Liebe und Widerstand

Edith Saurer zum 60. Geburtstag

Internationale Tagung an der Universität Wien 3./4. Oktober 2002

 

      ABSTRACTS

Angiolina Arru
Università degli Studi di Napoli l´Orientale, Neapel
E-mail: an.arru@agora.at

Die Ermordung eines Richters. Ein Verbrechen aus Liebe oder: Reform des Kirchentribunals?
(Rom 1798)
In meinem Beitrag werde ich einen Fall analysieren, der die Geschichte des Kirchentribunals in Rom am Ende des 18. Jahrhunderts betrifft. Dieses Gericht tagte unter dem Vorsitz des den Papst vertretenden Kardinals, seine Richter waren alle Geistliche. Seine Aufgabe war die Überwachung der Moral der Männer und Frauen in der Diözese, und damit der "Zucht und Ordnung" in den Familien.
Entscheidend bei der Vorgehensweise der Richter ist ihre Bereitschaft, mit den vor Gericht stehenden Männern und Frauen zu verhandeln: Wer Verwandte und Freunde hat, die Verteidigungs- und Bittschriften schreiben und vorlegen, und wer insbesondere über die richtigen Beziehungen verfügt, um diese Gesuche zu unterstützen, der hat die Möglichkeit und die Macht, die Entscheidungen der Richter zu beeinflussen. Das System bietet damit all jenen eine große Verhandlungsmacht, die über entsprechende Kenntnisse und geeignete Beziehungsnetze verfügen, nicht nur gegenüber dem Gericht, sondern auch und vor allem gegenüber den Angeklagten oder bereits Verurteilten. Auf diese Weise ist es möglich, Familienkonflikte zu lösen und Ehefrauen oder -männer zum Gehorsam und zur Disziplin zu bewegen; damit kann auch - manchmal sogar maßgeblich - das Liebesverhalten beeinflusst werden.
Ende des 18. Jahrhunderts, d.h. am Vorabend der französischen Besetzung des Kirchenstaats, wurde in Rom ein Richter ermordet, der dieser Praxis der Vermittlungen und Verteidigungsschriften weniger bereitwillig gegenüberstand. An seinem Fall lassen sich die Widersprüche des Rechtswesens im Italien des Ancien Régime besonders deutlich aufzeigen.
Zu den von den Franzosen eingeführten Reformen gehörte die sofortige Abschaffung des Kirchetribunals, doch treten in der Folgezeit andere Inkohärenzen oder Widersprüche in den juristischen Bestimmungen zum Bereich Familie auf. Nachdem die Restauration den geistlichen Richtern die Tore wieder öffnete bzw. das Kirchentribunal wieder einführte, steigerte sich die Bedeutung und die Rolle der Unterhandlungen und des Fürsorgesystems für die Beziehungen zwischen Männern und Frauen noch. Dieses System hatte nicht nur im Kirchenstaat und nicht nur im Italien des Ancien Régime Auswirkungen auf gesellschaftliche Beziehungen oder Gemeinschaftsentwürfe.


Birgitta Bader-Zaar
Institut für Geschichte der Universität Wien
E-mail: birgitta.bader-zaar@univie.ac.at

"Why does the slave ever love?" Die Liebe in Selbstzeugnissen amerikanischer Sklavinnen

Während die Problematik einer autonomen Lebensgestaltung amerikanischer Sklaven und Sklavinnen in der Forschung besonders hervorgehoben worden ist, ist der Aspekt der Liebe bisher nicht so gründlich untersucht und theoretisch analysiert worden. In diesem Beitrag soll dem Thema Liebe in von Sklavinnen verfassten bzw. diktierten Selbstzeugnissen nachgegangen werden. Dabei sind verschiedene Faktoren zu berücksichtigen: Die institutionellen Bedingungen der Sklaverei beeinflussten Liebesbeziehungen und Liebesdiskurse wesentlich. Die Eheschließung zwischen Sklaven und Sklavinnen war meist gesetzlich verboten, der Sklavenhalter übte die volle Gewalt über seine Sklavinnen und Sklaven aus, was die Bestimmung der Partner durch den "Master" einschloß, aber auch die volle Verfügung über den Körper der Sklavin, inklusive sexueller Ausbeutung, und über die Kinder der Sklavin (der Status der Sklaverei wurde über die Mutter vererbt, nicht über den Vater).
Die Praxis zeigt jedoch eine ganze Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten innerhalb dieser Bedingungen, sowohl seitens der Sklavenhalter und -halterinnen als auch der Sklaven und Sklavinnen. Selbstzeugnisse als spezifische Quellengattung illustrieren diese Praxis. Hier sind insbesondere die im Lesepublikum - in den Nordstaaten der USA lebende Weiße, die für die Abschaffung der Sklaverei gewonnen werden sollten - kursierenden Diskurse über Liebe zu berücksichtigen, die in den Selbstzeugnissen bewusst eingesetzt werden. Das markanteste Beispiel ist die Autobiographie von Harriet Jacobs, die jedoch auch eine freiwillig eingegangene Liebesbeziehung mit einem Weißen als Widerstandshandlung gegen die sexuellen Avancen ihres Eigentümers setzt. Damit ist die Bandbreite der Definitionen von Liebesbeziehungen angesprochen: die im Diskurs des 19. Jahrhunderts "romantische" Liebe, in der sexuelle Erfüllung, nicht offensichtlich thematisiert wird, und die (kalkulierte) sexuelle Liebesbeziehung, eine Geschichte der Verführung, die in sentimentalen Romanen des 19. Jahrhunderts nur mit einer Katastrophe enden, aber in Selbstzeugnissen eine innere Befreiung bedeuten kann. Ein weiterer Aspekt von Liebe spielt eine herausragende Rolle in den Selbstzeugnissen, jene der Mütter zu ihren Kindern. Auch diese ist literarisch im Feld der Diskurse angesiedelt, hatte aber eine reale emotionale Bedeutung im Leben der Sklavinnen, die vor allem in den Versuchen, nach der Sklavenemanzipation die durch Verkauf verstreuten Familienmitglieder zusammenzuführen, ihren Ausdruck findet. Schließlich soll im Vergleich mit einer Auswahl von Selbstzeugnissen männlicher Sklaven der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Thematisierung von Liebe hier geschlechtsspezifisch ist oder nicht.


Monika Bernold
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
E-mail: monika.bernold@univie.ac.at

Zur filmischen Repräsentation von Liebe und Widerstand

Das filmische Bild hat die kollektiven Vorstellungen und Deutungen von Liebe und von Widerstand im 20. Jahrhundert ganz massiv geprägt und (mit) ausgestattet. Filmische Repräsentationen von Liebe und Widerstand, verstanden als Geschichten über Frauen oder/und Männern im Spannungsfeld von Ökonomie und Politik, sind ihrerseits zutiefst historisch bedingt. Ich will daher das weite Feld von historiographischen Fragestellungen und theoretischen Überlegungen zu >Film und Geschichte< als Umgebung verstanden wissen, in die eine geschlechtergeschichtlich orientierte Lektüre von ausgewählten Filmen einzutragen ist, die den Zusammenhang von Liebe und Widerstand thematisieren.
Etwa am Beispiel eines durchschnittlichen und eher unbekannten österreichischen Films aus den 30er Jahren EVA - ein Fabrikmädel (1935, Johannes Riemann), der die Geschichte der Liebe einer Fabrikarbeiterin (EVA) zu dem zukünftigen Fabrikbesitzer als eine Geschichte des bereinigten Klassenkonflikts inszeniert, möchte ich eine filmhistorisch verankerte und kontextualisierte Lektüre einer filmischen Repräsentation von Liebe und Widerstand präsentieren, die historische Brüche und Widersprüche sichtbar und rekonstruierbar macht. Repräsentationen von sozialer Differenz und von Klassenkampf, von Männlichkeit und Weiblichkeit sollen analysiert, die dominanten Semantiken (Paradies, Krise, Modernität) des Films auf historische und (film)politische Kontexte der 30er Jahre bezogen werden. Mein Beitrag handelt auf einer Meta-Ebene von der Liebe der Historikerin zum Film und von der Idee, dass der Widerstand der Disziplin gegenüber den bewegten Bildern zu überwinden ist.


Sophia Boesch Gajano

Abgesagt !


Franz X. Eder
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien
E-mail: franz.eder@univie.ac.at

Die sexuelle Revolution - Liebe, Sex und Widerstand

Das 'schmutzige' Geheimnis, das die Nachkriegsgeneration um die "Sexualität" und die politische Vergangenheit machte, bewegte junge Erwachsene seit Mitte der sechziger Jahre zu einer radikalen Ablösung von der Elternkultur. Sexuelle "Befreiung" bedeutete für die Jungen nicht nur einen Akt der Identitätsfindung, sondern auch ein politisches Votum gegen die Vätergeneration. Begleitet wurde ihre Suche durch eine rasante Sexualisierung des öffentlichen Raumes und einen noch nie da gewesenen medialen Sex-Boom. Mit der sprichwörtliche "Sexwelle", die die deutschsprachigen Länder überrollte, erfolgte jedoch auch eine neuerliche Regulierung der sexuellen Begierde und eine geschlechterspezifische Neudefinition von Liebesbeziehungen. Selbst wenn Liebe und Sex als die Zeichen des Widerstands verstanden wurden, mündete ihre gesellschaftliche Neudefinition nicht nur in einem Zugewinn an Freiheit, sondern auch in neuen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen.


Sandra Eder
E-mail: se236@columbia.edu

Lesbian Pulps Revisited: Die Konstruktion von Sexualitäten und Geschlechtern in populärer Literatur der USA, 1950 - 1962

Der öffentliche Diskurs über Sexualitäten und Geschlechter in den 50er Jahren erscheint auf den ersten Blick überaus strukturiert und hierarchisch organisiert, ausschließlich geführt von ExpertInnen. Dem widersprechend argumentiere ich, dass in den 1950ern zum einen Sexualitäten und Geschlechter nicht nur innerhalb der hierarchischen Struktur von Experten und Subjekten diskutiert wurden, sondern auch außerhalb dieser und auf teilweise interaktive Art und Weise verhandelt wurden. Weiters zeigen diese Diskurse, obwohl von der Matrix der Zeit geprägt, die Existenz einer anderen, teilweise subversiven Lesart von Sexualitäten und Geschlechtern auf. Um mein Hypothese zu unterlegen, analysiere ich ein spezielles Sub-Genre der Populärliteratur der Nachkriegsgesellschaft der USA, das allgemein als Lesbian Pulps bezeichnet wird, und ich interpretiere es als Teil des Diskurses von Sexualitäten und sexuellen Bedeutungen der 50er Jahre. Lesbian Pulps waren erotische Schundliteratur, ökonomisch sehr erfolgreich und profitabel. Sie wurden zu einer Zeit produziert, in der sich die moral panics des Kalten Krieges nicht nur gegen politische Dissidenten richteten, sondern auch gegen jene, die von der konstruierten sexuellen Norm abwichen. Die Texte erscheinen, oberflächlich betrachtet, als ein Teil des kulturellen und sozialen Prozesses der Moralität und der Verdammung jeglicher Abweichung. Eine tiefere Lesart und Analyse zeigt jedoch, dass diese Narrative gesellschaftliche Konzepte von Sexualitäten und Geschlechtern diskutierten und in Frage stellten. Neben der Existenz eines enormen Drucks gegen jede Art von politischer und sozialer Abweichung gab es auch intensive Diskussionen über Sexualitäten und Normalität sowie eine Neuverhandlung von Geschlechterrollen.
Die Lesbian Pulps sind ein Genre voller Widersprüche: Ursprünglich produziert als erotische Literatur für den männlichen, heterosexuellen Leser, wurden sie auch von vielen Frauen als Informationsquelle über lesbisches Leben, Beziehungen und Sexualität rezipiert. Einerseits sind sie ein Produkt ihrer Zeit und funktionieren daher innerhalb eines gesellschaftlichen Regelsystems der Verdammung sexueller Abweichung und der Produktion von Stereotypen, andererseits finden sich in den Texten mehr oder weniger offensichtlich Widersprüche zum offiziellen Konsens der Zeit und Momente des Widerstands. Es gibt zum einen die Möglichkeit eines positiven Endes, obwohl zwei Frauen, die in den 50er Jahren zusammen finden und bleiben, mit einem sozialen Stigma leben müssen. Weiters findet sich ein gewisser Aspekt von Stolz, "gay pride", und Selbstachtung. Die Protagonistinnen sind sich der sozialen und juridischen Implikationen, die ihre Homosexualität mit sich bringt, bewusst, aber sie argumentieren, dass was ihnen richtig und natürlich erscheint, nicht falsch sein kann. Zusätzlich finden sich eine Art prä-feministische Diskurs, ein In-Frage-Stellen der Rolle und Identität der Frau, sowie eine teilweise außerordentlich scharfe Kritik der männlichen Sexualität. Vor dem Hintergrund des politischen, sozialen und kulturellen Kontextes der 50er Jahre analysiere ich, wie Sexualitäten und Geschlechter in diesen Narrativen konstruiert, diskutiert und in Frage gestellt werden.


Johanna Gehmacher
Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
E-mail: johanna.gehmacher@univie.ac.at

Die Nation lieben. Metaphern und Allegorien in Diskursen um Nation und Nationalität

Im 19. Jahrhundert festigten eine ganze Reihe von Nationen ihre Identität über eine weibliche Allegorie - Marianne und Germania als Verkörperungen von Frankreich und Deutschland sind nur die berühmtesten Beispiele. Maurice Agulhon bezeichnet in seiner Auseinandersetzung mit der Figur der Marianne die Allegorie als das (schöne aber schweigende) "Mannequin der Abstraktion", das im Falle des nicht monarchisch repräsentierbaren nachrevolutionären Frankreich mehr als in anderen Ländern die libidinöse Besetzung der die Dienste ihrer (männlichen) Bürger und Soldaten fordernden Republik erlaubte.
Anne McClintock wiederum hat darauf hingewiesen, dass 'die Familie', die als soziale Institution in den Diskursen des 19. Jahrhunderts als Gegensatz zur modernen 'Nation-Form' dargestellt wurde, auf metaphorischer Ebene in mehrfacher Hinsicht die neue politische Formation abstützte. Die Familienmetapher fungierte zum einen als Sanktionierung von Hierarchie in der behaupteten organischen Einheit, zum anderen als Bild für die immanenten Ungleichzeitigkeiten der "nationalen Zeit".
In welchem Verhältnis stehen aber nun die Versinnbildlichung des abstrakten Begriffes 'Nation' durch eine weibliche Allegorie und die auf Ähnlichkeit der Beziehung setzende metaphorische Darstellung einer konkreten 'Nation' etwa als "Mutterland"?
Ist tatsächlich das eine Bild aufgrund eines grammatikalischen 'Zufalls' weiblich, das andere aber aufgrund einer Analogie zwischen zwei gesellschaftlichen Institutionen?
Was sind, allgemeiner gefragt, die Bedingungen und Begrenzungen der Indienstnahme von Allegorien und Metaphern des Geschlechterverhältnisses im Feld des Politischen?
In welchem Verhältnis schließlich steht die libidinöse Besetzung einer weiblich konnotierten Nation zu der fast vollständigen Ausgrenzung von Frauen aus den sich in der Verbindung von Staat und Nation konstituierenden Politikfeldern?
Fragen wie diesen soll das geplante Referat anhand ausgewählter Beispiele nachgehen.


Li Gerhalter
Sammlung Frauennachlässe, Institut für Geschichte der Universität Wien
E-Mail: frauennachlaesse.geschichte@univie.ac.at

gemeinsam mit Ulli Seiss

Lesung aus der "Sammlung Frauennachlässe"

Die von Edith Saurer initiierte "Sammlung Frauennachlässe" entstand Anfang der 1990er Jahre. Den Ausgangspunkt bildete die Erfahrung, dass private Dokumente von Frauen und über weibliche Lebenszusammenhänge kaum systematisch archiviert wurden und daher wissenschaftlich nur schwer zugänglich sind.
Im Rahmen der Tagung ist geplant, einzelne Beispiele aus den in der Zwischenzeit gesammelten, von uns dokumentierten und in Teilen auch ausgewerteten Nachlässen in Form einer Lesung vorzustellen. In einer Montage von ausgewählten Texten sollen die Vielschichtigkeit und Vielfalt an individuellen Deutungen, Normierungen und Verknüpfungen von Liebe und Widerstand, die in Tagebüchern und Korrespondenzen der "Sammlung Frauennachlässe" zur Sprache kommen, aufgezeigt werden. Aufgrund der Quellenlage richtet sich das Hauptaugenmerk auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert.
Den Zuhörerinnen und Zuhörern wird ein Spektrum präsentiert werden, das zwischen tragischem, überschwänglichem, philosophischem und phantastischem Schreiben über die Liebe schwankt, und das bisweilen - aus der zeitliche Distanz - einer gewissen Komik nicht entbehrt. So fragt etwa eine junge Wiener Lehrerin um die Jahrhundertwende nach dem Ort der Liebe: "Sag' einmal fühlst Du das, daß Du jemand gern hast wirklich im Herzen? Ich nämlich nur im Gehirn; nicht einmal wenn ich mich freu', spür ' ich's da unten in diesem edlen Organ, nur wenn ich schnell lauf' kriege ich Herzklopfen. Ist das nun anormal oder ist das bei jeden Menschen so?" (Brief von Tilde Mell an die Freundin Tilly Hübner, 28. 9. 1904, NL 1)
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen können die Suche nach Glück und Erfüllung in der Liebe aber auch zu einer Nebensache werden lassen, wie etwa eine ledig, 43jährige Schriftstellerin 1938 feststellt: "Mein Gott, es gibt doch tausendmal Wichtigeres, als die Liebe zwischen Mann u. Frau - ..." (Tagebuch der Alma Bernharda vom Ostermontag 1938, NL 9, Tagebuch 23)


Margarete Grandner
Institut für Geschichte der Universität Wien
E-mail: margarete.grandner@univie.ac.at

gemeinsam mit Ulrike Harmat

"Begrenzt verliebt". Gesetzliche Ehehindernisse und die Grenze zwischen Österreich und Ungarn

Geschiedenen Katholiken war nach österreichischem Recht (bis 1938) eine Wiederverheiratung zu Lebzeiten des ersten Ehepartners unmöglich. Das Recht (genauer: das ABGB) setzte einer neuen Liebe also massiven Widerstand entgegen. Dieser Widerstand war allerdings - paradoxerweise - dadurch überwindbar, dass (wenigstens) einer der Partner der zweiten Ehe die Grenzen Österreichs in Richtung eines Staates hinter sich ließ, in dem es die Zivilehe gab. Bevorzugtes Ziel für Österreicher und Österreicherinnen war in diesem Sinne bis 1918 die "andere" Reichshälfte der Monarchie, Ungarn. Dabei entwickelte sich (zwischen 1894 und 1918) ein höchst merkwürdiges Ritual, das man fast als Identitätswechsel bezeichnen könnte. Um möglichst ohne Probleme eine neue Ehe schließen zu können, musste ein geschiedener österreichischer Katholik oder eine geschiedene österreichische Katholikin von einem ungarischen Staatsbürger adoptiert werden, also den Namen, dann die Staatsbürgerschaft und schließlich sicherheitshalber auch die Religion wechseln.


Ernst Hanisch
Institut für Geschichte der Universität Salzburg
E-Mail: ernst.hanisch@sbg.ac.at

Als Historiker über Liebe schreiben

Seit jeher gehörte die Liebe zu den großen Themen der Kunst. (1) Die Historiker haben sie in der Regel als einen Bereich des Privaten, Intimen eher gemieden. Erst als die Alltagsgeschichte, die Geschlechtergeschichte, die Historische Anthropologie aufkamen wurde sie als historische Fragestellung wahrgenommen. Ganz allgemein ist die Geschichte der Gefühle ein ziemlich neues Thema der Geschichtsschreibung. (2) Ist Liebe eine anthropologische Konstante, die in allen Gesellschaften und in allen Epochen zu finden ist, oder ist Liebe eine Konstruktion historischer Diskurse, wie die postmoderne Geschichtstheorie annimmt? Ich vertrete hier die These der anthropologischen Konstante und berufe mich dabei auf die große Kunst und die biologischen Grundlagen der Liebe. Die These der anthropologischen Konstante vertreten, heißt allerdings nicht, den historischen Wandel zu negieren. Das subjektive Gefühl der Liebe mag in allen Epochen, in allen historischen Perioden ähnlich sein, wie die Liebe gesellschaftlich erfahren wurde, welchen Normen sie unterlag, wie sie tatsächlich erlebbar war, wie sie sich in den einzelnen sozialen Schichten ausprägte, unterlag dem historischen Wandel.

(1) Peter von Matt, Liebesverrat; Raoul Schrott, Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren, Frankfurt/Main 1997; Dieter Wellershoff, Der verstörte Eros. Zur Literatur des Begehrens, Köln 2001.
(2) Hans-Ulrich Wehler, Emotionen in Geschichte: Sind soziale Klassen auch emotionale Klassen?, in: ders., Umbruch und Kontinuität. Essays zum 20. Jahrhundert, München 2000, 251-264; Ute Frevert, Angst vor Gefühlen? Die Geschichtsmächtigkeit von Emotionen im 20. Jahrhundert, in: Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte, hg. von Paul Nolte, München 2000, 95-111.


Ulrike Harmat
ÖAW - Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie
E-mail: ulrike.harmat@oeaw.ac.at

gemeinsam mit Margarete Grandner

"Begrenzt verliebt". Gesetzliche Ehehindernisse und die Grenze zwischen Österreich und Ungarn

Geschiedenen Katholiken war nach österreichischem Recht (bis 1938) eine Wiederverheiratung zu Lebzeiten des ersten Ehepartners unmöglich. Das Recht (genauer: das ABGB) setzte einer neuen Liebe also massiven Widerstand entgegen. Dieser Widerstand war allerdings - paradoxerweise - dadurch überwindbar, dass (wenigstens) einer der Partner der zweiten Ehe die Grenzen Österreichs in Richtung eines Staates hinter sich ließ, in dem es die Zivilehe gab. Bevorzugtes Ziel für Österreicher und Österreicherinnen war in diesem Sinne bis 1918 die "andere" Reichshälfte der Monarchie, Ungarn. Dabei entwickelte sich (zwischen 1894 und 1918) ein höchst merkwürdiges Ritual, das man fast als Identitätswechsel bezeichnen könnte. Um möglichst ohne Probleme eine neue Ehe schließen zu können, musste ein geschiedener österreichischer Katholik oder eine geschiedene österreichische Katholikin von einem ungarischen Staatsbürger adoptiert werden, also den Namen, dann die Staatsbürgerschaft und schließlich sicherheitshalber auch die Religion wechseln.


Gernot Heiss

Institut für Geschichte der Universität Wien
E-Mail: gernot.heiss@univie.ac.at

L&W - das Kino als moralische Anstalt

Seit den Anfängen der Kinematographie werden immer wieder zwei Forderungen gestellt: den Film als Kunst anzuerkennen bzw. zur Kunst zu erheben; das Kino zu einem Institut der sittlichen Erziehung des Volkes zu machen. Der Shakespeare oder Lessing des Films wird herbeigesehnt; gegen die "entsittlichenden" Filme und die Möglichkeiten, die sich in den dunklen Kinoräumen bieten, wird nicht nur polemisiert, es werden auch Maßnahmen zur radikalen Veränderung des Mediums (seiner Themen und ihrer Darbietung) und zur Kontrolle über die Kinosäle verlangt. So forderten speziell nach dem Ersten Weltkrieg Publizisten und Volksvertreter verschiedenster politischer Couleur (d.h. nicht nur Linke nach dem sowjetischen Vorbild) die Verstaatlichung der Filmproduktion und der Kinos, und sie erwarteten sich davon eine Wende zum Positiven in moralischer wie politischer Hinsicht.
Wie steht es nun mit der Moral, und zwar in Bezug auf Liebe und Widerstand im Film? Der sittlich besorgte Blick der Volkserzieher richtete und richtet sich vor allem auf die Darstellung von "Liebe". Das Publikum dürfte bei diesem Thema oft ganz andere Interessen gehabt haben. Nicht so unterschiedlich scheinen die Interessen beim anderen Thema zu sein: Die Darstellung von politischem Engagement und Heldentum wurde und wird nicht nur von den nationalen und ideologischen Lehrmeistern und Moralisten gefordert, sondern auch vom Publikum geschätzt; der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist deshalb Thema vieler Filme nicht nur im antifaschistischen Propagandafilm, sondern auch nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Woher kommt die nachhaltige Wertschätzung der Kinogeher für einen Film wie "Casablanca" (USA 1942), dessen anhaltender Erfolg in einer Zeit, in welcher der Verzicht auf das persönliche Glück zugunsten des Sieges der freien Welt nicht mehr auf der Tagesordnung steht?



Waltraud Kannonier-Finster
Institut für Soziologie der Universität Innsbruck
E-mail: waltraud.finster@uibk.ac.at

gemeinsam mit Meinrad Ziegler

Liebe, Widerstand und Fürsorge in der sozialwissenschaftlichen Methodologie

Wechselnde Erkenntnisansprüche in der Entwicklung sozialwissenschaftlicher Methodologie implizieren jeweils unterschiedliche Regeln im Hinblick auf die akzeptierte Nähe und Distanz zum Forschungsgegenstand. Die Spannung zwischen diesen beiden Haltungen lässt sich aus mehreren Perspektiven thematisieren:
Wie behandeln exemplarische Sozialwissenschaftlerinnen das Verhältnis von Nähe und Distanz in ihrer Arbeit?
Wie geht dieses Verhältnis in gesellschaftskritische Ansätze empirischer Forschung ein?
Welche Bedeutung hat Nähe und Distanz zum Feld der Forschung im Rahmen der postmodernen 'Krise der Repräsentation'?


Gudrun-Axeli Knapp
Universität Hannover - Psychologisches Institut
E-mail: axeli.knapp@mbox.pih.uni-hannover.de

Liebe und Widerstand in der feministischen Forschung

Die Frauen- und Geschlechterforschung stellt eine politisch-wissenschaftliche Konstellation dar, die von einer strukturellen Aporie durchzogen ist: der Unverzichtbarkeit und gleichzeitigen Unmöglichkeit einer fundierenden Bezugnahme auf ein epistemisches und politisches Referenzsubjekt (Frauen). Alle Versuche einer substantiellen Bestimmung dieser Grundlage stoßen auf Phänomene von Ungleichheit und Verschiedenheit innerhalb der weiblichen Genus-Gruppe, an denen sie sich ebenso abzuarbeiten haben, wie an den vielfältigen Formen von Disparitäten und Diskriminierungen im Verhältnis der Geschlechter. Die aporetische Grundstruktur der Frauen- und Geschlechterforschung führt dazu, dass sie zu den "heißen" epistemischen Kulturen gehört. In meinem Statement möchte ich auf einige erkenntnispraktische Konsequenzen dieser Konstellation eingehen.


Margareth Lanzinger
Institut für Geschichte der Universität Wien
E-mail: margareth.lanzinger@univie.ac.at

Ein "sündhafter, gefährlicher Umgang" und die "unauslöschliche Neigung" Kirchliche Heiratsverbote und Liebeskonzepte im 19. Jahrhundert

Kirchliche Heiratsverbote spielen in Bezug auf Heirat und damit auf die Sanktionierung einer Liebesbeziehung eine umso größere Rolle, je näher der Grad der Verwandtschaft oder Schwägerschaft die Liebenden verbindet. Die Aussichten, trotz eines solchen Ehehindernisses mittels des Instrumentes eines päpstlichen Dispens heiraten zu dürfen, variieren. Sie hängen primär vom Vorhandensein vordefinierter sogenannter kanonischer Gründe ab - wie angustia loci (Enge des Ortes), aetas superadulta sponsae (hohes Heiratsalter der Braut), incompetentia dotis (fehlende Mitgift) etc. -, die bei einer beantragten Eheschließung zwischen Cousin und Cousine beispielsweise oder zwischen Schwager und Schwägerin anders gewichtet und strenger gehandhabt werden als bei Verwandten vierten oder fünften Grades. Der Widerstand gegenüber solchen Eheschließungen geht etwa aus der im Gefolge einer "Beschwerde über leichtsinnigen Umgang mit diesen Vorschriften" im Jahr 1822 erteilten Anweisung hervor, dass "die Dispense in nahen Graden nur selten und aus sehr wichtigen Gründen, bei Personen von hohem Range zu ertheilen" seien. Nicht zuletzt hängt die Wahrscheinlichkeit einer positiven Erledigung eines solchen Ehevorhabens auch vom Einsatz der lokalen Geistlichen ab, als zentrale Vermittlungspersonen gegenüber der nächsthöheren Instanz, dem Dekan beziehungsweise dem Fürstbischöflichen Konsistorium in Brixen. Das "öffentliche Ärgernis", das es durch eine Eheschließung zu beheben oder dem vorzubeugen gilt, wird in der betreffenden Korrespondenz und in den in aussichtsreichen Fällen aufgenommenen Matrimonialexamen zum vielzitierten Topos. Interessant ist, dass sich die geistlichen Verfasser der Schreiben auf die Interessen und Nöte der Menschen einlassen und nicht nur deren schwierige Lebenssituationen schildern, sondern auch "die unauslöschliche Neigung" trotz der "offiziellen" Sicht dieser Beziehungen als einen "sündhaften, gefährlichen Umgang" im Sinne eines Inzests ins Treffen führen. Sie belassen es also nicht dabei, die kirchenrechtlich wirksamen Gründe anzuführen, sonder rekurrieren in ihren Schilderungen immer wieder auch auf Konzepte von Liebe und der Liebesheirat. Im geplanten Beitrag soll es um eine Annäherung an dieses Spannungsfeld zwischen Widerstand und Liebe gehen, repräsentiert von vorgegebenen Normen einerseits und davon abweichenden Wahrnehmungen und damit verbundenen Argumentationsmustern andererseits.


Maria Mesner
Stiftung Bruno Kreisky Archiv - Wien
E-mail: maria.mesner@univie.ac.at

Mutterliebe und Schwesternliebe: Die öffentliche Zelebrierung durch Muttertag und Internationalen Frauentag

Anfang der 1920er Jahre war in Österreich - im Wesentlichen als historisch bisher nicht exakt zu verortende Initiative im katholischen Bereich - der Muttertag nach deutschem und US-amerikanischem Vorbild eingeführt worden. In der politisch polarisierten Kultur der Ersten Republik setzten die SozialdemokratInnen dem den Internationalen Frauentag entgegen, der im Gegensatz zum 'unpolitisch' daher kommenden, gleichwohl eine spezifische Frauen-/Mutterrolle demonstrierenden Muttertag mit frauen- bzw. geschlechterpolitischen Forderungen besetzt wurde.
Mein Vorschlag besteht darin, einen Bogen zu ziehen von den 1920er in die 1950er Jahre und die beiden "Frauenfeiertage" als Repräsentationen von zwei gegen einander gesetzten, normativ aufgeladenen Frauenbildern zu begreifen. Dabei ist, erstens, zu klären, welche sozialen Positionen die repräsentierten Idealtypen widerspiegelten, ob und in wie weit sich die diese prägenden Normen - abseits der politischen Kampfrhetorik - glichen, überlappten, widersprachen.
Ausgehend von Thesen dazu werden die Versuche der SozialdemokratInnen, ihre Vorkriegstradition nach den beiden Faschismen, denen der Muttertag gemeinsamer Feiertag war, wieder aufzunehmen, rekonstruiert als Beispiel dafür, wie in der Aufbau-Zeit die zunehmende Einengung von möglichen Frauenrollen dazu führte, dass der Widerstand gegen die gesamtgesellschaftliche Durchsetzung des Muttertags schließlich an dessen allgemeiner Akzeptanz in der Bevölkerung scheiterte.
Den Abschluss sollen Thesen bilden zu den komplexen Gründen für diese signifikante Einengung von öffentlichen Repräsentationen von Frauen in der Nachkriegszeit, für die die Auseinandersetzung zwischen Frauen- und Muttertag nur ein, wenn auch signifikantes, Beispiel ist.


Michael Mitterauer
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien
E-mail: michael.mitterauer@univie.ac.at

Liebe und Widerstand im Kontext unterschiedlicher
Familiensysteme: endogame und arrangierte Heiraten


Für viele historische Gesellschaften sind von den Eltern arrangierte Eheschließungen mit verwandten oder nicht verwandten Partnern charakteristisch. Im Zuge von Modernisierungsprozessen kommen solche traditionellen Formen der Partnerwahl vielfach in Krisen. Kinder leisten Widerstand gegen die von den Eltern gewollte Verbindung oder umgekehrt Eltern gegen die Heiratswünsche der Kinder. Eltern-Kinder-Beziehungen geraten in ein Spannungsfeld. Liebe zwischen Eltern und Kindern steht gegen Liebe in einer geplanten Partnerschaft. Zwei familiale Beziehungsmuster treten zueinander in Konkurrenz. Ausgehend von einem Zitat aus der Autobiographie eines jüdischen Schlossermeisters und Eisenhändlers aus Südmähren, der 1836 die von seinen Eltern gewünschte Heirat mit seiner Schwesterstochter verweigerte, aber aus eigenem Entschluss dann eine andere Verwandte heiratete, wird der Themenkreis endogamer und arrangierter Heiraten unter vier ganz unterschiedlichen Zugangsweisen nachgegangen. Zunächst geht es aus der Perspektive der individuellen Familiengeschichte um den Rückgang endogamer und arrangierter Eheschließungen im Zuge von Assimilierungsprozessen. Dann wird im Kontext weit zurückreichender Entwicklungen den Bedingungen endogamer Heiratsmuster im Judentum nachgegangen und ein spezieller Brauch des institutionalisierten Widerstands gegen sie behandelt. Weiters kommt es an einem zeitgleichen Beispiel einer bürgerlichen "Liebesheirat" zu einer Gegenüberstellung exogamer und endogamer Rahmenbedingungen. Schließlich wird auf der Basis eines lebensgeschichtlichen Interviews mit einer aus der Türkei nach Wien zugewanderten Kurdin die Aktualität des Themas endogamer Heiraten erörtert. "Liebe und Widerstand" erweist sich unter diesen verschiedenen Aspekten als ein sehr brauchbares begriffliches Instrumentarium der Analyse nicht nur historischer sondern auch aktueller Familienprobleme.


Wolfgang Müller-Funk
Institute for German Studies - University of Birmingham
E-mail: wolfgang.mueller-funk@univie.ac.at

Fernliebe. Der Brief als Medium der Konstruktion von Liebe

Niklas Luhmann hat bekanntlich Liebe selbst als Medium bezeichnet. In kritischer Absetzung wird hier der Brief als ein spezifisches, nämlich schriftliches Medium verstanden, das Liebe erfindet und generiert. Insbesondere um 1800 ist der Wunsch nach Originalität sichtbar, der für die Einmaligkeit der Liebe einsteht. Im Falle des Briefwechsels von Klopstock und Meta Moller etwa wird ein medialer Wettstreit - ein regelrechter potlatsch der Gefühle - sichtbar, der um die jeweilige emotionale Intensität kreist. Gleichzeitig eröffnet das Schreiben zwischen Menschen, die sich kaum kennen, einen imaginären Raum der Nähe, in dem Selbstbild und Fremdbild sich fast unentwirrbar vermischen. Zugleich sind die geschlechtsspezifischen Rollen ebenso mit eingeschrieben wie die ungeschriebenen Gesetze der konventionellen Formen der bürgerlichen Geschlechterbegegnung. So erfährt - methodisch gesprochen - die historische Anthropologie eine Erweiterung und Modifikation: durch die kulturwissenschaftliche Analyse ihrer medialen Voraussetzungen. Der Beitrag bezieht sich vornehmlich auf bürgerliche Schichten, in denen der Umgang mit Schrift, die Referenz auf Literatur (als Code) und die Idee einer Geheimsprache der Liebenden bereits voll ausgebildet sind. Es wird zu fragen sein, in wie fern diese medialisierte Liebeskultur Vorbildwirkung für andere soziale Gruppen gehabt hat und wie sich der Zusammenhang zwischen nachromantischer, sexualisierter Liebe und dem Verschwinden des hochgradig konventionalisierten Mediums "Liebesbrief" beschreiben lässt.


Herta Nagl-Docekal
Institut für Philosophie der Universität Wien
E-Mail: herta.nagl@univie.ac.at

Liebe als philosophischer Begriff

"Liebe" gehört seit jeher zu den zentralen Themen philosophischer Reflexion. Im Laufe der Zeit wurde dieser Begriff jeweils neu formuliert, doch ist bemerkenswert, dass eine bestimmte Denkfigur mehrfach wiederkehrte: jene Deutung nämlich, die "Liebe als Widerstand" begreift. Der Beitrag zum Panel geht dieser Denkfigur anhand von Beispielen aus vier Jahrhunderten nach.


Julia Neissl
Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Salzburg
E-mail: julia.neissl@sbg.ac.at

Widerständiges Lieben? Zur Darstellung lesbischer Beziehungen in Texten österreichischer Autorinnen

Mit dem zunehmenden Interesse am "Phänomen Homosexualität" im 19. Jahrhundert von medizinischer, sexualwissenschaftlicher, juridischer etc. Seite wurden auch Freundschaften zwischen Frauen in einem neuen Licht gesehen. Die Stigmatisierung gleichgeschlechtlicher Liebender machte - bei allen Unterschieden in der Rechtsprechung - auch vor Lesben nicht Halt. Diese Ausgrenzung und die stereotypen Zuweisungen innerhalb der Gesellschaft führten jedoch nicht zu einer Thematisierung innerhalb der ersten Frauenbewegung. Sie sind aber - wie ich meine - als Ausgangspunkt für einen Prozess zu werten, der von der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Homophobie über die Aufhebung der Isolation der einzelnen Frau bis zur Integration in der Gruppe lesbischer Frauen führte. In diesem Sinne können die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts als historischer Rahmen für eine erste Herausbildung einer lesbischen Kultur mit all seinen verschiedenen Erscheinungsbildern - seien es nun die Salons und Klubs sowie die eigenen Lesbenzeitschriften der 20er Jahre oder literarische Gestaltungen von lesbischen Beziehungen - gedacht werden. Dieser Aufbruch wurde durch den Nationalsozialismus zerstört, wie sich jedoch anhand literarischer Beispiele zeigen lässt, finden sich in Österreich sehr bald wieder Anknüpfungspunkte hinsichtlich der Darstellung lesbischer Liebe.
In meinem Vortrag möchte ich anhand einzelner Texte von Maria Janitschek, Ingeborg Bachmann und Karin Rick der Frage nachgehen, ob die Darstellungen lesbischer Liebespaare in der Literatur österreichischer Autorinnen als Widerstandsformen erscheinen und gegen wen sich dieser Widerstand richtet. Anders formuliert: wird die homosexuelle Liebe in der Literatur "politisch" gedacht als Gegenmodell zur heterosexuellen Norm oder nur als kurzfristiger (pubertärer) Fluchtpunkt gestaltet und damit innerhalb eines männlich dominierten sexualwissenschaftlichen Diskurses integrierend angelegt.. Hinsichtlich der literarischen Konzeption der Autorinnen ist außerdem die Frage zu stellen, in wie fern diese in den Stereotypen der jeweiligen gesellschaftspolitischen Positionen verhaftet sind und ob die lesbische Liebe als "Gegenmodell" den heterosexuellen Reglementierungen zu entkommen vermag.


Kristina Popova
International Seminar for Balkan Studies and Specialisation, South-West University "Neophit Rilski" / Blagoevgrad, Bulgarien
E-mail: bforum@pirin.com

Herz, Sichel und Hammer. Liebe und Politik in der sozialistischen Jugendkultur der 1950er Jahre im kommunistischen Bulgarien

Die Jugendliebe - ihre Sprache und Rhetorik, ihre neuen Orte, Ausdrucksformen u. s. w. werden in den drei Spannungsfelder, die in der Zeit des Sozialismus an Bedeutung gewinnen, analysiert: nämlich im Spannungsfeld zwischen dem Öffentlichen und dem ideologisch kontrollierten Privaten, sowie im Spannungsfeld zwischen traditionellen und neuen Rollen und Freiheiten der Jugend, und schließlich im Spannungsfeld zwischen der legitimen sozialistischen Norm der "Reinheit der Liebe" und dem "verderblichen westlichen" Einfluss. In diesen drei Feldern werden Normen und Vorstellungen der bulgarischen Jugend von Liebe, Sexualität, Zusammenleben und Heirat behandelt. Ein besonders wichtiger Begriff dabei ist der Begriff der Freiheit bzw. die zentrale Frage, wie die Vorstellung von Freiheit sich damals in Bezug auf Liebe entwickelt hat.
Gefragt wird auch nach den verschiedenen Ebenen von Widerstand - gegen Eltern und Tradition, gegen die Schule, gegen den offiziellen Normen u. s. w. Besondere Aufmerksamkeit wird den ideologisch "privilegierten" neuen Jugendtreffpunkten gewidmet: den Jugendarbeitsbrigaden, den Jugendlagern, den Jugendorganisationen u. s. w., wo sich neue Liebesgeschichten entwickelten. Dafür werden Jugendzeitschriften und -zeitungen, offizielle Schriften und Ratgeber für die Jugend, Bilder, Jugendmusik und damalige Kinovorstellungen interpretiert und mit Erinnerungen an diese Zeit der 50er Jahre konfrontiert.


Helmut Puff
University of Michigan / USA
E-mail: puffh@umich.edu

Sodomie und Herrschaft: Eine Problemskizze

Sexuelle Praktiken geben dort, wo sie ruchbar werden, immer wieder auch Anlass zum Widerstand. Besonders dann, wenn es um die Männerliebe geht. Allerdings waren in der frühen Neuzeit Sodomieverfahren gegen Amtsinhaber, Herrscher und andere Mitglieder der Führungsschichten äußerst selten. Die hier behandelten Verfahren gegen Caspar Gottfried von Pappenheim (1647-1651), den Vetter des bei Lützen gefallenen Feldmarschalls Gottfried Heinrich, und Hans Walter von Castanea (1626), Abkömmling einer hoch angesehnen Luzerner Patrizierfamilie, können schon allein deswegen als spektakulär gelten. Mein Vortrag fokussiert somit Sodomieanklagen als politisches Instrument. "Liebe" ist hier Waffe, die gegen die vermeintlich "Liebenden" gewendet wird. Diese Verfahren bringen geschlechtliche und politische Ordnungen ins Visier, in denen sexuelle Transgressionen auf unrechtmäßige Herrschaft verweisen und umgekehrt.


Martin Schaffner
Historisches Seminar der Universität Basel
E-Mail: Martin.Schaffner@unibas.ch


Missglückte Liebe.
Verhaltensauffällige Männer und Frauen vor dem Amtsarzt (Basel um 1900)

Angesichts unserer Lebenswelt, die unfähig ist, das Scheitern von Liebe
anders als psychologisch zu deuten, beschreibt der Beitrag Beziehungskonflikte anhand von Textmaterial, das sich gegen eine psychologisierende oder gar tiefenhermeneutische Untersuchung sperrt. Aufgrund von Polizeiberichten, ärztlichen Gutachten und
Gerichtsprotokollen eines alltäglichen Falles thematisiert er exemplarisch die Struktur einer konfliktbelasteten Paarbeziehung im sozialen Kontext der rasch wachsenden Stadt.
Gleichzeitig erprobe ich angemessene Verfahren der Textanalyse und frage mich, was in diesem Zusammenhang 'Beschreiben', 'Verstehen', 'historisch Interpretieren' bedeuten. Im Zentrum des Beitrags steht dennoch nicht der methodischer Ansatz, sondern ein Nachdenken über das Missglücken von Liebe.


Sigrid Schmid-Bortenschlager
Institut für Germanistik der Universität Salzburg
E-mail: sigrid.schmid@sbg.ac.at

Liebe im Roman des 18. Jahrhunderts

Es gehört inzwischen zu den Gemeinplätzen der (literar)historischen Forschung, dass unsere Vorstellungen von Liebe, Sexualität, Ehe und den entsprechenden Geschlechterrollen in vielem auf die bürgerliche Aufklärung zurückgehen. Das Referat analysiert einige der erfolgreichen Romane dieser Zeit, um darauf hinzuweisen, dass es weniger die Bilder sind, die in der literarischen Produktion dieser Zeit entworfen werden, als vielmehr die spätere Auswahl in der Tradierung dieser Bilder, die zu den fixen Geschlechter-Rollenbildern des 19. Und 20. Jahrhunderts geführt haben. Neben den passiv-leidenden leidenschaftlichen Männern (neben Goethes Werther vor allem der Chevalier de Grieux, der Geliebte von Manon Lescaut in Prévost gleichnamigem Roman) gibt es auch eine Reihe von Romanen, die (nicht nur sexuell) aktive glückliche Frauen darstellen, und die später oft in die Kategorie "soft porno" abgedrängt worden sind (Fielding: Moll Flanders, Cleland:Fanny Hill, in Partien auch Gellert: Die schwedische Gräfin). Die Frage der (Vor-)Bilder schaffenden Literatur verlagert sich damit klar von der Seite der Produktion auf die der Rezeption, wobei nicht - wie die Auflagenzahlen zeigen - die private Lektüre-Rezeption , der kommerzielle Erfolg also - ausschlaggebend sind, sondern die gesellschaftlich akzeptierte Rezeption als "hohe" Literatur. Von hier aus gesehen muss auch die Frage nach der sozialhistorischen (Quellen-) Relevanz von hoher und sog. trivialer Literatur neu reflektiert werden.


Stefanie Schüler-Springorum
Institut für die Geschichte der deutschen Juden - Hamburg
E-Mail: stefanie.schueler@uni-hamburg.de

Liebe und Geschlechterbeziehungen im jüdischen Widerstand in Osteuropa

In der Geschichte des jüdischen Widerstands im deutschbesetzten Osteuropa sind Frauen auffällig präsent. Dies gilt sowohl für die in den Ghettos und später in den Wäldern agierenden organisierten Widerstands- bzw. Partisanengruppen als auch für die sogenannten "Familienlager", mehr oder weniger spontane Zusammenschlüsse von in die Wälder geflüchteten Männern, Frauen und Kindern.
In den organisierten Gruppen hatten sich vorwiegend junge Frauen und Männer aus den verschiedenen jüdischen Jugendbewegungen Osteuropas (Zionisten, Bundisten, Revisionisten) zusammengefunden, die - mit Ausnahme wohl der sehr männlich dominierten Revisionisten - schon vor dem Krieg neue, gleichberechtigte Modelle des Zusammenlebens der Geschlechter diskutiert, postuliert und z. T. auch gelebt hatten. Die dort entwickelten, tendenziell egalitären Geschlechterbeziehungen wurden von den Jugendlichen in die Widerstandsgruppen hineingetragen, so dass sich beispielsweise in den großen Organisationen in den Ghettos von Wilna, Warschau oder Krakau nicht nur besonders viele Frauen finden, sondern diese auch verantwortliche Positionen einnahmen, was - dies sei nebenbei bemerkt - den bewaffneten Kampf einschloss. Gleichzeitig entwickelten die vielfältigen Liebesbeziehungen und engen Freundschaften innerhalb der Gruppen eine große Bindekraft, ohne die sich m.E. weder der innere Zusammenhalt noch der moralische Impetus noch der relative Erfolg des Widerstands erklären lassen.
Auch die eher zufällig entstandenen Familienlager reproduzierten zunächst die Geschlechterverhältnisse, in denen die dort versammelten Menschen in der Vorkriegszeit gelebt hatten: also die einer männlich dominierten, religiös oftmals traditionellen, dörflich-kleinstädtischen jüdischen Gesellschaft. Dies bedeutete die Fortführung der segregierten Arbeitsteilung und den Ausschluss der Frauen von Entscheidungen und von Waffen. Angesichts des ungeheuren Verfolgungsdrucks, von Hunger, Kälte und Angst zersetzten sich jedoch herkömmliche gesellschaftliche Strukturen schnell und führten zu einer Sozialformation, die allein auf ökonomischer und militärischer Nützlichkeit und der Stärke des Einzelnen beruhte. In dieser Welt brachen nicht nur häufig Beziehungen aus der Vorkriegszeit zusammen, sondern gerade Frauen waren gezwungen, neue Liebesverhältnisse einzugehen, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Die Funktion der Liebe im Widerstand gestaltete sich also in den beiden diskutierten historischen Situationen höchst unterschiedlich.


Ulli Seiss
Sammlung Frauennachlässe, Institut für Geschichte der
Universität Wien / St. Mary´s City
E-Mail: frauennachlaesse.geschichte@univie.ac.at

gemeinsam mit Li Gerhalter

Lesung aus der "Sammlung Frauennachlässe"

Die von Edith Saurer initiierte "Sammlung Frauennachlässe" entstand Anfang der 1990er Jahre. Den Ausgangspunkt bildete die Erfahrung, dass private Dokumente von Frauen und über weibliche Lebenszusammenhänge kaum systematisch archiviert wurden und daher wissenschaftlich nur schwer zugänglich sind.
Im Rahmen der Tagung ist geplant, einzelne Beispiele aus den in der Zwischenzeit gesammelten, von uns dokumentierten und in Teilen auch ausgewerteten Nachlässen in Form einer Lesung vorzustellen. In einer Montage von ausgewählten Texten sollen die Vielschichtigkeit und Vielfalt an individuellen Deutungen, Normierungen und Verknüpfungen von Liebe und Widerstand, die in Tagebüchern und Korrespondenzen der "Sammlung Frauennachlässe" zur Sprache kommen, aufgezeigt werden. Aufgrund der Quellenlage richtet sich das Hauptaugenmerk auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert.
Den Zuhörerinnen und Zuhörern wird ein Spektrum präsentiert werden, das zwischen tragischem, überschwänglichem, philosophischem und phantastischem Schreiben über die Liebe schwankt, und das bisweilen - aus der zeitliche Distanz - einer gewissen Komik nicht entbehrt. So fragt etwa eine junge Wiener Lehrerin um die Jahrhundertwende nach dem Ort der Liebe: "Sag' einmal fühlst Du das, daß Du jemand gern hast wirklich im Herzen? Ich nämlich nur im Gehirn; nicht einmal wenn ich mich freu', spür ' ich's da unten in diesem edlen Organ, nur wenn ich schnell lauf' kriege ich Herzklopfen. Ist das nun anormal oder ist das bei jeden Menschen so?" (Brief von Tilde Mell an die Freundin Tilly Hübner, 28. 9. 1904, NL 1)
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen können die Suche nach Glück und Erfüllung in der Liebe aber auch zu einer Nebensache werden lassen, wie etwa eine ledig, 43jährige Schriftstellerin 1938 feststellt: "Mein Gott, es gibt doch tausendmal Wichtigeres, als die Liebe zwischen Mann u. Frau - ..." (Tagebuch der Alma Bernharda vom Ostermontag 1938, NL 9, Tagebuch 23)


Claudia Ulbrich

Abgesagt !


Birgit Wagner
Institut für Romanistik der Universität Wien
E-mail: birgit.wagner@univie.ac.at

Liebesgeschichten und Heiratssachen aus Sardinien. Grazia Deledda und Maria Giacobbe

Grazia Deledda (1871-1936) und Maria Giacobbe (geb. 1928) sind zwei Schriftstellerinnen aus Sardinien, die außerhalb ihrer Heimatinsel zu Berühmtheit gelangt sind: Grazia Deledda als "italienische Autorin" des Einheitsstaats Italien, und Maria Giacobbe als "italienische Exilautorin" in Dänemark; die eine erhielt 1926 den Nobelpreis, die andere zahlreiche dänische Literaturpreise.
Beide führte der Weg des literarischen Erfolgs unter anderem zu dem Entschluss, einen nicht-sardischen Mann zu heiraten und die Insel zu verlassen; es wird darum gehen, diese Ehen (und ihre autobiographischen Darstellungen durch die Autorinnen) im Spannungsfeld von "Liebesehe" und "strategischem Widerstand" gegen die sardische Gesellschaft zu verorten.


Meinrad Ziegler
Institut für Soziologie der Universität Linz
E-mail: meinrad.ziegler@jku.at

gemeinsam mit Waltraud Kannonier-Finster

Liebe, Widerstand und Fürsorge in der sozialwissenschaftlichen Methodologie

Wechselnde Erkenntnisansprüche in der Entwicklung sozialwissenschaftlicher Methodologie implizieren jeweils unterschiedliche Regeln im Hinblick auf die akzeptierte Nähe und Distanz zum Forschungsgegenstand. Die Spannung zwischen diesen beiden Haltungen lässt sich aus mehreren Perspektiven thematisieren:
Wie behandeln exemplarische Sozialwissenschaftlerinnen das Verhältnis von Nähe und Distanz in ihrer Arbeit?
Wie geht dieses Verhältnis in gesellschaftskritische Ansätze empirischer Forschung ein?
Welche Bedeutung hat Nähe und Distanz zum Feld der Forschung im Rahmen der postmodernen 'Krise der Repräsentation'?