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Geschichte der Philosophiehistorie

(Vorlesungen von Franz M. Wimmer, Wien)

Mittelalterliche Philosophiehistorie

Unter der Herrschaft des Offenbarungsglaubens veränderte sich die Einstellung zur Philosophie und folgerichtig auch zu deren Geschichte. Die griechischen oder römischen Götter hatten nicht ihre eigene Beschreibung der Welt, der Natur und des Menschen den Menschen direkt mitgeteilt. Zwar gab es mythologische Berichte über die Entstehung der Welt, der Völker, einzelner Städte und Staaten auch hier. Aber diese Berichte waren nicht in der Weise mit Ereignissen im Leben von Propheten, also von Sprachrohren Gottes verbunden, wie dies nun von Juden, Christen und Muslimen angenommen wird.

Unter den griechischen Philosophen könnte man vielleicht an Parmenides denken: er wäre - seinem eigenen Anspruch nach - noch am ehesten als Prophet zu bezeichnen, denn er empfängt seine Lehre von der Einheit alles Seins in einer Vision, er verkündet diese Lehre als Botschaft einer Göttin. Im Ton seiner Rede-Schrift, im Anspruch auf Untrüglichkeit ist manches, was an Propheten erinnert. Aber Parmenides wurde doch nicht als Sprecher im Namen einer Göttin aufgenommen, seine Anhänger stützen sich nicht auf eine solche Autorität sondern auf Denknotwendigkeiten, wenn sie seine Thesen verteidigen. Andere Denker traten erst gar nicht mit diesem Anspruch auf, sondern beriefen sich mit ihren Lehren nur auf dasjenige, was auch Juden, Christen und Muslime als eine Quelle der Erkenntnis anerkennen: die Stimme der Sinne und der Vernunft.

Auch in diesen "natürlichen" Fähigkeiten spricht nach christlicher Auffassung Gott: er hat die ganze Welt, also auch den Menschen mit seinen Geisteskräften geschaffen, sein Schöpfungsplan ist daher auch mit diesen Kräften zu erkennen. Die Lehre des Augustinus von der natürlichen Erkenntnis, die proportional zur Teilhabe am göttlichen Wesen möglich sei, bringt dies zum Ausdruck. Gottes Schöpfungsplan, also die wahre Struktur der Wirklichkeit, ist auch mit Hilfe der natürlichen Vernunft und durch Untersuchung der Schöpfung selbst wiederzuerkennen, aber er ist nach Ansicht derer, die an die Offenbarung glauben, nicht buchstäblich darin abzulesen. Was Gott buchstäblich gewollt und getan hat, entnehmen jetzt andere Völker als die Griechen ihren heiligen Büchern. Und mit deren Anerkennung in übernationalen Religionsvölkern ist, wie der Apostel Paulus sich ausdrückt, "die Weisheit der Griechen zur Torheit geworden."

Zwei Fragen drängen sich an dieser Stelle auf: warum kennen die Griechen kein Offenbarungsbuch? Und: warum beginnen die Offenbarungsbücher jetzt zu herrschen überall in Westasien, in Nordafrika und Europa? Wir werden beide Fragen hier offen lassen müssen. Aber es gibt doch einige Hinweise, die das Phänomen verständlicher machen können. Die Griechen, soweit sie Gesamterklärungen der Welt geben und damit auch so etwas wie eine Religion begründen, wie dies bei den Pythagoreern und im Neuplatonismus der Fall war - haben damit nicht die Masse der Bevölkerung erreicht. Diese philosophischen Weltanschauungen blieben esoterisch, waren nicht jedem verständlich, sollten es nicht sein. Die Volksreligion wiederum war zwar jedem verständlich, aber vielen zu trivial - was die Geschichte der Götterburleske zur Genüge zeigt. Soweit es aber philosophische Religionsbewegungen gab, die sich ebenfalls auf Bücher stützten, auf ein 'Er selbst hat es gesagt' (Diogenes Laertios VIII,46 zu Pythagoras), blieb die letzte autoritative Instanz dieser Religion doch immer ein Mensch, wenn auch vielleicht ein 'göttlicher' Mensch. Nie war es ein Gott, noch dazu ein einziger, ausschließlicher Gott, dem die Lehre zugeschrieben wurde, und deshalb wurden die griechischen Weisen zu Philosophen, und nicht zu Propheten. Noch ein Umstand fällt ins Auge: das "Weltgesetz" die kosmische Ordnung und das Schicksal des einzelnen sind für den Griechen nicht Gedanken eines allwissenden und allmächtigen Gottes, sondern bleiben in gewisser Weise blind. Zeus und die übrigen Götter vermögen nichts über Heimarméne, die Schicksalskraft. Dahingegen spricht die christliche Offenbarung wiederholt davon, daß Gott jeden einzelnen Menschen bei seinem Namen kenne, daß ohne Gottes Willen kein Haar falle, daß Gott keinen vergesse. Diese gänzlich neuartige Intimität mit dem Urgrund der Welt war für einen griechischen Menschen undenkbar. Sie muß einen großen Teil der Anziehungskraft ausgemacht haben, welche das persönliche Wort dieses Gottes für die Menschen der spätantiken Großreiche gehabt hat.

Wie auch immer der historische Umschwung erklärt wird, wir können das Ende des antiken Denkens mit dem Sieg der Offenbarungsreligionen unter den ehemals antiken Völkern gleichsetzen. Von nun an haben Gelehrsamkeit und Wissenschaften einen anderen Stellenwert; eine neue Hierarchie von Problemen und neue Begriffe setzen sich durch. Im einzelnen unterscheiden sich Wissenschaften und Philosophie, wie sie unter der Ägide des jüdischen, des christlichen oder des islamischen Offenbarungsglaubens betrieben werden, beträchtlich. Jedoch gibt es auch eine Anzahl von Gemeinsamkeiten, die uns erlauben, diese Arten des Philosophierens zusammenzusehen. Dies trifft auch für das Gebiet der Philosophiehistorie zu, welche in einer Weise weiter betrieben wird, die sie für moderne Augen beinahe unkenntlich macht.

Beschränken wir uns auf einen Vergleich der christlichen und der muslimischen Philosophie, so sind zunächst einmal die Übereinstimmungen festzuhalten. Gemeinsam ist muslimischen und christlichen Philosophen, daß sie sich hinsichtlich der Naturgelehrsamkeit bzw. im allgemeinen hinsichtlich der nicht aus der Offenbarung stammenden Weisheit den Griechen unterlegen fühlen. Dies drückt sich nur selten so offen aus wie in dem Thomas-Wort von den Zwergen auf den Schultern der Riesen; es drückt sich aber überall dort stillschweigend aus, wo Gelehrte ihr Leben damit zubringen, Kommentare zu Kommentaren zu Platon oder Aristoteles zu schreiben, oder Traktate nach in der Antike entwickelten Problemmustern zu verfassen.

"Kommentare zu den Kommentaren des Averroes und zu dem Organon und der Metaphysik des Aristoteles schrieb Levi Ben Gerson (1288-1344), der unter dem Namen Gersonides bekannt ist." (F. Copleston, Geschichte der Philosophie des Mittelalters, S. 141)
Eine zweite Gemeinsamkeit: die Philosophie steht im Dienst der Theologie, und das erscheint ganz natürlich. Wenn nämlich die zuverlässige Mitteilung über die wirkliche Struktur der Welt - die authentische Interpretation der Wirklichkeit - bereits von demjenigen gegeben worden ist, der es am besten wissen muß, weil er diese Welt gemacht hat und weiter erhält, so kann es Probleme nur noch dort geben, wo man diese Mitteilung entweder nicht hinlänglich deutlich versteht, oder wo sie aus irgendwelchen Gründen unvollständig gegeben wurde. Nur zum Ausfüllen solcher Lücken und zur Aufklärung von Dunkelheiten braucht man somit das an sich unvollkommenere Mittel der "natürlichen Offenbarung", dasjenige Wissen also, das der Mensch mit Hilfe seiner Sinne und des Verstandes der Natur selbst entnimmt. Und auf diesem Gebiet haben die Griechen, die ja gezwungen waren, sich die Welt ohne die göttliche Aufklärung selbst zu erklären, Großartiges geleistet. Es lohnt sich daher in diesem Sinn, ihre menschlich-natürliche Weisheit in den Dienst der menschlich-göttlichen Weisheit zu stellen. Es ist darum an dem Wort von der ancilla theologiae durchaus etwas, was die Philosophie in den Augen des Offenbarungsgläubigen aufwertet; man hätte sie nämlich auch für ungeeignet halten können, ancilla zu sein. Und es gab und gibt Richtungen in der Geschichte der Theologie und anderer Disziplinen, die der Philosophie die Fähigkeit, auch nur ancilla zu sein, schlankweg absprechen, man denke nur an die Theologen der Reformation.

Unterschiede, die für unser Thema von Interesse sind, liegen vor allem darin, welche Art der Tradierung das antike Gedankengut erfährt. Man muß zunächst feststellen, daß das frühe Christentum in einer Reihe seiner gelehrten Vertreter einen ziemlich umfassenden Zugang zur Antike hatte, und daß von diesen Autoren, den sogenannten Kirchenvätern und -lehrern eine Menge an Kenntnissen über antikes Denken, eben auch über antike Philosophie im Christentum des lateinischen wie des griechischen Raumes erhalten blieb. Zudem fahren die Theologen des Westens fort, sich in der Sprache der Römer auszudrücken, einige ihrer heiligen Bücher sind in griechischer Sprache verfaßt. Dies bedeutet aber wiederum nicht, daß das christliche Mittelalter eine umfassende Kenntnis der griechischen oder auch nur der lateinischen antiken Literatur gehabt hätte, die etwa mit den Kenntnissen des 19. Jahrhunderts vergleichbar gewesen wäre. Immerhin blieben aber doch einige Autoren wie Cicero und Seneca zumindest mit einzelnen ihrer Schriften durchgehend gegenwärtig. Die Kenntnis des Griechischen, das in der römischen Kaiserzeit Bildungssprache gewesen war - Kaiser Julian (gestorben 363) schrieb fast alle seine Briefe griechisch - verlor sich im Westen mit dem Niedergang des Reiches. Und damit verlor sich weitgehend auch die Kenntnis der philosophischen griechischen Klassiker, denn eine lateinische Übersetzung z.B. des Aristoteles scheint in der Antike überflüssig gewesen zu sein.

Erst verhältnismäßig spät und in mehreren Wellen lernt das lateinische Christentum die antike Latinität und die griechischen Schriftsteller im Original oder in vollständigen Übersetzungen kennen. Das Platonbild der Platoniker von Chartres etwa mutet heute eher fragmentarisch an. Die Lücken füllten sich nur langsam, und noch bis in unser Jahrhundert dauert die Wiederentdeckung - oder oft erstmalige Entdeckung - der antiken Kulturen an. In der Zeit des sogenannten Mittelalters war der Weg zur Kenntnis der griechischen Philosophie oft in erster Linie ein Umweg: noch im 12. Jahrhundert wurden Schriften des Aristoteles aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt. Bei den Arabern aber war eine sprachliche Kontinuität mit der Antike von vornherein gar nicht gegeben.

Woher hatten die Araber ihre Kenntnis der griechischen Philosophie und was kannten sie davon? Die Geschichte dieser Übertragung ist heute weitgehend rekonstruiert, und so läßt sich sagen, daß auch die Araber, verglichen mit der europäischen Neuzeit, eine sehr einseitige Kenntnis der griechischen Kultur hatten. Sie wußten z.B. nichts von der Lyrik und Dramatik der Griechen, Thukydides kannten sie nicht einmal dem Namen nach. Was daher ein Kommentator verstanden haben mag, wenn er bei Aristoteles über Komödien und Tragödien las, ist schwer nachzuvollziehen. Dafür aber wurden mathematische, medizinische, geographische und eben auch philosophische Traktate schon ab dem 4. nachchristlichen Jahrhundert ins Syrische und dann in großer Zahl im 8. Jahrhundert entweder aus dem Syrischen oder aus dem Griechischen ins Arabische übertragen. Von den philosophischen Schriften wiederum wurde anscheinend nicht alles für wichtig gehalten, was spätere Zeiten geschätzt haben; Aristoteles war zwar ein bevorzugter Autor, aber er galt als Platoniker, der auf dem Gebiet der Logik Bedeutendes geleistet hatte. Man sah in ihm den Verfasser einer "Theologie des Meisters", die eindeutig neuplatonischen Ursprungs ist (es handelt sich um Plotin, Enneaden, IV-VI). Es fand also offenbar keine philologisch-kritische Rezeption statt, wohl aber eine glossierende Aufarbeitung des griechischen Gedankenguts in einem derartigen Ausmaß, daß Thomas von Aquin, der im 13. Jahrhundert an der Pariser Hochschule lehrt, immer den Aristoteles meint, wenn er 'der Philosoph' sagt, und immer Ibn Roshd (Averroes), wenn er 'der Kommentator' schreibt.

Was die Vergangenheit der Philosophie anbelangt, so scheinen weder muslimische noch christliche Offenbarungsgläubige daran übermäßig interessiert gewesen zu sein, sie als Entwicklung des menschlichen Geistes oder auch nur um der Wißbegierde willen darzustellen. Zwar wird aus dem 9. Jahrhundert von der Übersetzung der "Placita Philosophorum" eines Pseudo-Plutarch ins Arabische berichtet, auch gab es Versuche zur Harmonisierung mehrerer Philosophien und zur Darstellung der Lehren eines großen Philosophen (vgl. Al-Farabis "De Platonis philosophia") und biographisch-doxographische Arbeiten. Ebenso finden wir im christlichen Westen Sammlungen von Aussprüchen, sogenannte Florilegien; dies sind doxographische Produkte, die zu bestimmten Zwecken (als Zitatsammlungen für Predigten, Reden und Vorlesungen, auch als Meinungssammlungen zur Behandlung von Problemen) angefertigt wurden und sehr zahlreich waren. Ein Interesse an der geschichtlichen Entwicklung des Denkens läßt sich jedoch weder im einen noch im anderen Fall feststellen. Dieses Desinteresse betrifft auch die Haltung gegenüber den heiligen Büchern: es ist immer der selbe Sprecher, der sich durch Moses und die Propheten, durch Jesus, Paulus oder Mohammed mitteilt. Der Gedanke Joachims von Fiore und, viel später, Lessings, daß eine spätere Offenbarung die frühere auch inhaltlich aufheben könnte, findet sich im Christentum nur als Ausnahme.

Die Verwendung von Zitaten zur systematischen Erörterung philosophischer Probleme, zu apologetischen oder polemischen Zwecken ist etwas ganz anderes als die Weitergabe von Nachrichten aus der Vergangenheit menschlichen Denkens um ihrer selbst willen oder die geistige Rekonstruktion einer Geschichte der Entdeckungen des Geistes. Weder das bloß antiquarische Interesse, wie wir es im neuzeitlichen Humanismus ebenso vorfinden wie bei den Archivaren von Alexandrien, noch das Interesse am Entwicklungsgang des Geistes, wie es vor allem seit der Aufklärung zum Durchbruch kommt, entsprechen dem Bedürfnis des Offenbarungsgläubigen des Mittelalters. Für ihn hat das Herumirren des gottverlassenen menschlichen Geistes keinen Eigenwert, und es verfehlt auch notwendigerweise die Richtung, in der die Wahrheit gefunden werden kann.

Selbst dort, wo es innerhalb des christlichen oder des islamischen Denkens Bestrebungen gibt, der Philosophie einen eigenberechtigten Rang einzuräumen, sie in gewissen Fragen zur letzten Instanz zu machen, sucht man die Berechtigung dieses Unternehmens nicht durch den Aufweis einer historischen Entwicklung zu begründen. Grundsätzlich kennzeichnet diese Epoche des Philosophierens das Bewußtsein, daß vor der Wirklichkeit alle Denker Zeitgenossen seien. Die Frage, die jeden Philosophiehistoriker seit der Entdeckung des historischen Bewußtseins beunruhigt, ob er denn auch richtig verstehe, wenn er die Äußerungen der Alten nach eigenem Verständnis wörtlich aufnimmt, diese Frage scheint weder den islamischen noch den christlichen Philosophen Kopfzerbrechen bereitet zu haben.
 

Literaturhinweise

Braun, Lucien: (1990). Geschichte der Philosophiegeschichte. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft
Copleston, Frederick: Die Philosophie des Mittelalters.
Flasch, Kurt: (1986) Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Macchiavelli. Stuttgart: reclam
Steinschneider, Moritz (1960) Die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen. Graz: Akademische Verlagsanstalt
Walzer, Richard: (1962) Greek into Arabic. Essays on Islamic Philosophy. Oxford: Cassirer