Piraterie ist nicht Diebstahl

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Ein weiterer Beitrag zum Thema Urheberrecht und Musikindustrie: schon vor mehr als einem Monat hat Stephanie Booth auf ihrem Weblog einen Artikel veröffentlicht, in dem sie versucht, die Mythen rund um Filesharing und Piraterie zu widerlegen: "Pirater n'est pas voler, en sept mythes"

Wie am Titel zu erkennen ist, ist der Artikel leider in französischer Sprache verfasst. Da er einige interessante Ansätze enthält, möchte ich hier die Kernpunkte kurz auf Deutsch zusammenfassen. Zum Schluss gibt es dann noch ein bisschen Senf von mir dazu.

Booth will mit sieben Mythen aufräumen, die sich um Softwaredownloads und File-Sharing ranken, und will so nachweisen, warum File-Sharing weder ein moralisches Vergehen darstellt noch den Künstlern einen Schaden zufügt.

Mythos 1: "Piraterie ist Diebstahl"

Booth kritisiert hier primär die verwendete Terminologie. Bei Diebstahl werde jemandem etwas entwendet, das er danach nicht mehr besitzt, wohingegen beim File-Sharing zusätzliche Kopien in Umlauf gebracht werden; die einzige Parallele bestünde darin, dass man zwar in Besitz von etwas kommt, das einem gesetzlich nicht als Eigentum zusteht, der eigentliche Eigentümer hat es aber auch weiterhin in Besitz. [1] Auch in Bezug auf die Zugänglichkeit zum Medium bestünde ein Unterschied: bei Ladendiebstahl etwa würde ein Objekt aus der Erreichbarkeit der Kunden dauerhaft entfernt, sodass sie nicht mehr kaufen können, worauf sie Anspruch hätten; File-Sharing hingegen verkehrt sogar diesen Zustand, indem Personen etwas bekommen, worauf sie eigentlich keinen Anspruch haben. Der Begriff "Diebstahl" ginge somit gänzlich am Sachverhalt vorbei.

Mythos 2: Jeder illegale Download entspricht einer legal verkauften Kopie weniger

Auch diese Behauptung sei nicht zu halten. Jugendliche laden Musik und Filme zwar massenweise herunter, aber solle man ernsthaft annehmen, sie hätten sich die legalen Kopien derselben tatsächlich im gleichen Ausmaß leisten können? [2] Booth zitiert in diesem Zusammenhang David Weinberger, der von einer Lehrerin erzählt, die keine illegalen Kopien von Seiten seines Buches anfertigen wollte und es daher im Unterricht nicht verwenden konnte, da sich die Schüler die Buchausgabe nicht leisten konnten. Weinberger stellt fest, dass die Aktion sinnlos war: da niemand sich das Buch leisten konnte, hätte es keinen Unterschied gemacht, ob Kopien angefertigt worden wären oder nicht, denn es wäre kein einziges Buchexemplar mehr verkauft worden; so ist allerdings auch sein Wissen unverwendet geblieben, eine Lose-lose-Situation für alle Beteiligten. [3]

Booth sagt, des Künstlers größtes Problem seien nicht illegale Kopien, sondern das Gegenteil davon: mangelnde Bekanntheit durch zu wenig Öffentlichkeit. File-Sharing böte die Chance, Musik und Texte weiter zu verbreiten als dies bisher möglich war. Somit wäre File-Sharing eher eine Chance, aufgrund des dadurch wachsenden Bekanntheitsgrades mehr CDs zu verkaufen, also das Gegenteil dessen, was die Musikindustrie behaupte.

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Mythos 3: Künstler sind Menschen, die CDs verkaufen

Falsch, sagt Booth, es sind Plattenfirmen, die das tun. Vor vielen Jahren seien die von der Plattenindustrie hergestellten Tonträger die praktischste Möglichkeit gewesen, Musik zu verbreiten, heute seien physische Tonträger aber am Ende ihres Lebenszyklus angekommen; das Internet sei inzwischen ein wesentlich praktischeres Distributionsmedium, um bekannt zu werden. [4]

Künstler, die sich auf die geänderten Bedingungen einstellten, würden zwar weniger CDs verkaufen, hätten aber sonst kaum Einbußen und (siehe oben) sogar einen größeren Bekanntheitsgrad zu verbuchen. Künstler verlören nur dann, wenn diese an Plattenfirmen gebunden seien, die am alten System festhielten. Die Schuld läge aber nicht bei den Künstlern, sondern eben bei der Musikindustrie -- und diese sei es auch, die tatsächliche finanzielle Einbußen zu tragen hätte, aber primär deshalb, weil sie ein Produkt verkaufe, das mehr und mehr obsolet wird.

Mythos 4: Die Verkaufszahlen von CDs sinken wegen der Downloads

Wahrscheinlicher, so Booth, sei, dass die Verkaufszahlen von CDs sinken, weil diese seit einigen Jahren in scharfer Konkurrenz zu vielen anderen neuen Unterhaltungsmedien stünden, die es in diesem Ausmaß zuvor nicht gegeben hat: DVDs, Videospiele, Internetanschluss, Handy, Konzerte, Kino, etc. Da die Konsumenten insgesamt nicht wirklich mehr Geld zur Verfügung haben, würde das Budget eben anders verteilt, und so bliebe einfach weniger Geld für CDs übrig.

Dazu kommt, dass CD-Player weitgehend von MP3-Playern abgelöst werden. Angesichts der Wahl zwischen 12 Titeln auf einer CD und tausenden auf einem iPod stelle sich die Frage, wie attraktiv die CD als Medium noch ist; ganz abgesehen davon, dass die Musikindustrie die CD-Preise nach wie vor künstlich auf einem völlig überhöhtem Niveau festhalte.

Wenn es einen Grund gebe, warum die CD mehr und mehr Kunden verliere, dann sei das, so Booth, primär deshalb, weil die Musikindustrie an einem nicht mehr zeitgemäßen Vertriebsmodell festhalte, als ob es das einzig mögliche wäre.

Mythos 5: Wir sind alle Kriminelle

Das sei wohl etwas übertrieben, denn nicht jeder Gesetzesverstoß sei von gleicher Schwere. Speziell im Fall des File-Sharings stelle sich die Frage, wie adäquat sie im Vergleich zu anderen strafbaren Taten bemessen sei.

Mythos 6: Man kann eine Idee besitzen

Schon Thomas Jefferson habe darauf hingewiesen, dass eine Idee, einmal in Umlauf gebracht, nicht mehr zurückgenommen werden und von dem, der sie aufgenommen hat, auch nicht mehr vergessen werden kann. Auch das Urheberrecht beschränkt sich darauf, Ausformungen der Idee zu schützen, die Idee selbst entziehe sich ihm jedoch. [5]

Es sei daher konsequent, so Booth, Ideen, die ohnehin nicht fassbar sind, gleich zur Verbreitung freizugeben. Es ginge dabei keineswegs um die Aufgabe der Autorenrechte, sondern die Frage, wie zeitgemäß es sei, eine nicht kontrollierbare Verbreitung kontrollieren zu wollen und an der Verbreitung zu verdienen. Es gäbe nämlich durchaus Berufe, in denen die Weitergabe intellektuellen Eigentums auf andere Weise abgegolten werde: man denke an Schauspieler, Vortragende, Lehrer, Pädagogen, Ärzte, Anwälte, Architekten usw.

Mythos 7: Der Weltuntergang kommt! Hilfe!

Kaum, sagt Booth, denn auch als Tonträger erfunden wurden, gingen Leute nach wie vor in Konzerte, Filme haben Theaterbesuche nicht ersetzt, Videorekorder nicht den Fernseher. Es käme bei jeder Medienrevolution vielmehr darauf an, richtig zu reagieren.

Bei jedem der sieben Punkte stelle sich heraus, dass es nicht die Künstler seien, die hier unter Druck stünden und auch nicht die Werke, die diese schaffen; was offensichtlich werde, sei, dass hier ein wirtschaftlicher Sektor obsolet werde und zusammenbreche; die Firmen, die darin involviert sind, suchen ihr Heil in zunehmender Verschärfung der Urheberrechtsgesetzgebung. Zu allem Unglück seien die politischen Entscheidungsträger erschreckend unbedarft, was die Internetkultur betrifft, und würden daher Gesetze beschließen, deren Konsequenzen sie gar nicht einschätzen können, sagt Booth; sie versteht ihren Artikel auch als Beitrag, das Wissen der Allgemeinheit zu diesem Thema zu erweitern.

Der Artikel ist in voller Länge in französischer Sprache unter http://climbtothestars.org/archives/2009/06/06/pirater-nest-pas-voler-en-sept-mythes/ abrufbar.

Meine Fußnoten:

[1] Man könnte überspitzt sagen, es handelt sich dabei um eine beinahe anarchische Form der Umverteilung, weil wirklich alle jederzeit das Werk nutzen können. Was hier allerdings sehr wohl gestohlen wird, ist das Monopol des Anbieters und auch dessen Möglichkeit, einen Preis für die Ware festsetzen zu können.

[2] Betrachtet man etwa die Profile diverser User auf der Online-Plattform rateyourmusic.com, so fällt auf, dass viele der dort registrierten Teenager eine erstaunlich große Musiksammlung von mehreren tausend (digitalen) Alben besitzen. Es wäre völlig irreal, anzunehmen, diese Teenager hätten sich auch nur einen Bruchteil dieser Musik legal kaufen können. (Interessanterweise kommt hier wieder der von mir gestern besprochene Konsumierwahnsinn zum Ausdruck, denn wenn ein Teenager das Gefühl hat, das Äquivalent von 5000 CDs besitzen zu müssen, dann weist das schon auf eine Entwicklung hin, wie sie von Chomsky beschrieben wird. Spannend, dass sich die Wirtschaft hier selbst das Wasser abgräbt, wenn sie so überzogene Bedürfnisse erzeugt, dass diese nur durch illegale Aktionen zu befriedigen sind.)

[3] Bedrückend ist bei diesem Zusammenhang, wie die Urheberrechte in diesem Fall nicht die Rechte des Autors schützen, sondern vielmehr all jene vom Wissen isolieren, die es sich nicht leisten können, den Zugang dazu zu erkaufen (siehe dazu auch weiter unten). Gerade im Zusammenhang mit Informationszugang ist dieses Phänomen häufig zu beobachten, und wenn ein Zugang für die Allgemeinheit noch möglich ist, dann ist das oft nur den Bibliotheken zu verdanken, die als Wissensvermittler hier eine Brücke darstellen -- wobei gerade in den USA Bemühungen existieren, den Bibliotheken diese Rechte einzuschränken. So absurd das klingt, aber das Verborgen von Büchern durch eine Bibliothek wäre dann illegal (es ist auch in Österreich nur aufgrund eines Ausnahme-Paragraphen im Urheberrechtsgesetz erlaubt).

[4] Siehe dazu auch meinen Blog-Artikel von letzter Woche, als ich über neue Distributionswege von Musikern im Eigenverlag wie z.B. CASH Music schrieb.

[5] Patente und Interventionen wie im kürzlich beschriebenen Klingeltonprozess stellen da einen verzweifelten Versuch dar, die Kontrolle über Ideen zu behalten, aber während Patente zwar das Nachahmen verbieten, bleibt das Wissen um den Prozess nach wie vor außer der Kontrolle des Patentinhabers, genauso wie jeder "Happy Birthday" kennt, auch wenn es in der Öffentlichkeit nicht gesungen werden darf.

...und noch ein wenig Senf dazu:

Der Wert von Stephanie Booths Artikel besteht vor allem darin, die wesentlichen Argumente, warum File-Sharing den Künstlern nicht unbedingt in dem Ausmaß schaden muss, wie das die Musikindustrie behauptet, gut und schlüssig zusammenzufassen. Wichtig ist es, denke ich, festzuhalten, dass nicht die Musik in der Krise ist und auch nicht die Künstler, sondern das Vertriebsmodell, das seit vielen Jahrzehnten existiert hat und die Industrie, die daran festhält.

Ein Punkt, der in der Tat zu diskutieren ist, ist in wie weit die Urheberrechtsgesetze tatsächlich noch ihren Sinn erfüllen und inwieweit der Schutz des Vertriebsweges im derzeitigen Ausmaß zielführend ist. Auch aus der Bibliothekspraxis heraus erscheint es oft, als ginge es nicht darum, die Rechte des Urhebers schützen, sondern vielmehr darum, den Zugang zu Werken und Informationen einzuschränken (siehe auch Fußnote 3). Anstatt Inhalte zu verbreiten, scheinen es mehr und mehr Verlage als ihre Aufgabe zu sehen, als Zugangskontrolle zu fungieren. Abonnementpreise und Lizenzgebühren steigen in astronomische Höhen, mehr und mehr Benutzer werden von Werken ausgesperrt. Kein Wunder, dass mehr und mehr Bibliotheken versuchen, sich aus diesem Korsett zu lösen und Open Access-Strukturen aufzubauen. Parallelen zur Musikindustrie sind da durchaus erkennbar; es sieht so aus, als könnte auch hier ein alternatives und noch dazu völlig legales Distributionssystem entstehen, das dem etablierten System ziemlich zusetzen könnte.

Kurzer Gedanke noch zum Schluss: Mein Artikel hier ist mehr oder weniger eine Kopie von Stephanies Artikel, die ich weiterverbreite. Bin ich ein Pirat? Habe ich Stephanie dadurch bestohlen? Nehme ich ihrem Blog damit Leser weg? Wem gehört jetzt Stephanies Idee -- immer noch ihr, oder mir auch, oder gar Ihnen, lieber Leser, auch noch? Und: ist das eine zulässige Analogie?

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