Von der ungewollten Unehrlichkeit

| No Comments

#Danke_Deutschland الالمان يستقبلون السورين بالورود شكرا من القلب لكل الشعب الالماني والحكومة المانية التي فتحت ابوابها بالابتاسامة والورود والمحبة بعكس كثير من دول العربية وشكرا من القلب للشعب الالمانيDie Deutschen begrüßen das syrische Volk mit Blumen. Dafür danken wir dem deutschen Volk und der Regierung von ganzem Herzen, dass sie ihre Türen für uns öffnen im Gegensatz zu den arabischen Ländern.

Posted by Talal Abk on Dienstag, 25. August 2015


Fühle nur ich mich komisch, wenn ich so etwas [1] sehe? Ich meine, ist ja nett gemeint und so, aber für mich ist das in erster Linie Ausdruck einer unglaublichen Naivität, die Menschen unbewusst und ungewollt verhöhnt.

Klar, Krieg gibt es bei uns derzeit keinen, aber angesichts von 4,5 Millionen Hartz-IV-Beziehern [2] und 12,5 Millionen, die in Deutschland in Armut leben [3], finde ich es einfach unseriös, bei Leuten, die in festem Glauben nach Deutschland kommen, dass sie dort problemlos eine neue Existenz aufbauen können, völlig falsche Hoffnungen zu wecken.

Ich weiß, das ist momentan eine unpopuläre Meinung - selbst beim sonst so vernünftigen Misik geht gerade eine Art Shitsturm los [4], in dem "Mitleid" und "professionelle Hilfe" für einen Journalisten [5] gefordert werden, der "schlimmer als die 'Ausländer raus'-Plärrer" [4] sei, wenn er unter anderem schreibt

es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, in erster Linie gerührt zu sein. Von Politikern sollte man erst recht etwas anderes erwarten. [...] Stimmungen können sich verändern, in jede Richtung. Eine Politik, die sich auf Gefühlslagen verlässt, ist schnell verlassen. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, da haben die Deutschen noch hinter jedem Zauselbart einen Dschihadisten vermutet [...]. Man ahnt, dass es nicht viel braucht, um die alten Befürchtungen wieder zu aktivieren. [5]

Gut, im restlichen Artikel [5] steckt schon auch einiges an nicht wirklich Haltbarem drin, aber ich sehe beim besten Willen nicht, was an der Grundaussage selbst falsch sein soll.

Ich weiß schon, solche euphorischen Begrüßungen sind auch ein symbolischer Akt, ausgelöst durch unerträgliche Hasspostings und noch unerträglichere Hassverbrechen, eine bewusste Gegenbewegung zum Mob, der Menschen beschimpft und Flüchtlingsheime anzündet, aber sie sind, auch wenn sie gut gemeint und auch wirklich Ausdruck echter Gefühle sind, insgesamt trotzdem verlogen. Es ist der Unterschied zwischen einer freundlichen Begrüßung und einem wirklichen Willkommensein. Es ist das Erwecken des Anscheins, es gäbe in diesem Land Jobs für alle und keine hasserfüllten Menschen. Das werden die Flüchtlinge spätestens dann merken, wenn sie ihre Pläne, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen, umsetzen wollen und bei der Jobsuche nichts anderes als 1-Euro-Jobs oder Anfeindungen von den Deutschen finden.

Henryk M. Broder [6] spricht in diesem Zusammenhang davon, dass den Flüchtlingen das Schicksal blüht,

um mit Marx zu reden, [...] eine "industrielle Reservearmee" [zu sein], für die es keine Beschäftigung gibt und keine geben wird, das Lumpenproletariat von morgen und übermorgen. Was unser Urteilsvermögen trübt, sind die Bilder, die wir täglich sehen: von der griechisch-mazedonischen Grenze, aus Calais am Ärmelkanal, aus Freital und Heidenau in Sachsen.

Nein, man soll diese Menschen nicht abweisen oder zurückschicken. Man soll sie auch begrüßen, ihnen Wasserflaschen, Lebensmittel und Hygieneartikel geben, denn das ist ein Gebot der Menschlichkeit und Höflichkeit. Man soll aber heute nicht hurra schreien und Blumen schwenken, wenn die Gefahr besteht, dass morgen die Notunterkunft, in der sie untergebracht werden, von Neonazis angezündet wird. Hier zu feiern, dass sie dem Krieg entkommen sind, ist ein bisschen spät, denn der Krieg liegt mittlerweile zumindest geographisch schon mehrere tausend Kilometer hinter ihnen. Hier zu feiern, dass sie in Deutschland sind, ist unangebracht, denn "in Deutschland sein" allein ist noch kein Garant dafür, dass sich ihre Hoffnungen und Wünsche auch irgendwie erfüllen.

Jetzt sind Hilfe und Ehrlichkeit angebracht, nicht naive Euphorie. Vor allem haben sie sich nichts verdient, worüber sie sich heute vielleicht freuen, das sie aber in ein paar Monaten nur noch als blanken Hohn empfinden werden. So entsteht Verbitterung, und so entstehen Konflikte.

[D]ie Medien [lassen] immer öfter Migranten zu Wort kommen, die nicht dankbar, sondern enttäuscht sind. So habe er sich Deutschland nicht vorgestellt, klagte vor Kurzem ein Syrer bei der "Welt", der kein Wort Deutsch und nur sehr gebrochen Englisch sprach. Wie dann, ist man versucht zu fragen, wie dann? [6]

Quellen:

Leave a comment