Professionelles Kundenvertreiben

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Angela Lehner schreibt in ihrem Blog unter dem Titel "Kundenvertreibung" über ein ärgerliches, aber keineswegs unrepräsentatives Erlebnis mit der Österreichischen Bundesbahn und schreibt dort unter anderem:

Immer wieder erscheint es mir, dass die öffentlichen Verkehrsmittel alles geben um die Kunden zu vertreiben. Und das ist um den Werbeknecht in der Presse zu zitieren. entweder Unfähigkeit oder Gehässigkeit gegenüber ihrer Nutzer.

Nein, das ist weder Unfähigkeit noch Gehässigkeit. Das ist Absicht.

Angela Lehner meint auch, dass die Eisenbahn für die Konsumenten da ist, aber das ist leider ein großer Irrtum. Das mag einmal so gewesen sein, zur Zeit der staatlichen Bahn, wo der Eisenbahnverkehr als Infrastrukturangebot gesehen wurde, das angeboten werden musste, egal wie gewinn- oder verlustbringend es war. Seither haben sich Zeiten und Ansichten aber gehörig geändert.

Seit der Quasi-Privatisierung der ÖBB ist diese nicht mehr dafür da, Verkehrsleistungen zu erbringen (oder gar Infrastruktur zu schaffen), sondern dafür, mit Hilfe von angebotenen Verkehrsleistungen möglichst gewinnbringend zu arbeiten. Dem verdanken wir unterdimensionierte, völlig überbelegte Züge genauso wie die radikale Abschaffung von Schaffnern und Schalterpersonal.

Das heißt aber auch: Schlecht frequentierte Strecken müssen eingestellt werden. Leider kann das nur geschehen, wenn sie wirklich sehr schlecht frequentiert sind, und die ÖBB haben bei diversen Strecken recht gute Wege gefunden, durch konsequente Reduktion des Angebots auch die Auslastung solcher Strecken auf ein Niveau zu drücken, bei dem die Einstellung dann gerechtfertigt war. Verfolgt man die Fachpresse (z.B. hier) über die letzten zehn Jahre, so kann man ausreichend Beispiele dafür finden.

Die Fahrgastvertreibung hat also durchaus Methode.

Abgesehen davon wurde von der blau-schwarzen Koalition die ÖBB in viele Teilfirmen zerschlagen, die alle Profit schreiben sollen, aber dank nicht erfüllbarer Vorgaben der Politik eher in den Ruin getrieben werden. Diese Firmen sind nun mehr oder weniger gezwungen, gegeneinander statt miteinander zu arbeiten und alle Kosten, so gut es geht, gegenseitig aufeinander abzuwälzen.

Will z.B. die ÖBB Personenverkehr AG einen Zug von A nach B führen, muss sie von der ÖBB Traktion GmbH eine Lokomotive mieten und der ÖBB Infrastruktur Betrieb AG eine Streckenbenutzungsgebühr zahlen. Klar, dass sie den Zug eher nicht führen wird, wenn die Einnahmen in keinem Verhältnis zu den Kosten stehen; besonders, da die ÖBB Postbus GmbH den Verkehr bis zu einer gewissen Fahrgastzahl günstiger abwickeln kann (mit dem Verkauf des Postbus an die ÖBB hat die Politik die Basis für diverse Streckeneinstellungen übrigens überhaupt erst geschaffen; man hat in vortrefflicher Weise den Bock zum Gärtner gemacht).

Oder: Die ÖBB Traktion GmbH hat viele Lokomotiven gekauft, um sie an andere Unternehmen (wie etwa die ÖBB Personenverkehr AG, Rail Cargo Austria oder private Unternehmen) zu vermieten. Der ÖBB Personenverkehr AG waren die Benützungsgebühren der Traktion GmbH aber zu hoch, sie hat errechnet, dass es langfristig billiger kommt, eigene Triebwagengarnituren zu kaufen und hat das auch getan. Draufzahlen tun nun beide - die Traktion GmbH, die auf ihren Lokomotiven sitzen bleibt und die Personenverkehr AG, die Garnituren kaufen musste.

Eins ist ganz klar: eine marktwirtschaftlich operierende Bahn arbeitet für den Kontostand der Gesellschafter, Manager und Aktionäre, nicht für die Fahrgäste. Die sind maximal Mittel zum Zweck, und wo man sie nicht braucht (oder nicht haben will), um Geld zu verdienen, dort werden sie vertrieben. Über die diesbezüglichen Entwicklungen in Deutschland gibt es eine sehr spannende Dokumentation.

Die Schuld der ÖBB zu geben, oder gar den Eisenbahnern, die in diese Mühle nur zermahlen werden, trifft nicht den Kern der Sache. Schuld ist vielmehr die Politik, die, zuletzt durch die unsägliche Reform der schwarzblauen Koalition, Vorgaben gibt, die die Aufgabenstellungen der Bahn nachhaltig verändert haben.

So haben Experten von Anfang an davor gewarnt, dass einige der zerschlagenen ÖBB-Teilfirmen binnen weniger Jahre konkursreif wären; ein solcher Fall wurde vor einigen Monaten mit der Zusammenlegung der Infrastrukturgesellschaften wieder korrigiert.

Andererseits orientiert sich auch das Streckenbauprogramm nur an politischen Vorgaben und nicht an betrieblichen Notwendigkeiten. Die Kosten für den (betrieblich nicht unbedingt erforderlichen) viergleisigen Ausbau der Inntalbahn wurden vor kurzem von 1,8 Milliarden(!) Euro auf 2,3 Milliarden nach oben korrigiert, die (betrieblich nicht notwendige, aber von Politikern geforderte) Koralmbahn verschlingt Unsummen. Für eine Verbindung nach Bratislava wird (wegen Vorgaben der Politiker) nicht die in kürzester Zeit errichtbare, kurze und billige Strecke von Wolfsthal favorisiert, sondern ein um vieles teurerer und längerer Umweg über Götzendorf. Der Hauptbahnhof Wien ist ein Projekt der ÖBB-Immobilienmanagement GmbH zur Grundstücksverwertung, wird de facto für den Betrieb aber nicht benötigt und bringt der ÖBB sogar eine Reihe von betrieblichen Nachteilen. Der dringend notwendige dreigleisige Ausbau der Südbahn nach Mödling bzw. der durchgehend zweigleisige Ausbau der Pottendorfer Linie wird hingegen von den Politikern laufend nach hinten gereiht. Es werden also exorbitante Geldmittel in zweitrangigen, aber prestigeträchtigen Bauprojekten vergraben, während preisgünstigere Investitionen, die den Betrieb nachhaltig stärken würden, nicht durchgeführt werden.

Der Eindruck, den die Politik hier erweckt, ist der, als wolle man die Vorgehensweise bei der AUA wiederholen: Man gibt -- aus Unwissenheit, Unfähigkeit, Prestigesucht oder welchen Gründen auch immer -- politische Vorgaben, die das Unternehmen über kurz oder lang in den Ruin treiben und verschenkt es dann an ein anderes Privatunternehmen (in diesem Fall wahrscheinlich die Deutsche Bahn), mit dem alleinigen Zweck, den Verlustposten endlich aus dem Staatsbudget streichen zu können.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Draufzahlen tun eh nur die wenigen Blöden, die noch mit der Bahn fahren.

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Es wäre sehr nett, wenn deine "Summaries for English Readers" ein bisschen länger wären. :-)

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