|
Startseite
Kunst des Reisens
Marokko
Reiselust
Kontakt
Impressum
|
|
Friedrich Glauser
1896 Wien - 1938 Nervi (bei Genua), Schweizer Schriftsteller
Glauser ist der Sohn eines Schweizers und einer Österreicherin. Sein Vater
war Handelsakademie-Lehrer in Wien, dann Schuldirektor in Mannheim, ein
autoritärer Mann mit starren Wertvorstellungen, dessen Einfluss Glauser sich
zeitlebens zu entziehen suchte, von dem er doch stets abhängig war. Im Alter von
zwanzig Jahren entdeckte er die künstlichen Welten der Drogen, Morphium, Opium,
Kokain, auch Äther. Die Begleiterscheinungen waren Schulden, Beschaffungsdelikte
wie Rezeptfälschungen, Diebstahl und Unterschlagung, der Kreislauf von
Zusammenbruch, Entziehungskur, Rückfall, Steigerung der Dosis, Einweisung,
psychiatrische Untersuchung, Ausbruch, Verhaftung, erneute Internierung. Die
Berufe, die er ausübte waren stets vorübergehend. Er war Chemiestudent,
Milchausträger, Handlanger, Volontär bei einer Zeitung, Fremdenlegionär in
Algerien und Marokko, Tellerwäscher in Paris, Bergmann und Krankenpfleger in
Begien, Gärtner, Gutsverwalter. Auf Veranlassung des Vaters wurde er 1918 wegen
liederlichen und ausschweifenden Lebenswandels entmündigt und unter
Amtsvormundschaft gestellt. Jahre seines Lebens verbrachte er in Anstalten, in
Gefängnissen, Krankenhäusern, Zucht- und Irrenanstalten, psychiatrischen
Kliniken, Kur-, Heil- und Pflegeanstalten.
Glauser hat es nie verstanden, sich in bürgerliche Strukturen einzugliedern.
Flucht ist von Kindheit an eine durchgängige Handlungsweise in seinem Leben,
Flucht aus dem Elternhaus, Flucht aus der Schule, Flucht in Drogen, fünf
Selbstmordversuche, Flucht in die Fremdenlegion, Flucht in eine Anstalt, Flucht
aus der Anstalt, schließlich auch Flucht in die Literatur. Wie
Jean Genet
brachte er einen Teil seiner Werke hinter Gittern zu Papier. Genet allerdings
fand schließlich einen Platz in der Gesellschaft. Glauser ist dies nie gelungen.
Er starb im Alter von zweiundvierzig Jahren, am Vorabend seiner geplanten Heirat
brach er plötzlich zusammen, erlangte das Bewusstein nicht wieder und starb zwei
Tage später an einem Herzversagen. Die Vermutung vom Selbstmord durch
Schlafmittel konnte nie bestätigt, aber auch nicht zweifelsfrei widerlegt
werden. Zwar erntete er zu Lebzeiten bescheidene Erfolge als Schriftsteller,
aber die eigentliche literarische Würdigung erfolgte erst in den siebziger
Jahren.
Friedrich Glauser in Marokko
Wieder einmal war Glauser wegen kleinerer Delikte
zwecks Beschaffung von Drogen in Schwierigkeiten geraten und floh im April 1921
aus der Schweiz zu seinem Vater nach Mannheim. Dieser sah nun in der
Fremdenlegion die Rettung für den Sohn und brachte ihn bis zum Rekrutierungsbüro
in Straßburg. Am 29. April 1921 trat Glauser in die Fremdenlegion ein. Zunächst
tat er in verschiedenen Posten in Algerien Dienst, wurde zum Korporal ernannt,
meldete sich freiwillig für Marokko und wurde schließlich nach
Gourrama
verlegt, wo er von Mai 1922 bis März 1923 stationiert war.
Werk mit Marokko-Bezug
Glauser fühlte sich - wie Genet, der acht
Jahre später auf der anderen Seite des Hohen Atlas, in
Midelt,
seinen
Militärdienst antrat, angezogen von den Randfiguren der Gesellschaft, den
Absteigern, Landstreichern, Außenseitern, Gesindel, den Zu-kurz-Gekommenen und
den Angeschlagenen, Gestrauchelten, Gebrochenen, Einsamen. Wie bei Genet wurden
die Unhelden zum literarischen Thema.
Im Nachhinein sollten sich die zwei Jahre Fremdenlegion für Glausers
literarisches Schaffen als fruchtbar erweisen, wie zwei Romane,
Gourrama (19401),
Die Fieberkurve (19381),
mehrere Erzählungen und Feuilletons zeigen, wobei in der Kurzprosa Handlungsstränge und Personen aus den
Romanen in Variationen aufgegriffen werden.
Im afrikanischen Felsental (19321). In: Dada, Ascona und
andere Erinnerungen. Zürich: Arche 1976, S 105-134
In der autobiografischen Erzählung will Glauser die Fremdenlegion ihrer
Romantik entkleiden. Weder den übertriebenen Hass, noch die übertriebene
Bewunderung, die ihr entgegengebracht werden, hält er für gerechtfertigt. Die
Wirklichkeit liegt nicht im großen männlichen Abenteuer und auch nicht in
Misshandlungen der Legionäre. Sie sieht anders aus, ist sehr banal und besteht
in Hoffnungslosigkeit und Langeweile.
Der Tod des Negers (19331). In: Wachtmeister Studers erste
Fälle. Kriminalgeschichten. Zürich: Arche 1989 (19861), S 152-168
Die Kurzgeschichte gibt eine Variante des
Mordes aus dem Roman
Gourrama (19401)
wieder.
Gedichte, Erzählungen
und Romane ließen sich nicht verkaufen, und da Glauser Geld benötigte, begann er
Kriminalromane zu schreiben. 1934 erweckte er den Wachtmeister Studer zum Leben,
der in mehreren Büchern auftritt. Mit diesem schuf er eine Figur, die das selbst
verliehene Prädikat "Simenon der Schweiz" rechtfertigt.
Die Fieberkurve (19381). Zürich: Arche 1989 (19691)
(entstanden von Dezember 1935 bis März 1937)
Wachtmeister Studer von der Berner Kantonspolizei löst seinen zweiten
Fall, der ihn auf Mörderjagd und Schatzsuche über Frankreich und Algerien nach
Marokko führt. Zwei alte Schwestern sterben plötzlich an Gasvergiftungen, die
eine in Basel, die andere in Bern. Es geht um Geologie und Bodenschätze,
Landkäufe und eine Erbschaft, internationale Verwicklungen, Denunziation und
Erpressung. Da gibt es einen Pater der Weißen Väter, der nicht nur missioniert,
einen spiritistisch veranlagten, aber nichtsdestoweniger bankrotten
Börsenmakler, eine junge Dame im Pelzjackett, grauen Wildlederschuhen und
grauseidenen Strümpfen, einen Hellseherkorporal, der aus der Fremdenlegion
desertiert. In Algerien ist Studer gezwungen, von der Eisenbahn auf einen
Maulesel umzusteigen, und der biedere Schweizer Wachtmeister spricht nicht wie
gewöhnlich dem Alkohol, sondern dem Haschisch zu. Auf einem Lastwagen erreicht
er schließlich Gourrama und den Posten der Fremdenlegion, von der er einst in
seiner Jugend geträumt hat. Der Schatz ist bereits behoben, aber er kann ihn dem
Mörder wieder abjagen und diesen stellen.
Die Erstveröffentlichung erfolgte ab 3. Dezember 1937 in dem Magazin
Zürcher Illustrierte als Fortsetzungsroman.
Gourrama. Ein Roman aus der Fremdenlegion. Zürich: Diogenes 1989 (detebe
21739) (1. Ausg. Schweizer Druck- und Verlagshaus 1940)
(entstanden von Juli 1928 bis März 1930)
Glausers erster
Roman ist stark autobiografisch geprägt, der Verfasser selbst tritt auf als
Korporal Lös, Lebensmittelverwalter, aus dessen Perspektive die Handlung
abrollt. Langeweile, Hoffnungslosigkeit und laxe Führung sorgen für eine
Atmosphäre aggressiver Spannungen auf dem abgelegenen Posten und führen
schließlich zu Aufstand und Mord.
Eintöniger Dienst, schlechtes Essen, mangelhafte ärztliche Versorgung,
Abstumpfung, Ängste, Misstrauen, kleinliche Streitigkeiten und Angebereien
prägen das Leben in den Baracken, die nach Alkohol und Schweiß stinken.
Dienstfreie Zeit verrinnt zwischen Schnaps und Langeweile, stumpfem Kartenspiel
und Bordell, das sinnigerweise Kloster genannt wird. Prahlereien an den Abenden,
schillernde, erlogene Autobiografien, jeder ein Großfürst, Schwerverbrecher oder
Revolutionär, erfundene glorreiche Vergangenheit entschädigt für eine
hoffnungslose Zukunft, Einsamkeit in den Nächten, homosexuelle Anbiederungen von
Ranghöheren, eine verbotene Geliebte im Ksar, der Traum vom Glück schon
aufgegeben. Es ist eine multikulturelle Truppe, zusammengewürfelt aus vielen
Ländern, deren Leben und Alltag Glauser heraufbeschwört, Vertriebene, Verlorene,
ausgeschlossen nicht nur aus ihrer eigenen Kultur, sondern auch aus der
Gesellschaft, die sie in Gourrama umgibt, von Glanz und Glorie der Fremdenlegion
keine Spur.
Die Veröffentlichung von Gourrama erfolgte erst 1937/38 in der
Zürcher Wochenzeitung ABC als Fortsetzungsroman.
Briefe 1, 1911-1935. Hrsg. von Bernhard Echte und Manfred Papst. Zürich:
Arche 1988
Literatur zu Friedrich Glauser
Saner, Gerhard
Friedrich Glauser. Eine Biographie. 2 Bände. Zürich und Frankfurt: Suhrkamp 1981 |
|
|