Rote Ampeln

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Grünpolitiker Christoph Chorherr schreibt einen Artikel über Radfahrer und rote Ampeln, und im Eifer des sehr emotionalen Gefechts übersieht er, dass er zum Teil ziemlich eigenartige Dinge von sich gibt.

Ausgangspunkt war wohl die immer wieder gehörte Beschwerde, dass Radfahrer rote Ampeln einfach ignorieren. Chorherr führt nun aus, dass Einbahnen, Stoppschilder und Ampeln der menschlichen Natur grundsätzich widersprechen, was ja auch richtig ist:

Es ist ... erstaunlich, wie es auch grossen Menschenmassen, in Fussgängerzonen, auf Flug- oder Bahnhöfen, geradezu spielerisch gelingt sich individuell zu bewegen, auszuweichen, sich einzuordnen, ohne dass dafür technische Hilfsmittel notwendig wären. ... Auch wenn in Venedig in den Sommermonaten sich Abertausende bewegen, zurecht ist noch niemand auf die Idee gekommen, Einbahnen einzuführen oder Ampeln zu errichten. ... Wo der homo sapiens sapiens lebt, haben Ampeln, Einbahnen und Stopschilder nichts verloren.
Chorherr hat auch recht, wenn er sagt, dass sich duch regelmäßiges Verwenden von Autos Persönlichkeit und Verhaltensweisen von Menschen radikal verändern und diese quasi zu einer Spezies "Homo autofahriensis" mit hohem Aggresionspotenzial und hoher Risikobereitschaft mutieren. So weit, so richtig. Doch dann verliert Chorherr den Überblick über seine Argumentation und verbreitet, gelinde gesagt, Blödsinn.
Man traut "dem Menschen" zu sich frei und selbstbestimmt zu bewegen. ... Radler entäussern sich nicht ihrer Spezies als sapiens sapiens, wenn sie auf den Sattel steigen. Und empfinden Ampeln, Stopschilder, als, sagen wir es zurückhaltend, schlichte Empfehlungen. Es ist unausweichlich: Trifft eine rote Ampel auf einen Fußgänger oder einen Radfahrer, liegt es schlicht im Wesen letzterer, ihre Selbstbestimmung und ihr humanes Orientierungsverhalten nicht aufzugeben. Das potenziert natürlich die Aggression jener Wesen hinter dem Lenkrad, die ... ein Rot als unerbittlichen Befehl hinnehmen.

Ja, stimmt schon. Teilweise. Aber dieser Text enthält einen gefährlichen Kern, denn Chorherr sagt damit nichts anderes, als dass es ein Zeichen von Intelligenz ist, an roten Ampeln nicht stehenzubleiben, sondern sich "frei und selbstbestimmt" zu bewegen. Anders gesagt: Autofahrer sind Trotteln, weil sie an roten Ampeln stehen bleiben. Im Umkehrschluss wären also jene Autofahrer, die rote Ampeln nur als "schlichte Empfehlungen" wahrnehmen, deutlich intelligenter als jene, die sich an diese halten.

Kurz gesagt, Chorherr fordert mit dieser sehr eigenwilligen Argumentation nichts Geringeres als "freie Fahrt für freie Bürger". Ich denke nicht, dass er das wollte. Ob er sich bewusst ist, wie angreifbar seine Argumentation ist?

Statt über die Perversion des Autoverkehrs an sich zu sprechen, nimmt er einzelne Elemente eines Systems, das als Ganzes in Frage gestellt werden sollte, heraus und stellt deren Akzeptieren oder Nicht-Akzeptieren als Zeichen von Intelligenz dar, wobei das Nicht-Akzeptieren als begrüßenswerter "ziviler Ungehorsam" vermittelt wird, da sich dadurch die Selbstbestimmtheit des Individuums äußere.

Allerdings liegen Selbstbestimmtheit und Egoismus nur knapp nebeneinander, und wenn jeder in einer Gesellschaft auf seine Selbstbestimmtheit pocht, dann handelt es sich auch nicht um eine Gesellschaft, sondern um ein Kollektiv egoistischer Individuen. Das aber nur nebenbei.

Die Sache mit den Verkehrsregeln und den roten Ampeln spielt sich, und das übersieht Chorherr geflissentlich, innerhalb eines Systems ab, und es ist nicht so, dass Ampelignorierer intelligenter sind als Ampelbefolger sind. Beide sind Dummköpfe, und zwar weil sie ein an sich menschenverachtendes System (das der autoverkehrbasierten Gesellschaft) einfach als gegeben betrachten. Wenn ich, egal ob als Radfahrer oder Autofahrer, auf meine Selbstbestimmtheit poche und rote Ampeln ignoriere, finde ich mich möglicherweise im Krankenhaus wieder, habe an dem System insgesamt aber rein gar nichts verändert. Im Gegenteil, ich liefere jenen Argumente, die die Stadt weiter verampeln wollen.

Menschengerechten Verkehr erreicht man nicht durch Nichtbefolgen der Regeln des Systems, auch nicht durch Verändern der Regeln des Systems, sondern durch das Verändern des Systems an sich. Wie Chorherr richtig sagt: in Venedig werden keine Ampeln gebraucht. Das heißt aber nicht, dass wir in Wien die Ampeln abschaffen oder ignorieren sollen. Das heißt ganz im Gegenteil, dass wir Wien so verändern müssen, dass man auch dort immer weniger Ampeln braucht, weil man auch immer weniger Autos braucht.

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In Wien werden Autos so gut wie gar nicht gebraucht. (OK, es gibt strecken, die sind mit dem Auto in einem Viertel der Zeit zu fahren als öffentlich, weil es keine anständigen Direktverbindungen gibt, wie zum Beispiel mein Arbeitsweg, aber abgesehen davon...) Trotzdem sind die Straßen voll. Wie willst du das Ziel des Autoverzichts erreichen? Ich fürchte, das geht nur, indem Öffis, Radfahrer und Fußgänger konsequent bevorrangt behandelt werden, die besseren - durchgängigen Verkehrsflächen bekommen (Radfahren in Wien ist immer noch ein Schlangenlauf mit hoher Lebensgefahr). So eine Politik sehe ich aber gerade in Wien nicht. Hier bleibt die Tram immer noch im Stau stecken, bzw. werden Linien eingestellt oder mehr schlecht als recht durch U-Bahnen ersetzt (U2-Verlängerung bei gleichzeitiger Einstellung des 21ers ist nur das jüngste, traurige Beispiel.

Ampeln ignorieren kann nicht die Antwort sein. Rollerskate-Demos haben auch nichts bewirkt. Was können wir noch tun?

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