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Henry de Montherlant

Henry de Montherlant

1895 Neuilly/Paris - 1972 Paris, französischer Schriftsteller

Aus einer adeligen Familie mit Geldschwierigkeiten stammend, arbeitete Montherlant nach dem ersten Weltkrieg als Journalist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, hatte die ersten literarischen Erfolge, verließ 1925 Paris und verbrachte fast ein Jahrzehnt auf Reisen. 1960 wurde er Mitglied der Académie française. Montherlant trat für das Recht auf Selbstmord ein und sah diesen als die einzige Möglichkeit, sich der Kreatürlichkeit zu entziehen. So wählte er wegen fortschreitender Gebrechen, drohendem Schlaganfall und drohender Erblindung den Freitod durch Erschießen.
Keiner literarischen Richtung zuzuordnen, gilt er als einer der großen Stilisten der französischen Sprache, vieles in seinem Lebenswerk ist autobiografisch.

Henry de Montherlant in Marokko

Als bereits beachteter Schriftsteller im Alter von dreißig Jahren gab Montherlant das Pariser Leben auf. Mit zwei Koffern, die nahezu zehn Jahre sein einziges Gepäck bildeten, begab er sich auf Reisen, die ihn nach Spanien, Italien und Nordafrika führten.
Als er am 15. Jänner 1925 Paris verließ, befand er sich in einer Krise, war seines sozialen Umfeldes überdrüssig, wollte sich von gesellschaftlichen Zwängen und Eitelkeiten befreien, Ehrgeiz ablegen. Er wollte das Zauberhafte verwirklichen und sich vom Alltäglichen lossagen. Rastlos hetzte er von einem Ort zum anderen. Etwa drei Monate jährlich verbrachte er in Paris, meist den Sommer, die übrige Zeit in Algerien oder Marokko, in einer Sandwüste oder einer Stadtwüste. Stets reiste er unter falschem Namen, traf wochenlang niemanden, entzog sich allen Verpflichtungen, nahm nicht einmal die Post entgegen, entledigte sich so aller Sorgen, außer denen des Schreibens, Lesens, Nachdenkens. Erst allmählich kam er wieder zur Ruhe, 1930 hatte er das innere Gleichgewicht wieder gefunden.

Nordafrika wählte er aus Gründen des Klimas und des Exotismus, wie er selbst sagte, und interessierte sich bald für die Lage der Algerier und Marokkaner, ihr Elend und ihre Ausbeutung unter französischer Herrschaft. Zwischen 1926 und 1932 war er mehrmals in Marokko, mehrmals in Tanger, mehrmals in Fes, er hat Marrakesch besucht und die Atlas-Gebirge und den Süden bereist. Insgesamt verbrachte er vier oder fünf Monate in Fes, vier Monate in Tanger, hat indes wenig über diese Städte geschrieben. Un Voyageur solitaire est un diable (19451) beschreibt die Reisen in Essay-Form. Zwei Romane sind Montherlants Marokko-Aufenthalten zu danken, Die Wüstenrose (19681) und Die Aussätzigen (19391).

Montherlant war homosexuell, was er jedoch, anders als André Gide oder Jean Genet, erst spät offenbarte. Und doch ist sein Sexualverhalten in sein Werk eingeflossen. Er jagte junge Männer in einer Art wie der Protagonist der Wüstenrose (19681), der Maler Guiscart, jungen Frauen nachstellt und ebenso wie dieser eilt er von Ort zu Ort und flieht den Konsequenzen seiner Handlungen, indem er seine Spuren zu verwischen trachtet. Beide nutzen für ihre Abenteuer den Namen ihrer Familie, Montherlant bezeichnet sich als Handelsvertreter und jagt unter seinem Patronym Millon, denn französische Adelige führen zwei gesetzliche Namen, den des Landbesitzes (Montherlant), der der geläufige ist und den seiner Familie (Millon), den gewöhnlich nur Verwandte kennen. Der fiktive Guiscart verwendet sogar dasselbe Pseudonym wie der reale Montherlant, "des Touches" ("faire des touches", ein umgangssprachlicher Ausdruck für eine sexuelle Eroberung).

Ebenso wie Jean Genet war auch er seinen jugendlichen Liebhabern behilflich, im Leben weiterzukommen. Und wie Genet, der sich in späteren Jahren politisch für revolutionäre Bewegungen engagierte, nahm Montherlant eine antikolonialistische Haltung ein, die indes in Widerspruch zu seinem Patriotismus stand, wobei letzterer siegte. So vollendete er zwar 1932 den Roman Die Wüstenrose (19681), der gegen die französische Herrschaft in Nordafrika gerichtet war, aber ließ ihn nicht erscheinen. Um Frankreich keinen Schaden zuzufügen, wollte er das Buch erst veröffentlichen, wenn es nur noch ein historisches Dokument ist. Es erschien in seiner endgültigen Fassung erst 1968 (Montherlant, Sipriot).

Werk mit Marokko-Bezug

Nutzloses Dienen. Aus dem Französischen von Karl Heinz Bremer in Zusammenarbeit mit Otto Diehl (Service inutile. Paris: B. Grasset 1935). Leipzig-Markkleeberg: Karl Rauch Verlag 1939

Die Aussätzigen. Roman. Deutsch von Ernst Sander (Les Lépreuses. Paris: B. Grasset 1939). München: dtv 1963

Dies ist der in sich abgeschlossene letzte Band der Tetralogie "Erbarmen mit den Frauen". Gerade dieses vierbändige Werk, in dem er offen seine Frauenfeindlichkeit zur Schau stellt, war einer der größten literarischen Erfolge der Zwischenkriegszeit und machte Montherlant international bekannt. Aussätzig ist nicht nur die leprakranke marokkanische Geliebte des Helden, sondern die weibliche Hälfte der Menschheit im allgemeinen.
Ein Teil der Handlung spielt von Februar bis April 1928 in Marokko, wobei die Schauplätze mit Ausnahme von Marrakesch und Souk Tnin am Eingang des Ourika-Tales nicht identifizierbar sind. Der Held trennt sich von seiner Verlobten und reist nach Marokko zu seiner Geliebten, entdeckt, dass sie von Lepra im Anfangsstadium befallen ist, fühlt sich von der Möglichkeit einer Ansteckung magisch angezogen, zugleich tödlich geängstigt und hetzt kreuz und quer im Land umher. Am Ende erfährt er, dass er gesund ist, denn leprös sind in diesem Roman nur Frauen.

Un Voyageur solitaire est un diable. Monaco: Éditions du Rocher 1955 (19451)

Dies bildet den dritten Teil der Trilogie "Die gehetzten Reisenden". Der gehetzte Reisende war Montherlant selbst, und die drei Bücher sind das Journal der Krise, die ihn beherrschte, in der er herumirrte, "unstet wie ein Skorpion und giftig wie ein Skorpion" (Montherlant). Der Band hält Reiseerfahrungen und -eindrücke der verschiedenen Orte fest, Marokko betreffend gibt es zwei Essays über Ceuta und einen über Fes, der teilweise auch in Moustique (19861) eingeflossen ist.

Die Wüstenrose. Roman. Endgültige Fassung. Aus dem Französischen übersetzt von Ernst Sander und Karl von der Lieck (La rose de sable. Paris: Gallimard 1968). Köln: Kiepenheuer & Witsch 1977

(geschrieben von August 1930 bis Februar 1932 großteils in Algier)
Der Roman handelt 1932, großteils in Birbatine, einem fiktiven Ort im Süden Marokkos. Oberleutnant Auligny gelangt auf seinem verlorenenen Außenposten durch die Wüstenrose, das Mädchen, in das er sich verliebt, allmählich zu der Erkenntis, dass der Kolonialismus ein Unrecht ist, dass die Franzosen nicht das Recht haben, sich auf fremdem Territorium zu installieren, dessen Bewohner wie Vieh zu behandeln und den Kollaborateuren unter ihnen Waffen zu geben, um ihre Landsleute zu bekämpfen. Als Auligny erfährt, dass er an Kampfhandlungen gegen die marokkanische Bevölkerung teilnehmen soll, meldet er sich krank und bittet um Versetzung. Er landet in Fes, wo er schließlich bei Unruhen ums Leben kommt.
Montherlants Charaktere zeigen auch autobiografischen Charakter, er schafft Figuren, die ihm selbst in manchen Zügen ähneln, in anderen widersprechen. Auligny ist in mancher Hinsicht durchaus vergleichbar seinem Schöpfer, Montherlant selbst. Der Oberleutnant ist immer noch überzeugt von der natürlichen Überlegenheit der Franzosen, gelangt nie zu der Einsicht, dass den Marokkanern die gleichen Rechte zustehen, seine Wandlung geschieht nicht vollständig, bis zum Schluss träumt er vom Kreuz der Ehrenlegion. Und Montherlant schreibt zwar einen antikolonialistischen Roman, aber veröffentlicht ihn erst Jahrzehnte später, als er keine politische Brisanz mehr hat.

Moustique. Aus dem Französischen von Gabriele Gerecke (Moustique. Paris: Editions de la Table Ronde 1986). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990

(geschrieben 1929, jedoch erst posthum veröffentlicht)
Das Romanfragment ist die Geschichte eines jungen Algerien-Franzosen mit dem Spitznamen Moustique, den Montherlant als vierzehnjährigen Schuhputzer in Marseille auf der Straße auflas und zu seinem Diener beförderte, der ihn mindestens fünf Jahre lang auf seinen Reisen begleitete, so 1927 nach Fes. Das Buch enthüllt nicht nur das paternalistische Verhältnis, das Montherlant zu Moustique aufbaut, sondern auch einiges von des Schriftstellers vielschichtiger Persönlichkeit.

Literatur zu Henry de Montherlant

Sipriot, Pierre
Montherlant sans masque. Biographie 1895-1972. In: Le livre de poche 4387. Paris: Laffont 1990

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