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Vortrags- & Workshopreihe

 

Transformationen des Politischen
Aktuelle Beiträge im Spannungsfeld von Politischer Philosophie, Sozialphilosophie und Sprachphilosophie

Transformations of the Political Recent Research in the Interplay between Political Philosophy, Social Philosophy and Philosophy of Language

Konzeption & Organisation:
Gerald Posselt & Matthias Flatscher

 
   
Institut für Philosophie
 Universitätsstraße 7 (NIG)
1010 Wien
 
   

Mit Unterstützung der

 
   
   
   
   
   
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   


  

Abstracts

Workshop
Recht und Gewalt
Christoph Menke: Recht und Gewalt. Berlin: August 2011 (2. Aufl. 2012)

Donnerstag, 24. Oktober 2013 | 09.30–17.00 Uhr | Hs 2H, NIG

 

Thomas Assinger: Das Recht des Nichtrechtlichen. Politische Möglichkeiten im "Recht wider Willen"

Die Durchsetzung politischer Gleichheit wird in Christoph Menkes "Recht und Gewalt" (2011) als gleichursprünglich mit der Einsetzung des Rechts als Gerechtigkeitsform, welche diejenige der Rache ablöst, beschrieben. Die Einsetzung des Rechts geht einher mit der Stiftung politischer Beziehungen zwischen Freien und Gleichen; das Recht gilt aber nicht außerhalb des politischen Gemeinwesens gleicher Bürger. Mit der Instituierung einer Rechtsgemeinschaft als politischer Gemeinschaft entsteht mithin gleichzeitig ihr Anderes: ein Bereich des Nichtrechtlichen, ein Außerrechtliches, ein Ungleiches. Genau auf diesen Bereich des Außerrechtlichen, dessen Unterschied im selbstreflexiven Recht selbst vollzogen wird, richtet sich das Interesse meines Impulsreferats. Inwiefern können Ansprüche eines Außerrechtlichen oder Nichtrechtlichen im selbstreflexiven Recht geltend gemacht werden? Ich möchte die in politischer Theoriebildung heute gängige Differenzierung von Politik und Politischem hierbei aufgreifen, um danach zu fragen, ob und wie im Verhältnis von Recht und seinem Anderen, wie es Menke am Ende von "Recht und Gewalt" fasst, Möglichkeiten politisch-emanzipativer Handlungsmacht liegen.

 

Hanna Hamel: "Und die Literatur"? Reflexionen des Rechts im Spiegel der Kunst in "Recht und Gewalt"

Das Impulsreferat stellt am Beispiel der Rolle der Tragödie bzw. der dramatischen Texte in "Recht und Gewalt" die Frage nach der Position der Kunst in den rechtsphilosophischen Überlegungen von Christoph Menke. Der Literatur und insbesondere der Tragödie wird  hier – weit davon entfernt austauschbares Beispiel in einer Argumentation zu sein – selbst reflexive Kraft zugesprochen, die sie "durch ihre Form" hat. Im Referat sollen die ästhetiktheoretischen Grundannahmen skizziert werden, die es erlauben, Kunst als Gesprächspartnerin der (Rechts-)Philosophie einzuführen, sowie die Frage nach der historischen Parallelität der Entwicklung der Rechtsform und deren künstlerischer Reflexion gestellt werden.

 

Christoph Hanisch: Praktische Subjektivität und Handlungsvermögen. Bemerkungen zu Menke und Korsgaard

In seiner erhellenden Analyse des zeitgenössischen Menschenrechtsbegriffs misst Christoph Menke der modernen Konzeption von Subjektivität große Bedeutung zu (vgl. insbes. die Abschnitte 4-6 von Menkes „Von der Würde des Menschen zur Menschenwürde: Das Subjekt der Menschenrechte“) Praktische Subjektivität und das Vermögen uns als handelnde, normengeleitete, Individuen zu verstehen, werden als die zentrale normative Begründungsbasis und Inhaltsbestimmung für individuelle und subjektive Freiheitsrechte aufgefasst. So schreibt Menke an zentraler Stelle: „Menschenrechte sollen gewährleisten, dass ich mich in jeder Hinsicht, in jedem Bereich meines Lebens, meiner Praxis als Subjekt erhalten kann; sie dienen der Selbsterhaltung von Subjektivität.“ (19)
Die Ideen der individuellen Selbstkonstituierung und unserer praktischen Identitäten qua handelnder Personen sind es auch, die in Christine Korsgaards neo-kantianischer Theorie normativer Maßstäbe und moralischer Verpflichtungen eine fundamentale Stellung einnehmen (vgl. Korsgaard: Self-Constitution: Agency, Identity, and Integrity. Oxford UP 2009.) In meinem Beitrag möchte ich Korsgaards und Menkes Konzeptionen praktischer Subjektivität vergleichen und verschränken. Beide Theorien scheinen ähnlichen Einwänden ausgesetzt zu sein, aber beide können von der jeweils anderen, in der Beantwortung dieser Einwände, profitieren. Die argumentative Kraft beider Ansätze scheint in einer vielversprechenden „transzendentalen“ Argumentationsstrategie zu wurzeln, welche ich genauer rekonstruieren möchte.
Ich schließe jedoch mit der Diskussion eines Kritikpunktes, den sowohl Korsgaard als auch Menke noch nicht zufriedenstellend entkräften konnten. Es geht um den Einwand, dass genuin egalitäre Normen und Prinzipien, die uns auf wechselseitig anerkannten gleichen Respekt und Rücksichtnahme verpflichten, nicht notwendigerweise aus der abstrakten Idee individueller Selbst- und Subjektivitätskonstituierung folgen. Ich plädiere für ein bescheideneres Programm: Es sind maximal wechselseitig anerkannte Normen praktischer Rationalität, die minimale externe Handlungsräume garantieren, welche aus der Idee der unentrinnbaren Herausforderung unserer Selbstkonstituierung folgen. Um anspruchsvolle egalitäre Normen (moralische wie politische) zu begründen, scheint mehr an argumentativen Ressourcen notwendig zu sein, als selbst die moderne Konzeptionen von Individualität und Subjektivität zur Verfügung stellen können.

 

Claudia Mayer: Zum Verhältnis von Recht und Gewalt

Christoph Menke beschreibt in „Recht und Gewalt“ das Schicksal des Rechts als ein paradoxes. Demgemäß skizziert er die „Tragödienerfahrung“ des Rechts als einen Übergang von der Herrschaft der Gerechtigkeit der Rache zur Herrschaft des (autonomen) Rechts, das Gewaltüberwindung sein will, diese aber nur mittels Gewaltanwendung erreichen kann. Ausgehend von dieser zentralen Behauptung Menkes problematisiert mein Vortrag das Verhältnis von Recht und Gewalt, wobei beide Prämissen Menkes, die zur These der Paradoxie von Recht und Gewalt führen, kritisch zu hinterfragen sind. Dabei wird einerseits der in der Tradition Kants stehende Rechtsbegriff bei Menke problematisiert, zumal er die inhaltliche Dimension des Rechts außer Acht lässt (Selbsterhaltung ist nicht der „einzige Zweck des Rechts“, S. 53). Zum anderen wird zu hinterfragen sein, ob die Prämisse vom Recht als Gegenteil der Gewalt in der von Menke vertretenen Form beibehalten werden kann oder ob ein anderes Verständnis von Recht der Verfasstheit moderner Rechtssysteme nicht eher zu entsprechen vermag, wonach das Gewaltmonopol moderner Rechtsordnungen für einen Schutz vor willkürlicher Gewalt sorgt, ohne dass Recht Gewalt an sich negieren wollte.

 

Sergej Seitz: Die Selbstreflexion des Rechts und die Transzendenz der Gerechtigkeit

Der Beitrag versucht, die Rechtsutopie, die Christoph Menke am Ende von "Recht und Gewalt" mit Bezug auf Heiner Müllers Stück "Wolokolamsker Chaussee I" formuliert, kritisch in den Blick zu nehmen. Nach einer Rekonstruktion der wesentlichen Argumentationsschritte, in denen Menke unter Berufung auf die antike Tragödie und Walter Benjamins "Kritik der Gewalt" den konstitutiven Gewaltcharakter des Rechts und die Möglichkeit seiner Entsetzung aufweist, wird nach dem Gerechtigkeitsverständnis gefragt, das Menkes Position impliziert. In Auseinandersetzung mit Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie", die als Antipode des Müller'schen Stücks präsentiert wird, stellt der Beitrag die Frage, inwiefern Menkes "Utopie der gleichen Möglichkeit" durch eine Konzeption transzendenter Gerechtigkeit supplementiert werden müsste. 

last updated 20.10.2013