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William S. Burroughs

William S. Burroughs

1914 St. Louis, Missouri - 1997 Lawrence, Kansas, amerikanischer Schriftsteller und Filmemacher

Der Harvard-graduierte Gentleman-Junkie war ein Exzentriker und Original mit dem Aussehen eines Beamten, ein literarischer Abenteurer, mit einem Hang zu allem, was verboten ist. Er entstammte einer wohlhabenden Familie, ging nach seinem Harvard-Abschluss nach Europa und studierte im Vorkriegs-Wien 1936/37 einige Monate lang Medizin, wurde 1942 wegen psychischer Instabilität aus der amerikanischen Armee entlassen, war in Chicago Privatdetektiv und Kammerjäger und landete 1943 in New York, wo er Allen Ginsberg und Jack Kerouac kennen lernte. Den Großteil seines Lebens verbrachte Burroughs unstet zwischen drei Koninenten und ihren literarischen Hauptstädten pendelnd. Seit 1981 lebte er in Lawrence, Kansas.
Durch Werk und Leben wurde Burroughs seit Mitte der sechziger Jahre zum Identifikationssymbol einer Jugendkultur, die sich gegen Krieg, Konsumgesellschaft, Zensur und konventionelle Lebensformen auflehnte. Er wurde zum Säulenheiligen für mehrere Generationen, Hippies, Achtundsechziger, radikale politische Gruppierungen, Drogenkonsumenten, Grüne, Punks. Von größtem Einfluss war Burroughs Werk auf Jazz, Rock, Pop, später Punk, auf Science-Fiction-Filme und Cyberpunk. Burroughs Foto war auf der Hülle von Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band (1967) der Beatles. Der Begriff Heavy Metal stammt aus The Naked Lunch (19591). Musikgruppen der sechziger Jahre entlehnten ihre Namen The Naked Lunch (The Mugwumps, Steely Dan, Insect Trust). Romantitel von Burroughs waren Namen gebend für die Rockband The Soft Maschine, und in den siebziger Jahren für die Punk-Bands Dead Fingers Talk und The Naked Lunch (Miles).

William S. Burroughs in Marokko

Burroughs war jahrzehntelang ein Nomade, der in vielen Städten der Welt, in Hotelzimmern und gemieteten Wohnungen seine Zelte aufschlug. Er las Paul Bowles' So mag er fallen (19521), dessen Majoun inspirierte Mordszene ihn gefangen nahm, und er entschied, dass Tanger ein Ort ist, an dem man leben kann, wie er es wollte. So kam es, dass Tanger von 1954 bis 1958 sein Hauptaufenthaltsort wurde. Es war in diesen vier Jahren, dass er zum Schriftsteller wurde. 1957 und 1961 scharte er die Beat-Literaten um sich, und auch in den sechziger Jahren verbrachte er alljährlich mehrere Monate oder Wochen in der Stadt. Noch 1985 besuchte er Paul Bowles in Tanger.

Burroughs mochte Tanger, weil die Stadt ihm das Gefühl vermittelte, außerhalb jedes sozialen Kontextes zu leben. Hier konnte er ganz er selbst sein, ohne auf gesellschaftliche Konventionen Rücksicht nehmen zu müssen. Dieser Einstellung entsprechend gestalteten sich seine Beziehungen zu den Tanjaoua (die marokkanischen Stadtbewohner) und den Tangerinos (die ansässigen Ausländer). Seine Haltung letzteren gegenüber war feindlich und misstrauisch, sie gingen ihm aus dem Weg, die maßgebenden Persönlichkeiten der Exilgesellschaft wie David Herbert und Barbara Hutton verkehrten nicht mit ihm.

Die Marokkaner hielt er für Scharlatane geringen Verstandes, er machte keinen Versuch, etwas über das Land zu erfahren oder die Sprache zu erlernen. Marokko und die Marokkaner interessierten ihn nicht, und da er deren soziale Normen vollkommen missachtete und sie ohne Respekt und Höflichkeit behandelte, erregte er, obwohl die Tanjaoua exzentrischem Benehmen von Ausländern gegenüber tolerant waren, immer und überall deren Unwillen (Choukri).

Die einheimischen Straßenjungen nannten ihn "El hombre invisibile", der unsichtbare Mann. Mit diesem Beinamen sollte er in die Literaturgeschichte eingehen. Es war 1955, Marokko stand im Unabhängigkeitskampf, und Feindseligkeiten gegen Ausländer nahmen zu. Burroughs begann, sich unsichtbar zu machen. Hiezu erfand er Übungen. Die erste war, er musste jeden sehen, bevor dieser ihn sah. Wenn das gelang, sah der andere ihn nicht. Die zweite war, niemandem einen Grund zu geben ihn anzusehen. Er kultivierte ein wenig auffälliges, anonymes Äußeres. Er fand heraus, dass er durch die Straßen gehen konnte, ohne beachtet zu werden. Der wirkliche Test war, eine Reihe von Fremdenführern zu passieren, ohne angesprochen zu werden. Auch das gelang ihm. Er wurde Spezialist im Nicht-gesehen-werden, so sehr, dass die Einheimischen ihn "El hombre invisibile" nannten. So fiel er in die Falle, die er stellte, denn nun wurde er gesehen, weil er unsichtbar war (Morgan, Green, Harter).

Burroughs fiel in Tanger in jene Tiefen und Höllen der Drogenabhängigkeit, ohne die The Naked Lunch (19591) niemals hätte entstehen können, das Buch, das ihn bis heute unvergessen macht. Aber auch in vielen seiner späteren Werke ist Tanger immer wieder präsent.

Werk mit Marokko-Bezug

Ein Charakteristikum von Burroughs Arbeitstechnik ist, dass Figuren, Handlungsteile, Szenen, Formulierungen als Fragmente in verschiedenen Büchern vorkommen, dass jedes neue Buch aus verhandenem Material zusammengestückelt wurde, dass Briefe und Tagebuchseiten eingebaut wurden, dass bei Neuauflagen sowohl erweitert wie gekürzt wurde, sodass Neuausgaben oft nicht identisch sind mit Altausgaben. So wird sein literarisches Werk zu einem einzigen dicken Buch, einem Kaleidoskop aus endlosen Variationen, Rekombinationen und Wiederholungen. Und es ist untrennbar mit Tanger verbunden.

Interzone. Hrsg. von James Grauerholz. Deutsch von Dirk Muelder (Interzone. New York: Viking Penguin Inc. 1989). Frankfurt a. M./Berlin: Limes 1991

(geschrieben von 1954 bis 1958, großteils in Tanger)
Die Original-Manuskripte der kurzen Texte tauchten 1984 unter den Papieren auf, die Allen Ginsberg der Columbia University überlassen hatte.
Interzone war zunächst der Titel, der geplant war für das Werk, das dann als The Naked Lunch (19591) erschien. Das Wort entstand aus Inter(nationale) Zone, ist aber deutlich auch eine Zwischenzone.
Es sind klare Texte in linearer Erzählstruktur, mit denen sich Burroughs als minutiöser Beobachter profiliert, detailreiche Schilderungen, die zum literarisch Besten über die Stadt dieser Epoche zählen. Die Beschreibung der Klientel der Kaffeehäuser um den Socco Chico, teilweise als Karikatur seiner selbst, liefert ein ergötzliches Zeitbild. Tanger ist porträtiert als Paradies für die Verlorenen und die Verlierer, die Gescheiterten und Verlassenen, alle mit dem Traum eines neuen Lebens vor sich, eine Interzone eben, eine Art Wartesaal.
Zudem zeigt Interzone die literarisch-stilistische Entwicklung Burroughs' zwischen dem präzisen, realistischen Junkie (1953) und dem halluzinatorischen, visionären The Naked Lunch (1959).

The Naked Lunch. Deutsch von Katharina und Peter Behrens (The Naked Lunch. Paris: Olympia Press 1959). Wiesbaden: Limes 1962
Erste ungekürzte deutsche Übersetzung:
Naked Lunch. In: Junkie. Auf der Suche nach Yage. Naked Lunch. Nova Express. Hrsg. und übersetzt von Carl Weissner. Frankfurt am Main: Zweitausendeins o. J. (1999), S 289-571

(Der größte Teil enstand von 1954 bis 1958 in Tanger.)
Tanger diente als Modell für die Stadt des Romans, Interzone, ein Mikrokosmos der Welt, eine albtraumhafte, urbane Wüste. Hinter Bekenntnisliteratur, die in Verkleidung ein Leben in Drogenabhängigkeit enthüllt, hinter Fantasien, Träumen und Wahnvorstellungen verbirgt sich scharfsichtige Gesellschaftskritik. Sucht ist nicht nur die Drogenabhängigkeit, sondern die Abhängigkeiten menschlicher Grundbedürfnisse, Sexualität, Nahrung, Sicherheit, die von der Kontrollmaschinerie, den Institutionen von Staat, Gesellschaft, Kirche geschickt genutzt werden um zu manipulieren und zu herrschen. Burroughs politische Analyse mündet in Verschwörungstheorie. In Interzone wetteifern Wissenschaftler, Ärzte, religiöse Führer und politische Parteien darin, Kontrolle über das Individuum zu erlangen, und Agent Lee, Burroughs alter Ego, kämpft gegen die Kräfte des Bösen. Einen roten Faden, der sich durchzieht, gibt es nicht, die Handlung hüpft von Szene zu Szene, in Wortkaskaden und Bilderfluten, die Sprache in rasendem Tempo, humorvoll und absurd, schockierend und abstoßend, in einem Vokabular, das sich um literarische Konventionen und Zensoren nicht kümmert.
Das Buch wurde zum Skandalerfolg. Sein Erscheinen bei Grove Press in New York 1962 führte zu Verhaftungen von Buchhändlern, zu Beschlagnahmen durch Zollbehörden, zu Gerichtsverhandlungen, die klären sollten, ob das Werk obszön sei. Vom Kultbuch einer Generation wurde es zum Klassiker der Moderne, in den achtziger Jahren erschien es in amerikanischen College-Lehrplänen (Morgan).

Der Materialstapel, der von The Naked Lunch übrig geblieben war, wurde mittels Schere und Cut-up-Technik neu geordnet zu einer Trilogie: The Soft Machine (19611), The Ticket That Exploded (19621), Nova Express (19641).
Zentrales Thema ist der Kampf gegen Kontrolle. Kontrollsysteme oder Agenten der Kontrolle sind Staat, Polizei, Kirche, Wirtschaft, Machteliten, militärisch-industrielle Bündnisse, politische Schwätzer, Generäle, Drahtzieher schmutziger Geschäfte. Metapher der Kontrolle ist die Virus-Invasion, die das Individuum befällt. Scientology und die Theorien von Wilhelm Reich sind in der Trilogie Methode der Analyse dessen, was vom Virus befallen ist und was nicht. Kontroll-Mittel der Kontroll-Mächte ist die Sprache. Worte sind Kontroll-Agenten, denn Suggestionen, Überredungen, Überzeugungen, Befehle werden duch Worte übermittelt. Das Wort ist daher ein Virus.
Hinsichtlich dieser Funktion der Sprache war Burroughs visionär, die Bedeutung von Massenmedien, Werbung und Internet vorwegnehmend.
Der Feind ist also erkannt, er muss bekämpft werden, eine Frage der Kriegführung und der Logistik. Sprache muss zerstört werden. Cut-ups sind die Waffe, sie wehren Angriffe ab und greifen die Kontrolleure an. Zum Arsenal gehören auch Tonbandgeräte, Schreibmaschinen, Fotos, Filmcollagen, außerdem Apomorphin, ein Mittel der Suchtbekämpfung. Immer wieder gibt es kurze Sequenzen mit Marokko-Bezug. In der äußeren Form ist die Trilogie ein utopischer, intergalaktischer Agententhriller in hüpfenden Wort- und Bilderströmen. Burroughs unkonventionelle Sprachformen treten an gegen konventionelle Macht-, Gesellschafts- und Bewusstseinsstrukturen.

The Soft Machine. Definitive Edition. London: Corgi Books, Transworld Publishers 1970 (19611)

(entstanden ab 1954, teilweise in Tanger)
Burroughs dritter Roman ist in drei verschiedenen Versionen erschienen. Die weiche Maschine ist der menschliche Körper, der von Viren und Parasiten befallen ist, die in den verschiedensten Mutationen und Verkleidungen auftreten, aber eines gemeinsam haben, dass sie gefräßig sind, also machtgierig und korrupt. Viren sind der Nova-Mob, der öffentliche Agent, Maya-Priester, die Bastarde vom Aufsichtsrat.

The Ticket That Exploded. New York: Grove Press 1967 (19621)

(entstanden ab 1954, teilweise in Tanger)
Agent Lee von der Nova-Polizei kämpft gegen die Virus-Invasion. Die Nova-Verschwörer wollen die Erde in die Luft sprengen, sich selbst dann durch ein Abbild auf einen anderen Planeten projizieren, um sich dort zu reinkarnieren. Da der Plan fehl schlägt, ist der Titel doppeldeutig.

Nova Express. Aus dem Amerikanischen von Peter Behrens (Nova Express. New York: Grove Press 1964). Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo 22590) 2000

(enstanden ab 1956, teilweise 1963/64 in Tanger)
Die Nova-Polizei mit Inspektor Lee bereitet dem Nova-Mob eine Niederlage. Waffe gegen das Wort ist das Schweigen, Stille. Waffe gegen die Nova-Verschwörer ist Apomorphin, ein Stoffwechselregulator, der die Körperzellen von Drogenabhängigen entgiftet, indem er den Stoffwechsel normalisiert. Die Nova-Polizei bringt die Nova-Verbrecher wegen deren versuchter Zerstörung des Planeten vor das Biologische Gericht.
Darin enthält das Buch, gekleidet in poetische Sprache, die damals prophetische Warnung gegen ökologische Zerstörung.

Dead Fingers Talk. London: John Calder 1963

(entstanden zwischen 1954 und 1963, teilweise in Tanger)
Material aus The Naked Lunch, The Soft Machine und The Ticket That Exploded wurde neu gruppiert und mit einigen bisher unpublizierten Texten veröffentlicht.

Die wilden Boys. Roman. In: Die wilden Boys. Port of Saints. Arbeitsjournal zu Die wilden Boys. Die Städte der Roten Nacht. Hrsg. und übersetzt von Carl Weissner (The Wild Boys. New York: Grove Press 1971). Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1985

(entstanden von März 1967 bis August 1969, teilweise im Sommer 1967 in Marrakesch)
Der utopische Thriller besteht aus achtzehn mehr oder weniger zusammenhängenden Episoden und ist aufgebaut wie ein Filmskript. Die Cut-up-Methode wird noch verwendet, jedoch sparsamer.
Die Welt ist ein Katastrophenszenario. Unter dem Vorwand, den verheerenden Drogenmissbrauch bekämpfen zu müssen, haben sich auf der ganzen Welt Polizeistaaten gebildet. Der Aufstand beginnt in Marrakesch. Unruhen brechen aus in nordafrikanischen Städten, in den Sommernächten ist ganz Marrakesch tagehell erleuchtet, in den Vororten Casablancas operieren Rollschuh- und Fahrradbanden. Überall auf der Welt formieren sich Guerilla-Einheiten von wilden Boys im pubertären Alter, die sich der Freiheit, einem rein männlichen Jugendkult und wilden homosexuellen Orgien verschrieben haben. Sie tragen Merkur-Sandalen, Merkur-Helme und Sackhalter. Die Sandalen und Helme werden maßgearbeitet und angepasst und danach nie wieder abgelegt. Auf Verbindungswegen, die um die ganze Welt reichen, tauschen sie Drogen, Waffen und Wissen, Zaubersprüche und Zaubertränke. Im Kampf gegen sie werden amerikanische Soldaten zu Tausenden zur Verstärkung nach Marokko geschickt, und die wilden Boys liefern der Armee eine vernichtende Niederlage.

Letters to Allen Ginsberg, 1953-1957. New York: Full Court Press 1982 (1. Ausg. Geneva: Editions Claude Givaudan/Am Here Books 1978)

Western Lands. Deutsch und mit einem Nachwort von Carl Weissner (The Western Lands. New York: Viking Penguin Inc. 1987). Frankfurt am M./Berlin: Limes 1988

(verfasst von 1983 bis 1984 in Lawrence, Kansas)
Entstanden lange nach der Marokko-Zeit, weist das Werk noch Tanger-Bezüge auf. Es wurde als Burroughs bestes Buch seit The Naked Lunch gepriesen.
Thema sind Zeit und Raum, Tod und Unsterblichkeit. Unsterblichkeit im Weltall könnte möglich sein, in den Western Lands des Ägyptischen Totenbuches. Um diese Western Lands zu finden, wird ein Geheimdiest gegründet und verschiedene Charaktere, die man bereits aus Burroughs-Büchern kennt, werden losgeschickt, sie zu suchen. Und da der Weg dorthin ein gefährlicher ist, die Reise über den Tod hinausführt, sind unterwegs etliche Opfer zu beklagen.

Literatur zu William S. Burroughs

Miles, Barry
William S. Burroughs. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Udo Breger und Esther Breger (William Burroughs. El Hombre Invisibile. London: Virgin Publ. 1992). Hamburg: Kellner 1994

Morgan, Ted
Literary Outlaw. The Life and Times of William S. Burroughs. London: The Bodley Head 1991

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