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Karl Reitter
„Die Vielheit der Multitude bedeutet nicht nur, unterschiedlich zu sein,
sondern auch unterschiedlich zu werden. Werde anders als du bist!“ (Hardt/Negri
2004; 391)
Karl
Reitter
Multitude
& Empire oder Negris gar nicht so heimlicher Spinozismus
Mit dem Buch Empire
(2000) trafen Michael Hardt und Antonio Negri offenbar das Theoriebedürfnis
rebellierender und widerständiger Schichten. Es war nicht nur ein großer
Verkaufserfolg, wichtiger noch, es gab unzählige Arbeitskreise, in denen ihre
Aussagen und Thesen akribisch zerlegt und diskutiert wurden. Empire war
in aller Munde und fast jede linke Publikation bezog sich auf dieses Werk.
Neben enthusiastischer Aufnahme gab es natürlich auch viele ablehnende Stimmen.
Der Bogen reichte von skeptischer Distanz bis zu herablassender Verachtung.
2004 erschien sozusagen der Nachfolgeband, Multitude betitelt. Wie es
scheint, kann Multitude an den Erfolg von Empire kaum anknüpfen.
War ihr theoretischer Beitrag mit Empire erschöpft, wiederholt Multitide
nur die Thesen von Empire, diesmal in einer etwas abgeschwächten,
vorsichtigeren Art und Weise?
Wenn wir heute die Frage
stellen, was bleibt von Empire und wohin führt uns Multitude, so
stellen wir zugleich die Frage nach der eigentlichen Essenz dieses Denkens.
Diese herauszuarbeiten ist nicht gerade einfach. Eine gute Freundin, deren
Meinung ich immer sehr schätze, meinte im Gespräch: „Empire ist
philologisch nicht zu bearbeiten.“ Dieser Aussage konnte und wollte ich nicht
widersprechen. Tatsächlich wuchern die theoretischen Bezüge und Verweise,
theoretische Elemente, die offenbar überhaupt nicht miteinander vereinbar sind,
werden zitiert und aufeinander bezogen, die Begriffe schillern durch theoretisch
unterschiedliche Herkunft. Aber auch eine weitere Aussage, von einem
Redaktionsmitglied der grundrisse getätigt, erscheint mir zutreffend: „Empire
besitzt schon einen seltsamen Zauber. Es gibt praktisch keine gute[1] Kritik daran.“ Warum fällt uns der Umgang mit Empire
und Multitude so schwer, worin liegt zugleich die offensichtliche
Faszination trotz eklatanter Schwächen?
Meine Antwort: Letztlich
in Negris Spinozismus. Die eigentliche, zukunftsweisende Bedeutung dieser
Bücher liegt in der spinozistischen Alternative zum theoretisch erschöpften
Hegelmarxismus. Ohne exakte philologische Abgrenzungen vornehmen zu können
meine ich doch, daß sich drei Theoriekreise erkennen lassen, auf denen Empire
und Multitude beruhen. Zu nennen ist einmal der italienische
Operaismus, also die grundlegende Auffassung, daß die Entwicklung und Dynamik
der kapitalistischen Gesellschaft nicht (oder nicht vorrangig) durch eine
strukturierende Eigenlogik der Kapitalverwertung vorangetrieben wird, sondern
von den alltäglichen Widerstandsformen und Bedürfnissen der Massen. Weiters
rezipiert Negri und Hard ganz explizit französische poststrukturalistische
Theoretiker; Foucault aber vor allem Gilles Deleuze. Deleuze hat wiederum zwei
Bücher zu Spinoza verfaßt, ist also selbst spinozistisch geprägt. Drittens ist
es Spinoza selbst, mit dem sich Negri, wie er selbst schreibt, seit seiner
Mittelschulzeit beschäftigt und zu dessen Denken er ein wichtige Buch verfaßt
hat: Die wilde Anomalie. Spinozas Entwurf einer freien Gesellschaft.[2] Während etwa die Methodik und die Aussagen
Foucaults innerhalb der Linken recht bekannt sind, dürft Spinoza vielen, ja den
meisten völlig fremd sein. Das erklärt zumindest teilweise die schroffe, ja
überhebliche Ablehnung, die Empire entgegengebracht wurde. Wem die
vertrauten Denkfiguren fehlen, wer über den Tellerrand der Hegelianisierten
Kapitallektüre nicht blicken will, reagiert gerne einmal mit pauschaler
Verdammung.
Biopolitische
Produktion, eine Spinozistische Konzeption
Spinoza ist kein
einfacher Autor, Negris Spinozarezeption ist ebenfalls komplex; die kommenden
Ausführungen dürfen also nicht als eine Art Einführung in den Spinozismus
mißverstanden werden, sondern sollen nur als erste Orientierung dienen, als
Wegweiser, wohin die theoretische Reise gehen sollte.
Spinoza erkennt das Sein
als dynamisch und produktiv.[3] Der Mensch ist Teil dieses Seins, ein komplexer,
aus vielen Körpern zusammengesetzter Körper, dem ebenso viele komplexe Ideen
entsprechen. Das Sein ruht nicht in sich, sondern alle Dinge sind durch das
Bestreben gekennzeichnet, ihr Sein zu erhalten. „Das Bestreben, womit jedes Ding in
seinem Sein zu verharren strebt, ist nichts anderes als die wirkliche Essenz
des Dinges selbst.“(Ethik, III. Buch, Lehrsatz 7) Noch klarer ist der Gedanke
im lateinischen Original: „Conatus ... rei actualem essentiam.“ Aus dem
Gesamtzusammenhang der Ethik geht klar hervor, daß dieses Bestreben
nicht auf eine statische Ordnung verweist. Alle Dinge stehen in dynamischen Beziehungen
zu einander. Zudem sind wird uns dieses Strebens bewußt. Als bewußtes Streben
nimmt es die Form der Begierde (cupiditas) an. Weiters erfordert dieses
Bestreben, in seinem Sein zu verharren eine gewisse Kraft oder Macht. Spinoza
nennt sie potentia; potentia kann als Macht, Vermögen, Wirkkraft oder
Tätigkeitsvermögen übersetzt werden. Die Begriffe conatus – cupiditas –
potentia verweisen auf eine Dynamik der Erhaltung und Optimierung unseres
Seins. Zwischen Körpern und Ideen, zwischen Materie und Geist kann es jedoch
niemals einen Gegensatz oder Abweichungen geben. In Spinozas Worten, ich
zitiere einen berühmten Lehrsatz der Ethik: „Die Ordnung und Verknüpfung
der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge.“ (Ethik, II.
Buch, Lehrsatz 7) Ideen und Dinge stehen auf derselben ontologischen Ebene.
Körper wie Gedanken wurden durch Wirkkräfte produziert, und produzieren
ihrerseits andere Wirkungen.
Schon
jetzt läßt sich erkennen, daß der Arbeitsbegriff im Empire ganz eng an
die spinozistische Ontologie angelehnt ist. Das Sein ist nur als umfassend
produktiv zu verstehen, die Produktion von Dingen, Konzepten, Ideen aber auch
Affekten erfolgt durch einen einheitlichen Prozeß. Der Begriff biopolitische
Produktion, der der die umfassende Hervorbringunng des Lebens selbst bezeichnen
will, erscheint mir als bloße Chiffre für die Spinozistische Ontologie. Ebenso
läßt sich die durchgehende Polemik im Empire gegen Trennungen und
Entgegensetzungen, sei es zwischen Ökonomie und Politik, zwischen Arbeit und
Nicht-Arbeit, zwischen Affekten und Vernunft nur vor dem Hintergrund Spinozas
wirklich verstehen. Moreau hat unter anderem darauf hingewiesen, daß Spinoza
Sein, Handeln und Leben gleichsetzt. Fügen wir noch den Begriff Arbeit hinzu,
so überrascht nicht, daß sich zahlreiche Passagen im Empire und in Multitude
wie Paraphrasierungen des 21. Lehrsatzes des IV. Buchs der Ethik lesen
der da lautet: „Niemand kann begehren, glücklich zu sein, gut zu handeln und
gut zu leben, ohne daß er zugleich begehrt, zu sein, zu handeln und zu leben,
das heißt wirklich zu existieren.“ (Ethik, IV. Buch, Lehrsatz 21) Spinoza
untersucht nun die Bedingungen, unter denen sich unsere sozialen Beziehungen
optimieren lassen. In der Tat geht es darum, jene Verhältnisse, Umstände und
Bedingungen aufzuspüren, die das „Tätigkeitsvermögen des Körpers wie des
Geistes vermehren oder vermindern“ – diese Formel findet sich an allen
zentralen Stellen der Ethik. Der beste Zustand wäre eine freie
Gesellschaft, in der sich alle von der Vernunft leiten lassen. Die Vernunft ist
nun dem Bestreben, das eigene Dasein zu erhalten und zu optimieren, keineswegs
entgegengesetzt, sondern im Gegenteil, nur der konsequenteste Ausdruck dieses
Strebens. Die Vermehrung des Tätigkeitsvermögens ist Lust, die Verminderung des
Tätigkeitsvermögens Unlust. Die Affekte sind daher mit der Vermehrung wie
Verminderung des Tätigkeitsvermögens des Körpers und des Geistes verbunden. Die
Liebe, auf die sich die Autoren des Empire und der Multitude
immer wieder beziehen, ist aus Spinozistischer Sicht notwendiges Moment der
Konstitution einer freien Gesellschaft.
Spinoza
denkt in Graden, an Vermehrung und Vermindung der Wirkkraft der Körper und der Ideen.
Der reale Prozeß, in dem Körper wie Ideen als zwei Seiten einer Medaille
eingehen, hat sozusagen zwei Richtungen, eine optimierende, die zu einer freien
Gesellschaft führt, und eine depotenzierende, in der Konflikte und Haß sich
wechselseitig aufschaukeln. Wenn also Negri und Hardt schreiben: „Verelendung
mag zu Wut, Empörung und Widerstand führen, eine Revolte jedoch entsteht nur
auf der Grundlage von Reichtum, das heißt eines Surplus an Intelligenz,
Erfahrung, Wissen und Begehren“ (Negri/Hardt 2004; 239) so folgen sie damit der
Argumentationslinie der Ethik des Spinoza. Befreiung kann nur aus dem
realen Prozeß hervorgehen, den sie nach dem Vorbild der spinozistischen
Ontologie als Arbeit im weitesten Sinne, als biopolitische Produktion
bezeichnen. In diesem Zusammenhang läßt sich auch zeigen, wie spinozistisch
Negri Foucault rezipiert. Er interpretiert nämlich dessen These, die Macht
dürfe primär nicht als verbietend, sondern als produktiv aufgefaßt werden,
analog zum Tätigkeitsvermögen (agendi potentiam) der Körper und Ideen.
Wenn Spinoza die der Macht der Menge anspricht, so meint potentia
multitudinis das reale, im produktiven Prozeß wirksame Vermögen der Menge.
Macht des Staates oder Herrschaft des Kapitals wäre als bloße Gewalt zu
verstehen, und dergestalt im Machtbegriff gar nicht enthalten. Ob Foucault die
kreative Potenz der Macht wie Negri im spinozistischen Sinne versteht, kann ich
jetzt nicht beurteilen, bezweifle das aber stark. Wie dem auch sei, klar muß
sein, daß die von außen wirkende, repressive Gewalt - Negri verwendet dafür immer den Ausdruck
Transzendenz - im Horizont des spinozistischen Denkens nicht existiert. John
Holloway ist philosophisch (nicht nur ) in diesem Punkt genauer und klarer als
Hardt und Negri. Seine Unterscheidung zwischen power-to-do und power-over
benennt präziser den Gegensatz zwischen
Spinozistischer Wirkkraft (potentia) und der repressiven zerstörerischen
Gewalt.
Es
existiert nun ein theoretisches Problem, daß die Rezeption von Empire
und Multitude so erschwert, und bei manchen nur Kopfschütteln und
Widerwillen ausgelöst hat. Das Negative, das Böse, oder in der Sprache der
Theologie, der Teufel existiert bei Spinoza nicht. Statt dessen wirkt Mangel,
Mangel an Sein, Mangel an Ideen, Mangel an adäquater Verknüpfung und Verbindung
der Körper. Dieses Fehlen des Bösen – Hegel war darob entsetzt – läßt es nicht
zu, Instanzen oder Institutionen jenseits des produktiven Flusses des Seins zu
analysieren, ja als theoretisches Objekt überhaupt in den Blick zu bekommen. Es
gibt im Spinozistischen Denken kein Pedant zum abstrakten Wert und zum
Hegelschen Staat. Es existiert daher auch keine systematischen
Entgegensetzungen, keine unvereinbaren und unlösbaren Konflikte. Die negativen
Affekte sind zwar Gegenstand des Spinozistischen Denkens, der Haß, der Krieg
ist dem Denker der „Vereinigten Provinzen“ nicht fremd – keineswegs. Aber da
sich alles auf graduellen Mangel zurückführen läßt, gibt es keine prinzipielle
Instanz, die eine freie Gesellschaft verhindern könnte. Da Mangel und Irrtum
nur in Graden existiert, sind sie auch graduell zu überwinden. Diese Konzeption
wird in der Literatur zu Spinoza, allen voran von Negri, als strenge Immanenz
bezeichnet. Das Sein, nicht frei von Konflikten, es kann sich nur selbst ordnen
und verknüpfen, eine außer ihm stehende Instanz, die sich als Schema der
Ordnung über den kreativen Seinsprozeß legt und ihn geschichtsmächtig hemmt,
ist undenkbar. Aus der Perspektive der strengen Immanenz kann Kapital und Staat
gar nicht begrifflich entwickelt werden.[4] Eine zentrale These des Empire,
das Empire habe kein Sein, es sei leeres Kommando, ist daher ohne
Spinozistische Ontologie kaum zu verstehen.
Die wilde Anomalie
Antonio Negri gab seinem
Buch über Spinoza den Titel: „Die wilde Anomalie“. Anomalie, das meint
abweichende Entwicklung, quer zum Hauptstrom der europäischen Entwicklung
liegende Verhältnisse, Anomalie meint Sonderweg, der allerdings keine
Fortsetzung fand, sondern vom Mahlstrom des entstehenden Kapitalismus
überschrieben und auf normale Bahnen gelenkt wurde. Anomalie kennzeichnet
beides, die Situation der „Vereinigten Provinzen“ im 17. Jahrhundert ebenso wie
Spinozas Philosophie. Spinoza also in den Kontext seiner Zeit zu stellen
bedeutet seine Philosophie als Reflexion auf Verhältnisse zu begreifen, die
sich nicht ohne weiteres in die übliche geschichtliche Darstellung fügen.
Daraus ist auch zuerklären, warum es bei Spinoza keinen Klassengegensatz, keine
Entgegensetzung von Staat und Gesellschaft und vor allem keinen Begriff des
Kapitals gibt, wie überhaupt das Thema Ökonomie völlig fehlt. Spinoza konnte
diese Verhältnisse nicht erkenne, weil es sie nicht zu erkenne waren. Die
„Vereinigten Provinzen“ und ihr scharfsinnigster und politisch engagierter
Denker fügen sich nicht bruchlos in die Hauptgeschichte der europäischen
Entwicklung.
Der These von der
Anomalie des spinozistischen Denkens wie der gesellschaftlichen, ökonomischen
und politischen Verhältnisse der „Vereinigten Provinzen“ – Holland war nur eine
jener sieben Provinzen, denen es im 16. Jahrhundert gelang, das Joch der
Habsburger abzuschütteln, allerdings die bedeutendste – steht eine weit
verbreitete Sichtweise entgegen, die sowohl in Spinoza als auch im Holland des
17. Jahrhunderts nur eine Variation eines allgemein beschreibbaren
Entwicklungsweges sehen will: Frühkapitalismus einerseits und
„Philosophenleben“ (Deleuze 1988; 9) lauten die Stichworte. Im einen Fall wird
die holländische Wirtschaft als Vorstufe des sich entwickelnden
kapitalistischen Weltsystems aufgefaßt, in anderem Falle wird das Denken
Spinozas in die Kontinuität der Begriffs- und
Ideengeschichte aufgelöst. Es steht außer Zweifel, daß diese Sichtweisen
viele Momente für sich reklamieren können. Die Holländische Wirtschaft
verknüpfte zum ersten Mal in der europäischen Geschichte die Nordsee mit dem
mediterranen Raum, Amsterdam wurde zum Stapelplatz eines weitverzweigten
Handelssystems, in dem das Baltikum mit seiner Getreideproduktion ebenso
eingebunden war die das Silber aus Spanien, die Gewürze des holländischen
Fernhandels und die gesalzenen Heringe aus der sehr bedeutenden
Fischfangindustrie der „Vereinigten Provinzen“. Handelsprofit und
Börsenspekulation ließen eine teilweise sehr reiche Oligarchie entstehen. Und
die spinozistische Philosophie kann natürlich mit recht als Moment der
Entwicklung des Rationalismus begriffen werden und es ist ebenso legitim
anderen Einflüssen, vom Marranentum bis zum Neuplatonismus nachzuspüren. Wird
jedoch das Bild des Hollands des 17. Jahrhunderts genauer gezeichnet, so zeigen
sich jene Züge, auf die Negri seine Rezeption begründet. Versuchen wir, diesen
Besonderheiten näher auf die Spur zu kommen.
Fehlbegriff
Frühkapitalismus
Spinozas Denken als
Anomalie zu erkennen, impliziert den Widerspruch gegen zu viel
Kontinuitätsgeschichte, kurzum, impliziert Einwände gegen die einfach
Verwendung des Terminus „Frühkapitalismus“. Zweifellos stellte Holland den
absoluten Mittelpunkt der Wirtschaft des 17. europäischen Jahrhunderts dar.
Aber der erste Umstand, der schon mehr Bruch zum kommenden „take off“ der
kapitalistischen Produktionsweise denn Kontinuität anzeigt, ist der Umstand,
daß das holländische Modell trotz seiner Hegemonie und Bedeutung ein
Auslaufmodell darstellte, daß von den aufholenden Staaten wie England und
Frankreich nicht im geringsten übernommen wurde. Wie Braudel in einer geradezu
poetischen Wendung feststellte, fehlten in Holland jene Momente, die
schlußendlich den Aufstieg des Kapitalismus ermöglichten: nämlich einen
starken, der Gesellschaft entgegengesetzten Staat und ein weites, offenes Land,
dessen vertriebene Bewohner und deren Landwirtschafts- und Bergbauprodukte ein
Ferment des Kapitalismus bildeten: „Denn auch Amsterdam, das in der Mitte
des 18. Jahrhunderts die Welt der Wirtschaft noch beherrschte kann legitimerweise
als Stadtstaat bezeichnet werden, und zwar als der letzte Stadtstaat, die
letzte Polis der Geschichte.“ (Braudel 1986a; 85) Das holländische Modell
stellte trotz seines Erfolges eine Sackgasse dar, einen für die weitere
Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, nicht gangbaren Weg. Das
labile, kleinräumige Geflecht der sieben freien Provinzen mit ihrer
oligarchischen Verwaltung, geführt von einer reichen, gebildeten und politisch
scharf denkenden Oberschicht, deren sozialer Habitus und deren politische
Physiognomie stadtstaatlichen Verhältnissen entsprachen, denn der Bürokratie
der aufkommenden Nationalstaaten, konnte sich nicht zu einer
Nationalbourgeoisie und einer Nationalökonomie entwickeln. Das konstatiert
selbst Wallerstein, dessen Kapitalismusbegriff ich viel zu weit konzipiert
finde: „Die Geschichte des ‚zweiten’ 16. Jahrhunderts ist die Geschichte,
wie Amsterdam die Fäden des sich auflösenden habsburgischen Reiches aufgriff,
um daraus ein Netz ruhiger Wirksamkeit für die Weltwirtschaft zu machen, mit
deren Hilfe dann England und Frankreich als starke Staaten auftauchten und
schließlich starke ‚Nationalökonomien’ haben konnten.“ (Wallerstein 1968;
271) Die „vereinigten Provinzen“ brachen nie zusammen, Holland wurde weder
erobert, noch zerstört, der Triumph Wilhelm des III. bewirkte keine Umwälzung
der Verhältnisse. Holland wurde im 18. Jahrhundert einfach zunehmend Provinz.
Ein Blick auf einige
Momente der ökonomischen Verhältnisse lassen erkennen, warum die
kapitalistische Produktionsweise ihren Durchbruch nicht in Holland haben
konnte. Der Profit der Oligarchie entstammte in erster Linie dem Handel, also
Handelsprofit. Es existierte zwar auch Profit aus Produktion, vornehmlich
Produktion von Tuch, Schiffen und Heringen, aber die entscheidende Quelle des
Reichtums und der ökonomischen Bedeutung Hollands lag im Handel. Aber welcher
Typus von Handelsprofit prägte das damaligre Wirtschaftsleben? In einer
entwickelten kapitalistischen Ökonomie, so Marx, entspringt der Profit des
reinen Handelskapitals jenem Transfer, der durch den Ausgleich der Profitrate
bewirkt wird. . „Der Kapitalist, der den Mehrwert produziert, d.h.
unbezahlte Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern auspumpt und in Waren fixiert,
ist zwar der erste Aneigner, aber keineswegs der letzte Eigentümer dieses
Mehrwerts. (...) Der Mehrwert spaltet sich in verschiedne Teile. Seine
Bruchstücke fallen verschiednen Kategorien von Personen zu und erhalten
verschiedne, gegeneinander selbstständige Formen, wie Profit, Zins, Handelsgewinn,
Grundrente usw.“ (MEW 23; 589) Aber diese Mechanismen konnten im 17.
Jahrhundert bestenfalls rudimentär wirksam sein. Viel eher entsprang der
Handlesprofit der schlichten Differenz wischen Einkaufs- und Verkaufspreis, den
Marx als Hauptquelle für die Vorgeschichte des Kapitalismus annimmt: :„Sein
Gewinn [...] scheint so rein aus der Zirkulation zu stammen und daher nur aus
den Verlusten der mit ihm Handelnden zusammengesetzt. In der Tat kann
Kaufmannsvermögen rein in dieser Weise entstehn, und die Bereicherung der
Handelsvölker, die zwischen industriell weniger entwickelten Nationen
Zwischenhandel treiben, entstand größtenteils in dieser Weise.“ (MEW 43;
26) Und im 3. Band des „Kapital“ formuliert Marx einen ähnlichen Gedanken: „Solange
das Handelskapital den Produktenaustausch unterentwickelter Gemeinwesen
vermittelt, erscheint der kommerzielle Profit nicht nur als Übervorteilung und
Prellerei, sondern entspringt großenteils aus ihr.“ (MEW 25; 343) Anders
gesagt: Nur zum Schein gleicht sich etwa das Handelskapital der Amsterdamer
Kaufleute zu Spinozas Zeiten mit jenem der gegenwärtigen Konzerne. Tatsächlich
ist die Quelle ihres Profits und ihre gesellschaftliche Funktion so verschieden
wie Raupe und Schmetterling.
Ein weiterer Punkt, der
gegen die umstandlose Kennzeichnung der holländischen Verhältnisse als
frühkapitalistisch spricht (wenn „früh“ bloß andeuten will, daß es sich bereits
um genuin kapitalistische Verhältnisse gehandelt hat), ist der Typus der
Klassenbeziehung, dem jede Dynamik fehlte. Es gab zweifellos ein Proletariat,
auf See ebenso wie in der Tuch- und Schiffsproduktion. Aber es handelte sich um
ein statisches Verhältnis. Ein wesentliches Kriterium für die kapitalistische
Produktionsweise ist die dynamisch Produktion des Klassenverhältnisses durch
dieses Verhältnis selbst: „Die
Produktion von Kapitalisten und Lohnarbeitern ist also ein Hauptprodukt des
Verwertungsprozesses des Kapitals.“ (MEW 42; 412) Die bloße Existenz von
Lohnarbeit oder lohnarbeitsähnlichen Beziehungen ergibt noch keine kapitalistische
Produktionsweise. Es waren auch die geographischen und klimatischen
Verhältnisse (sehr geringe eigene landwirtschaftliche Produktion; Amsterdam war
von Getreideeinführen aus dem Baltikum abhängig) und nicht zuletzt die großen
Probleme mit dem Transport auf dem Landwege, die verhinderten, daß sich die
Spirale des Kapitalismus wirklich in Gang setzen konnte. Ein Indiz dafür sind
die Probleme, den erzielten Profit erneut verwerten zu können. „Der Reichtum
der Niederlande wirft Überschüsse ab, die, so paradox das auch klingen mag, das
Land geradezu in Verlegenheit bringen. So große Überschüsse, daß selbst der dem
europäischen Handel gewährte Kredit sie nicht aufzuzehren vermag, weshalb die
Holländer sie den modernen Staaten anbieten, die eine ganz besondere Begabung
zum verbrauch von Kapital besitzen, wenn schon nicht zu dessen termingerechter
Rückzahlung.“ (Braudel 1986b; 267) Diese Verwertungsprobleme führten unter
anderem extrem niedrige Kreditzinsraten, der im Handel erzielte Profit konnte
nicht industriell eingesetzt werden. Mit bemerkenswerter Klarheit formuliert
auch Braudel die Unmöglichkeit des kapitalistischen „take off“ in den
„Vereinigten Provinzen“: „Die ungewöhnlich niedrigen Zinsraten weisen in
Genua und in Amsterdam darauf hin, daß dem Kapital die gewöhnlichen
Anlagemöglichkeiten an Ort und Stelle versperrt sind. Mit dem Überfluß an freiem Geld fällt der
Zins in Amsterdam, wie in Genua um 1600, auf 3, auf 2%. Das gleiche Bild bietet
sich nach dem Baumwollboom zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England; auch hier
wieder zu viel Geld, das nicht mehr viel einbringt, nicht einmal in der
Baumwollindustrie. Das englische Kapital nun wirft sich in dieser Situation mit
gewaltigen Investitionen auf die Metallindustrie und die Eisenbahn. Dem holländischen
Kapital aber bietet sich keine solche Chance.“ (Braudel 1986b; 268)
Die Anhänger der
Oranier-Partei rekrutierten sich aus dem verarmten Adel, für den die Karriere
in einer Landarmee eine der wenigen gesellschaftlichen Perspektiven
darstellten, zu kurz gekommenen Kleinhändlern und Handwerkern. Es waren die
unteren, strikt calvinistische ausgerichteten Schichten, die im 16. Jahrhundert
wesentlich daran beteiligt waren, das Joch der Habsburger abzuschütteln. „Während
der Adel am Anfang noch versuchte, Form und Charakter des Streits mit dem König
zu monopolisieren, durchbrach die calvinistische Gemeinschaft ihr
vorgeschriebene passive Rolle und geriet in Raserei, bekannt als Bildersturm,
der über das ganze Land, den Norden und den Süden, hinwegfegte.“ (Wallerstein 1968; 276)
Nach der Erringung der Unabhängigkeit von Spanien jedoch kamen diese Schichten
sehr rasch in Gegensatz zu den liberal und aufgeklärten Oligarchie, und es
waren auch diese Kräfte, die, aufgehetzt angesichts der Probleme mit den vorrückenden
französischen Truppen, De Witt und seinen Bruder als Sündenbock lynchten.
Die weltweite Expansion
des holländischen Handelskapitals unterschied sich ebenfalls klar vom kommenden
imperialistischen System. Im Grunde beschränkte sich die Expansion auf den
Ausbau und der militärischen und diplomatischen Sicherung von Handlesstationen
mit relativ wenig Hinterland. Nicht zufällig faßten die Holländer auf relativ
kleinräumigen Inseln, wie Ceylon, Java und den Molukken Fuß, während ihre
Kolonisation in der Neuen Welt, die die Beherrschung von weiten Landstrichen
erfordert hätte, im wesentlichen von Mißerfolgen gekennzeichnet war.
„Amsterdam ... die letzte Polis der Geschichte“ (Braudel
1986a; 85)
Die politische Verfassung
der „Vereinigten Provinzen“, deren Unabhängigkeitskrieg mit der offiziellen
Absetzung Phillip II. siegreich beendet wurde, stelle ein höchst labiles System
verschiedenster Kräfte dar. Innenpolitisch dominierte der Konflikt zwischen den
Delegierten der sieben freien Provinzen, reichen Mitgliedern der
Finanzoligarchie, die durch den Groß-Ratspensionär Oldenbarnevelt und danach
durch den Zeitgenossen und Beschützer Spinozas, Johan De Witt vertreten und
repräsentiert wurden, und den Stadthaltern aus dem Hause Oranien, Moriz von
Oranien und Wilhelm der III. von Oranien. Es ist schon ein merkwürdiger
Zufall, daß in die intensivste
Schaffensperiode Spinozas (geb. 1632 – gest. 1677) in das Interregnum des
Hauses Oranien und die Alleinherrschaft De Witts (1650 – 1672) viel. Moritz von
Oranien starb noch vor seiner Geburt seines Sohnes Wilhelm 1750, die in ihrer
dynastischen Nachfolge geschwächte Oranierpartei mußte über zwei Jahrzehnte die
alleinige Dominanz der nicht adeligen Oligarchie hinnehmen. De Witt versuchte
den vakanten Posten des Statthalters überhaupt abzuschaffen, scheiterte jedoch
mit diesem Plan, der die Republik wesentlich gefestigt hätte. Ludwig XIV
überfiel die „vereinigten Provinzen“, die Oranier richteten den Volkszorn
geschickt gegen De Witt. 1972 wurde er gemeinsam mit seinem Bruder, den er im
Gefängnis besucht hatte, gelyncht. Der
Triumph Wilhelm des III. bedeutete jedoch keine grundlegende Veränderung des
politischen Systems, zumal Wilhelm III. 1689 das Angebot, König von England zu werden,
dankend annahm. Das Prinzip der Herrschaft der Delegierten bleib grundlegend
intakt, mit dem Niedergang Hollands im 18. Jahrhundert verlor es einfach, so
wie der gesamte holländische Sonderweg, an Bedeutung. Das Aufblühen der
holländischen Republik folgte nicht dem Muster der bürgerlichen Revolutionen.
De Witt ist mit Cromwell nicht zu vergleichen, ein zur Verurteilung und
Hinrichtung Charles I. im Jahre 1648 analoges Ereignis fehlt in der
holländischen Geschichte. Nicht scharfe historische Zäsuren sind zu beobachten,
eher Verschiebungen im Machtgefüge zwischen den Regenten und den Oraniern. „Die
Magistraten - Regierung war eine Regierungsform, die im Europa des 17.
Jahrhunderts einzigartig war; eine kollektive soziale Diktatur vielleicht, aber
eine gestreute, verteilte Diktatur, die instinktiv dynastischen Strebens, aller
Autokratie und Theokratie gleicherweise feindlich war. Sie war selbstgefällig
und selbstzufrieden, mancherorts korrupt, aber sie war zugleich wohltätig und
erfolgreich.“ (Wilson 1968; 51) Die Bestrebungen De Witts, durch Abschaffung
des Postens des Statthalters die Legitimationsbasis feudaler Herrschaft
wesentliche zu schwächen, kann nicht einfach mit bürgerliche Revolution
gleichgesetzt werden, umgekehrt 1672 nicht mit feudaler Konterrevolution,
Wilhelm III. mußte die grundlegenden ökonomischen und politischen Strukturen
unangetastet lassen. Die politischen Konfliktlinien zwischen der Oligarchie und
der Dynastie der Oranier lassen sich zwar als Ausdruck der Sicherung der
Handelsströme einerseits und einer dynastischen Machpolitik andererseits
erkennen. De Witt favorisierte die Aussöhnung mit dem Handelspartner Spanien,
den Ausbau der Flotte zur Sicherung der Seewege und des Heringfischfangs,
während die Oranier auf den Krieg mit Spanien, die Widereroberung der nicht
befreiten Südprovinzen und den Ausbau des Landheeres setzten. Der pragmatischen
Außenpolitik der Regenten setzte die
Oranierpartei eine programmatisch-dynastische. „In Wirklichkeit läßt sich
die politische Gestalt der holländischen Republik für den Zeitraum, der uns
hier interessiert, und der vom Tod Wilhelm II. (1650) und der „Großen
Versammlung“ 1651 über die gesamte Periode der Vormacht Johan de Witts (1653 –
1672) und schließlich bis zum Sieg Wilhelm III. aus dem Hause Oranien reicht,
nicht genau bestimmen.“ (Negri 1981; 30)
Aus einer rein
soziologischen Sichtweise, ist es relativ einfach, die verschiedenen Schichten
der holländischen Gesellschaft den beiden großen innenpolitischen Blöcken
zuzuordnen. Die Regenten vertraten im wesentlichen die schmale Schicht der
reichen Kaufleute einerseits, waren aber auch ideologisch mit jenem
freigeistigen Milieu verbunden, das sich aus wissenschaftlich gebildeten
Kaufleuten und Handwerkern, Verlegern und Buchhändlern, Wissenschaftlern und
Politikern zusammensetzte, und aus dem auch der Kreis um Spinoza entstammte. In
diesem Kreisen blühten vor allem praxisorientierte Wissenschaften auf, Medizin
und Kartographie ebenso wie Astronomie und Mikroskopie. Obwohl die
Universitäten der „Vereinigten Provinzen“ einen hervorragenden Ruf besaßen, und
insbesondere jene in Leiden Studenten aus dem gesamten protestantischen und
calvinistischen Europa anzog, (Quelle: Israel 1995; 901) operierte das liberal
gesinnte Milieu wesentlich auch außerhalb der Universitäten. Der Disput pro und
contra Descartes, dessen neue Philosophie wie ein Sturm durch das geistige
Leben des 17. Jahrhunderts zog, wurde nicht nur innerhalb des akademischen
Rahmens geführt, sondern ebenso außerhalb, und es waren jene liberalen Kräfte
der Frühaufklärung, die die Ausbreitung des Cartesianismus beförderten, ja
ermöglichten. „De
Witt had, in effect, defeated the attempts to ban Cartesian philosophy an
restrict freedom to philosophise in the universities.” (Israel 1995; 894)
In jenem freigeistigen, oligarchischen
Milieu wurde nicht nur Naturwissenschaft und Mathematik gepflegt, sondern
ebenso die Reflexion der gesellschaftlichen Ordnung, oftmals in der Sprache des
Rechts und vor allem der Theologie. Wenn das außergewöhnlich liberale Klima des
Hollands des 17. Jahrhunderts betont wird, so muß diese Aussage an den
Verhältnissen der Zeit relativiert werden. Wurden woanders noch Frauen als
Hexen, Juden als Ungläubige verbrannt, so waren die „Vereinigten Provinzen“ von
solchen Phänomenen verschont. Andererseits tobte der Streit innerhalb
fanatischer und unduldsamer calvinistischer Gruppen und Strömungen die massiven
gesellschaftlichen Einfluß hatten. „In September 1653, The States of Holland duly prohibited Socinian and
other Anti-Trinitarian ‘conventicles’, warning participants they would be
charged with blasphemy and as ‘disturbers of peace’. Booksellers found
stockings anti-Trinitarian books were to be find 1.000 guilders, printers of
anti-Trinitarian literature 3.000 guilders.” (Israel
1995; 911) Standen die gemäßigteren Kräfte, repräsentiert durch den Theologen
Arminius, den liberaleren Regenten nahe, so fand die Oranierpartei in Gomarus
ihren Ideologen. Auf der Synode von Dordrecht (1611) kam es zur bewußt
herbeigeführten Konfrontation, bei der die Anhänger des fanatischeren Gomarus
einen Punktesieg landen konnten, in dessen Folge es zur Einkerkerung von Hugo
Grotius (der aus dem Gefängnis fliehen konnte) und zur Hinrichtung
Oldenbarnevelts kam.
Das Holland des 17.
Jahrhunderts zeigt sich also nicht nur als aufblühendes Idyll, in dem die
Einwohnerzahl der Städte mit der Entwicklung von Handel, Wissenschaft und
Weltkenntnis anwuchsen, es zeigt sich auch als von theologischem Fanatismus
geprägt, in einem auf niedrigem Niveau dahinschwelenden Bürgerkrieg zwischen
der Oligarchie und der Oranier-Partei, deren Konflikte durch außenpolitische
Spannungen zwischen Holland und England, der zweimal zu einem Seekrieg führte (
1651 – 1654 und 1665 – 1667), den Spannungen mir Spanien und der katholisch
fundierten Repressionspolitik Ludwig der XIV von Frankreich. Engagement konnte
jederzeit gefährliche persönliche Konsequenzen haben. Adriaen Koerbagh, ein
Mitstreiter aus dem Kreis um Spinoza, wurde wegen des antikirchlichen Buches Bloemhof
van Allerley Lieflijkheid zu 4.000 Gulden Geldstrafe und 10 Jahren
Gefängnis verurteilt. Der Lehrer Spinozas, Van den Enden, wurde einer
Verschwörung für schuldig befunden und angeklagt, in der Normandie eine freie
Republik errichten zu wollen. Er wurde mit 72 Jahren in Frankreich hingerichtet.
Das Erkennen der Anomalie
der außergewöhnlichen Situation zu Spinozas Lebzeiten korrespondiert mit den
verschiedenen Spinoza Bilder. In einer weit verbreiteten Sichtwiese wird
Spinoza radikal entkontextualisiert. Wir stoßen auf das Bild eines
zurüggezogenen, wenn nicht sogar einsamen Denkers, der abseits vom Lärm der
Welt als Handwerker-Philosoph seine Linsen schleift. „Horizont der
biographischen Fragestellungen war bislang meist der historisierender geistes-
und problemgeschichtlicher Interpretationsansatz, der die methodische Fiktion
eines „freischwebenden“ philosophisch-theologischen Problembewußtseins
voraussetzte und von da her in Bezug auf Spinoza nach den Bedingungen der
‚Inkarnation’ dieser autonomer Problementwicklung in dem individuellen
Bewußtsein Spinozas fragte. Diese Art der Problemstellung korrespondierte in
hervorragender Weise die traditionelle Stilisierung Spinozas zum Musterbild
eines von weltlicher, geschäftlicher, sinnlicher Betriebsamkeit völlig
zurückgezogenem, in stoischer Bedürfnislosigkeit und innerer Freiheit einsamer
spekulativer Wahrheitssuche hingegebenen Denkers...“ (Hecker 1975; 148)
Dieses Bild findet sich unter anderem auch in einem Spinoza Buch Deleuzes, der
in aller Kürze alle Ingredienzien der Entkontextualisierung Spinozas
zusammengetragen hat: Die Verbindung zu seinem Kreis und De Witt wird als inhaltlich belanglose
Klugheit Spinozas ausgelegt, er hätte ein unweltliches „Philosophenleben“
gelebt. „Der Philosoph kann in verschiedenen Staaten wohnen und in
verschiedenen Kreisen verkehren, jedoch nur in der Art des Einsiedlers, eines
Schatten, eines Wanderers oder eines Untermieters.“ (Deleuze 1988; 10) Die
Nutzanwendung dieses Zerrbildes bei Deleuze liegt aus der Hand. Auf dem einen
Gipfel der Vergeistigung, abseits vom Weltgetriebe, die ewigen Fragen der
Menschheit reflektierend findet sich Spinoza, auf einem anderen, durch Abgründe
und Klüfte getrennt, aber in der dünnen Luft der geistigen Gipfelstürmer
vereint grüßt Nietzsche. Jonathan Israel hat zwei voluminöse Studien vorgelegt,
„The Dutch Republic“ (1995) und “Radical Enlightenment: Philosophy and the
Making of Modernity, 1650-1750” (2001), die dieser Kitschdarstellung jeden
Boden entziehen. Allein die Tätigkeit des Linsenschleifens erscheint in einem
völlig andrem Lichte, wenn hinzugesagt wird, daß Spinoza als einer der
führenden Experten des Mikroskopbaus der gesamten Republik galt: „But if, in
physics, he was an amateur, when it came to microscopes and telescopes, the philosopher
was regarded as one of the chief experts in the Republic.“ (Israel 1995;
905) Insbesondere in seinem Werk über die Radikale Aufklärung zeigt Israel, daß
Spinoza eine weltbekannte Zentralfigur, der leuchtende Mittelpunkt des
radikalen Denkens des 17. Jahrhunderts war, dessen Bedeutung weit über
Descartes oder gar des Leibnitz hinausging. „Spinoza was by no means a philosophical
hermit, withdrawn from the cares of the world, content to keep his ideas to
himself.” (Israel 1995; 917) Spinoza wurde hingegen rasch
zum Mittelpunkt eines offenen Kreises von Freigeistern, die theoretisch wir
praktisch die Ideen des Spinozas verbreiteten und diskutieren. Daß unmittelbar
nach seinem Tode 1678 seine gesammelten Werke erscheinen konnten, muß als große
Leistung angesichts der damaligen Zeit und ihrer Umstände eingeschätzt werden,
die auf die Existenz höchst aktiver, fähiger und vernetzter Gruppen schließen
läst. Die Ideen des Spinozas bleiben jedoch nicht, wie oftmals behauptet, auf
einen kleinen „esoterischen“ Kreis beschränkt: „In 1687 the heterodox theologian Willem
Deurhoff remarked that even some very simple folk had been drawn to Spinozism,
as had no small number of sophisticated libertines.“ (Israel 2001; 307) Bis in das erste Drittel des
18. Jahrhundert hinein existierte eine starke Strömung in Holland, die im
Geiste oder auch nur im Buchstaben Spinozas eine ganze Reihe von Büchern
publizierte. Mit dem Verlöschen des Holländischen Sonderweges verloren die
aktiven, philosophisch und politisch engagierten, sich auf Spinozas beziehenden
Kreise ihre Bedeutung. „Looking
back from the perspective of the 1790s, a later writer accurately noted that
while ‚formerly there had been very many, especially in the Netherlands, who
cultivated Spinozism in secret’, later the menace receded and the Spinozist
movement lost impetus and declined.” (Israel 2001; 308)
„Wie Aussaat unter dem Schnee vergleichbar…“ (Hardt/Negri 1997; 5)
Indem Negri direkt an
Spinoza anknüpft, steht er vor dem Problem keine Denkmittel zu besitzen, um die
Wirkmacht von Staat und Kapital zu diskutieren. Haben sie kein Sein, wie die
Autoren des Empire immer wieder in unterschiedlichen Wendungen meinen,
dann besitzen sie auch keine potentia, kein Tätigkeitsvermögen. Sei sind
das Nicht-Denkbare der Spinozistischen Philosophie. Ja noch mehr. Negri und
Hardt haben gewaltige Probleme, den Ursprung und die Ausbreitung des
repressiven Gegensatzes zur Multitude überhaupt zu erklären. Zwischen 1200 und
1600 wurde die Immanenz der Welt entdeckt, das Joch des Transzendentalen
abgeschüttelt, so konnten wir es in Empire lesen. Doch wie und warum
traten die kraftlosen Schatten der repressiven Ordnung ins Leben? „… eine solch
radikale Umwälzung mußte zwangsläufig starke Gegenkräfte auf den Plan rufen.
Eine solche Revolution mußte geradezu eine Gegenrevolution heraufbeschwören.“
(Negri/Hardt 2000; 88) „… mußte geradezu …?“ Zweifellos: Krieg, Herrschaft,
Vernichtung und Unterdrückung sind derart evident, daß eine Begründung
redundant erscheint. Und wir haben es auch entlastend empfunden, daß Hardt und
Negri die geradezu zärtliche Vorliebe für Herrschaft und ihre Mechanismen durch
ein Interesse an den Vermögen der Befreiung ersetzt haben. Doch letztlich
bleiben das Ausmaß der Destruktion und die Auswirkungen der Unterdrückung in Empire
unterbestimmt. Einmal scheint es, als ob die Multitude unter der leeren Hülle
des Empire unversehrt arbeitet und lebt, im Nachfolgebuch Multitude hingegen
wird eben diese als bloßes Projekt vorgestellt. Die Autoren bieten uns eine
ganze Reihe von Bildern und Metaphern an, um das Verhältnis von Empire und
Multitude auszudrücken. Das Empire sei leere Hülle, Parasit, Käfig, eine Art
Gefängnis. Aber ebenso unklar, wie nun Herrschaft exakt ausgeübt wird, bleibt
der Status der Menge. „In diesem Buch, wie in allen Analysen Negris kommt es zu
einem Aufeinanderprallen der Titanen: ein machtvolles, monolithisches Kapital
(Empire) steht einer machtvollen, monolithischen Menge gegenüber. Die Macht der
jeweils anderen Seite scheint die andere nicht zu durchdringen.“ (Holloway
2002; 199), schreib Holloway über Empire. Im Nachfolgebuch Multitude argumentieren
die Autoren weitaus vorsichtiger. Als wirksame und mächtige Gestalt kann die
Menge nur existieren, wenn ihr ein politisches Projekt der Selbstkonstitution gelingt,
und das ist bis dato nicht der Fall. Dieses Schwanken bezüglich Ausmaßes von
Herrschaft und Status der Multitude war auch schon vor Empire bei Negri
und Hardt vorzufinden. Das Bild, die Multitude lege wie Samen unter dem Schnee
des Empire stammt aus 1997. Umgekehrt gibt es auch in früheren Schriften Negris
Aussagen, die nahelegen, die Menge wäre bereits ein wuchernder
undurchdringlicher und ständig wachsender Dschungel. Weiters bleibt unklar, ob das Kapital
doch einen Rest von strukturierender Eigenlogik besitzt, oder ob es
ausschließlich durch das praktische Begehren der Menge vorangetrieben wird.
Zugleich treffen Hardt
und Negri viele richtige Aussagen über das Verhältnis von Herrschaft und
Befreiung. Sie zeigen vor allem das
wahre Verhältnis auf, denn die Herrschaft, das Empire, das tote Kapital,
benötigt die lebendige Arbeit, die lebendige Arbeit jedoch nicht die
Herrschaft. Diese Gedanken sind – auch – orthodoxer Marx. Es kann konkrete
Arbeit, Gebrauchswerte ohne abstrakte Arbeit und Tauschwert geben, aber es kann
keinen abstrakten Wert ohne lebendige Arbeit geben. Es kann Gesellschaft ohne
Staat, aber nicht Staat ohne Gesellschaft geben. Es kann Konflikte ohne
repressive, „transzendentale“ Repression geben, aber nicht repressive Ordnungen
ohne Konflikte. Es ist kein Zufall, daß Negri, der bis über die äußerte Grenze
hinaus um positive Rezeption aller AutorInnen und Theorien (bis hin zum
Eklektizismus) bemüht ist, beim Thema Hegel kaum verhüllte Wut durchschimmern
läßt. Denn Hegel lehrt uns, daß nicht nur der Herr den Knecht, sondern auch der
Knecht den Herrn benötige um zu sein und sich zu entwickeln; das ist Hegels perfide Botschaft[5]. Von dieser Dialektik, die uns an Herrschaft,
Staat und Kapital kettet, die unserer Tun nur als blassen Schatten der
Herrschaft erscheinen läßt, sollten wir uns mit Empire und Multitude
verabschieden. Die
vielbeschriebenen postfordistischen Verhältnisse legen es auch sinnlich
wahrnehmbar offen, daß Produktion und Reproduktion der gesellschaftlichen
Verhältnisse des Kapitals nicht bedürften, quantitativ wie qualitativ:
Quantitativ: Würde jede Tätigkeit, die nicht unmittelbar als Erwerbsarbeit
durchgeführt wird, von heute auf morgen eingestellt, die Gesellschaft würde in
jedem Sinne des Wortes verarmen und letztlich zusammenbrechen. Qualitativ: Aber
auch im unmittelbaren Herrschaftsbereich des Kapitals, in der Fabrik wie im
Büro, ist das tote Kapital auf die lebendige Arbeit und ihre Vermögen
angewiesen.
Für
die Monisten des abstrakten Wertes stellt diese Konzeption freilich einen kaum
verständlichen Unfug dar. Kein Wunder, deren Auffassung von Arbeit und Leben
ist so weit von Negris Spinozismus entfernt, daß es eine gemeinsame Sprache
ebenso undenkbar wie gegenseitiges Verstehen ist. Wer mit Adorno und Lukács theoretisch groß geworden ist, sich an
Postone und Heinrich orientiert, muß – so fürchte ich – letztlich zum Monismus
des abstrakten Wertes neigen. Alles, so scheint es, steht unter dem Kommando
der Kapitalverwertung. Die Akkumulation des Tauschwerts subsumiert Arbeit und
Gesellschaft unter sich, durchdringt die Poren des Alltags und bestimmt bis ins
Detail unserer Tun. Was konnten wir doch über „den Arbeiter“ lesen? „Sein
unmittelbares Sein stellt ich – wie gezeigt wurde – als reines und bloßes
Objekt in den Produktionsprozeß ein.“( Lukács 1983; 295) Daß diese Aussage nur eine
irrwitzige Parodie auf die realen Verhältnisse darstellt, und sich allein aus
dem Hegelschen Zwangsschematismus ableiten läßt, tut nichts zur Sache. Das
Kapital ist alles und alles ist das Kapital, so die einen; für andere
unterliegt es einem Abschmelzungsprozeß, doch es hinterläßt nur Chaos und
marodierende Banden. Der Kapitalismus erscheint ihnen wir eine gut geölte
Maschine, ein „automatisches Subjekt“, das sich ohne Widerstand und Reibungsverluste
im Kreise dreht, letztlich mit sich selbst identisch, denn: „Die Totalität der
Gesellschaft bewährt sich daran, daß sie ihre Mitglieder nicht nur mit Haut und
Haaren beschlagnahmt, sondern nach ihrem Ebenbild erschafft.“ (Adorno 1979;
390) Anstatt Negris Spinozismus wenigstens als das andere Denken anzuerkennen,
folgt auf Unverständnis Hohn.[6]
In diesem Zusammenhang
ist auch das Gerücht zurückzuweisen, Negri hätte sich nur äußerlich oder gar
nicht mir den Marxschen Kategorien, insbesondere mit Tauschwert und Kapital
auseinandergesetzt. Im Gegenteil, schon in früheren Arbeiten aber auch in Empire
legt Antonio Negri eine sehr klare Position vor, sie kann als falsch oder
unzureichend zurückgewiesen werden, aber seine Auffassungen entspringen
systematischer Lektüre. Das tote Kapital, der abstrakte Wert könne die
Regulierung und Beherrschung des produktiven Gewebes gar nicht leisten, die
Gesellschaft sei jedem Maß entwachsen, so ihre These. Der Begriff des Wertes
jedoch ist ein Begriff des Maßes, die gesellschaftlich durchschnittlich
notwendige Arbeitszeit sein Maß. Auch diese Aussagen können durch den
Spinozistischen Hintergrund erhellt werden. Sein bestimmt Spinoza als
„Unendliches auf unendliche Weisen“ (Ethik, I. Buch, Lehrsatz 16) Für die
produktive Substanz kann es kein Maß geben. Wenn nun Leben und Arbeiten, Fühlen
und Denken einen kaum unterscheidbaren Strom bilden, nur erfaßbar mit den
Begriffen der Spinozistischen Ethik, dann ist auch klar, daß kein äußerliches
Maß diesen Strom ordnen und beherrschen kann. In Empire finden sich
diese Überlegungen vor allem in den Abschnitten „Außerhalb des Maßes“ und
„Jenseits des Maßes“. Aus dieser Perspektive interpretieren sie den abstrakten
Wert, salopp gesagt das Kapital, als eben dieses von außen sich über den
produktiven gesellschaftlichen Zusammenhang legende Ordnungsmaß. Nicht zu
unrecht beziehen sie sich dabei gleichzeitig auf wesentliche Gedanken bei Marx.
Marx betont klar, daß es letztlich die gesamte Kultur und Zivilisation ist, die
die Produktivkraft der Arbeit (mit)bestimmt und die jeweils konkret verwendeten
Maschinen nicht isoliert betrachtet werden können. Marx war auch der
Auffassung, daß dieser Faktor durch die Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsweise stärker wird, was ihn letztlich zu der oftmals zitierten
Aussage führte: „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die
große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein
Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswert.“ (Marx MEW 42;
601) Wenn allerdings der Wert als Maß, als Beschränkung, Kontrolle und
Zwecksetzung nicht mehr wirklich funktioniert, wenn er auf Mikroebene das
produktive Gewebe der Hervorbringung nicht mehr durchdringen kann, dann muß
eine äußerliche, politische Machtausübung an seine Stelle treten. Diese
Überlegungen sind in unter anderem in den Passagen „Ein Abstecher nach Davos“
und „Big Government is back“ in Multitude zu finden. Keine
„Marktwirtschaft kann ohne politische Ordnung und Regulierung existieren.“ (Hardt/Negri
2004; 189) Die Logik der Profitmaximierung recht keinesfalls aus, um die
kapitalistische Gesellschaft zu organisieren und zu beherrschen. Wenn diese
Aussage zutreffend ist, dann wirken Ware und Geld keinesfalls als primäre
Ordnungsfaktoren; diese These scheint die Quintessenz ihrer Kapitallektüre zu
sein und auf dieser Ebene sollten wir sie auch diskutieren.
Hinter
Spinoza zurück?
„Um entstehen zu können,
bedarf die Multitude eines politischen Projekts.“ (Hardt/Negri 2004; 239) Diese
klare Aussage markiert gegenüber Empire eine nicht unbeträchtliche
Verschiebung des Blickwinkels. Denn in Empire gibt es nicht wenige
Passagen, die nahelegen, die Menge bedürfe gar keiner expliziten politischen
Konstitution, als ob eine freie Gesellschaft mit dem produktiven Fuß des Tuns,
mit der biopolitischen Produktion ihr Auslangen fände. In Multitude
hingegen wird die Notwendigkeit eines expliziten Projektes postuliert, eines
Projektes, das nicht einfach mit dem produktiven Sein der Menge gleichgesetzt
werden kann. In diesem Sinne ist auch ihr Ruf nach Demokratie zu verstehen.
Demokratie beruht einerseits auf der biopolitischen Produktion: „Wenn nämlich
Produkt der Arbeit nicht materielle Güter, sondern soziale Beziehungen,
Kommunikationsnetzwerke und Lebensformen sind, dann wird deutlich, daß die
ökonomische Produktion unmittelbar eine Art politischer Produktion oder
genauer: der Produktion von Gesellschaft als solcher impliziert.“ (Hardt/Negri
2004; 370) Andererseits - und dies ist der wesentliche Fortschritt in Multitude
gegenüber Empire - darf Demokratie nicht einfach mit Produktivität
gleichgesetzt werden. Als explizites Projekt ist es davon klar zu
unterscheiden. Allerdings haben die Autoren für die bewußte
Institutionalisierung wenig in den Händen. In Empire und in weiten
Passagen von Multitude verweisen sie gerade auf den unterirdischen, gar
nicht repräsentierbaren, ja explizit formulierbaren Widerstand, auf Prozesse,
die sich konsequenter Weise einem Projekt entziehen. Wie sollen sich etwa die zahlreichen
Flucht- und MigrantInnenströme, wie soll sich der Exodus, den Negri und Hardt
immer wieder beschwören, eine explizite politische Form geben? Immerhin wurden
im Schlußteil von Empire drei Forderungen erhoben, die in eine explizite
politische Konstitution fließen könnten: Die Forderung nach Weltbürgerschaft,
nach einem garantierten Grundeinkommen sowie nach Wiederaneignung, letztere
bleibt allerdings vage.
Die Thematik der
Konstitution hatte Negri schon in früheren Arbeiten aufgegriffen, aber – und zu
dieser Ansicht neige ich – niemals wirklich zufriedenstellend gelöst. Immer
wieder versickert das Projekt der expliziten politischen Institutionalisierung
im produktiven Strom des Seins, wie etwa aus folgender Passage hervorgeht:
„Eine neue Konstitution ist darum heute möglich. Nur wird sie keine
Konstitution sein. Und vielleicht ist das Ereignis schon eingetreten.“ (Negri
1998; 81) Es ist eine Sache, die Bedeutung der sichtbaren Sphäre der
politischen Öffentlichkeit zu relativieren, eine explizite politische
Konstitution, eine neue reale Verfassung kann jedoch kein unterirdisches
Projekt sein. Dies gestehen Hardt und Negri in Multitude auch offen ein
und unterscheiden ganz konkret zwei Ebenen: Sie grenzen die „ontologische
Multitude“, das ist die Multitude aus Empire, die kreative,
schöpferische Multitude, von der „historischen Multitude“ ab, das ist die
Multitude, die eigentlich erst durch eine explizite Konstitution, durch die
bewußte Formulierung einer gesellschaftlichen Ordnung ins Leben treten kann.
„Diese zweite Multitude ist politisch, und es bedarf eines politischen
Projekts, um sie auf der Grundlage dieser Voraussetzung entstehen zu lassen.“
(Hardt/Negri 2004; 248) Allerdings kommen die Autoren nicht über diese
Forderung hinaus. Ihre weiteren Ausführungen wiederholen und modifizieren
bereits getätigte Aussagen über die ontologische Multitude und ihr Vermögen.
Irgendwie fungiert die Ebene der biopolitischen Produktion als eine ständige
Zuflucht vor offenen Fragen, und öfters hat es den Anschein, die ontologische
Multitude könne die politische Multitude doch ersetzen und ein explizites
Projekt sei nicht nötig: „Die ökonomische Produktion der Multitude ist nicht
nur Modell für die politische Entscheidungsfindung, sondern sie wird immer mehr
selbst zur politischen Entscheidungsfindung.“ (Hardt/Negri 2004; 373) Immerhin
stellt ihre Forderung nach einem expliziten politischen Projekt, nach der
Konstitution expliziter gesellschaftlicher Institutionen, einen Fortschritt für
unsere Diskussionen dar. Schon bei Marx findet sich bezüglich einer freien
Gesellschaft eine eigentümliche Zweideutigkeit. In manchen Formulierungen
stellt Marx den Kommunismus als institutionslose, rein sachliche Verwaltung von
Sachen dar, in anderen erkennt er die Notwenigkeit einer expliziten
Institutionalisierung.
Mit etwas leiser Ironie
läßt sich bemerken, daß Hardt und Negri mit ihrer Forderung nach einem
expliziten konstituierenden politischen Projekt über die Ebene der
Spinozistischen Ethik hinaus gekommen und nun auf dem Terrain des Politischen
Traktats angelangt sind. Der Politische Traktat war Spinozas letzte,
leider unvollendet gebliebene Arbeit. Darin wirft er die Frage nach den
Konstitutionsbedingungen einer freien Gesellschaft auf. Basis dafür ist seine
Unterscheidung zwischen Naturzustand und Gesellschaftszustand. Es ist
allerdings notwenig zu wissen, was Spinoza unter diesen Begriffen versteht,
sonst lösen diese Ausdrücke nur Verwirrung und Fehlinterpretationen aus. Der
Naturzustand hat nichts mit Natur im Gegensatz zu Kultur oder zu Künstlichkeit
zu tun. Der Gedanke, der Mensch sei aus der Ordnung der Natur herausgetreten
und hätte sich eine zweite Natur geschaffen, ist Spinoza so fremd wie nur
möglich. Naturzustand meint einfach die Bedingungen und Verhältnisse des Seins,
wie er sie in seiner Ethik entwickelt hat. Naturzustand ist also weder
eine contrafaktische Annahmen, eine regulative Idee, ein Konzept, das letztlich
nur zur Legitimation der Gesellschaftsordnung dient. Daher kann der
Naturzustand auch nicht aufgehoben werden, wie immer wir „aufheben“ auch
verstehen. Im Gegenteil, gegen die Ordnung und Verkettung der Körper, der Ideen
und Affekte kann nicht gehandelt werden. Eine politische Ordnung, die dies
nicht berücksichtigt, ist zur Instabilität und zum Scheitern verurteilt. Das
Empire wäre also ein derartiger Gesellschaftszustand, der gegen die Ordnung und
Dynamik des Seins etabliert ist. Es ist also wieder der Hintergrund der
Spinozistischen Theorie, die dem
ärgerlichen Ausruf Negris: „Sie haben die grundlegende Produktivität des Seins
aus den Augen verloren!“ (Hardt/Negri 2000; 394) erst die sozialphilosophische
Dimension verleiht.
Der Gesellschaftszustand
muß so zu sagen als Fortsetzung des Naturzustandes begriffen werden, obwohl er
als explizites politisches Projekt nicht mir diesem identisch ist. Spinoza
zeichnet die Differenz zwischen Naturzustand und Gesellschaftsordnung zwar sehr
knapp, zugleich sehr scharf. Das Ziel der gesellschaftlichen Ordnung ergibt
sich aus den ontologischen Bedingungen, aus unserem Bestreben, unser Sein zu
erhalten und zu optimieren. „Nichts Vorzüglicheres, sage ich, können sich die
Menschen zur Erhaltung ihres Seins wünschen, als daß alle in allem dermaßen
miteinander übereinstimmen, daß gleichsam alle Geister und Körper einen Geist und
einen Körper bilden und alle zugleich, soviel sie vermögen, ihr Sein zu
erhalten suchen und alle zugleich für sich den gemeinsamen Nutzen aller
suchen.“
(Ethik IV. Buch, Lehrsatz 18, Anmerkung) Würden wir allein der Vernunft folgen, gäbe es gar keine Differenz zwischen
Naturzustand und gesellschaftlicher Ordnung. Da wir jedoch ebenso von Leidenschaften bestimmt sind, stellt sich die
Notwenigkeit expliziter gesellschaftlicher Institutionen. Möglichkeiten der
expliziten Gesellschaftsordnungen gibt es laut Spinoza mehrere. Er untersucht
Monarchie, Aristokratie und begann das Kapitel über die Demokratie. Die
Demokratie ist zwar die „ganz und gar uneingeschränkte“ Form, aber es lohnt
auch, die anderen Formen zu untersuchen. Deswegen, weil auch eingeschränkte
politische Formen auf ihre Gleichgewichts- und Stabilitätsbedingungen hin
untersucht werden können.
Der leitende Begriff im Politischen
Traktat ist jener des Rechts. Es gilt aus dem Status des Naturrechtes herauszutreten
und ein explizites Recht zu institutionalisieren. Der Gesellschaftszustand ist
nur als Rechtszustand denkbar. Auch hier ist es notwendig zumindest die Umrisse
seiner Begriffe zu kennen, sonst ist das Mißverständnis garantiert, zumal
Spinozas Rechtsbegriff quer zur Tradition liegt. Auf den Punkt gebracht lautet
nämlich seine Formel jus = potentia oder auch umgekehrt, potentia = jus. Recht
ist Macht und Macht ist Recht. Hier ist nochmals entschieden an den Sinn von
Macht/potentia zu erinnern: Nicht einer Gewalt über Menschen und Dinge ist
gemeint, sondern das Wirkvermögen, die reale Wirkkraft, power-to-do, der Körper
und Ideen. Nur weil im Naturzustand die Möglichkeit der Übereinstimmung
angelegt ist, nur deshalb ist ein Rechtszustand überhaupt möglich. Das
institutionalisierte Recht der Gemeinschaft (Staat wäre ein irreführender
Ausdruck) resultiert aus dem Zusammenschluß der Menge, aus der Verknüpfung der
vielen Körper und Ideen: „Dieses Recht, das durch die Macht der Menge definiert
wird, nennt man als Regierungsgewalt gewöhnlich die Souveränität des Staates.“
(PT Kapitel II, § 17) Das Recht wird nicht gesetzt, sondern entsteht als
Resultante der vereinigten Vermögen. „Aus § 15 des vorherigen Kapitels ist
klar, daß das Recht des Staates oder der höchsten Gewalten nichts anderes ist
als eben das Recht der Natur, das durch die Macht, nun nicht mehr jedes
einzelnen, sondern der wie von einem Geist geleiteten Menge bestimmt wird.
Gerade so wie im Falle eines einzelnen im Naturzustand hat auch der Körper und
der Geist eines ganzen Staates so viel Recht, wie weit dessen Macht reicht.“
(PT, III: Kapitel § 2)[7]
Ich will es bei dieser
blassen Skizze der Spinozistischen Rechts- und Gesellschaftskonzeption
belassen. Ich glaube mich nicht zu irren, daß diese hier angesprochene Thematik
der Linken leider sehr fremd sein dürfte. Daher kommt Negri und Hardt das
Verdienst zu, diese Thematik überhaupt in die Debatte eingebracht zu haben. Da
es ein Beginn eines Denkens sein könnte, sind Umwege und Irrtümer unvermeidlich.
So ist etwa ihr Versuch, die Verfassung des Empire aus Spinozistischer
Perspektive zu deuten, also eine „Rationalität am Werk“ zu vermuten, die „nicht
aus den existierenden Strukturen des internationalen Rechts abgeleitet werden
kann“, (Hardt/Negri 2000; 54) wohl nicht sehr geglückt. Auch auf dem Gebiet der
Verfassungen die Menge als vorantreibende Kraft zu erkennen, kann dazu führen,
den Problemen der expliziten politischen Akt der Konstitution erneut
auszuweichen, ja sogar bestehende Verfassungen als Ausdruck der Multitude zu
verklären. Aber nicht zufällig wurde das Thema der Verfassung des Empire und
der Vereinigten Staaten in Multitude nicht mehr aufgegriffen, und an
statt dessen die Notwendigkeit einer expliziten Konstitution erkannt.
e-mail: kr.reitter@gmx.net
Im Text erwähnte und
zitierte Literatur:
Adorno, Theodor W.; (1979) „Reflexionen zur
Klassentheorie“ In: Soziologische Schriften I, Frankfurt/Main,
Spinoza, Baruch de; (PT) „Politischer Traktat“, Latein-Deutsch,
übersetzet von Wolfgang Bartusch, Hamburg 1994
- (Ethik) „Die Ethik“,
Latein-Deutsch, Revidierte Übersetzung von Jakob Stern, Stuttgart
Hardt, Michael; Negri,
Antonio; (1997) „Die Arbeit des
Dionysos“ Berlin
- (2000) „Empire“
Frankfurt/Main
- (2004) „Multitude“
Frankfurt/Main
Holloway, John; (2002) „Die Welt verändern, ohne die Macht zu
übernehmen“, Münster
Lukács, Georg; (1983)
„Geschichte und Klassenbewußtsein“, Darmstadt
und Neuwied
Marx,
Karl; (MEW
42), „Ökonomische Manuskripte 1857/58 = Grundrisse“, Berlin 1983
Moreau,
Pierre-François;
(1994) „Spinoza. Versuch über die Anstößigkeit seines Denkens.“ Frankfurt/ Main
(Erschein bereits 1978 unter den Titel: „Marx und Spinoza“)
Negri, Antonio; (1982) „Die wilde Anomalie. Spinozas Entwurf einer
freien Gesellschaft“, Berlin
- (1998) „Repubblica
Constituente. Umrisse einer konstituierenden Macht“, In: Umherschweifende
Produzenten, Berlin
[1] „Gute“ Kritik meint hier eine Kritik, die ihren Ansatz umfassend durchleuchtet, und nicht bloß gewisse Aspekte betont oder bestimmte Wendungen einfordert. Einen guten und kommentierten Überblick über die Auseinandersetzung mit Empire (Stand Jänner 2003) ist unter http://www.republicart.net/disc/empire/pinguin01_de.htm zu finden, verfaßt vom Malmoe - Mitarbeiter „Pinguin“.
[2] Als ein weiterer Text zu Spinoza wäre zu nennen: Antonio Negri, „Spinoza's Anti-Modernity“, http://korotonomedya.net/theoria/negri_spinoza.html
[3] Es überrascht nicht, daß Hegel genau das Gegenteil behauptet: „Denn es ist starre Bewegungslosigkeit, deren einzige Tätigkeit ist, alles in den Abgrund der Substanz zu werfen, in der alles nur dahinschwindet, alles Leben in sich selbst verkommt; Spinoza ist selbst an der Schwindsucht gestorben.“ Hegel, „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“, Band III, , Frankfurt am Main, 1996 Seite 167
[4] Aus diesem Blickwinkel wäre eine Kritik am Spinozismus Althussers zu entfalten
[5] Letztlich ist es das Abstrakte, Allgemeine, dem das Besondere zu opfern ist. „Allein der Staat ist überhaupt nicht ein Vertrag, noch ist der Schutz und die Sicherung des Lebens und Eigentums als einzelner so unbedingt sein substantielles Wesen, vielmehr ist er das Höhere, welches dieses Leben und Eigentum selbst auch in Anspruch nimmt und die Aufopferung desselben fordert.“ Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Frankfurt am Main 1986, Seite 191
[6] So schätzt Julian Müller die Aussagen Negris und Hardts als „techno babble“ a la start treck ein, und das in einer Zeitschrift, die sich „Das Argument“ nennt. (Nr. 259, Seite 115)
[7] Spinoza verwendet den Ausdruck „Imperium“, diesen einfach mit Staat zu übersetzen ist natürlich irreführend. Imperium bedeutet Reich, Herrschaft, Befehl, Beherrschung, Gebot, jedenfalls nicht die der Gesellschaft entgegenstehende Instanz, die laut Hegel das Allgemeine der Vernunft verkörpert.