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William S. Burroughs
war der Urvater und gemeinsam mit
Jack Kerouac
und
Allen Ginsberg
die Kerngruppe
derer, die als Beat-Generation in die Literaturgeschichte Eingang fanden, die
einen eigenen literarischen Stil prägte und ein neues Bewusstsein schuf.
Gregory Corso gehörte dazu und teilweise Alan
Ansen und Ira Cohen, ebenfalls Marokko-Besucher.
Zweimal verlebten die Beat-Literaten einen Sommer in Tanger, 1957 und 1961.
Burrougs, war der Magnet, das Hotel Muniria (1, Rue Magellan) die Zentrale.
Seit September 1956 wohnte Burroughs im Muniria. In London hatte er im
Frühjahr eine Entziehungskur absolviert, die erfolgreichste bisher, sie hielt
mehrere Jahre lang. Zum ersten Mal seit drei Jahren war er drogenfrei, befand
sich auf einem Gesundheitstrip, machte morgens Gymnastik, ging anschließend in
die Bucht rudern und fegte täglich sein Zimmer aus, pflegte indes in seinen
junkfreien Phasen dem Alkohol zuzusprechen, ebenso dem Kif und dem Majoun.
Täglich arbeitete er von der Mittagszeit bis zum Abend, tippte ohne konkreten
Plan auf seiner Schreibmaschine dahin, und seine Zimmernachbarn hörten das
Geklapper unterbrochen von gelegentlichem wildem Gelächter. Sobald ein Bogen
Papier beschrieben war, lies er ihn zu Boden flattern. Als
Paul Bowles
ihn besuchte, fand er das Zimmer übersät mit beschriebenem
gelben Papier, garniert mit Fußabdrücken, Rattenexkrementen und
Käsesandwichresten. Dem ordentlichen Bowles war das Burroughs-Chaos unerträglich
und unverständlich, dass jemand die Hälfte seiner Zeit damit zubringt, die Dinge
sorgfältig zu produzieren und die andere Hälfte, sie wieder zu zerstören
(Morgan,
Miles,
Kerouac,
Burroughs).
Als Jack Kerouac Ende Februar 1957 anreiste, scheute Burroughs keine Mühen,
für dessen Unterhaltung zu sorgen, Kif, Huren, Rudern im Meer. Er machte den
Reiseführer, stellte ihm alle interessanten Leute vor und zeigte ihm seine
bevorzugten Apotheken, wo sie die Vorräte an Speeds und Barbituraten
aufstockten.
Kerouac sah das Schlamassel in Burroughs Zimmer und die Haufen fleckiger
Seiten, die das Manuskript vorstellten, und bot sich an, beim Tippen zu helfen.
Für Wochen versank er ellbogentief in Blut, Eingeweiden und Exkrementen, was
ihm, gemeinsam mit dem Kif und dem Majoun, Albträume bescherte.
Eines Tages versorgten sich Burroughs und Kerouac auf dem Petit Socco mit
Roh-Opium von einem Mann in rotem Fes. Eine großzügige Portion des Opium stürzte
Kerouac, der gewöhnlich mehr dem Alkohol als Drogen zusprach, in eine tiefe
Depression. Einen Tag lang lag er bewegungslos in chaotischen Träumen. Als es
vorbei war, fühlte er sich erschöpft und halbtot und begann sich über Tanger zu
beklagen, über die sanitären Einrichtungen, Drei-Dollar-Huren und die steifen
Beamten des amerikanischen Konsulats. Das Essen sei schlecht, die Post
langsam, und die Araber schlagen ihre Maultiere.
Er wurde ruhelos - und er hatte Heimweh. Er verkroch sich in seinem
Dachzimmer, begann amerikanische Bücher zu lesen, um sich in die Heimat versetzt
zu fühlen, völlig vergessend, wie düster und grimmig sie vor kurzem noch gewesen
war. Nicht einmal die Ankunft von
Allen Ginsberg
und dessen Freund Peter
Orlovsky am 21. März 1957 vermochte ihn aufzuheitern, es fielen ihm alle auf die
Nerven, und er reiste ab.
Zurück ließ er den Titel für das Werk,
The Naked Lunch
(19591),
mit sich nahm er die Überzeugung, dass Burroughs eines Tages
ein großer Schriftsteller sein werde
(Kerouac
(1981),
Kerouac (1971),
Morgan,
Green).
Ginsberg und Orlovsky sollten bis Anfang Juni bleiben. Alan Ansen reiste aus
Venedig an und blieb ebenfalls bis Juni. Burroughs war noch immer unglücklich in
Ginsberg verliebt, sah ihn zum ersten Mal seit ihrem Bruch 1953. Er fühlte sich
zurückgesetzt durch dessen Freund Orlovsky, machte sich über diesen lustig oder
strafte ihn durch Missachtung und weigerte sich mit ihm zu reden.
Ginsberg und Ansen traten an die Stelle von Kerouac und halfen Burroughs, das
Material für The Naked Lunch zu sortieren, bestehend aus
handschriftlichen, Drogen-inspirierten Notizen, ein Mosaik aus Burroughs
Fantasien der letzten drei Jahre. Ansen hatte die gleiche Arbeit bereits für W.
H. Auden als dessen Sekretär bewältigt. Beginnend im Morgendämmer entwickelten
sie eine Arbeitsroutine von sechs Stunden pro Tag und mehr, sammelten die
verstreuten Blätter ein, sortierten sie und tippten sie. Nach zwei Monaten
kontinuierlicher Arbeit hatten sie ein Manuskript von zweihundert Seiten in
doppelter Ausführung, fein säuberlich gestapelt auf Burroughs Arbeitstisch.
An den Abenden saßen sie auf der Hotelveranda, tranken Sherry zum
Sonnenuntergang, kochten üppige Mahlzeiten mit Majoun zum Dessert, und Ginsberg
las im Koran. Drogen und Knaben waren leicht zu finden und billig zu haben. Es
war eine arbeitsintensive und mit Ausnahme der Spannungen zwischen Burroughs und
dem Ginsberg-Freund sorgenfreie Zeit. Burroughs und Ginsberg fochten nächtelang
endlose Dispute über Literatur und Ästhetik aus, während in den Aschenbechern
vergessene Joints verglühten. Paul Bowles und sein Freund, der Maler
Ahmed Yacoubi waren häufige Besucher.
Francis Bacon war in der Saison 1957 ebenfalls in Tanger. Er
hatte in der Nähe des Muniria für ein Jahr lang eine Wohnung mit drei Zimmern,
Küche und Bad gemietet. Er unterrichtete Ahmed Yacoubi und nahm gelegentlich an
den nächtlichen Sitzungen von Burroughs und seiner Entourage teil
(Morgan,
Green,
Miles,
Bowles,
Farson).
Im Sommer 1961 erlebte Tanger zum zweiten Mal den Einfall der Beat-Poeten.
Burroughs stieg im April wieder im Muniria ab. Allen Ginsberg, sein Freund Peter
Orlovsky, Gregory Corso, Alan Ansen und Timothy Leary wohnten in der Pension
L'Armor (26, Rue Magellan, geschlossen), die Straße hinab. Es fehlte nur Kerouac, der mit einem
Vaterschaftsprozess in Amerika beschäftigt war.
Burroughs war verändert. The Naked Lunch war 1959 erschienen, und
aus dem drogenabhängigen, ausgemergelten, von der Polizei mehrerer Länder
Verfolgten war ein exzentrischer Schriftsteller geworden.
Auch Tanger hatte sich verändert. Sein Sonderstatus war Vergangenheit, es war
ein Teil Marokkos geworden. Tanger schien ihm trauriger, die Bäume auf dem Grand
Socco waren gefällt, die Spanier waren gegangen, und daher gab es keine
spanischen Knaben mehr. Dafür überschwemmte eine neue Welle von Ausländern, die
Stadt, einer gänzlich anderen Art von Ausländern, die Männer bärtig, langhaarig,
in Sandalen, die Frauen mit geschwärzten Augen und geweißten Mündern, allesamt
ungewaschen, die Tanger als Etappenstation auf ihrem Okzident-Orient-Trip
aufsuchten, die Spezies späte Beatniks oder frühe Hippies (Vier Jahre später
sollte
Alberto Moravia
über sie einen Artikel für den Corriere della Sera verfassen
(Moravia).
Burroughs beklagte ihre Anwesenheit, fand, es seien so viele, dass Tanger wirke
wie Greenwich Village, und bedachte dabei nicht, dass dies die Leser seiner
Bücher waren, deren Lebensstil er erfunden hatte.
Wenn Burroughs in diesem Sommer nicht gerade damit beschäftigt war, seine
Freunde von der
Cut-up-Methode zu überzeugen, setzte er ihnen mit den Theorien
von Wilhelm Reich zu. Basierend auf der Annahme, dass die Blockade von
"Orgon-Energie" die Ursache aller psychischen Krankheiten sei, baute er im
Garten des Muniria nach Reichs Anweisungen einen "Orgon-Energie-Akumulator". In
einer kalten Nacht brachte er Paul Bowles dazu, sich einer "Orgon-Behandlung" zu
unterziehen. Bowles schloss sich in die sargähnliche, pechschwarze Vorrichtung,
die ihn an eine Hundehütte erinnerte, ein und fror, entschieden ein
unerfreuliches Experiment. Burroughs meinte, dass die Prozedur mindestens eine
Stunde erfordert, aber Bowles hatte nach fünfundzwanzig Minuten genug. Burroughs
fragte ihn: "Hast Du etwas gefühlt." Bowles antwortete: "Mir war kalt."
Im Juli oder August reiste Timothy Leary an. Der Hohepriester der Drogen,
damals noch Professor in Harvard, war zum ersten Mal in Marokko, einem Land,
dessen Kultur seiner Ansicht nach auf Drogen aufgebaut war. Leary widmete sich
dem Studium der Bewusstseinserweiterung durch den Genuss von Drogen, hatte den
grandiosen Plan, die Politiker der Welt wie John F. Kennedy für seine Theorien
zu gewinnen und träumte von einer Politik der Ekstase. Durch Drogen wollte er
die Gehirnfunktionen manipulieren und eine Art Superbewusstsein für die ganze
Menschheit schaffen. Dies tat er in völlig unwissenschaftlicher Weise,
hauptsächlich durch Selbstversuche und Verteilung an seine Freunde und deren
Freunde, so wurde er 1963 in Harvard gefeuert und landete in den verschiedensten
Gefängnissen der Welt. In Tanger machte er mit dem Grüppchen Experimente im
Muniria, und Greogory Corso taufte das Muniria "Villa Delirium".
Dieser Sommer war wenig harmonisch, Missstimmungen regierten nach wie vor
zwischen Burroughs und Orlovsky, Ginsberg stand zwischen beiden, was schließlich
zum vorübergehenden Bruch mit Orlovsky führte, der frühzeitig abreiste.
Spannungen herrschten auch zwischen den anderen, Corso war grob und beleidigend
und versuchte abwechselnd, Konflikte zu schüren und Brüche zu kitten.
Im August reisten alle ab, Leary nach Dänemark, Corso nach England, Ginsberg
und Ansen nach Griechenland, Burroughs nach London.
Der lange heiße "psychedelische Sommer" war zu Ende
(Morgan,
Green,
Harter).
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