der Produktion ausschließen. Der sich daraus ergebende Konflikt ist ein äußerer zwischen Entscheidungsträgern und Ausführenden, wird jedoch auch von jedem Ausführenden und Entscheidungsbefugten verinnerlicht. Wäre die Produktion statisch und die Technik versteinert, so könnte dieser Konflikt allmählich seine Konturen verlieren und verwischen. Die ökonomische Expansion und die ständigen technologischen Umwälzungen wecken ihn jedoch immer wieder aufs Neue.“  Cornelius Castoriadis, „Gesellschaft als imaginäre Institution“, Frankfurt am Main 1984, Seite 136

[2] Auch der darauf folgende Satz bleibt bei diesem Nebeneinander: „Wenn bei Marx von Klassen die Rede ist, dann bezieht er sich auf die Stellung innerhalb des gesellschaftliche Produktionsprozesses, in unserem Fall auf Eigentümer von Produktionsmittel bzw. auf Menschen, die von diesem Eigentum ausgeschlossen sind.“ (88)

[3] Wie schon bei meiner Kritik an Postone möchte ich betonen, dass unmittelbare Herrschaftsverhältnisse, etwa patriarchale und rassistische Verhältnisse, keineswegs verschwinden, sondern im Grunde nur durch ein weiteres Herrschaftsverhältnis ergänzt werden.

[4] Die von Heinrich zitierte Debatte um die Verelendungstheorie möchte ich hier ausklammern, letztlich ist sie nur ein Nebenschauplatz. Sicher gibt es eine Art absolutes Minimum des Lohnes, unter bestimmten konkreten Umständen ist das Kapital an Niedriglöhnen besonders interessiert, unter anderen wieder mehr an optimalem Arbeitstempo, intensivem Engagement, wobei es Lohnerhöhungen durchaus als Mittel einsetzt usw. Die These, die Lohnhöhe sei ausschließlich Resultat des Klassenkampfes, bleibt davon im Kern unberührt. 

[5] MEW 19; 360 (Hervorhebungen im Original)

[6] Zwei Kapitel finden sich in „Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität“ (Th. Atzert, J. Müller Hg.) Münster 2004. Ich verweise besonders auf: Antonio Negri: „Die Theorie des Lohnes und ihre Entwicklung“ (Seiten 264 bis 290)

[7] Negri würde wahrscheinlich dem Satz „In bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften fallen ökonomische Ausbeutung und politische Herrschaft auseinander“ (198) keineswegs zustimmen. Für mich ist die Dichotomie von Politik und Ökonomie ein sehr komplexes Thema. Negri macht sich die Sache wohl zu einfach, aber bei Heinrich habe ich wiederum den Eindruck, dass diese Entgegensetzung zu wenig problematisiert wird.

[8] Karl Marx, „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“, Frankfurt am Main 1969, Seite 18;  Ebenso: MEGA II/4.1 Seite 65

[9] Wenn wir Klassen konsequent als kollektives, binäres und antagonistisches Verhältnis denken, können durchaus auch Universitätsangehörige zum Proletariat zählen, es sei denn, sie rücken durch Akkumulation in den von Bourdieu so trefflich beschriebenen „Kapitalsorten“ in das andere Klassenlager über.

[10] Jetzt zitiere ich aus einem Satz auf Seite 185: „Allerdings ist der Fetischismus auch kein völlig in sich geschlossener Verblendungszusammenhang. Er bildet vielmehr einen strukturierenden Hintergrund, der stets vorhanden ist, sich auf die Einzelnen aber unterschiedlich stark auswirkt und auf Grund von Erfahrungen und Reflexion auch durchbrochen werden kann.“

[11] MEW 1; 386 „Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“

[12] Vergl. MEW 23; 779

[13] MEW 1; 386