Ein Maestro in Liebenau
Saleh Selim, ein Star des ägyptischen Fußballs, spielte einst ein halbes Jahr beim GAK. GEORG SPITALER erinnert an eine in Österreich wenig bekannte Fußball-Episode.


Anfang April 1963 gab es in Graz nur ein Stadtgespräch. »Überall, wo man hinkommt, in Betriebe, Ämter, Kaffeehäuser, überall gibt es dieselben Fragen, die sich um einen einzigen Mann drehen: ›Wie spielt der Selim?‹, ›Wie g’fallt’s dem Selim in Graz?‹«, berichtete die Kleine Zeitung. Der Wechsel des ägyptischen Teamspielers an die Mur kam einer kleinen Sensation gleich. Nach Graz gelotst hatte ihn sein ehemaliger Trainer bei Al-Ahly in Kairo, Fritz Pimperl. Der hatte das Betreueramt beim GAK nach einer schwachen Herbstrunde vom Ungarn Juan Schwanner übernommen und sollte nun den Klassenerhalt sichern. Der damals 32-jährige Spielmacher aus Ägypten (Künstlername »Maestro«) stürzte sich in das Wagnis eines Auslandsengagements in der Steiermark.

In den frühen Sechziger Jahren begannen die österreichischen Klubs zunehmend, ihre Kader mit Spielern aus dem Ausland zu verstärken. Schon nach 1956 hatten einige ungarische Kicker in Österreich die Liga bereichert, nun kamen zunehmend Spieler aus Jugoslawien, Deutschland oder auch Brasilien (Jacare!). Diese Entwicklung wurde in den Sportmedien teils kritisch betrachtet. Und die ersten schwarzen Spieler beflügelten die Fantasie der Journalisten. Zweifelhafte Wortspiele wie »Neger im Flutlicht« erfreuten sich großer Beliebtheit.

Selim, mit vollem Namen Mohammed Saleh Mohammed Selim, konnte die Medien aber anfangs voll überzeugen. Gleich im ersten Vorbereitungsspiel erzielte er drei Tore. Der »Brieskicker« wäre ein ägyptischer Erich Hof, der seine Mitspieler glänzend dirigieren könne. »Er zeigte für österreichische Verhältnisse traumhafte Spielübersicht, setzte beidbeinig seine Nebenleute auf jede Distanz mit seidenweichen Paßbällen ein und bewies in einigen Fällen ein brillantes Dribbling mit einem unerhört kraftvollen Abschluß«. Der GAK legte in der Meisterschaft eine Erfolgsserie hin und Selim scorte in seinen ersten drei Einsätzen jeweils einmal. Es folgte auch ein 1:0 Auswärtserfolg auf der Hütteldorfer Pfarrwiese. Dann begann sich das Blatt aber zu wenden. Der Maestro wurde durch eine Verletzung gehandicapt, und als die Rot-Weißen beim späteren Meister Austria Wien mit 7:0 untergingen stand plötzlich auch Selim in der Kritik. Nach diesem Match kam er nur noch in einem Freundschaftsspiel gegen Flamengo Rio (1:2) und in der letzten Liga-Runde gegen Schwechat zum Einsatz. Schon nach einem halben Jahr war sein Engagement in Österreich wieder beendet.

So wenig nachhaltig die Erinnerung an Selim in Österreich ist, so prominent ist er in der arabischen Welt. Schon während seiner langjährigen Karriere als Kapitän bei Al-Ahly wurde er zum Filmstar. Der ägyptische Toni Sailer wurde abwechselnd mit Franz Beckenbauer und Johan Cruiff verglichen. So wie Beckenbauer wechselte er später ins Vereinsmanagement. Der aus einer angesehenen Familie stammende Selim übernahm 1980 das Präsidentenamt bei seinem Stammklub, das er bis zu seinem Tod an Leberkrebs im Jahr 2002 ausübte. Im Internet existiert eine englischsprachige Website, die sich ausführlich mit Selims Zeit in Österreich beschäftigt. Der Sportjournalist Hassanin Mubarak (Iraqifootball) beschreibt dort detailliert und kenntnisreich die Frühjahrssaison 1963 der Staatsliga A. Die zahlreichen Hintergrundinformationen recherchierte er, wie er dem ballesterer erklärte, mithilfe des GAK und Selims Schwager Cherif, der auch eine Biografie über den Maestro verfasst hat. Mubarak nennt auch Gründe für die rasche Rückkehr Selims nach Ägypten im Sommer 1963: Es gab Gerüchte um gescheiterte Vertragsverhandlungen, vor allem aber hätte ihn starkes Heimweh zu diesem Schritt bewogen.

Die Liebe zu seinem Verein Al-Ahly wurde ihm von den ägyptischen Fans jedenfalls zurückgegeben. Beim Begräbnis des »Dirigenten« im Mai 2002 fanden sich zehntausende Trauernde ein und das Ereignis wurde mit dem Tod Präsident Nassers verglichen.