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Karl Reitter

Die politische Philosophie Antonio Negris

 

Eine Quelle der des politischen Denkens Negris stellt der sogenannte Operaismus dar. Ihn knapp und präzise zu charakterisieren ist nicht einfach, zumal er kein wirklich kohärentes Phänomen darstellt. Ausgangspunkt sind die sogenannten Arbeiteruntersuchungen, die in den Zeitschriften „Quaderni rossi“ und „Classe operaia“ zu Beginn der 60er Jahre veröffentlicht wurden. Diese „Arbeiteruntersuchungen“ stellen eine Mischung aus Befragungen und Interviews einerseits sowie politischer Agitation andererseits bei FIAT und anderen norditalienischen Unternehmungen dar. Liest man etwa die Untersuchungen von Romano Alquati so ist man mit Texten von beeindruckender Konkretheit konfrontiert. Engagiert aber ohne Pathos und Phrasen werden die reichen Erfahrungen aus den Zentren des italienischen Industriekapitalismus zur Sprache gebracht. In zahlreichen Gesprächen werden Themen wie die Auswirkungen der Umstrukturierung der Qualifikation, die Folgen des technischen Fortschritts, die Erfahrungen mit Kämpfen und Streiks aufgearbeitet. Die „Arbeiteruntersuchungen“ laufen immer auf den selben Punkt hinaus: Der vorerst persönlich erlebte Zusammenbruch des „Mythos FIAT“, der früher oder später in die Bereitschaft zum politischen Engagement umschlägt. Der Ausdruck „Mythos Fiat“ erklärt sich aus den Bedingungen, die zu Beginn der 60er Jahre herrschten. „Fiat galt einmal (bis Mitte der 60er K.R.) als Ziel einer langen Arbeiter-Laufbahn, die in den kleinen Fabriken begann und hohe Löhne und einen sicheren Arbeitsplatz versprach; sozusagen als Entschädigung für intensivere und verwissenschaftliche Ausbeutung. Jetzt (1967 K.R.) ist das Gegenteil der Fall: die ankommenden Emigranten (aus Süditalien K.R.) gehen sofort zu Fiat, und später kommen sie – wenn sie Glück haben – an die dezentralisierten, weniger mühseligen und besser bezahlten Arbeitsplätze.“  (Viale 1979; 84) Von den wilden und ungezügelten Massenkämpfen war zur Zeit der Arbeiteruntersuchungen noch nichts zu spüren, wohl drängte sich hier bereits eine Erfahrung auf, die im Operaismus theoretisch zentral werden sollte: Die Erfahrung der reinen Negativität der kapitalistische Produktion, inklusive des sogenannten Fortschritts der Produktivkräfte:  Diese Arbeiter kritisierten so die Logik, nach der die Fertigungsgänge koordiniert, die einzelnen Operationen unterteilt und die technischen Dienst organisiert sind. Und sie kritisieren damit die Logik eines Produktionssystems, das nur funktionieren kann, wenn es jene Art von negativen gesellschaftlichen Verhältnissen verwirklicht, die die FIAT kennzeichnen.“ (Alquati 1974; 84)

 

Eine der wesentlichsten Theoretiker ohne Zweifel Mario Tronti, dem Negri viel verdankt, aber offenbar zu Unperson wurde, da Tronti wieder der KPI beitrat. Einige interessante Aspekte:

 

Die Operaisten legten das Augenmerk auf die Geschichte der Arbeiterklasse. Auf ihre inneren Veränderungen, substantiellen Transformationen. Keineswegs banal. Bei Lukacs erscheint das Proletariat in unveränderter Identität in sich ruhen. Es ist, was es ist, und hat gewissermaßen „nur“ sein historische Mission zu erfüllen. Sein gesellschaftliches Sein ist ein für alle mal fixiert. Tronti stellt dies, zwar nicht explizit, aber letztlich durch den Sinn seiner Thesen, in Frage. Auch auf der höchsten theoretischen Ebene will er das gesellschaftliche Sein als in dynamischer Veränderung begriffen wissen. Das soll nun nicht bedeuten, daß es dem Operaismus auch gelingt. Herleitung seiner Thesen aus Marxexegese, der historische Erfahrungshintergrund der norditalienischen Arbeiterkämpfe schimmert ungenannt freilich zwischen den Zeilen durch.

 

Sein Ansatz läßt sich dadurch erfassen, indem man auch sein Unterscheidung zwischen Proletariat und Arbeiterklasse verweist. Das Proletariat sind jene, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft, und diese verkaufen müssen. „Der Verkauf der Arbeitskraft setzt voraus, daß die Arbeitskraft bereits existiert, als Ware und als besondere Ware.“ (Tronti 1966, dt. 1974; 105) Anders gesagt: „Das Klassenverhältnis geht also dem Kapitalverhältnis voraus, verursacht es.“ (Tronti 1974; 103) Mensch ist also schon Proletarier, ohne jemals Mehrwert produziert zu haben. „Die Arbeitskraft ist nicht nur potentielle Arbeit, sie ist auch potentielles Kapital“ (Tronti 1974; 122) (Die Entkoppelung des Klassenbegriffs von der tatsächlichen Mehrwertproduktion läßt schon 1966 die Möglichkeit der Kritik an der Arbeitsmoral, an der Borniertheit des Facharbeiters, der historisch (USA !) oftmals als Zunft, als Privilegienclique agieren ließ, möglich werden. Die Öffnung zur „Anderen Arbeiterbewegung“ (Karl Heinz Roth), den wilden, ungehobelten, nicht gewerkschaftliche Schichten, den Blaumachern und Lumpen.

 

Allerdings gibt es bei Tronti eine interessante Unterscheidung, nämlich zwischen „Proletariat“ und „Arbeiterklasse“. Proletarier sind jene, die nichts anderes besitzen, als ihre Arbeitskraft, erst durch den verkauf ihrer Ware werden sie Arbeiterklasse. Es gäbe, so Tronti, bei Marx eine Tendenz, die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt wieder in das Proletariat hinunterzustoßen. „Wenn die Arbeiter – als produktive Arbeit – dem Kapital einverleibt wurden, und die Proletarier – als Verkäufer der Arbeitskraft – sich beständig dem Kapital entgegenstellten, dann gab es keine anderen politischen Weg für die Revolution als den, die Arbeiterklasse erneut ins Proletariat hinunterzustoßen: also war es notwendig, die historische Analyse, die wissenschaftliche Voraussicht in diesem Sinne zu forcieren.“  (Tronti 1974; 149)

 

Zwei weiteres Aussagen, die das Denken des Operaismus charakterisieren können. „Produktiv ist die Arbeit nur, indem sie ihr eigenes Gegenteil produziert.“ (Tronti 1974; 129) Mit allem Nachdruck legt der Operaismus auf die Feststellung wert, daß es ein Pech und nichts positives sei, produktiver Arbeiter zu sein, eine Aussage von Marx, die freilich die Zunftgewerkschaften völlig verdrängt haben. Weiters die Marxsche Aussage aus dem Kapital (MEW 25/260) „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst“ wird nun nicht technizistisch, im Sinne des tendenziellen Falls, oder einer Überproduktions- Unterkonsumptionstheorie interpretiert, sondern schlicht als die Tatsache, daß die Arbeiterklasse als variables Kapital Teil, und zwar dynamischer Teil des Kapitals selbst ist. Der Feind steht im inneren. (Negri wird das paraphrasieren)

 

Tronti will also zeigen, daß die Vernutzung der Arbeitskraft den Widerspruch nicht aufhebt, sondern gewissermaßen verschärft. Er unterscheidet zwischen Proletariat und Arbeiterklasse. Marx könne sich das revolutionäre Proletariat nur als solches vorstellen. „Wenn die Arbeiter – als produktive Arbeit – dem Kapital einverleibt wurden, und die Proletarier – als Verkäufer der Arbeitskraft – sich beständig dem Kapital entgegenstellten, dann gab es keinen anderen politischen Weg für die Revolution als den, die Arbeiterklasse erneut ins Proletariat hinabzustoßen: also war es notwenig, die historische Analyse, die wissenschaftliche Voraussicht in diesem Sinne zu forcieren.“ (Tronti 1974; 148)

 

Die Arbeiterklasse wird als Arbeiterklasse, nicht als vereinzelte Proletarier, vom Kapital gesellschaftlich, also als gesellschaftliche Macht organisiert. Daher schließt Tronti, die Arbeiterklasse sei der „mobile Motor des Kapitals“ Beispiel ist ihm die Arbeitszeitverkürzung, die zwischen den 50er und 60er Jahren tatsächlich bedeutend war. Im Nachwort heißt es daher treffend: Die operaistische Theorie „macht nämlich die Bewegungen des Kapitals von der Initiative der Arbeiterklasse abhängig.“ (Tronti 1974; 244) Kapital und Arbeit sind verzahnt. Das aktive Moment ist jedoch die Arbeiterklasse: „Die Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses und die Geschichte der Klassenbewegung der Arbeiter sind ein und dasselbe.“ (Tronti 1974; 168) Die Doppeldeutigkeit es Operaismus, die Spaltung in den Bewegungsoperaismus und den Staatsoperaismus kommt deutlich bei folgendem Gedanken Trontis heraus. Vom Kapitalistenstandpunkt, so der Autor, erscheinen die Arbeiterkämpfe als ein Moment des Produktionsprozesses, vom Arbeiterstandpunkt aus erscheint der Produktionsprozeß als ein Moment des Klassenkampfes. Das kann vieles bedeuten. Es ist eine Formel, die sowohl die Öffnung zum Straßenkampf, zur wilden Aneignungsbewegung Negris eröffnet, als auch den Staatsoperaismus. Wenn Autonomie bedeutet, daß die Arbeiterklasse das treibende, aktive Moment des historischen Prozesses darstellt, dann ist offen, was sie so vor sich hertreibt. Ausgehend von dieser Überlegung ist die bissige und scharfe Kritik Viales verständlich: „So entdeckt der Operaismus auch den <Arbeitergebrauch> (uso operaio) der Organisation (man tritt der KPI, der PSIUP und der Gewerkschaft bei); der Operaismus entdeckt weiterhin den <Arbeitergebrauch> des Lohns und verherrlicht Konsum und Wohlstandsgesellschaft. Und er entdeckt den <Arbeitergebrauch> des sowjetischen Staats und wird stalinistisch.“ (Viale 1979; 112f) In der Tat dreht Tronti das Verhältnis zwischen Arbeiterklasse und Bourgeois um: „Wenn die Bedingungen des Kapitals in der Hand der Arbeiter sind, wenn es im Kapital kein aktives Leben gibt ohne lebendige Tätigkeit der Arbeitskraft, wenn das Kapital schon als Folge der produktiven Arbeit entsteht, wenn es keine kapitalistischen Gesellschaft gibt ohne Vermittlung des Kapitals durch die Arbeiter, und wenn es also kein gesellschaftliches Verhältnis ohne Klassenverhältnis gibt und kein Klassenverhältnis ohne Arbeiterklasse – dann kann man zum Schluß kommen, daß die Klasse der Kapitalisten bereits als der Arbeiterklasse tatsächlich untergeordnete entsteht.“ (Tronti 1974; 208f) Gewerkschaftliche Forderungen interpretiert Tronti als Ausdruck des Kapitalsstrandpunktes innerhalb der Arbeiterklasse. Dagegen erhebt er die Forderung nach Arbeitsverweigerung, nach der Trennung der Arbeiterklasse von selch selbst und schlußfolgert: „Es ist die Trennung der politischen Kraft von der ökonomischen Kategorie“ (Tronti 1974; 234) Der Text 1965 geschrieben, 1966 in Italien veröffentlicht, zeigt, wie sehr Negri zumindest in den frühen Arbeiten im Banne Trontis steht. Auch der Sprachduktus ist verblüffend ähnlich. Sehr parteilich, sehr deklamatorisch, um reale Bedingungen der Arbeiterrevolte sich nicht kümmernd.

 

 

 

In den Grundrissen gibt es einige Stellen, in denen Marx versucht den Fluchtpunkt der Entwicklung des Kapitalismus anzudenken. Muß die kapitalistische Produktionsweise durch ihre eigene Dynamik an einen Punkt gelangen, an dem sie sich selbst aufhebt? – so könnte man die Fragestellung rekonstruieren, die Marx veranlassen, vom Zusammenbruch der „auf dem Tauschwert ruhnde Produktion“ (Gr. 593) zu sprechen. Im allgemeinen Verständnis handelt es sich bei diesen Passagen um die Antizipation einer möglichen Entwicklung in einer fernen Zukunft. Nicht so für Negri. In seinen Arbeiten aus den frühen 70er Jahren geht er von der unmittelbaren Aktualität dieser Tendenzen aus. Das mag Verwunderung, Kopfschütteln und Kritik hervorrufen. Aber setzen wir nicht vorschnell mit dem Widerspruch ein, versuchen wir zuerst Negris Auffassungen zu rekonstruieren, auch wenn sie auf den ersten Blick mehr als wunderlich erscheinen.

 

Negri zitiert eine ganze Reiche von Passagen aus den Grundrissen, ich möchte hier zwei von ihnen im Wortlaut anführen, zumal unser Autor immer wieder auf diese Marxschen Gedankengänge rekurriert. Im „Kapitel vom Geld“ stellt Marx summarisch die Bedingungen der kapitalistischen und – ja welcher? – Produktionsweise gegenüber. „Im ersten Falle“, so Marx, findet die Vermittlung der unabhängigen Produzenten durch den „Austausch der Waren, den Tauschwert, das Geld“ statt. „Im zweiten Falle ist die Voraussetzung selbst vermittelt; d.h. eine gemeinschaftliche Produktion, die Gemeinschaftlichkeit als Grundlage der Produktion, ist vorausgesetzt. Die Arbeit des Einzelnen ist von vornherein als gesellschaftliche Arbeit gesetzt. Welches daher auch immer die besondre materielle Gestalt des Produkts sei, das er schafft oder schaffen hilft, - was er mit seiner Arbeit gekauft hat, ist nicht ein bestimmtes Produkt, sondern ein bestimmter Anteil an der gemeinschaftlichen Produktion.“ (Gr. 88) Hier finden sich bereits zwei Stichworte, die Negri in seiner eigenwilligen Art interpretiert: Vermittlung und Gemeinschaftlichkeit der Produktion. Durch die Entwicklung der Produktivkräfte sei die gesamte Gesellschaft ein einziger, großer Produktionszusammenhang geworden. Oder anders gesagt: Die Produktion des Reichtums ist nicht mehr lokalisierbar. „Der gesellschaftliche Charakter der Produktion macht das Produkt von vornherein zu einem allgemeinen, gesellschaftlichen.“ (Negri 1973; 25) Diese von Negri postulierte aktuelle unmittelbare Vergesellschaftung der Produktion korrespondiert mit seiner These vom Zusammenbruch der Vermittlung. Zwischen der produktiven Arbeiterklasse und dem toten Kapital existiert keine dialektische Dynamik mehr, das Endstadium ist erreicht. „Hegel hat uns also nichts mehr zulehren.“ (Negri 1979; 9) Ende der Vermittlung heißt Ende der vermittelnden Funktion von Wert und Geld, direkter, blanker Antagonismus zwischen Arbeiterklasse und Kapital. Das Verhältnis der Klassen ist kein Wertverhältnis mehr, sondern ein unmittelbares Machtverhältnis, Arbeitersubjektivität hier, Kommando und Hierarchie dort. Als Argument, falls man bei Negri überhaupt von Argument sprechen kann, eher sind wir mit einem wilden, leidenschaftlichen Postulieren konfrontiert, dient der von Marx konstatierte Zusammenhang von Produktivkraftentwicklung und Zusammenbruch der Wertproduktion. Ich zitiere einen Abschnitt aus der berühmten Stelle in den Grundrissen: „In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder – deren powerful effectiveness – selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion.“ (Gr. 592) Wenn diese Tendenz real ist – und für Negri ist sie es im höchsten Maße – dann ist die Unterscheidung zwischen mehrwertproduzierender und notwendiger, zwischen produktiver und nichtproduktiver Arbeit hinfällig. Die Produktion des Werts kann nicht mehr lokalisiert werden. „Arbeiten bedeutet bereits unmittelbare Beteiligung an der Welt des Reichtums“ (Negri 1973; 29) In der ersten Phase der kapitalistischen Produktion, die unser Autor um 1929 (Vergl. Negri 1973; 25) enden läßt, existierte noch ein Zusammenhang zwischen dem Arbeitslohn, Einzelkapital und dem produzierten Mehrwert. Dieses Verhältnis wird schrittweise aufgehoben. Negri interpretiert das geschichtliche Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital in einem drei Stufen Schema: „So wie in der Zeit der II. Internationale der spezifische Antagonismus derjenige zwischen der Arbeiterkontrolle über den Produktionsprozeß und dem kapitalistischen Besitz an der Produktionsweise war, so wie in der Periode zwischen den beiden Kriegen und bis in die sechziger Jahre hinein der spezifische Antagonismus der zwischen der Vermassung der Arbeitskraft und der bestimmten Proportion ihrer dynamischen Kontrolle im Plan des Kapitals war – nämlich der Widerspruch zwischen des Lohns – so ist heute der spezifische Antagonismus derjenige zwischen der Konstituierung der gesamten Arbeiterklasse als politischer Individualität einerseits  und der Fabrikform der kapitalistischen Herrschaft andererseits, wischen dem kommunistischen Willen der Massen und dem Unternehmerkommando.“ (Negri 1973; 38f)

 

Für den Bewegungsoperaisten Negri vollzog sich diese Entwicklung nicht unbemerkt hinter den Rücken der Menschen, als objektive Tendenz, die erst post festum von der Analyse zu entschlüsseln ist, sondern durch den Ansturm der kämpfenden Arbeitersubjektivität. Die Arbeiterklasse trieb und treibt das Kapital vor sich her. „Hier, in den vermaßten Kämpfen des Massenarbeiters, hat sich die Arbeit vom Wert der Arbeit unabhängig gemacht.“ (Negri 1973; 32) Das mag für uns, jenseits der Alpen, die Arbeiterkämpfe nur vom Hörensagen kennen, verwunderlich erscheinen und tatsächlich war der Operaismus nur in „Italien, eine Provinz im kapitalistischen Weltreich“ (Viale 1979; 110) auf grund der spezifischen Situation möglich. Für Negri ist es jedoch real, daß dem kämpfenden Subjekt Arbeiterklasse das Subjekt Kapital entgegensteht. Dieses Subjekt Kapital versucht nun einerseits auf den status quo der Arbeiterkämpfe zu reagieren, andererseits zukünftige Kampfformen zu antizipieren. Die Form, in der dies geschieht ist der Plan-Staat. Daher auch der Titel einer frühen Schrift: „Krise des Plan-Staates, Kommunismus und revolutionäre Organisation.“ Negri, zumindest der Negri der 70er Jahre, geht davon aus, daß das Unternehmen die wilde Arbeitersubjektivität, die lebendige Arbeit zu zähmen und niederzuhalten, notwendig scheitern muß, allerdings ein klares Resultat zeigt: Die Herrschaft des Kapitals kann also nicht mehr über die Wertproduktion in der Fabrik selbst hergestellt werden, sie schlägt in ein unmittelbares, eben nicht vermitteltes Herrschaftsverhältnis um. Ebenso wie die Arbeitersubjektivität löst sie sich von der „organischen Zusammensetzung des Kapitals “ (Negri 1973; 30), also gewissermaßen von sich selbst. „Das Unternehmen, das der Staat mit der Totalität betreibt (d.h. die Ausübung von Macht und Kontrolle über die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums K.R.) ist rein negativ, in Bezug auf Bedeutungsinhalte.“ (Negri 1979; 25) Diese Wendung ermöglicht es Negri bereits 1979 explizit an Foucault anzuknüpfen, der Macht nicht nochmals auf ein bestimmtes Interesse, ein Kalkül eines Subjekts, auf Bedürfnisse bezieht, sondern aus sich selbst erklärt. Anders gesagt, für Foucault ist Macht nicht ein Mittel eines Subjekts (sei es individuell oder kollektiv) sondern sich selbst setzender Mechanismus. Hier trifft sich Negri mit Foucault; der Saat verfügt laut Negri über kein historisches Projekt, über kein Ziel, er ist reine Negativität gegenüber der Arbeitersubjektivität. Tatsächlich beseitigt die postmoderne Totalisierung der Macht, wie wir gesehen haben, jede Möglichkeit einer Dialektik.“ (Negri Anmerkungen über die Entwicklung des Denkens beim späten Althusser In: Episteme, online-magazin für eine Philosophie der Praxis, keine Jahreszahl)

 

 

 

1979 wird Negri, unter der Anschuldigung eine „bewaffnete Insurrektion“ theoretisch wie praktisch vorbereitet zu haben, verhaftet. Im Gefängnis entsteht sein Buch über Spinoza, Titel: „Die wilde Anomalie. Spinozas Entwurf einer freien Gesellschaft.“ Ich vermute, daß dieses Werk sein Publikum nicht gefunden hat. Welche der LeserInnen seiner früheren aber auch späteren Schriften war und ist schon so vertraut mit der Philosophie des 17. Jahrhunderts, um Negri bei seiner leidenschaftlichen und oft kühnen Interpretation der Spinozistischen Werke folgen zu können? Für philologisch geschulte Spinozainterpreten wiederum mögen Negris Ausführungen über die Spinozistische Philosophie zwar keine Rätsel aufgeben, aber der eigentliche Sinn mußte jenen, die mit dem Operaismus nicht vertraut waren, dunkel bleiben. Tatsächlich ist der Zweck des Buches nur verständlich, wenn man seine früheren Schriften, insbesondere die „Sabotage“ kennt. Stets rekurriert Negri auf seine zentralen Begriffe wie „Aneignung“, „Konstitution“ und immer wieder auf den mit Abscheu verwendeten Begriff der „Vermittlung“. „Die Zurückweisung gerade des Gedankens der Vermittlung ist eine Grundlage des Spinozianischen Denkens“ (Negri 1981; 161) Negri postuliert, wie wir gesehen haben, in seinen frühen politischen Schriften den Zusammenbruch der vermittelnden Instanzen, Arbeiterklasse und Kapital-Staat stehen sich in blankem Antagonismus gegenüber. Spinoza ist nun für Negri ein Autor, der aus einem frühbürgerlichen, liberalen Kontext des Hollands des 17. Jahrhunderts heraus, eine Philosophie der Zukunft, das heißt, eine Philosophie der Logik des revolutionären Prozesses der Arbeiterklasse beschreibt. Oder in Negris Worten: „Hier ist eine Phänomenologie der kollektiven Praxis am Werk.“ (Negri 1981; 170) Es ist eine Praxis, die die Negativität des Kapitals weit hinter sich gelassen hat – ein Philosophie der Zukunft eben. Natürlich schwebt Spinozas Philosophie nicht in der Luft, sie ist eingebettet in die philosophischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit. Aber, so Negri, im Gegensatz vor allem zu Hegel, dringt Spinoza in eine Dimension vor, in der die unmittelbare Vergesellschaftung freier Individuen, auf der Basis der Aneignung und Selbstkonstitution gedacht wird. Ich kann hier unmöglich eine abschließende Beurteilung seiner Spinozainterpretation vorlegen. Aber das ist auch nicht nötig, um den Zweck zu verstehen, den Negri mit diesem Buch verbindet. In der Tat existiert bei Spinoza kein Widerspruch, der sich dialektisch vermitteln muß. In seiner Ontologie existiert nur der Mangel, der Mangel an Erkenntnis und der Mangel an Sein. Wobei der Begriff materialistisch für Spinozas Denken nicht unangebracht ist. Das von ihm in strenger Kausalität gedachte Sein kennt keine Transzendenz. Gott ist die Welt und die Welt ist Gott, ein radikaler Pantheismus, der Spinoza nicht zu Unrecht den Vorwurf des Atheismus eingetragen hat. Es gibt keinen ontologischen Vorrang des Denkens, des Geistes über die Körper, über das Materielle. „Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge“ (Spinoza, Ethik, Buch II, Lehrsatz 7) Es existiert nicht das Böse, die Negativität, der Teufel, nur die Unvollkommenheit und der Mangel, der allerdings in Vollkommenheit übergeführt werden kann, wobei eine solidarische, nicht antagonistische Vergesellschaftung möglich ist.  „Sie (die Natur in der Philosophie Spinozas K.R.) ist eine kollektive Wesenheit, jedoch ein Prozeß, der die Selbstkonstitution der Individualität als kollektive Wesenheit erlebt.“ (Negri 1981; 156) Und Negri zitiert triumphierend Spinozas 7. Definition des II. Buches der Ethik: „Wenn mehrere Individuen in einer Tätigkeit so zusammenwirken, daß sie alle zugleich die Ursache einer Wirkung sind, so betrachte ich sie insofern als ein Einzelding.“ Wir wissen, an welche „Tätigkeit“ Negri denkt, an den Prozeß der proletarischen Revolte, jenseits von Staat und Kapital.

 

Negri sucht Punkt für Punkt die Übereinstimmung seiner politischen Thesen mit der Philosophie Spinozas - und findet diese auch. „Die Metaphysik Spinozas stellt in der Tat eine ausdrückliche Erklärung dar, daß die Entwicklung der Produktivkräfte nicht auf irgendwelche Ordnung reduziert werden kann.“ (Negri 1981; 159f) Indem sich das Proletariat seine eigene Produktivkraft aneignet, ist es nicht gezwungen, ein vermittelnde Instanz, den Staat zu „erobern“ oder neu zu definieren. Das konnten wir in der „Sabotage“ lesen, und Negri findet bei Spinoza seinen Kronzeugen. Seinen Kronzeugen allerdings unter der Voraussetzung, daß Staat und Kapital undialektisch negiert sind, sie sind Störfaktoren gewiß, mächtige Störfaktoren, aber doch nichts mehr. Die „Anomalie“ des Denkens des Spinoza gründet für Negri in einer Theorie der Selbstkonstitution, der Selbstentwicklung des revolutionären Subjekts, im Hinblick auf dessen Bedingungen und Problemen. Die Konflikte zwischen den Individuen entspringen jedoch nicht prinzipieller Antagonismen, sondern eben nur eines Mangels an Erkenntnis und, was für Spinoza angesichts des ontologischem Gleichklangs von Körper und Geist das selbe ist, dem Mangel an verwirklichtem Sein.