Discovery-Systeme und Bibliotheks-MitarbeiterInnen: Versuch über die Ursachen einer Beziehungskrise

| No Comments

Basierend auf einem Diskussionsbeitrag vom BibCamp 2013.

Discovery-Systemen bläst, obwohl sie von den Softwarefirmen als eierlegende Wollmilchsäue gepriesen werden, ein eisiger Wind entgegen; nicht von den BibliotheksbenutzerInnen, nicht von den EntscheidungsträgerInnen in Bibliotheken, aber ganz massiv von den Bibliotheks-MitarbeiterInnen. Diese setzen weiterhin auf den klassischen Online-Katalog, und auch in Beratungsgesprächen wird, sofern der OPAC nicht gänzlich außer Betrieb genommen wurde, nur selten auf Discovery-Systeme Bezug genommen.

Anne Christensen hat in ihrem Blog acht Thesen aufgestellt, die versuchen, die Ursachen für dieses Phänomen zu ergründen, besonders auf eine dieser Thesen möchte ich später noch eingehen.

Mein zentraler Punkt bezieht sich auf eine Aussage, die in diesem Zusammenhang immer wieder zu hören ist, nämlich dass das Grundproblem eben sei, dass sich das BenutzerInnenverhalten eben geändert habe und die BibliothekarInnen sich diesem Umstand eben anpassen müssten.

Diese Aussage ist grundsätzlich falsch. Das BenutzerInnenverhalten hat sich überhaupt nicht geändert. Die BenutzerInnen wollten immer schon in erster Linie mit ein paar einfachen Suchbegriffen das passende Buch finden. Wer in eine Buchhandlung geht und Gesprächen zwischen Buchhändlern und Kunden zuhört, wird feststellen, dass auch dort selten exakte Autorennamen, Buchtitel oder gar ISBN-Nummern verwendet werden, sondern erstaunlich häufig einfach nur grobe Beschreibungen oder auch fehlerhafte Titel. An Bibliotheken ist das nicht anders: Im Online-Katalog der Universitätsbibliothek Wien werden und wurden 90% der Suchanfragen über die einfache Wortsuche gestellt. Es ist also falsch, zu sagen, Google habe die Suchgewohnheiten der BenutzerInnen „verdorben". Google hat den BenutzerInnen einfach nur eine Benutzerschnittstelle gegeben, die ihrem immer schon vorhandenen Verhalten entgegengekommen ist.

Bislang waren BibliotheksbenutzerInnen nämlich gezwungen, für ihre Recherchen ein Werkzeug zu verwenden, der ihrem Suchverhalten überhaupt nicht entsprochen hat. Kataloge sind von BibliothekarInnen geschaffene Werkzeuge, die primär der Verwaltung des vorhandenen Bestands dienen; dass man sie auch verwenden kann, um Bücher für die Benützung zu finden, ist gewissermaßen ein praktischer Nebeneffekt. Als Verwaltungstool für BibliothekarInnen unterliegt der OPAC bibliothekarischen Regeln und ist daher nicht in allen Belangen selbsterklärend, weswegen Schulungen nötig waren, um den BenutzerInnen einen Teil der inhärenten und für die Suche relevanten bibliothekarischen Grundregeln zu erklären, die für ein über Grundbedürfnisse hinausgehendes Maß an Treffsicherheit bei den Suchergebnissen nötig waren.

Ich betrachte die großen Probleme, die viele BibliotheksmitarbeiterInnen mit Discovery-Systemen haben, in gewisser Weise als ausgleichende Gerechtigkeit: Jahrelang wurden die BenutzerInnen dazu gezwungen, Recherchewerkzeuge zu verwenden, die nicht ihren Anforderungen entsprachen und gleichsam aus einer „fremden Welt" stammten; nun hat sich die Situation umgekehrt.

Die Discovery-Systeme entsprechen nämlich deutlich mehr den Bedürfnissen und der Arbeitsweise der BenutzerInnen; hingegen sind sie für die bibliothekarische Arbeit deutlich weniger geeignet, da mit den derzeit gängigen Versionen weder eine systematische Suche noch eine systematische Datenausgabe mit der selben Präzision möglich sind, wie diese von einem OPAC geboten wird. Die Frustration, die BibliotheksmitarbeiterInnen nun mit Discovery-Systemen erleben, ist also nichts mehr als eine Spiegelung der Probleme, die die BenutzerInnen jahrelang mit OPACs erlebt haben - in beiden Fällen haben wir es mit Werkzeugen einer Gruppe zu tun, die für die Arbeitsweise der jeweils anderen Gruppe nur beschränkt geeignet sind.

Dazu kommt aber noch ein weiterer, ganz wesentlicher psychologischer Faktor: das Discovery-System wirkt nicht auf BibliotheksmitarbeiterInnen nicht nur unpassend, sondern auch noch unberechenbar. Das Gefühl des Kontrollverlustes ist ein ganz zentraler Faktor bei der Ablehnung von Discovery-Systemen.

Erstens äußert sich der Kontrollverlust darin, das die Ergebnisausgabe eines Discovery-Systems durch den/die MitarbeiterIn nicht mehr steuerbar ist. Wie Anne Christensen in ihrem Punkt 6 richtig anmerkt, sind Kataloge von BibliothekarInnen konzipierte Produkte, die für jede Suchanfrage ein klar definiertes und damit vorhersehbares Ergebnis liefern. Das beginnt schon bei so simplen Prinzipien wie jenem, dass beim Nichtvorhandensein eines Werkes einfach kein Treffer angezeigt wird. Bei Discovery-Systemen gilt diese Vorhersehbarkeit nicht: selbst wenn kein entsprechendes Werk vorhanden ist, werden unter Umständen noch Treffer angezeigt; die Eingabe von mehr Suchbegriffen führt nicht unbedingt zu genaueren Treffern; die angegebenen Facetten sind möglicherweise nicht die relevantesten, sondern die zuletzt bei Suchanfragen angeklickten; selbst die Reihung der Suchergebnisse kann bei zwei identischen Suchanfrage unterschiedlich sein.

Diese nicht berechenbare, nicht beeinflussbare Ergebnisausgabe widerspricht jeglicher bibliothekarischer Ordnung und Logik, die die MitarbeiterInnen von OPACs gewöhnt waren. Dazu kommt, dass technische Mängel der Discovery-Systeme dazu beitragen, das ohnehin angeknackste Vertrauen bei den MitarbeiterInnen weiter zu brechen. Nicht nur, dass frühe Versionen der Discovery-Systeme je nach Qualität der Katalogisate sehr fehleranfällig waren, die Suchalgorithmen und -interfaces der aktuellen Discovery-Systeme hinken technisch mehrere Jahre hinter dem nach, was derzeit State of the Art ist. Da auf dem Markt de facto keine Konkurrenz herrscht, ist auch nicht zu erwarten, dass die Funktionalität der Discovery-Systeme jemals gleichauf mit jener von beispielsweise Google oder auch nur Amazon sein wird.*

Zweitens erstreckt sich der Kontrollverlust nicht nur auf die Suchergebnisse, sondern auch auf den Fundus der durchsuchten Dokumentenbestände. Der OPAC durchsuchte nur den eigenen Bestand, der überblickbar ist und dessen Benutzung eindeutig geregelt ist, während das Discovery-System eine Vielzahl von physischen und virtuellen Beständen durchsucht, die weitgehend dem Einfluss des/der entsprechenden Mitarbeiters/in entzogen sind. Gab es mit dem OPAC ein eindeutiges „richtiges" Suchergebnis, nämlich das passende Buch aus dem eigenen Bestand, so gibt es mit dem Discovery-System möglicherweise eine ganze Reihe von für den/die BenutzerIn relevanten Ergebnissen, die vom Buch aus dem Bestand über das e-Book auf einem Verlagsserver bis hin zu mehreren thematisch eng verwandten Aufsätzen aus diversen anderen Quellen reichen.

Damit fällt der Wissensvorsprung des/der Bibliothekars/in: er/sie wusste bislang, was das „richtige" Ergebnis war, der/die BenutzerIn jedoch nicht. Nun wissen weder BenutzerIn noch BibliothekarIn, welche zutreffenden Suchergebnisse gefunden werden, und in Bezug darauf, welche von diesen auch relevant sind, kehrt sich der Wissensvorsprung sogar um: da es nun nicht mehr um rein formale Kriterien geht, kann der/die BenutzerIn oft wesentlich besser als der/die BibliothekarIn abschätzen, welche der Suchergebnisse relevant sind. Der/die BibliothekarIn hat also nicht nur keine Kontrolle mehr über das Ergebnis einer Suchanfrage, sondern auch keine Kontrolle mehr über das „richtige" Ergebnis.

Kontrollverlust bedingt Angst. Angst führt zu Ablehnung.

Die Schlussfolgerung, die sich aus all dem für die Akzeptanzsteigerung von Discovery-Systemen bei MitarbeiterInnen ziehen lässt, ist daher relativ eindeutig: bis zu dem Zeitpunkt, zu dem alle MitarbeiterInnen ausschließlich mit Discovery-Systemen gearbeitet haben, muss in erster Linie intern dem Gefühl des Kontrollverlustes entgegengearbeitet werden. Die Akeptanz kann also nur erreicht werden, wenn die MitarbeiterInnen wieder das Gefühl haben, das Discovery-System zu verstehen und seine Verwendung zu beherrschen.

Die Zeiten, in denen BibliothekarInnen den BenutzerInnen beibringen mussten, wie man Kataloge bedient, sind ohnehin vorbei, auch wenn an der UB Wien dafür erst vor kurzem eine unglücklich, aber gleichzeitig sehr bezeichnend benannte Abteilung für „User Training" eingerichtet wurde. „User Training" - der englische Begriff beschreibt sehr plastisch das Zurechtbiegen der BenutzerInnen, sodass sie bibliothekarisch denken lernen und unsere Werkzeuge benutzen können - ist angesichts der Discovery-Systeme ein Anachronismus, und die Situation, dass BibliothekarInnen Suchwerkzeuge erklären sollen, mit denen sie im Grunde aus der eigenen Arbeit nicht vertraut sind und die sie daher im Grunde ablehnen, ist ein eigenwillig verquerer und kaum konstruktiver Ansatz.

Stattdessen gilt es, intern Weiterbildungsmaßnahmen zu setzen und die interne Kommunikation zu stärken; wo möglich müssen Mechanismen des Systems transparent gemacht werden, sodass die MitarbeiterInnen dessen Verhalten nachvollziehen und damit umgehen können. Technische Mängel müssen offengelegt, dokumentiert und damit beherrschbar gemacht werden. BibliothekarInnen müssen nicht den BenutzerInnen, sondern in erster Linie einander die Arbeitsweise und die besten Strategien für den Umgang mit Discovery-Systemen beibringen, wenn wir deren Akzeptanz steigern wollen.

---

* Sowohl in unserem Sinne als auch im Sinne der BenutzerInnen muss der Druck auf die Softwarehersteller steigen, zeitgemäße Technologien in die Suchinterfaces zu implementieren. Dazu gehören schon Kleinigkeiten, wie die Analyse von Suchbegriffen schon bei der Dateneingabe: das Suchfeld kann bei der Eingabe von „Foucault Archäologie des Wissens" etwa als Option anbieten, diese Begriffe entweder nur im Bestand der Bibliothek oder nur in den Feldern Autor und/oder Titel zu suchen - eine Technologie, die Amazon und Apple bereits seit Jahren anbieten. Ebenso sollten z.B. Autorennamen im Suchbegriff erkannt und in jedem Fall bei den Autoren-Facetten an oberster Stelle angezeigt werden. Dass solch einfache Funktionen keineswegs Standard sind, zeugt von der Rückständigkeit dieser Produkte und von der Bequemlichkeit der Hersteller.

Leave a comment