Der Schwedenplatz-Wettbewerb und die 6 Entwürfe

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Im Wettbewerb für die Neugestaltung des Schwedenplatzes wurde jetzt die Shortlist von 6 aus 60 eingereichten Gestaltungsentwürfen vorgestellt. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Entwürfe irgendwo zwischen brav und pseudomodern angesiedelt und sagen mehr über die Vorstellungen von Architekten über urbane Plätze aus als darüber, wie sich solche Gestaltungen auf die Bewohner und Nutzer dieser Plätze auswirken.

Das lässt sich ehrlich gesagt auch nicht trennen. Meine Kommentare zu den sechs vorgestellten Entwürfen orientieren sich auch daran, welche Ansprüche und Vorstellungen ich von einem an diesem Ort möglicherweise funktionierenden Platz habe.

Meine Kriterien

Ähnlich wie der Karlsplatz ist der Schwedenplatz weniger ein Platz als eine Gegend; auch hier haben wir keine klassische umbaute Piazza, sondern eine nach einer Seite offene Straßenaufweitung. Auch hier befindet sich auf der offenen Platzseite eine mehrspurige Hauptverkehrsstraße mit entsprechender Lärm- und Abgasbelastung. Dazu kommt, dass der Wettbewerb nicht nur den eigentlichen Schwedenplatz, sondern den gesamten Bereich zwischen Marc-Aurel-Straße und Postgasse betrifft, also ein momentan klar in drei unterschiedliche Bereiche geteiltes Areal: Morzinplatz, Straßenbahn- und U-Bahn-Station Schwedenplatz und den Platz vor dem Hotel Capricorno. Ersterer ist ein weitgehend ungestalteter Grünbereich über einer Tiefgarage, zweiterer eine dem Verkehrslärm ausgesetzte Betonwüste und letzterer ein von dichtem Baumbestand umschlossener Grünbereich. Insgesamt ist das deutlich eher eine Gegend als ein Platz.

Mein eigener Ansatz für eine Planung wäre es, dieser Straßenaufweitung einen über die ganze Länge durchgehenden Platzcharakter zu geben. Dazu wären einige grundsätzliche Interventionen notwendig:

1. Zum einen müsste der Platz klar von der Hauptverkehrsstraße getrennt werden. Eine Umbauung ist natürlich weder möglich noch sinnvoll, aber eine durchgehbare Begrenzung durch Baumreihen (und zwar über die gesamte Länge des Platzes) würde schon die notwendige halbdurchlässige Sichtbarriere schaffen, um einen Piazza-Charakter zu erzeugen und Verkehrslärm und -abgase zu mildern.

2. Der Platz sollte weitgehend als offene Fläche gestaltet werden. Es sollte in einem urbanen Raum dieser Größe keine Randzonen geben, deren Nutzung sich deutlich vom Kernbereich unterscheidet. Während kleine, möglicherweise auch noch unübersichtliche Bereiche leicht von Randgruppen eingenommen und besetzt werden können - es reichen dafür mitunter schon 3 Personen, die möglicherweise als Bedrohung empfunden werden -, ist es bei einem durchgehend gestalteten Platz ohne Nischen nicht so einfach möglich, diesen in Beschlag zu nehmen. Außerdem bergen Nischen immer das Potenzial, bei Nacht zu Angsträumen zu werden; auch dies spricht für eine weitgehend offene Gestaltung.

3. Plätze sind Kommunikations- und Interaktionszonen; es ist also darauf zu achten, dass durch ein Nutzungskonzept und eine subtile Gliederung selbst bei einem großen Platz Bereiche für Kommunikation und andere Nutzungen vorgegeben werden, ohne dass einerseits der Platz zerteilt wird oder andererseits eine große leere Fläche entsteht.

4. Der Bereich der Straßenbahn-/U-Bahnstation präsentiert sich momentan als Betonwüste, die direkt dem gesamten Verkehrslärm samt Abgasen ausgesetzt ist. Laut Stadt Wien steigen täglich 150.000 Fahrgäste pro Tag am Schwedenplatz um, an die 10.000 verlassen hier eine Straßenbahn. Ganz wesentlich über den Erfolg eines umgebauten Schwedenplatzes wird also der Eindruck entscheiden, den die wartenden Straßenbahnfahrgäste vom Platz haben. Es wird also dringend nötig sein, die Straßenbahnstation ansprechender zu gestalten, sie besser vor Verkehrslärm und -abgasen zu schützen und auch den schon sehr in die Jahre gekommenen und stark verhüttelten U-Bahn-Abgang komplett zu erneuern.

5. Gerne vergessen wird bei Architekturentwürfen für den öffentlichen Raum, dass dieser öffentlich ist und nicht alle Nutzer den Platz wohlwollend nutzen. Es sollten also Materialien und Objekte verwendet werden, die keinen schnellen Alterungsprozessen unterworfen sind; es ist darauf zu achten, dass sich keine Bereiche als "offene Mistkübel" oder Urinierplätze anbieten; es ist die Taubenabwehr zu berücksichtigen, und es sollen keine Flächen geschaffen werden, die für Graffiti oder zum wilden Plakatieren genutzt werden können.

Aus diesen Grundsätzen nun meine Gedanken zu den sechs Wettbewerbsbeiträgen:

N.B.: Aus rechtlichen Gründen darf ich die Bilder von der Website schwedenplatz.wien.gv.at nicht hier einbetten; ich werde daher immer die Überschrift zum entsprechenden Bild- und Informationsmaterial verlinken.

Beitrag 1

Dieser Entwurf trennt den Bereich genz bewusst in vier separate Plätze, was die Möglichkeit untergräbt, dem gesamten Bereich eine Identität zu geben. Ob sich verweilende Personen der vorgesehenen Nutzung entsprechend verteilen werden, scheint wenig wahrscheinlich. Dass gerade die abgelegeneren Randzonen als Ruhe- und Rastzonen ausgeführt werden sollen, wird wohl dazu führen, dass diese vermehrt Randgruppen anziehen und somit Attraktivität verlieren werden. Der Platz vor dem Hotel Capricorno bleibt ein separarierter Fremdkörper.

Der Bereich an der Straßenbahnhaltestelle bleibt quasi unverändert; es ändert sich nichts an der Lärm- und Abgasbelastung für die wartenden Fahrgäste, wodurch nicht zu erwarten ist, dass diese den Platz positiver oder aufgewertet wahrnehmen.

Die beleuchteten "Sonnenschirme" sind eine nette Gestaltungsidee, aber es bleibt offen, ob die weißen Membranen auch nach 5-10 Jahren noch attraktiv aussehen werden.

Positiv fällt auf, dass zumindestens im westlichen Teil versucht wird, mit einer Baumreihe entlang der Straße und einem zentralen Platz in Verlängerung des Rabensteigs eine Art Platzgefühl zu schaffen; dass die Vegetationsflächen überhöht ausgeführt werden sollen, grenzt jedoch den Platz ein und schafft teilweise enge Korridore und Nischen, die dem Sicherheitsgefühl nicht förderlich sind.

Grundsätzlich ein gut gemeinter Versuch, eine Art Park an die Straßenbahnstation anzuhängen, aber als urbaner Platz finde ich das nur beschränkt bis gar nicht brauchbar.

Mein Fazit: 4/10

Beitrag 2

Dieser Entwurf beschränkt sich auf zwei Interventionen, ist dabei aber erstaunlich radikal: zwischen Hauptverkehrsstraße und Platz ist hier nämlich eine 2-3-reihige Baumallee vorgesehen, in deren Mitte die Straßenbahn fahren soll. Diese Allee zieht sich über die gesamte Länge und bildet bei der Straßenbahnstation sogar ein kleines Wäldchen, was - sobald die Bäume einmal groß genug sind - eine ganz deutliche Verbesserung der Aufenthaltsqualität bringen wird und auch ein sehr spannendes Platzgefühl erzeugen kann.

Als zentrales Element im Westteil wird eine Art große hügelige Stadtwiese vorgeschlagen; dies, und vor allem die etwas arbiträr wirkende Einbettung in den Stadtraum ist wiederum ein wenig merkwürdig, vor allem, weil das durch die Baumreihen ermöglichte "Piazza-Gefühl" wieder untergraben wird, indem statt der Piazza eine Art riesiges Blumenbeet mit Wiese den Platz füllt. Das kann funktionieren oder auch nicht, es kommt dabei darauf an, wie das genau gestaltet wird und welche Nutzungsvorschläge eingebaut werden. Positive Gestaltungsbeispiele, wie etwa die Promenade du Paillon in Nizza, gäbe es ja. Aber reine Liegewiesen in der Stadt können auch ziemlich schief gehen.

Mein Fazit: 7/10

Beitrag 3

Wer in diesem Architekturbüro hat beschlossen, eine Visualisierung in diesen Farben einzureichen? Dieses Bild löst in erster Linie Assoziationen von realsozialistischer Architektur aus den 1970er Jahren aus, und es ist anzunehmen, dass der Beitrag allein wegen des Bildes wohl wenig wohlwollend aufgenommen wird.

Die Idee des Platzes als "Stadtbühne" ist ja an sich nicht schlecht. Die Anhebung der westlichen Platzfläche ist eine brauchbare Idee, um zu erreichen, dass Fußwege nicht mehr durch ein klaustrophobes Gangsystem von überhöhten Pflanztrögen führen, was auch das Sicherheitsgefühl positiv beeinflussen kann. Es gibt keine Nischen und unübersichtliche Bereiche, die zu Angsträumen werden könnten. Der Platz ist "bespielbar", nur sollte dafür auch außerhalb der Christkindlmarktsaison ein anrainerfreundliches Nutzungsprogramm erstellt werden, denn sonst bleibt dieser Platz ein kahler, leerer Präsentierteller. Ob es ein erfolgreicher urbaner Platz wird, steht und fällt also mit der Bespielung.

Der Beitrag bietet allerdings keine Lösung für den Bereich der Straßenbahnstation, wo die Lärm- und Abgasbelastung für die wartenden Fahrgäste unverändert bleibt, und der Platz vor dem Hotel Capricorno wird zwar nach Westen hin geöffnet, ansonsten wirkt dieser Beitrag aber ein wenig unschlüssig, was er damit tun soll.

Mein Fazit: 6/10

Beitrag 4

Man mag das ein wenig brav und hausbacken finden, aber das ist der Entwurf, der mir am besten gefällt. Er erinnert mich auch an Platzlösungen, die ich in Frankreich gesehen und dort als sehr gut gelungen empfunden habe. Dies ist der einzige der sechs Beiträge, der den gesamten Bereich vom Figl-Hof bis zum Hotel Capricorno wirklich als Einheit begreift und durchgängig gestalten will, ohne ihn in einzelne Sektoren aufzuteilen. Trotz Querungen und Straßenbahn-/U-Bahn-Station wird hier ein schlüssiges gesamtheitliches Konzept geboten, ohne dass einer der Bereiche wie ein Fremdkörper wirken würde. Allein dadurch wird der Platz auch für eine fußläufige Durchquerung über die gesamte Länge attraktiv.

Sehr positiv ist der über die gesamte Länge gezogene Grünstreifen mit Baumreihe zur Straße hin, wo zwar mehr Bäume möglich wären, der aber trotzdem den Autoverkehr optisch und aktustisch etwas vom Platz verdrängt, was eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass Personen hier verweilen wollen. Viele kleinere, punktuelle Grünbereiche auf der gesamten Platzfläche schaffen ein deutlich freundlicheres Grünkonzept als andere Vorschläge mit wenigeren, größeren Grünflächen.

Gut finde ich auch den in einen Grünrahmen eingebetteten Platz in Verlägerung des Rabensteigs, da hier eine ausgewogene Kombination aus urbanem Raum und Grünflächen entstehen könnte - es vereint Elemente von Platz und Park, wirkt dabei aber trotzdem urban. Das Schattendach als Mittelpunkt in diesem Platz schafft eine Analogie zur U-Bahn-Station im östlichen Bereich des Platzes; es entsteht im Westteil des Platzes ein gutes Gegengewicht zum Schwerpunkt im Ostteil, wodurch der gesamte Bereich weniger "einseitig" wirkt.

Bedenken habe ich primär beim "Gedenkort" am Morzinplatz. So gut ich es finde, dass dieser eingeplant und etwas separiert ist, so hat dieser Bereich bei Nacht wegen der engen Zugänge doch ein Angstraumpotenzial.

Mein Fazit: 8/10

Beitrag 5

Dieser Entwurf löst bei mir ungläubiges Staunen aus. Der Platz verschließt sich zur Bebauung hin, öffnet sich zur Straße hin, am Morzinplatz wird ein Erdhügel aufgeschüttet und eine Brückenkonstruktion spannt sich über die ganze Länge des Platzes und anschließend auch noch über den Kai.

Die Überführungen mögen einen barrierefreien Zugang zur Ruprechtskirche ermöglichen, sind aber ein architektonisches Stilmittel der autofreundlichen 1960er und 70er Jahre, zerteilen den Platz und schaffen potenzielle Angsträume, Urinierwände und Graffitiflächen (Brücken sind für Graffiti besonders beliebt, da wegen der erhöhten Lage besonders gut und von weitem sichtbar).

Der offensichtliche Versuch, den Straßenraum und den Aufenthaltsraum ineinander zu integrieren, schafft einen leeren, kahlen "Verweilraum", in dem wegen des zu erwartenden Lärms (viel glatte Beton/Asphaltfläche, keine Lärmdämmung hin zum Kai) niemand außer Obdachlosen verweilen wollen wird. Das funktioniert schon am Praterstern ganz ausgezeichnet, aber ich halte es nicht für zielführend, auch den Schwedenplatz auf diese Weise "attraktiv" zu machen.

Dem Beitrag fehlt die menschliche Dimension, er erzeugt keine Räume, die als angenehm empfunden werden oder emotionale Bindungen zum Ort schaffen. Stattdessen definieren die Brücken den städtischen Platz als Transitort. Statt nutzbarem Stadtraum bietet diese Lösung architektonischen Schnickschnack, der kurzfristig Eindruck schinden mag, aber keine Funktionalität für einen Platz im Sinne eines Kommunikations- und Interaktionsraumes hat.

Mein Fazit: 0/10

Beitrag 6

Dieser Entwurf versucht wie auch Entwurf 4 eine Art "Park-Intervention" mit verschiedenen parktypischen Nutzungen, verzichtet dabei aber auf den zentralen Platz in der Mitte, wodurch es eben mehr Park und weniger Platz wird und nicht so ganz als urbaner Raum wirkt; hier ist der Rückzugsfaktor stärker als der Interaktionsfaktor, und es gibt hier wiederum Nischen, aber ohne dass der Platz zerteilt würde; er wird schon in seiner Gesamtheit gesehen.

Positiv also auch hier das gesamtheitliche Konzept, die Nutzungsvorschläge, die Trennung des Platzes von der mehrspurigen Straße durch einen Grünstreifen mit Bäumen, wodurch der Straßenverkehr zumindest optisch, aber hoffentlich auch akustisch etwas vom Platz verdrängt wird. Positiv auch die Multifunktionalität, die an diesem Platz wichtig ist, da sich verschiedene Personengruppen nicht auf einzelne Sektoren aufteilen lassen werden.

Als problematisch erachte ich dafür die vorgesehene Fußgänger-/Radfahrerbrücke, da diese einerseits aufgrund der Rollstuhltauglichkeit eine extrem lange Rampe haben muss, die den Platz zerteilt und Angsträume schaffen kann, und andererseits die Pfeiler und seitlichen Brückenteile prädestiniert dafür sind, als Urinier- und Graffitifläche benutzt zu werden. Wie sich die Rampe zum Donaukanal hinunter mit rollstuhltauglichem Gefälle ausgehen soll, bleibt rätselhaft.

Die genaue Gestaltung der Straßenbahnstation bleibt unklar; hier scheint eine Art großes Dach vorgesehen zu sein, aber anscheinend keine Maßnahme, um die wartenden Straßenbahnfahrgäste besser vor dem Straßenlärm zu schützen; der Grünstreifen ist an dieser Stelle nämlich merkwürdigerweise unterbrochen. Immerhin sind hier Grünflächen in Form von Rasengleisen für die Straßenbahn vorgesehen.

Mein Fazit: 7/10

Zusammenfassung

Meine Präferenz wäre also Beitrag 4 mit seinem ganz gut gelungenen Kompromiss aus Piazza und Park. Beitrag 6 finde ich okay, ist aber halt mehr Park als Piazza, was ich für so eine zentrale Lage in der Innenstadt nicht so gut finde. An Beitrag 2 imponiert mir die kompromisslose Baumallee, aber die Wiese mitten auf dem Platz ist irgendwie hochmerkwürdig und hat für mich keine echte urbane Funktionalität. Beitrag 3 ist zu kahl und steht oder fällt mit der Bespielung, Beitrag 1 und 5 mögen bitte nie ernsthaft in Erwägung gezogen werden.

Und jetzt?

Da die Rückmeldungen im derzeitigen Bürgerbeteiligungsverfahren nur eine "Grundlage für die Empfehlungen des Preisgerichts an die Wettbewerbsteilnehmenden für die Überarbeitung und Präzisierung der 2. Wettbewerbsstufe" bilden, ist davon auszugehen, dass keiner der Entwürfe in der vorliegenden Form umgesetzt werden wird. Und selbst das Gewinnerprojekt der nächsten Wettbewerbsstufe kann noch an der Ausführung scheitern - wir denken mit Grauen an andere Plätze in Wien, deren Entwürfe eigentlich eh irgendwie brauchbar waren, die dann aber so minderwertig gebaut wurden, dass das Ergebnis nur noch als Tragikum bezeichnet werden kann.

Es bleibt also spannend.

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