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Tennessee Williams

Tennessee Williams

1911 Columbus, Mississipi - 1983 New York, eigentlich Thomas Lanier Williams, amerikanischer Schriftsteller

Williams war psychisch instabil, litt an Hypochondrie, Launen und Alkohol, und sein Lebensgefährte, Frank Merlo, ein ehemaliger Matrose, den er 1947 kennen lernte, war der stabilisierende Faktor in seinem chaotischen Leben, organisierte seinen Alltag und seine Reisen. Nach eineinhalb Jahrzehnten Lebensgemeinschaft starb Merlo 1963, und Williams verfiel in tiefe Depressionen, die jahrelang anhielten, die ihn in Alkohol und Tabletten fliehen ließen.
Er schrieb Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke, die ihn zum größten Dramatiker des amerikanischen Südens machten. Seine Themen sind Einsamkeit, sexuelle und homosexuelle Probleme, der Zusammenprall von Illusion und Wirklichkeit.

Tennessee Williams in Marokko

Für Williams war Tanger Etappenstation auf seinen ausgedehnten Reisen. Er kam häufig, aber blieb nie lange, er hielt es an keinem Ort lange aus. Die Stadt selbst beeindruckte ihn wenig, auch nicht die Marokkaner, Tanger kommt in seinen Memoiren (1972) kaum vor. Er reiste nach Marokko wegen der Bowles, wegen Paul, der Bühnenmusik für Williams Theaterstücke schrieb, und wegen Jane, die er bewunderte und die ihn stets aufheiterte.

Anfang Dezember 1948 kam Williams erstmals mit seinem Freund Frank Merlo und mit Paul Bowles nach Marokko. Nach zwei Wochen Tanger fuhren alle drei weiter nach Fes und nach einer weiteren verregneten Woche brachen Williams und Merlo ihre Zelte ab, begaben sich nach Casablanca und von dort weiter zu Schiff nach Marseille und Rom. Es war ein unerfreulicher Aufenthalt - ein Hotel, das er nicht mochte, Regenwetter, Schwierigkeiten mit Zollbeamten, schlechte Nachrichten aus New York. Dennoch kam er wieder, nicht regelmäßig, aber doch mehrfach, vor allem nach Tanger (Williams, Bowles, Green, Dillon).

Tanger-Bewohner Francis Bacon erinnerte sich gegenüber seinem Biografen Farson, dass Tennessee Williams sehr deprimiert war, dass er mit jungen Marokkanern verkehrte und nicht verstehen konnte, warum sie nicht in ihn verliebt waren.

Williams hat während seiner Marokko-Aufenthalte zeitweise gearbeitet. In Tanger schrieb er 1962 an Der Milchzug hält hier nicht mehr (1964) oder versuchte es zumindest. 1973 arbeitete er an Das rote Teufelszeichen (The Red Devil Battery Sign, 1988), das 1975 uraufgeführt wurde. Zwei seiner Stücke empfingen die Anregung für das Bühnenbild in Marokko, so Camino Real (1953) in Tanger, Plötzlich letzten Sommer (1958) in Asilah. Die Katze auf dem heißen Blechdach (1955) enthält ein Marrakesch-Zitat.

Werk mit Marokko-Bezug

Camino Real. Ein Stück in sechzehn Stationen. Deutsch von Berthold Viertel (Camino Real. Norfolk, Conn.: New Directions 1953). Frankfurt am Main und Berlin: S. Fischer 1954

Das Bühnenbild von Camino Real (Uraufführung 1953) ist dem Petit Socco von Tanger nachempfunden.
Historische, legendäre und literarische Charaktere bevölkern den Schauplatz, ein Mikrokosmos, in dem Geschichte, Gegenwart und Fantasie verschmelzen. Schon im Titel liegt Mehrdeutigkeit, Camino real, in spanisch sprechenden Ländern ein gängiger Straßenname, zugleich der Königsweg und der wirkliche Weg. Es ist der Lebensweg und die Möglichkeiten ihn zu bewältigen. In sechzehn Stationen entwickeln die Figuren das gesamte Panorama menschlicher Identität und menschlicher Leidenschaften, Wünsche, Ziele, Träume, Suche nach Wahrheit, Ängste, verlorene Ideale, verschwundene Illusionen, nicht erfüllte Hoffnungen, sadistische und masochistische Neigungen, Gier nach Ruhm, Erfolg und Geld, Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. Und hinter der Plaza, die das Bühnenbild ist, beginnt die Terra Inkognita, das Unbekannte, die ewige Unendlichkeit, der Tod.
In Camino Real verließen die Schauspieler erstmals in der Theatergeschichte die Bühne, um in den Gängen zwischen dem Publikum zu agieren, wo auch eine Verfolgungsjagd stattfindet. Die Zuschauer waren befremdet bis entsetzt.

Die Katze auf dem heißen Blechdach. Schauspiel in drei Akten. Deutsch von Jörn van Dyck (Cat on a Hot Tin Roof. New York: New Directions 1955). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch (7110)  1989

Memoiren. Aus dem Amerikanischen von Kai Molvig (Memoirs. New York: Doubleday 1972). Frankfurt am Main: S. Fischer 1977

Tennessee Williams' Letters to Donald Windham, 1940-1965. Edited by Donald Windham. Athens, Georgia and London: The University of Georgia Press 1996 (1. Ausg. 1976)

Werk, das teilweise in Marokko entstanden ist
Plötzlich letzten Sommer. Deutsch von Hans Sahl (Suddenly Last Summer. New York: New Directions 1958). In: Meisterdramen. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1978 S 395-446

Williams verdankte die Idee zum Bühnenbild von Plötzlich letzten Sommer (Uraufführung 1958) einem Aufenthalt in Asilah.
Eine reiche, alte Frau, Mrs. Venable, die in New Orleans in einem Haus mit fantastischem Garten wohnt, flieht aus der Realität in Illusion und Lebenslüge. Sie weigert sich zu erkennen, dass ihre egoistische, tyrannische Mutterliebe den Sohn Sebastian in die Verzweiflung treibt, in den Wahn sich opfern zu müssen an eine Art merkwürdigen, schrecklichen Gott. Statt dessen hält die Mutter Catherine, die Kusine und Freundin von Sebastian, für dessen Tod verantwortlich. Catherines Schilderung nach ist Sebastians Tod eine Form von Menschenopfer, Ritualmord, Kannibalismus. Er wurde von einer Horde nackter, hungriger Halbwüchsiger, die wie ein Schwarm gerupfter Vögel aussahen, verfolgt. Bei einer Reise zu den Galapagos-Inseln hatte er schildkrötenfleischfressende Vögel beobachtet, was ihm zu einem spirituellen Erlebnis verhalf, ihn seinen Gott sehen ließ. Anstatt nun die Straße hinunter zu rennen und sich in einem Taxi zu retten, flieht er den Hügel hinan. Mit ihren improvisierten Musikinstrumenten sind seine Verfolger hinter ihm her, sie töteten ihn, rissen Teile von ihm heraus und verzehrten sie. Aber da die alte Dame die Umstände um den Tod des Sohnes nicht wahrhaben will, wird die Kusine in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten, um sie daran zu hindern, immerzu diese Geschichte zu erzählen, die dem Andenken des Sohnes schadet. Mrs. Venable will einen Arzt finanziell unterstützen, der mit waghalsigen Hirnoperationen experimentiert, für die er kaum staatliche Gelder erhalten kann, wenn er als Gegenleistung Catherine behandelt, und die grässliche Geschichte aus ihrem Hirn entfernt. Der Arzt indes hält die Geschichte des Mädchens für möglich.

Der Milchzug hält hier nicht mehr. Ein Theaterstück. Deutsch von Hans Sahl (The Milk Train Doesn't Stop Here Anymore. New York: New Directions 1964). Frankfurt a. M.: Fischer (Fischer Bücherei 1038) 1969

The Red Devil Battery Sign. New York: Dew Directions 1988

Literatur zu Tennessee Williams

Choukri, Mohamed
Jean Genet et Tennessee Williams à Tanger. Traduit de l'arabe par Mohamed El-Ghoulabzouri. Paris: Quai Voltaire 1992 (19741)

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