Eine Geschichte des öffentlichen Verkehrs in Wien

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Ernst Lassbacher, ein langjähriger Kenner der Wiener Verkehrspolitik und Mitarbeiter der Fachpublikation Eisenbahn Österreich hat ein neues Buch veröffentlicht: auf knapp 300 Seiten zieht er ein Resümee über die Geschichte des öffentlichen Verkehrs seit dem ersten Pferdestellwagen im Jahr 1744 bis zum heutigen Tag. Sein Interesse gilt dabei vor allem den Hintergründen -- wie die Politik Einfluss nahm und welche Interessen von Unternehmen zu welchen Entwicklungen geführt haben.

In diesem Sinne ist das Buch ein unglaublich frustrierendes Werk, wird doch minutiös geschildert, was alles aus diversen Gründen -- allem voran politisches Kalkül -- verhindert, verzögert oder zum Nachteil verändert wurde.

Wussten Sie beispielsweise, dass die Straßenbahn heute kaum schneller als vor 80 Jahren ist, obwohl die Züge theoretisch die doppelte Geschwindigkeit erreichen könnten?

Der Grund dafür ist, dass bis zum Jahr 2000 die Straßenbahner nur für die Zeit bezahlt wurden, in der sie tatsächlich gefahren sind. Die Gewerkschaft hat daher über Jahrzehnte hinweg Beschleunigungsmaßnahmen verhindert, die zu einer Verkürzung der Fahrzeiten und damit zu einer Lohnsenkung der Fahrer geführt hätte.

So wie dieses Beispiel gibt Lassbachers Buch Antwort auf viele Fragen, die sich dem frustrierten Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel stellen. Die Antworten sind einleuchtend, jedoch frustrierend, denn es entsteht unentwegt der Eindruck, die Politiker hätten ein Interesse daran, den öffentlichen Verkehr möglichst unattraktiv und vor allem teuer zu gestalten. Es offenbart sich eine Mischung aus Inkompetenz und vergebenen Chancen, sodass man sich schon fragen muss, warum der Wiener öffentliche Verkehr im internationalen Vergleich eigentlich noch recht gut ist, und um wieviel er besser sein könnte, wären weniger Geldmittel adäquater eingesetzt worden.

Lassbachers Resümee: eine echte Verkehrspolitik hat es in Wien seit 1744 nie gegeben; statt Richtlinien zu entwickeln und vorausschauend zu planen, wurde immer wieder nur verspätet und mit wenig Konsequenz auf Situationen reagiert; dabei wurde spätestens seit den 1950er Jahren nur mehr aus Autofahrersicht, nicht jedoch aus der Sicht der nachhaltigen Stadtentwicklung gehandelt.

Wien ist dabei sicher nicht allein, doch fehlt für andere Städte eine derart minutiöse Nachzeichnung der Verkehrsplanungsgeschichte, wie sie Lassbacher hier vorlegt.

Ernst Lassbacher, Auf die Bim gekommen? Verkehr und Verkehrspolitik in Wien seit 1744 - kritisch betrachtet. Wien: Phoibos-Verlag, 2009. ISBN 978-3-85161-020-8. 296 Seiten. Hardcover. Preis € 45.

2 Comments

Ich würde das Buch zwar gerne mal durchblättern, aber nicht unbedingt besitzen wollen. Leider habe ich keinen UB-Ausweis. Vielleicht könntest du ja die Stadtbücherei auf das Buch aufmerksam machen. Wenn es von der UB kommt, hat das vermutlich mehr gewicht als von einem bescheidenen Leser ;-)

Da ich kein Twitter-Account aufmachen will, antworte ich hier auf die Actimell-Diskussion: Warum der große Werbeaufwand? Wer die hundertsechsundreißigste Joghurtsorte in winzigen Berchern zu horrenden Preisen verkaufen will, muss groß die Werbetrommel rühren. Probiotisch aus Fäkalien klingt glaubwürdig. Wo wohnen Darmbakterien denn normalerweise? Zucker... ja, das ist der Grund, warum ich vom Hofer-Ableger nur das "natur" nehme.

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