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Bis in die fünfziger Jahre war Tanger als
internationale Zone für Ausländer der größte Magnet, heute ist Marrakesch die am meisten auf Tourismus
eingestellte Stadt.
Es ist die am häufigsten besuchte Königsstadt,
wohl wegen ihres Nimbus in Europa, auch wegen der Nähe zum Badezentrum Agadir. Es gibt Kurzausflügler von den
Kanarischen Inseln, Tagesausflügler von den Kreuzfahrtschiffen, die in Casablanca anlegen. Marrakesch ist auch
die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil. In der Altstadt sind bereits zwanzig Prozent in ausländischem
Besitz.
Literaten in Marrakesch - Marrakesch in der Literatur
Die Gartenstadt mit
ihren roten Häusern, vor der Silhouette des Hohen Atlas, von Palmenhainen und Zitrusbäumen umgeben, hat mit
ihrem klangvollen Namen und ihrem milden, sonnigen Winter wie keine andere Stadt Marokkos Träume geweckt und
Fremde angelockt. Mehr noch als Schriftsteller, Poeten und Maler waren es Cineasten, Schauspieler,
Pop-Musiker, Fotografen, Architekten, Modeschöpfer, Stilisten, Designer und hauptberufliche Erben, die sich in
Marrakesch Häuser zulegten oder vorübergehend in einem der luxuriösen Hotels niederließen.
Es gibt keine einheitliche Motivation, die
Künstler veranlasste, in die rote Königsstadt zu reisen, es waren persönliche, individuelle Gründe und
Zufälle. Der einzige Faktor, der mehreren gemeinsam ist, ist Homosexualität.
André Gide war nur kurz in der Stadt, 1923 im Rahmen einer
Rundreise, und in seinem
Tagebuch
ist ihm Marrakesch keine Zeile wert.
Kurzzeitbesucher waren auch
Hugo von Hofmannsthal,
Colette,
Henry de Montherlant,
Anaïs Nin,
Alec Waugh,
Simone de Beauvoir
und Jean-Paul Sartre,
Antoine de Saint-Exupéry,
Jane Bowles,
Anthony Burgess,
Alberto Moravia
und Dacia Maraini,
William S. Burroughs,
Truman Capote,
Roland Barthes,
Arthur Koestler,
Ernst Jünger.
Paul Bowles
reiste immer wieder nach Marrakesch, erstmals
1931, jedoch war er Tanger und Fes mehr verbunden, und Marrakesch war ihm
literarisch kein großes Anliegen.
George Orwell
verbrachte mehr als ein halbes Jahr in der
Stadt. Er litt an Tuberkulose und wegen des milden Winterklimas wählte er
Marrakesch, das er mit seiner Frau Eileen Mitte September 1938 erreichte. Es
entstand der Roman
Auftauchen, um Luft zu holen
(19391),
der jedoch keinen anderen Marokko-Bezug aufweist, als dass er hier geschrieben wurde.
Da
Winston Churchill
Literaturnobelpreisträger ist, muss er als Literat betrachtet werden, und soll hier nicht fehlen.
Gegen Ende der Casablanca-Konferenz in
Anfa
erinnerte er sich
an seinen ersten Urlaub in Marrakesch 1935, den er im
Mamounia
verbracht hatte, und soll Roosevelt
mit den Worten, es sei "der entzückendste Fleck auf der ganzen Welt" zu einer
Fahrt dorthin überredet haben. So reisten Churchill und Roosevelt am 24. Jänner
1943 nach Marrakesch, Roosevelt nur für eine Nacht, Churchill für zwei Nächte
(Churchill,
Jenkins).
Der britische Premierminister kehrte noch des öfteren zurück, und ein Teil seiner sechsbändigen Memoiren
Der zweite Weltkrieg
(1948-1954) ist hier entstanden.
Im Juli 1961 reiste
Allen Ginsberg
in Begleitung von
Paul Bowles
für eine Woche von Tanger nach Marrakesch
(Ginsberg,
Bowles).
Seine Eindrücke sammelte er in
Allen Ginsbergs Notizbücher
(19771).
Der österreichisch-britische Maler, Grafiker und Dichter Oskar
Kokoschka war 1965 im Alter von neunundsiebzig Jahren in Marrakesch.
Aus diesem Besuch resultiert eine Serie von Lithografien. Das American Legation
Museum in Tanger beherbergt eine Kohlezeichnung von Kokoschka.
1967 befanden sich die Rolling Stones auf einer
Marokko-Reise, auf der Suche nach Musik und Drogen, und
Brion Gysin
reiste mit ihnen von Tanger nach Marrakesch. An der Jahreswende
1967/68 berauschten sich die Beatles auf einer Silvesterparty
bei Paul Getty in dessen Altstadt-Haus. Und Graham Nash nahm die Eisenbahn von
Casablanca nach Süden und schrieb für Crosby, Stills & Nash
den Hit Marrakesh Express (1969).
Als
John Hopkins
in Tanger lebte, reiste er zwischen 1966
und 1976 häufig nach Marrakesch, wo er 1968 seinen Roman
Tangier Buzzless Flies (1972) zu schreiben begann
(Hopkins).
Der marokkanische Maler und Schriftsteller Mahi Binebine, Autor
mehrerer
Romane,
der Paris als Wohnsitz gewählt hat, wurde in Marrakesch geboren.
Schauplatz Marrakesch
Was nun das Thema Marrakesch in der Literatur betrifft, so zeigt sich im
Vergleich mit Fes, dass Fes von durchreisenden oder kurz dort verweilenden
Schriftstellern in ihrem Werk nebenbei mitbedacht wurde. Bei Marrakesch hingegen
gewinnt man den Eindruck, dass in den Augen von Literaten wenige Sätze oder
kurze Kapitel der Stadt nicht gerecht werden können. Marrakesch wurde entweder
gar nicht literarisch behandelt oder es wurde an sich zum literarischen Thema.
So ist der Name von vier der großen Schriftsteller mit der Stadt verbunden,
Canetti, Goytisolo, Ben Jelloun, Fichte. Canetti widmete ein ganzes Buch allein
der Stadt, Fichte den Großteil eines Romans, und im Werk von Ben Jelloun und
Goytisolo nimmt Marrakesch breiten Raum ein.
Elias Canettis
Die Stimmen von Marrakesch
(19671) ist gewiss eines der schönsten Reisebücher, das je geschrieben wurde. Für
Juan Goytisolo
wurde
Marrakesch, was für
Paul Bowles
Tanger war, nämlich zum Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen und zum Angelpunkt
seines literarischen Anliegens. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert wohnt er
in der Altstadt.
Tahar Ben Jelloun,
der Marokkaner, der in Frankreich lebt,
aber dessen Werk von Marokko lebt, hat auch Marrakesch literarisch verwertet.
Seiner persönlichen Befindlichkeit und seinem literarischen Anliegen
entsprechend, musste
Hubert Fichte
früher oder später nach
Marrakesch gelangen. Das war 1970. Der Freund und Maler Peter Hinrik Boll, der
lange in Marrakesch lebte, hatte Fichte, auf dessen Anfragen hin, in langen
Briefen Marrakesch als ein Homosexuellen-Mekka geschildert. Fichte kam im
Februar 1970 nach Marrakesch und blieb sechs Wochen
(Böhme).
Frucht dieses Aufenthaltes ist der Roman
Der Platz der Gehenkten
(1989).
Ein weiterer Meister der Sprache,
William S. Burroughs,
machte Marrakesch zur Basis des utopischen Romans
Die wilden Boys
(19711),
George Orwell
widmete der Stadt den Essay
Marrakesch (19391),
Arthur Koestler
schrieb den Bericht
Marrakech (1971).
In
Henry de Montherlants
Roman
Die Aussätzigen (19391)
ist teilweise Marrakesch Handlungsort,
und in
Jean Paul Sartres
Der Aufschub
(19451) ist
Marrakesch Schauplatz von Szenen um Maud und Pierre. Peter Mayne
machte aus seinem Marrakesch-Jahr den autobiografischen Roman
Ein Jahr in Marrakesch (19531).
In
Anthony Burgess'
Enderby-Roman
Die Muse
(19681)
hält sich der Anti-Held zehn Seiten lang in Marrakesch auf und verkauft seinen Pass, um nach
Tanger zu gelangen. Kapitel 63 von Burgess'
Der Fürst der Phantome
(19801)
spielt in Marrakesch, ebenso ein Abschnitt in
Bodo Kirchhoffs Roman
Parlando (2001).
Einige Schriftsteller schrieben kurze Absätze über Marrakesch, so
Hugo von Hofmannsthal,
in Briefen,
Paul Bowles,
Alec Waugh und
Simone de Beauvoir
in ihren Autobiografien,
Ernst Jünger
in seinem Tagebuch
Siebzig verweht II,
Alberto Moravia
in einem Artikel für den Corriere della Sera, der erschienen ist auch in
Viaggi,
Tennessee Willims in seinem Theaterstück
Die Katze auf dem heißen Blechdach,
Allen Ginsbergs
Notizbücher
enthalten ein Gedicht,
Roland Barthes
notierte kurze
Begebenheiten.
Weitere Autoren mit Marrakesch-Bezug sind im deutschsprachigen Raum wenig
bekannt - Claude Ollier, von dessen Marokko-Büchern
Marrakch Médine
(1979) das bekannteste ist, der kanadische
Schriftsteller Christopher Wanklyn, der in Tanger und dann in
Marrakesch lebte, Rom Landau, der 1974 in Marrakesch gestorben
und dort bestattet ist. Esther Freuds autobiografischer Roman
Marrakesch (19921)
verdankte kurzfristigen Ruhm seiner Verfilmung.
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