Von all den Absonderlichkeiten, die sich Österreich gerne leistet, ist die Mohr-im-Hemd-Debatte wohl das eigenwilligste Scheingefecht seit längerem. Das Schattenboxen zwischen jenen, die eine Werbung mit dem Namen einer traditionellen Mehlspeise rassistisch finden und jenen, die die Tradition der Zuckerbäckerei aufrecht erhalten wollen, gehört gerahmt und dann ins Sommerloch geworfen.
Ich meine: wenn ein Land, dessen drei größte demokratische Parteien ohne Zögern einen Mann mit zumindest zweifelhafter politischer Herkunft zum dritten Nationalratspräsidenten wählen, nur Süßspeisen mit politisch korrekten Namen hätte, dann wäre das doch ein krasser Stilbruch.
Nein, jetzt im Ernst: ich weiß schon, dass es einfacher ist, eine Eissorte umzubenennen oder loszuwerden als einen Nationalratspräsidenten abzusetzen oder hetzerische Politiker zur Räson zu bringen, aber die diese Debatte losgetreten haben, sollten schon in sich gehen und sich fragen, ob ihre Prioritäten richtig sind. Das Problem besteht nämlich auch darin, dass beim Diskutieren über politisch korrekte Bezeichnungen für Schlagobers und Schokolade andere, wichtigere Dinge von der Tagesordnung verdrängt werden.
Und natürlich, dass diese Sache die Mehrheit der Bevölkerung aber sowas von nicht kratzt und ihr maximal die Gelegenheit gibt, sich wieder über die weltfremden Gutmenschen lustig machen zu können.
Weil es ja offenbar in Österreich opportun ist, ein Schlechtmensch zu sein.
Ich jedenfalls weigere mich, über den Rassismusgehalt des Mohren im Hemd zu diskutieren, solange dessen Hemd weißer ist als die bräunlich vergilbten Westen vieler Politiker: jener Politiker, die sich dem Rechtsextremismus anbiedern, jener, die Menschen gegeneinander aufhetzen, jener, die Ausländer in Lager stecken wollen, jener, die Morde und Gräueltaten vergangener Regimes leugnen.
Umd die auch nichts tun, um ein politisches Bewusstsein zu schaffen, was demokratische Werte und den Umgang mit Rassismus, Xenophobie, Rechtextremismus und Populismus betrifft. Klar, denn da könnte ja auffallen, welche Methoden in der Politim ohnehin gang und gäbe sind und wie wenig weiß die Westen sind. Jedenfalls ist es nicht nur unverständlich, sondern geradezu ein Armutszeugnis erster Güte, dass es nirgendwo in Österreich ein Museum gibt, das nur annähernd einen Bildungsauftrag wie das Centre Berthelot in Lyon hat. An auszustellemdem Material gäbe es wahrhaftig keinen Mangel.
Und da wollen manche über rassistische Süßspeisennamen sprechen, wo doch nicht einmal ein Konsens darüber zu herrschen scheint, wo Rassismus überhaupt beginnt?
Klaro: der Lebensmittelkonzern, der da ins Gerede gekommen ist, sollte seine Werbeagentur möglichst schnell feuern. Aber nicht wegen Rassismus, sondern wegen der Unfähigkeit, sensible Begriffe als solche zu erkennen.
Eine Politik, die kein Interesse daran hat, über entsprechende Bildung eine Sensibilität für demokratische und humane Werte aufzubauen, gehört selbstverständlich genauso gefeuert.
Wenn die Kronenzeitung auf dem Titelblatt stolz verkündet: "62% für schärfere Asylbestimmungen", dann sehe ich die Chance gering, dass solche Regierungen in absehbarer Zeit gefeuert wird.
In solchen Momenten frage ich mich: Gibt es sowas wie eine moralische Verpflichtung zur politischen Aufklärung oder können wir in einer Demokratie nur hilflos zuschauen, wie die Bevölkerungsmehrheit schleichend den Faschismus herbeiwählt?
Parteien, die den Kampf gegen den Faschismus auf ihre Fahnen geschrieben haben, sind auf jeden Fall dabei zu versagen.
Und als überzeugter Demokrat würde ich gerne wieder einmal Thurnher/Cato zitieren...