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Fes el-Jadid - Königspalast Königspalast

 

"Früher oder später findet man immer eine Stadt, die das Abbild der Stadt ist, die man in sich trägt. Fez ist ein Abbild meines inneren Selbst."
Anaïs Nin, April 1936, Tagebücher

  Fes el-Jadid - Platz der Alaouiten. 
Vom Königspalast Richtung Neustadt
Fes el-Jadid

Fes el-Jadid   -   فاس الجديد

Fes el-Jadid

Als im 13. Jahrhundert die Meriniden Marokko regierten und Fes zur prächtigen Metropole ausbauten, errichteten sie westlich von Fes el-Bali einen eigenen Stadtteil Fes el-Jadid - Neu-Fes - mit Sultansresidenz, Judenviertel und Souk, der heute natürlich ebenfalls Altstadt ist.

Königspalast   -   Al-Qsar al-malaki   -   القصر الملكي
Mit ihren achtzig Hektar Fläche nimmt die Residenz des Königs einen großen Teil von Fes el-Jadid ein. Die Anlage datiert ins 13. Jahrhundert, jedoch seither führten viele Sultane An- und Umbauten aus. Die prunkvolle Fassade am Platz der Alaouiten stammt aus dem Jahr 1968 und ist der Beitrag von Hassan II. (reg. 1961-1999). Ihre sieben Tore, analog der sieben Tage der Woche, leuchten im Sonnenlicht golden und zeigen in die Neustadt, dorthin, wo heute Besucher herkommen.
Der Große Mechouar (Versammlungsplatz) - nicht zu verwechseln mit dem Alten Mechouar (Vieux Mechouar) zwischen Bab Segma und Bab Seba - liegt im heute für die Öffentlichkeit unzugänglichen, ummauerten Teil des Königspalastes, westlich des Viertels Moulay Abdallah.

Am 17. April 1889 empfing Sultan Hassan I. (reg. 1873-1894) auf dem Großen Mechouar eine französische Delegation, wobei der neue Botschafter sein Beglaubigungsschreiben überreichte. Der Audienz wohnte Pierre Loti bei, der sie in seinem Reisebuch Im Zeichen der Sahara überliefert.
Der weit gereiste Loti kannte in keiner Stadt der Welt einen Platz von diesem Umfang mit seinen mächtigen Bastionen und bedrohlichen spitzen Zinnen. Die ausländischen Gäste wurden ersucht abzusitzen, denn niemand durfte vor dem Oberhaupt der Gläubigen hoch zu Ross erscheinen. Rot gewandete Sultanstruppen und Musikanten bildeten ein doppelreihiges, zweihundert Meter langes Spalier von der Delegation bis zu jenem Tor, durch das der Sultan erwartet wurde. Der Hofnarr war ebenso zugegen wie die Wesire, die großen Würdenträger des Reichs mit langen, ergrauten Bärten, düsteren Zügen und weiß wallenden Gewändern.
Mit wachsender Spannung blickten alle Anwesenden nach dem Tor. Es erschienen zunächst fünfzig rot und weiß gekleidete Sklaven, gefolgt von sechs Schimmeln mit seidenem Geschirr, an der Hand geführt und sich aufbäumend. Dann rollte eine goldene Kutsche heran, Stil Ludwig XV., Geschenk von Königin Viktoria. Sie war damals der einzige Wagen in Marokko und passte nicht in den großartigen Aufzug, schreibt Loti, denn sie wirke fast lächerlich.
Dieses Gefährt übrigens ist noch in Gebrauch, ist bis heute eine Art Staatskarosse, auch Mohammed VI., seit 1999 auf dem Thron, zeigt sich bei offiziellen Anlässen darin.
Wieder folgten einige Minuten Schweigens und erhöhter Spannung, bis endlich der Sultan zu erscheinen geruhte, weiß verhüllt, eine "Schneewolke auf schneeweißem Rosse". Über den Kopf seiner Majestät wurde ein Schirm gehalten und beidseits begleiteten ihn Fliegenwedler.

Fes el-Jadid - Königspalast, Portal Fes el-Jadid - Königspalast, Portal

Schließlich wurde dem Monarch das Beglaubigungsschreiben übergeben, in goldbestickter Samthülle. Höfliche Floskeln wurden ausgetauscht und der Sultan versicherte seine freundschaftliche Gesinnung für Frankreich, bevor er durch das Tor, durch das er gekommen war, wieder entschwand, "wie eine lichte Erscheinung in Nebelwolken".

Bab Seba   -   باب السيبا
Das "Tor der Anarchie", errichtet im frühen fünfzehnten Jahrhundert, trägt seinen Namen zu Recht, es ist verbunden mit dem Leben, genauer dem Sterben zweier unbotmäßiger Christen.

1443 verschied der Infant Don Fernando de Portugal - Der standhafte Prinz in der Auslegung von Calderón de la Barca - im Kerker des Königs von Fes. Beim fehlgeschlagenen Versuch der Eroberung Tangers sieben Jahre zuvor war er in dessen Gefangenschaft geraten. Überlieferungen nach baumelte sein nackter Leichnam, Kopf nach unten, vier Tage lang an Seilen von den Zinnen des Bab Seba. Dann wurde der einbalsamierte Körper oder die abgezogene Haut, je nach Version, unter dem Tor in offenem Sarg zur Schau gestellt. Dreißig Jahre später gelangten die sterblichen Reste unter Ferdinands Neffen, König Alfons V., im Austausch gegen Gefangene nach Lissabon. Bei Calderón wird der Sarg an Stricken von der Höhe der Zinnen herabgelassen und Alfonso, dem Neffen Don Fernandos, übergeben.
In Calderóns Schauspiel, das ins Jahr 1636 datiert, werden historische Personen und Ereignisse dramatisch verdichtet und katholisch überhöht, das Leiden des portugiesischen Infanten Don Fernando in der Gefangenschaft des Königs von Fes wird erhabenes Beispiel der Märtyrertragödie.
Calderón war nicht der erste, der sich des Stoffes annahm. Luís de Camões, Portugals Nationaldichter, war einer der Vorläufer. In seinem Epos Die Lusiaden, 1572 erschienen, widmet sich ein Vers dem Thema. Camões war vermutlich der erste, der die Rolle des historischen Ferdinand, der Ceuta gegen sein Leben eintauschen wollte, radikal umdrehte und aus ihm einen Märtyrer machte. Das unmittelbare Vorbild Calderóns war das Schauspiel La Fortuna Adversa del Infante don Fernando de Portugal, das um 1600 entstand und dem volkstümlichen spanischen Dichter Lope de Vega zugeschrieben wird.

Ein anderer, mit dem Bab Seba verbundener Todesfall ist jener des Fra Andrea von Spoleto, der 1523 auf einem Scheiterhaufen vor dem Tor verbrannt worden sein soll. Paul Bowles erzählt in Zeitstellen (19821) die Geschichte des Franziskanermönchs, der nach Fes reiste und in seinem Hochmut vor muslimischen und jüdischen Würdenträgern mit seiner Gelehrsamkeit glänzen wollte. Es kostete ihn das Leben. Bei Bowles wurde sein Körper auf einer Lanze aufgespießt.

 

Fes el-Jadid - Königspalast, Portal

Fes el-Jadid - Königspalast, Portal
Königspalast, Portal

Moulay Abdallah   -   مولاي عبدالله
Ein Tor an der Westseite des Kleinen Mechouar, gegenüber Bab Dekaken, bildet den Zugang. Heute ist der Stadtteil restauriert und eine Wohngegend, doch in der Protektoratszeit war dies das Bordellviertel, für ausländische Touristen eine Attraktion der besonderen Art, nicht nur für männliche. So ließ es sich Anaïs Nin im April 1936 nicht nehmen, mit ihrem Führer das so genannte Quartier Reservé zu besichtigen, und ihre Tagebücher schildern fasziniert den Besuch.

Hotel du Parc (eh. Hotel Ariana)
Avenue Moulay Soulimane (Grande Rue de Fes el-Jadid)
Vom Bab Dekaken aus zweigt am Beginn der Avenue Moulay Soulimane (der Hauptstraße des Souk von Fes el-Jadid) links eine kleine Sackgasse ab, an deren Ende das Hotel liegt.

Eines Abends im Herbst 1931 kamen zwei Amerikaner bei Sonnenuntergang in Fes an, Paul Bowles und sein Lehrer, der Komponist Aaron Copland. Sie nahmen eine Kutsche und fanden Zimmer im Hotel Ariana mit Blick auf die Festungswälle von Fes el-Jadid und den Jardin Boujloud (auch Jenane Sebil). Man servierte Frühstück und morgens kletterten sie aus den Fenstern, saßen auf der Mauer und genossen Croissants und Kaffee. Die Noria, auf die sie dabei schauten, existiert noch neben dem nach ihr benannten Café, wenngleich sie sich nicht mehr bewegt. Bowles gefiel es immerhin so gut, dass er im Frühjahr 1932 wiederkehrte, wie er in seiner Autobiografie Rastlos berichtet.

  Grande Rue de Fes el-Jadid

 

 

 

Grande Rue du Mellah (auch Grande Rue des Mérinides)
Henry de Montherlant wohnte 1927 einige Zeit lang mit seinem Diener Vincent mit dem Spitznamen Moustique in der lebhaftesten Straße von Fes el-Jadid, die er "kleine Tala" nennt.
Montherlant unterlag hier einem zweifachen Irrtum. Die Straße heißt nicht Tala (arab. Talca, طلعة = dt. Steig), denn eine solche führt immer hügelaufwärts und nicht durch ebenes Gelände. Außerdem muss es die heutige Grande Rue gewesen sein, wenn er in der lebhaftesten Straße dieses Stadtteils wohnte.
Denn kurze Zeit vor Montherlants Aufenthalt, im Jahr 1924, war die heutige Avenue Moulay Ismail (eh. Rue Bou Khessisat) als neue Hauptachse durchgebrochen worden. Sie trennt den Königsplast vom ehemaligen Judenviertel. Durch diese städtebauliche Maßnahme wurde die Hauptstraße der Mellah, die Grande Rue, wenngleich sie nach einem Brand 1912 ebenfalls verbreitert worden war, faktisch zur kleinen Straße.
Bei der Neugestaltung beider Straßen wurden die Häuser mit den Holzbalkonen und Balustraden errichtet, in einer Mischung aus neo-orientalischem und europäischem Jahrhundertwende-Stil. Dennoch behaupten gelegentlich Reiseführer in Person und Buchform, dies seien Häuser in andalusischem Baustil aus dem vierzehnten Jahrhundert.
So pflegte also im Jahr 1927 Henry de Montherlant auf dem Balkon zu sitzen und das Leben auf der Straße zu betrachten, eingehüllt in den Geruch von Weihrauch, Zeder und Zimt.
Das Vergnügen hier zu wohnen und zu beobachten war allerdings zuweilen getrübt, frühmorgens nämlich, denn kaum war der Tag angebrochen, sang ein Bettler direkt unter dem Fenster, die immer gleichen Worte wiederholend, und zwar von Montherlant genau gezählte fünfunddreißig Mal pro Minute, und es kostete ihn, so gesteht er in seinem Buch Moustique, "eine wirkliche Seelenstärke", diesem Bettler nicht in der Verzweiflung den Inhalt des Nachttopfes über den Kopf zu leeren.

 
Fes el-Jadid - Grande Rue du Mellah. Es werden industriell 
produzierte Waren des Alltagsbedarfs verkauft.
Grande Rue du Mellah

 

Fes el-Jadid - Grande Rue du Mellah
Grande Rue du Mellah

255, Derb el-Fouki   -   درب الفوكي
Auf der Avenue Moulay Ismail vom Königspalast Richtung Bab Semmarine gehend, zweigt, rund zwanzig Meter vor den Häusern mit Balkonen, rechts eine kleine Gasse in das ehemalige Judenviertel ab. Dieser Gasse folgend, nach der Linksbiegung geradeaus weiter, befindet sich rechts das Haus Nr. 255.

Fes el-Jadid - 255, Derb el-FoukiEine Tafel verkündet, dass Charles de Foucauld vom 11. Juli bis 23. August 1883 hier gewohnt hat. Der spätere Missionar gab sich auf seiner Forschungsreise als Jude aus und war Gast des Händlers Samuel Ben Simhoun, dem das Haus gehörte. Es trägt daher bis heute den Namen "Dar Ben Simhoun".
Foucauld interessierte sich nicht für Fes, die Stadt sei in mehreren Werken im Detail beschrieben, besser als er es könne. Er hingegen wollte unbekanntes Land betreten.  Doch musste er in Fes einige Wochen verbringen, weil die Reisegesellschaft, der er sich anschließen konnte, erst mit Ende des Ramadan aufbrechen wollte (S 19). Um die Wartezeit zu nutzen, unternahm er Ausflüge nach Taza und Sefrou.
Foucaulds Buch Reconnaissance au Maroc 1883-1884 gilt als Standardwerk zur Geschichte des Landes.

American Fondouk   -   الفندق الٲمريكي
Route Principale No 1 (Tour de Fes)

Fes - American Fondouk Die südöstlich des jüdischen Friedhofs unterhalb von Fes el-Jadid gelegene veterinärmedizinische Klinik, in der Tiere kostenlos behandelt werden, ist eine amerikanische Stiftung aus den zwanziger Jahren.

Fes - American Fondouk Paul Bowles erhielt im Jahr 1934 ein Angebot, im Rahmen einer Neuorganisation der Tierklinik als Sekretär des amerikanischen Verantwortlichen tätig zu sein, Reisespesen erster Klasse ab Nordamerika inklusive. Es war eine Einladung, die er nicht ablehnen konnte. So war er ab September 1934 etwas mehr als zwei Monate lang Sekretär im American Fondouk und wohnte zuerst im Grand Hotel (Boulevard Chefchaouni), dann zog er ins Hotel de la Paix (44, Avenue Hassan II.; beide Hotels existieren bis heute). Die Umstrukturierung bestand darin, dem Verwalter, der die Klinik führte, Unregelmäßigkeiten nachzuweisen und ihn zu kündigen. Der wahre Grund war jedoch, wie Bowles bald herausfand und in seiner Autobiografie Rastlos berichtet, dass der Leiter mit Einheimischen verkehrte, sie bei sich zu Hause empfing und an einen Tisch mit Europäern setzte.

Fes el-Jadid