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BA/MA-SE Theorien sprachlicher Gewalt: Zum Verhältnis von Sprache und Gewalt bei Derrida, Butler, Levinas | SS 2013

 

 

Inhalt

"Das gesprochene Wort ist mit Sicherheit die erste Niederlage der Gewalt, paradoxerweise existiert die Gewalt aber nicht vor der Möglichkeit der Rede." (Derrida)


Obwohl im Zuge des linguistic turn Sprache zum zentralen Gegenstand der Philosophie des 20. Jahrhunderts avancierte und spätestens seit den 1960er Jahren (wenn man von Benjamins Kritik der Gewalt absieht) das Problem der Gewalt im Mittelpunkt verschiedenster theoretischer Anstrengungen stand, blieb die Frage nach dem gegenseitigen Bedingungsverhältnis von Sprache und Gewalt bis zum Ende des 20. Jh. weitgehend ausgespart. Entweder wurde das Verhältnis von Sprache und Gewalt als ein rein äußerliches oder als das eines strengen Gegensatzes betrachtet: Demnach beginnt Gewalt dort, wo das Sprechen verstummt, während sich menschliches Handeln vor allem durch Sprechen vollzieht (Arendt). Wenn Sprache dennoch gewaltsam ist, so insofern sie an einer vorgängigen Gewalt parasitär partizipiert oder die Grundlagen verständigungsorientierten Handelns durch zweckrationale Prozesse unterminiert werden (Habermas).
Erst in jüngster Zeit gibt es vermehrt Bemühungen, das intrinsische und wechselseitige Bedingungsverhältnis von Sprache und Gewalt systematisch in den Blick zu bekommen. Ausgehend von der Beobachtung, dass wir mit Sprache nicht nur Gewalt beschreiben, ausdrücken und artikulieren, sondern auch Gewalt ausüben, sowie von der Überlegung, dass Sprache selbst ein gewaltsames Moment eigen zu sein scheint, wird die Möglichkeit einer strikten Trennung von Sprache und Gewalt in Frage gestellt. Während im ersten Fall die verletzende Kraft der Sprache ausgehend von ihrem performativen Akt- und Handlungscharakter gedacht wird, wird sie im zweiten Fall auf die in der Sprache sedimentierten Strukturen und Konventionen zurückgeführt.

 

Zielsetzung

Ziel des Seminar ist es - ausgehend von Derrida, Butler und Levinas - das intrinsische Verhältnis von Sprache und Gewalt kritisch herauszuarbeiten und in seiner Paradoxalität - insbesondere im Hinblick auf mögliche Strategien des Zurück- und Gegen-Sprechens - produktiv fruchtbar zu machen. Dahinter steht die These, dass sich weder ein angemessenes Verständnis von Sprache ohne Berücksichtigung der Gewalt noch ein angemessenes Verständnis zwischenmenschlicher Gewalt ohne Berücksichtigung der Sprache gewinnen lässt.


 

Methoden & Teilnahmevoraussetzungen

Das Seminar wendet sich an fortgeschrittene BA-Studierende und Studierende im Master-Studiengang, die bereit sind sich mit komplexen und schwierigen theoretischen Texten intensiv auseinanderzusetzen. Das Seminar ist als eine Lektüre orientiertes Theorieseminar konzipiert. Didaktische Kernelemente bilden die intensive Lektüre der Texte, die Präsentation der Texte mittels kurzer Impulsreferate und die gemeinsame Diskussion. Die sichere Vertrautheit mit den Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens und dem Verfassen von schriftlichen Arbeiten sowie die eigenständige Lektüre und Präsentation der seminarrelevanten Texte wird vorausgesetzt.

Das Seminar wird mit einem öffentlichen Workshop zu mit Tatjana Schönwälder-Kuntze im Rahmen der Reihe Transformationen des Politischen abgeschlossen.

 

Art der Leistungskontrolle

  • regelmäßige Teilnahme und aktive Mitarbeit
  • Lektüreprotokolle
  • Impulsreferat
  • Seminararbeit

 

Literatur

Die im Seminar behandelten Primärtexte werden entweder als Reader oder als PDF zur Verfügung gestellt. Der Reader ist ab Anfang Oktober in der Facultas-Buchhandlung im NIG erhältlich.

Zur Einführung:

  • Herrmann, Steffen K./Kuch, Hannes: "Philosophien sprachlicher Gewalt – Eine Einleitung", in: Kuch, Hannes/Herrmann, Steffen K. (Hg.): Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist: Velbrück 2010, 7-31.

  • Posselt, Gerald: »Sprachliche Gewalt und Verletzbarkeit. Überlegungen zum aporetischen Verhältnis von Sprache und Gewalt«, in: Schäfer, Alfred/Thompson, Christiane (Hg.): Gewalt. Paderborn: Schöningh 2011, 89-127.

 

Textauswahl:

  • Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen [1997]. Übers. von Kathrina Menke und Markus Krist. Berlin: Berlin Verlag 1998 [Excitable Speech. A Politics of the Performative. New York/London: Routledge, 1997; dt. Neuaufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2006].
  • Derrida, Jacques: »Gewalt und Metaphysik. Essay über das Denken Emmanuel Levinas« [1964], in: Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1976, 121-235 ["Violence et métaphysique, essai sur la pensée d'Emmanuel Levinas", in: Revue de métaphysique et de morale, 3-4, 1964].
    – Grammatologie [1967]. Übers. von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1983 (= Gr) [De la grammatalogie. Paris: Minuit 1967; engl. Übers.: Of Grammatology. Trans. by Gayatri Spivak. Baltimore: Johns Hopkins UP 1976. Corrected Edition 1997].
  • Levinas, Emmanuel: Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität [1961]. Übers. v. Wolfgang Nikolaus Krewani. 4. Aufl. Freiburg u.a.: Alber 2008 (= TU) [Totalité et infini].
    – Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht [1978]. Aus dem Franz. von Thomas Wiemer. 2. Aufl. Freiburg/München: Alber 1998 (= JS) [Autrement qu' être ou au-delà de l'essence. Nijhoff Publishers 1978].

 

Sekundärliteratur:

 

 

last updated 19.03.2013