Öffentlicher Verkehr als Opfer von Politik und Investoren

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Vor einiger Zeit habe ich darüber berichtet, wie die SPÖ Simmering die Pläne der Wiener Linien torpediert, die Straßenbahnlinie 71 zur Börse zu verlängern, und wie damit täglich tausende Bewohner des 3. und 11. Bezirks gezwungen werden, sinnloserweise am Schwarzenbergplatz umsteigen zu müssen und dadurch 5-10 Minuten länger als notwendig unterwegs sind.

Inzwischen war die Geschichte erneut in der Zeitung; statt die Bezirksidentität ("Rettet den 71er") zu verteidigen, stürzt man sich auf das einzig übrig gebliebene Argument, "Nachteile für die Bewohner" durch angeblich längere Intervalle im Falle einer Verlängerung.

Dass diese nur während der Hauptverkehrszeit verlängert werden sollten (um 2 Minuten, also weniger als die Zeit, die beim Umsteigen verloren geht), und dass es von Seiten der Wiener Linien Ersatzangebote gegeben hat, die im Falle der 71er-Verlängerung den Bewohnern des Leberbergs sogar dichtere Intervalle als derzeit geboten hätte, wird natürlich verschwiegen.

Die SPÖ Simmering will die Verlängerung ganz einfach nicht.

Man fragt sich nach den Gründen dafür, und nach reiflicher Betrachtung der geplanten Verkehrsprojekte im 3. Bezirk scheint es diese auch zu geben:

Die Bebauung des Süd- und Ostbahnhofgeländes nämlich. Das klingt jetzt einmal absurd, da dieses Gebiet ziemlich weit von der Linie 71 entfernt ist, ist aber bei näherer Betrachtung sehr schlüssig:

Wenn am Südtiroler Platz der Hauptbahnhof gebaut ist, entsteht auf dem Gelände des derzeitigen Süd- und Ostbahnhofes eine große Brachfläche, die als Stadterweiterungsgebiet deklariert wurde und gewinnbringend bebaut werden soll. Dazu müssen private Investoren angelockt werden.

Private Investoren kommen aber nicht, wenn dieses Gebiet keine Infrastruktur hat. Das ist der Hauptgrund dafür, warum die U-Bahn-Linie U2 in dieses Gebiet geführt werden soll (nebenbei soll dort auch eine Kabinenseilbahn gebaut werden, wobei einer der Bieter bezeichnenderweise eine Tochterfirma eines größeren Immobilieninvestors ist).

Dieses Gebiet allein gibt der U2 aber keine ausreichende Auslastung, daher wurde sie von vornherein über Schwarzenbergplatz, Rennweg und St. Marx geplant -- also direkt unter der Linie 71. Ein gleichzeitiger Betrieb beider Linien auf der selben Strecke macht nun in Bezug auf Fahrgastauslastung überhaupt keinen Sinn, also wird passieren, was in Wien immer mit Straßenbahnlinien passiert, die in der Nähe einer neuen U-Bahn liegen: im Falle der U2-Verlängerung ist die Einstellung der Linie 71 zwischen St. Marx und Schwarzenbergplatz absolut sicher, denn nur mit den bisherigen Fahrgästen der Linie 71 kann sich die U2-Verlängerung rechnen.

Das Problem ist nun: verlängert man jetzt die Linie 71 zur Börse, so ergeben sich für die Bewohner des 3. und 11. Bezirks sofort deutliche Zeitgewinne auf fast jeder Teilstrecke. Die Linie 71 wäre weitgehend sogar schneller als derzeit die U-Bahn, da Umsteigezeiten und lange Umsteigewege zu den Bahnsteigen wegfallen. Nicht umsonst wurden im Fall der Verlängerung über 150.000 zusätzliche Fahrgäste pro Jahr prognostiziert (wobei ähnliche Prognosen im Fall der umstrukturierten Linien 1 und 2 bereits überschritten wurden).

Damit wird es aber sehr schwer, die Linie bei der U-Bahn-Eröffnung einzustellen und quasi unmöglich, die U-Bahn als Verbesserung zu verkaufen, da die Fahrgäste hier erneut zum Umsteigen gezwungen werden, die U2 zentrumsferner verläuft und die Straßenbahn die Fahrgäste somit deutlich schneller ins Stadtzentrum bringt.

Lässt man hingegen alles wie bisher, so fällt bei der U2-Verlängerung immerhin das Umsteigen am Schwarzenbergplatz weg, was zumindestens für die Bewohner des 3. Bezirks ein kleiner Vorteil gegenüber dem Ist-Zustand ist. Trotzdem verlängern sich für alle Fahrgäste die Fahrzeiten, für die Bewohner des 11. Bezirks durch das Umsteigen in St. Marx und für die Bewohner des 3. Bezirks durch deutlich längere Zugangswege und aufgelassene Straßenbahnstationen.

Die Linie 71 beim Bau der U2-Verlängerung nicht einzustellen wäre angesichts der Fahrgastzahlen grob nachlässige Geldverschwendung. Die einzige Alternative wäre, die U2-Verlängerung nicht oder an anderer Stelle zu bauen.

Wird die U2-Verlängerung aber nicht zum Stadterweiterungsgebiet am Süd-/Ostbahnhof gebaut, so wird es sehr schwierig, für dieses Gebiet Immobilieninvestoren zu finden. Das Projekt wäre praktisch gestorben oder würde, wie das Nordbahnhofgelände vor sich hindümpeln.

Wird jetzt behauptet, die Verlängerung der Linie 71 brächte Nachteile für die Bewohner des 11. Bezirks, so dient dies primär dazu, zu verschleiern, welche Vorteile diese Linie im Gegensatz zur U2-Verlängerung für die Bewohner dieses Bezirks bringen wird, auch wenn die U2 dort gar nicht hinfährt (die Vorteile der U2-Verlängerung für die Bewohner des 10. Bezirks sind unumstritten, gehen aber eben zu Lasten des 3. und 11.).

Die SPÖ Simmering, die mit dem Slogan "Rettet den 71er" die Verlängerung zur Börse verhindert, legt damit den Grundstein für die teilweise Einstellung eben derselben Linie und schafft für die Bewohner vole größere Nachteile als jene, die sie zu verhindern vorgibt.

Das ist eben Politik.

PS.: Wie schon oben erwähnt, diese mögliche Begründung für das Abblocken der SPÖ Simmering beruht primär auf Indizien und Schlussfolgerungen aus bisherigen Geschehnissen. Ob die Simmeringer Bezirkspolitiker mehr wissen als sie sagen, entzieht sich meiner Kenntnis; es ist durchaus möglich, dass sie uninformiert sind und in bestem Glauben handeln. Wirklich sicher ist nur die Einstellung der Linie 71 zwischen St. Marx und Schwarzenbergplatz im Falle des U-Bahn-Baus, denn sonst hätte man die U2 nicht völlig parallel dazu geplant.

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