Bürgernähe am Beispiel der Straßenbahn

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Es war vor einem Jahr. Da beschlossen die Wiener Linien völlig unerwartet, ihren Fahrgästen etwas Gutes zu tun und die Straßenbahnlinien am Ring neu zu organisieren. Durch Zusammenlegung und Verlängerung von mehreren Linien sollten lästige Umsteigezwänge wegfallen und Fahrzeiten deutlich verkürzt werden. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen wurden von den vier geplanten Linien nur zwei umgesetzt, die Umbenennung der Linie D in 3 und die Verlängerung der Linie 71 mit gleichzeitiger Umbenennung in 4 sollte im April dieses Jahres stattfinden.

Die Umstellung der Linien 1 und 2 war ein voller Erfolg: die Fahrgastzahlen stiegen derart, dass es zeitweise zu Überlastungen kam. Den Linien 3 und 4 geht es hingegen nicht so gut.

Beide siond nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Im 9. und 19. Bezirk sammelte die ÖVP eifrig Unterschriften gegen die Umbenennung der Linie D (weil das ja auch wirllich brennend wichtig ist). Soll sein, wenn sie dann besser schlafen können, denn eigentlich ist es ziemlich egal, ob die Linie D nun D oder 3 heißt. Was sich hingegen die SPÖ Simmering rund um das Nichtzustandekommen der Linie 4 geleistet hat, ist ein Fiasko, und ein gutes Beispiel, was Politiker unter Bürgernähe verstehen und wie weit diese von den Bürgern entfernt ist.

Die Linie 71 endet seit jeher am Schwarzenbergplatz. Das ist zwar an der Ringstraße, aber es ist auch städtisches Niemandsland; soll heißen, die Merheit der Fahrgäste, und die Linie 71 ist eine dichtbefahrene Linie mit vielen Fahrgästen, muss hier umsteigen.

Viele der Fahrgäste wollen zur U-Bahn. Diese ist genau eine Station entfernt. Umsteigen für eine Station mit einem Zeitverlust von gut 5 Minuten ist wohl der Inbegriff von Ineffizienz.

Schon in den 1980er Jahren war geplant, die Linie 71 zur U-Bahn-Station Karlsplatz zu verlängern, doch kam es nie dazu.

Der aktuelle Plan mit der Linie 4 ging noch weiter, denn als Linie 4 sollte die Linie 71 bis zur Börse verlängert und damit noch wesentlich besser ans Stadtzentrum angebunden werden.

Dann legten sich Bezirkspolitiker quer. Um die Verlängerung zu ermöglichen, sollte das Intervall von 5 auf 6 Minuten gedehnt werden. Also ein Wegfallen von 5 Minuten Umsteigezeit gegen eventuell eine Minute längere Wartezeit.

Die Bezirkspolitiker fanden das unzumutbar. Klar, weil sie selbst nie im Regen am Schwarzenbergplatz stehen und sinnloserweise auf die Anschlussstraßenbahn warten müssen.

Die präsentierten Argumente waren zum Teil bizarr: so wurde unter dem Motto "Rettet den 71er" ein Straßenfest organisiert, bei dem die Bezirksidentität beschworen und sehr schwache Argumente vorgebracht wurden. Eine schlechte Verkehrsverbindung wurde als schützenswert bezeichnet, ein Liniensignal als wichtiger dargestellt als das Wegfallen eines sinnlosen Umsteigezwangs.

Die Gründe sind nicht nachvollziehbar. Die Wiener Linien haben angeboten, das Liniensignal 71 nicht zu ändern. Der Bezirk lehnte ab. Es wurde vorgeschlagen, nur jeden zweiten Zug zur Börse zu führen, um das Intervall nicht dehnen zu müssen. Der Bezirk lehnte ab. Seit Monaten wird verhandelt, aber mehr und mehr wird erkennbat, dass die Bezirkspolitiker, offenbar aus reinem Justament-Standpunkt, einfach keine bessere Verkehrsanbindung ihres Bezirks wollen.

Dass solche Dinge dann mit Straßenfesten als Bürgernähe zelebriert werden, ist eine Verhöhnung erster Güte für die tausenden Fahrgäste (und Bezirksbewohner), die von diesen Politikern täglich dazu gezwungen werden, sinnlos am Schwarzenbergplatz herumzustehen.

5 Comments

Zumindest bei mir hat der Link von "auf unbestimmte Zeit verschoben" eine merkwürdige Auswirkung: Ich komme auf eine Seite mit südostasiatischen Schriftzeichen, die koreanisch sein könnten, aber sicher bin ich mir da nicht...

Hihi!
Jetzt funktioniert der Link, aber dafür bringt der "neu zu organisieren" einen 404.

Ach ja, und ich habe an die SPÖ-Wien und an die Grünen gemailt, dass sie was gegen die Schildbürgereien der Bezirksobfrau was tun sollen. Mal sehen...

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