Die Politik des Logischen Empirismus.

Der Verein Ernst Mach und die Gesellschaft für empirische/wissenschaftliche Philosophie


Projekt des Wissenschaftsfonds (FWF) – P24306
Projektleiter: Dr. Günther Sandner, Institut Wiener Kreis, Universität Wien

 

 

Über das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher und/oder philosophischer Programmatik und politischem Engagement wurde immer wieder diskutiert. Sind bestimmte politische Haltungen wissenschaftlichen Ansätzen inhärent oder besteht zwischen Wissenschaft und Politik eine kontingente Beziehung? Können auch einander widersprechende politische Haltungen aus denselben wissenschaftlichen Programmen resultieren? Besonders im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus ist schon mehrfach darüber gestritten worden, ob pro-nazistische Aussagen und Haltungen bestimmter Philosophen oder Wissenschaftler eine zwingende Konsequenz ihrer wissenschaftlichen Arbeit oder philosophischen Reflexionen sind oder ob politische Fragen getrennt von Wissenschaft und Philosophie betrachtet werden müssen (siehe dazu die Debatten um Martin Heidegger). Der Logische Empirismus (LE) ist aus mehreren Gründen ein ergiebiges Beispiel für dieses prekäre Verhältnis. Erstens wurden logisch-empiristische (oder neopositivistische) Ansätze von ihren Gegnern immer wieder als szientistische Projekte ohne politischen Anspruch oder, noch schlimmer, als affirmative politische Philosophie bezeichnet, die  der Erhaltung des Status Quo dient. Trotz historischer und empirischer Evidenz, die diesen Vorbehalten widerspricht, existiert dieses negative Image des Logischen Empirismus auch heute noch. Zweitens unterschieden sich die Vertreter des LE in politischer Hinsicht beträchtlich. Trotz ihrer gemeinsamen Orientierung an einer aufgeklärten, antimetaphysischen, empiristischen und wissenschaftlichen neuen Philosophie reichten die politischen Haltungen logischer Empiristen von einem eher unpolitischen Liberalismus bis zu einem militanten Marxismus. Drittens diskutierten manche der Logischen Empiristen selbst offen die Frage, ob es so etwas wie eine politische Agenda ihrer wissenschaftlichen Arbeit geben könne oder solle. Diese Reflexionen führten wiederum zu gegensätzlichen Ergebnissen: Während manche Vertreter des LE politische und wissenschaftliche Fragen voneinander trennen wollten und den nicht kognitiven Charakter von Moral und Politik betonten, sahen andere eine enge Verbindung des revolutionären Geistes, wie er im Manifest über die „Wissenschaftliche Weltauffassung“ zum Ausdruck kam, und kulturellen und politischen Entwicklungen, die zu sozialer Reform und rationaler Planung führten. Viertens stimmten die meisten Logischen Empiristen  darin überein, dass Wissenschaft keine rein elitäre Angelegenheit sein sollte und traten für eine intensive Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein. In diesem politischen und intellektuellen Kontext wurden in den Jahren 1927 und 1928 die „Gesellschaft für empirische/wissenschaftlichen Philosophie“ in Berlin und der „Verein Ernst Mach“ in Wien von oder mit der Hilfe von führenden Repräsentanten des LE gegründet.

 

Das Forschungsprojekt kontextualisiert, analysiert und  diskutiert kritisch die intellektuellen und wissenschaftliche Aktivitäten der beiden Vereine und ihrer führenden Repräsentanten, zu denen unter anderen Moritz Schlick, Philipp Frank, Hans Hahn, Otto Neurath, Hans Reichenbach, Kurt Grelling, Walter Dubislav und Alexander Herzberg zählen.

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