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Von Fes nach Erfoud

Von Fes nach Erfoud

Von Fes nach Erfoud

Sefrou   -   صفرو

Die Kleinstadt am Fuß des Mittleren Atlas, in Marokko bekannt als Lieferant der besten Kirschen, außerdem Geburtsstadt von Abdelhak Serhane, rühmt sich, älter als Fes zu sein.

Colette fand hier, im Frühjahr 1926 oder 1929, mit ihrem zukünftigen Ehemann das "irdische Paradies, annähernd wie wir es uns vorstellen, wenn wir es uns orientalisch, bevölkert und eng vorstellen", so schwärmt sie in ihrer Reiseschilderung Prisons et paradis (19321).

Azrou   -   أزرو‎

Der einstige Marktort von Nomaden, die längst sesshaft sind, entwickelte sich zum lokalen Zentrum im Mittleren Atlas und zum Ferien- und Höhenkurort für die Bewohner von Fes. Abdelhak Serhane, in Azrou aufgewachsen, machte die Stadt zum Handlungsort seiner Romane Messauda (19831) und Kinder der engen Gassen (19861).

Auch Mohamed Choukri widmet den Städten im Mittleren Alas einen Text - Azrou (19851) - in dem sich auch kurze Abschnitte über benachbarte Orte wie Ifrane und Immouzer finden.

Midelt   -   مدلت

Jean Genet absolvierte einen Teil seiner Militärzeit in Midelt.
Am 26. Juni 1931 erreichte er Casablanca zu Schiff. Er wurde zunächst zu einer Regimentseinheit abgestellt, die unter dem Kommando des Generals Victor Goudot in Midelt stationiert war. Der General unterstellte Genet für die Dauer von drei Monaten seinen persönlichen Diensten als Sekretär.
Dass er in Midelt Sekretär wurde, deutet darauf hin, dass er trotz mangelhafter Schulbildung eine gut leserliche Schrift und befriedigende Orthografie- und Grammatikkenntnisse hatte. Möglicherweise war er in Midelt Französisch-Lehrer, aber ob für Soldaten oder marokkanische Zivilisten ist ungewiss.
Nach Ablauf der drei Monate begab sich Genet am 26. September 1931 an seinen neuen Dienstort Meknes (White).

Zwischen Atlas und Algerien

Irgendwo im Gebiet zwischen Hochland und Atlasvorgebirge, nahe der algerischen Grenze, in einem fiktiven Dorf im Jahr 1980 handelt Driss Chraibis Roman Ermittlungen im Landesinnern (19811).

Gourrama   -   ڭرامة

Zwei Jahre lang war Friedrich Glauser Fremdenlegionär und von Mai 1922 bis März 1923 in Gourrama stationiert.
Eine ärztliche Untersuchung erklärte ihn untauglich für Märsche, und daher wurde er als Verwalter der Lebensmittel eingesetzt. Er war für deren Beschaffung und Verteilung zuständig und Chef einer Herde von zweihundert Schafen und zehn Rindern. Da viel gestohlen wurde in dieser Administration, schon vor seiner Zeit, und da er selbst auch immer genug Geld in der Tasche hatte, quälte ihn die Angst vor Revision und Kriegsgericht, die er zuerst mit Alkohol betäubte und die schließlich zu seinem dritten Selbstmordversuch führte. In seiner Freizeit besuchte er nicht selten Araber, deren Gesellschaft er gegenüber jener von Legionären bevorzugte, er lernte ein paar Brocken Arabisch, was sich auch in seinem Werk gelegentlich niederschlug.
In Romanen und Kurzgeschichten verarbeitete Glauser noch Jahre später die Erfahrung, besonders in Gourrama (19401).
Und in Die Fieberkurve (19381) führen die Umstände eines Kriminalfalles den behäbigen Wachtmeister Jakob Studer aus Bern nach Gourrama, wo er im Posten der Fremdenlegion den Fall aufklärt. In einer Hinsicht erwies sich Glauser als nahezu prophetisch. Einer der Tatverdächtigen, ein Geologe, hat im Gebiet um Gourrama Erdöl entdeckt. Mehr als sechzig Jahre später, im Jahr 2000, feierten König, Regierung und Presse angeblich bedeutende Ölfunde in Talsinnt, nordöstlich von Gourrama. Doch die Jubelmeldungen erwiesen sich alsbald als weit überzogen, abgebaut wird dort bis heute nicht.

Rich   -   الريش

Rich war der westlichste Ort Marokkos, den Friedrich Glauser im Verlaufe seines Fremdenlegions-Intermezzos erreichen sollte.
Im Herbst 1922 wurde er von Gourrama nach Rich ins Lazarett gebracht zur ärztlichen Versorgung einer Wunde am Ellbogengelenk. Über deren Ursache existieren zwei Versionen, beide aus Texten von Glauser selbst. Nach der einen, war die Verletzung Folge eines Selbstmordversuches mit einem Blechstück, nach der anderen war es ein Messerstich, der ihn traf, als er zwei Soldaten, die stritten, trennen wollte. Glausers Biograf Gerhard Saner scheint die Selbstmord-Version für die wahrscheinlichere zu halten. Sie findet sich in einem Brief an den Vater, im Legionsbericht Im afrikanischen Felsental (19321) und auch in Gourrama (19401), während die Messerstich-Rauferei nur einmal aufscheint, in einem von Glauser selbst verfassten Lebenslauf für die Irrenanstalt Münsingen bei Bern.
Das letzte Kapitel von Im afrikanischen Felsental (19321) übertitelt Glauser mit "Unromatisches Ende", und es nahm in Rich seinen Anfang. Am 31. März 1923 wurde er vom Arzt untersucht, wegen eines Herzleidens für dienstuntauglich erklärt und ausgemustert (Saner).

Zwischen Oued Ziz und Oued Dades

Der seinerzeit höchst erfolgreiche Schweizer Schriftsteller John Knittel lässt auch Geschichten in Nordafrika handeln, so Abd-el-Kader. Roman aus dem marokkanischen Atlas (1931), dessen fiktive Orte irgendwo in dieser Region liegen.

  Blick vom Tizi n'Tretten, 1934 m Höhe

Tafilalt   -   تافيلالت

Eine der bekanntesten Erzählungen von Paul Bowles - Die leichte Beute - geschrieben 1948 auf dem Schiff von New York nach Gibraltar, handelt von Lederhändlern aus dem Tafilalet. Zwei Brüder und deren Neffe unternehmen eine lange Reise von Tabelbala in Algerien nach Tessalit in Mali. In der Wüste, weit abseits menschlicher Behausungen, treffen sie auf einen Fremden, der ihr Vertrauen erschleicht. Der Fremde tötet die zwei älteren Männer, verwundet und kastriert deren jungen Begleiter, dreht ihn um und vergewaltigt ihn in einem Akt grausamer Demütigung, lässt ihn über Nacht liegen und schneidet ihm am Morgen die Kehle durch. Andere Filala, Freunde der Getöteten, erfahren von den Morden und üben furchtbare Rache, indem sie den Täter in der Wüste lebend bis zum Nacken begraben und seinem Schicksal überlassen.
Diese Geschichte schrecklicher Grausamkeit basiert auf einer wahren Begebenheit, die Bowles im Winter 1947-1948 in Timimoun in Algerien, erzählt wurde, wobei jedoch die Details der beiden brutalen Morde Hinzufügungen von Bowles sind.
Die Erzählung fand nicht die Anerkennung seiner Schriftstellerkollegen und Tanger bewohnenden Freunde. William S. Burroughs sagte von ihr, sie breche unter dem Gewicht ihres sensationellen Inhalts zusammen und wirke flach wie ein Zeitungsausschnitt. Und Jack Kerouac meinte, es sei nichts weiter als ein aus der Luft gegriffenes Mischmasch von all den unglaublichen Sachen, die die Araber angeblich machen (Burroughs).

Als Paul Bowles 1934 in Fes als Sekretär im American Fondouk arbeitete, gönnte er sich Ende Oktober ein paar Urlaubstage und fuhr nach Erfoud (ارفود), den Hauptort des Tafilalet. Bei Sonnenuntergang wurden die Stadttore geschlossen, und wer bis dahin nicht zurückgekehrt war, verbrachte die Nacht außerhalb der Stadtmauern. Abenteurer, der er in jungen Jahren war, erkundigte er sich nach Karawanen in Richtung Timbuktu. Ja, sagte man ihm, es gäbe eine in ein paar Wochen und die Reise würde zwölf bis sechzehn Wochen dauern. Er fragte, wie er zurückkommen würde. Nun, vermutlich trete die Karawane etwa nächstes Jahr um diese Zeit die Rückreise an. Man war sehr überrascht, als aufgrund dieser Information sein Interesse spürbar nachließ.
Da er also die Idee der Saharadurchquerung auf Kamelrücken und in Karawane aufgab, durchstreifte er das Tafilalet, fand die Palmen spärlich und niedrig, die Oasen ärmlich und war enttäuscht. Nach einem Abend mit spendierfreudigen, betrunkenen, sentimentalen, Kriegsliedern singenden Fremdenlegionären kehrte er nach Fes zurück. Bowles schildert seinen Tafilalet-Ausflug in Rastlos und in Der Weg nach Tassemsit.

Von Fes nach Erfoud
  Rissani, Ksar Ouled Abd el-Halim

 

Rissani im Tafilalt

 

Rissani im Tafilalt