Universität Wien

Wimmer: Vorlesung WS 2005/06
180210 Philosophie im 20. Jahrhundert

5. Vorlesung 8. November 2005:
Überblick 2. Periode (1915-29)
Marxismus, Analytische Philosophie, Existenz- und Dialogphilosophie Kulturphilosophie

An diesem Termin wurde besprochen:
Werkübersicht der Periode | Bertrand Russell | Ludwig Wittgenstein | Wittgensteins "Tractatus" (M. Thaler)


Beispiele für philosophische und philosophisch relevante Literatur zwischen 1915 und 1929: pdf-File (28 KB)

Die in dieser Liste beispielhaft ausgewählten Buchtitel zu philosophischen Fragen mit Erscheinungsjahr zwischen 1915 und 1929 zeigen das Vorherrschen bestimmter Problemstellungen, wobei ich hier aus dieser Auswahl nochmals auswähle:


Als prägende Werke philosophischer Richtungen im Allgemeinen können in diesem Zeitraum angesehen werden z.B.:
Bloch 1918, Korsch 1923, Lukács 1923, Trotzkij 1929 (Marxismus);
Jaspers 1919, Heidegger 1927, Löwith 1929 (Existenzphilosophie);
Rosenzweig 1921, Ebner 1921, Buber 1923 (Dialogphilosophie)
Wittgenstein 1921, Carnap 1928, Neurath-Hahn-Carnap 1929 (Analytische Philosophie, "Wiener Kreis")


Bertrand RUSSELL (1872-1970)
Britischer Mathematiker, Logiker, Philosoph, einer der Begründer der "Analytischen Philosophie"
Politisches Engagement: Pazifismus ("Russell-Tribunal" gemeinsam mit J.-P. Sartre gegen Vietnamkrieg 1963)
Nobelpreisträger für Literatur 1950
Von Russell wird zur einführenden Lektüre empfohlen:
--- Probleme der Philosophie
--- Denker des Abendlandes


Ludwig WITTGENSTEIN (1889-1951)
Österreichisch-britischer Logiker und Philosoph mit starkem Einfluss auf den "Wiener Kreis" und die "Analytische Philosophie" allgemein.
Hauptwerke:
-- Tractatus Logico-Philosophicus (s.u. das Referat von Mathias Thaler mit Literaturhinweisen)
-- Philosophische Untersuchungen (postum)


Mathias Thaler:
Zu Wittgensteins "Tractatus Logico-Philosophicus":
1. Der Entstehungskontext
2. Zum Inhalt
3. Ein Thema: Philosophie
4. Wirkung
5. Letztbegründung?
6. Literatur

Ich will Ihnen jetzt ein wenig zu Ludwig Wittgensteins Buch "Tractatus Logico-Philosophicus" erzählen. Davor muss ich eine kleine Vorwarnung platzieren, die wohl für alle Texte gilt, die wir uns in diesem Semester ein bisschen genauer, aber natürlich nicht wirklich genau anschauen: Das ist ein notorisch schwieriger Text, dem oft einzelne Lehrveranstaltungen über ein Semester und manchmal ganze Gelehrtenleben gewidmet werden. Ich werde also nicht mehr als Stichworte liefern können, die vielleicht zu Ihrer eigenen Lektüre anregen. Dabei folge ich zumeist Wittgensteins Jargon, was vielleicht auch ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Aber schon im Vorwort steht ja: "Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind [...] schon selbst einmal gedacht hat." Ehrlich gesagt, kann ich nicht behaupten, solche Gedanken wie Wittgenstein schon einmal gedacht zu haben. Aber mit der Hilfe von Kommentaren und Einführungen (sh. Literatur) sollte es gelingen, die zentralen Gedankenzüge nachzuvollziehen.

1. Der Entstehungskontext
Zunächst zum Entstehungskontext: Ludwig Wittgenstein wurde am 26. April 1889 in Wien geboren, in eine reiche jüdische Industriellenfamilie. Nach der Schule besuchte er zunächst die Technische Hochschule in Berlin, dann die Universität in Manchester. Im Zuge seiner dortigen Studien begann er, sich mit mathematisch-logischen Probleme auseinanderzusetzen. Die Beschäftigung mit einer Antinomie Russells aus der Mengenlehre bewog ihn schließlich – wahrscheinlich auf Anraten Freges, den Wittgenstein 1911 in Jena besuchte --–, Logik und Philosophie in Cambridge zu studieren. Dort verkehrte er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in einem äußerst anregenden Umfeld: Neben dem Freund und Mentor Russell lernte Wittgenstein Moore und Keynes kennen. Bald entwickelten sich Wittgenstein zum intellektuellen Zentrum der philosophischen Debatten. Immer wieder kehrte er aber Cambridge den Rücken zu, um in Norwegen, in einem kleinen Haus, alleine zu arbeiten. In Norwegen scheint Wittgenstein auch mit jenen Tagebuchaufzeichnungen begonnen zu haben, die später den Grundstock für den "Tractatus" bilden sollten. Während des Weltkrieges diente Wittgenstein als Freiwilliger und wurde mehrfach ausgezeichnet. Selbst während seiner Kriegsgefangenschaft in Italien gelang es ihm, weiter mit seinen Notizen fortzufahren. Der Tractatus wurde schließlich 1921, nach längerer Verlagssuche, in den "Annalen der Naturphilosophie" veröffentlicht. Diese erste Publikation war noch voller Fehler und Ungenauigkeiten, die erst in der englischen Übersetzung durch Ogden (und Ramsey) behoben wurden. Russell hat zu dieser Übersetzung auch ein Vorwort verfasst, mit dem Wittgenstein aber keineswegs einverstanden war. Im "Tractatus" sind Spuren vielfältiger Beeinflussung zu bemerken. Zum einen gibt es explizite Bezugnahmen auf Russell und Frege im Vorwort. Wittgenstein scheint jedoch auch andere Philosophen und Naturwissenschaftler wie Hertz, Boltzmann und Schopenhauer intensiv rezipiert zu haben. Im Gesamtwerk Wittgenstein ist der "Tractatus" der Gründungstext für den Korpus von "Wittgenstein I".

2. Zum Inhalt
Die Struktur des Buches ist sehr streng. Als Grundgerüst dienen sieben Grundsätze oder Thesen, die, so wie alle Absätze des "Tractatus", durchnummeriert sind. An diese Grundsätze sind, einem Dezimalsystem folgend, erläuternde Bemerkungen angeschlossen. Der Satz 1.1 stellt also eine Erläuterung oder Vertiefung des Satzes 1 dar, und der Satz 1.11 verfährt ebenso mit Satz 1.1. Insgesamt beinhaltet der "Tractatus" etwa 500 Thesen. Die strikte Gliederung sagt aber nichts über das jeweilige argumentative Gewicht der Thesen aus – so ist etwa unter der Nummer 4.0312, also an wenig prominenter Stelle, der "Grundgedanke" des Buches zu finden. Die Nummerierung ist also für die Lektüre durchaus nützlich, aber man sollte sich nicht immer sklavisch daran halten. Jedenfalls sind die Thesen nicht in Form eines Syllogismus (Prämisse – Konklusion) formuliert. Ich werde Ihnen nun in Stichworten zusammenfassen, welche Thesen im "Tractatus" verteidigt werden.
In den Thesen 1 und 2 behauptet Wittgenstein, dass die Welt die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Gegenstände, ist, und dass Tatsachen bestehende Sachverhalte sind. Ein Sachverhalt wiederum ist eine Verbindung von Gegenständen. Wittgenstein meint, dass ein Gegenstand einfach ist und daher die Verbindung von Gegenständen – der Sachverhalt – komplex. Jeder Sachverhalt lässt sich also zerlegen. Ab dem Satz 2.1 bewegt sich Wittgenstein von der Welt zum Gedanken und schließlich zur Sprache, und um diese drei Themen – Welt, Gedanke und Sprache – geht es ja im "Tractatus" an vorderster Stelle. Dort heißt es dann: "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit." (2.12) Der Bild-Begriff ist im "Tractatus" von größter Bedeutung. (Noch in den "Philosophischen Untersuchungen" (115), wo Wittgenstein den Bild-Begriff zugunsten des "Sprachspiels" aufgibt, schreibt er: "Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.") Als Denkende und sprechende machen wir uns Bilder von der Welt, in denen sich einzelne Elemente auf bestimmte Weise zu einander verhalten. Jedes dieser Elemente bildet einen Gegenstand im Sachverhalt ab. Die logische Struktur des Bildes ist also isomorph oder gleichförmig mit der logischen Struktur des Sachverhaltes, den es abbildet. Die logische Form verbindet das Bild und das Abgebildete miteinander.
In These 3 sagt Wittgenstein, dass das logische Bild der Tatsachen der Gedanke ist. Satz 4 behauptet, daran anschließend, dass der Gedanke der sinnvolle Satz sei. Ein Gedanke lässt sich mittels eines "Satzzeichens" sinnlich ausdrücken. Auch hier gilt wieder die Abbildtheorie: Der komplexe Sachverhalt ist darstellbar, indem ein komplexes Satzzeichen verwendet wird, das man zerlegen kann. Dann muss es aber auch etwas geben, das nicht mehr zerlegbar ist – ein Analogon zum einfachen Gegenstand auf der Ebene der Welt. Als Urzeichen bezeichnet Wittgenstein den "Namen", und hier ist er ganz stark von Frege beeinflusst. "Namen" alleine können aber nichts bezeichnen, sondern bedeuten erst etwas im Satzzeichen. Das hat zur Konsequenz, dass nur ein Satz sinnvoll oder unsinnig sein kann, wobei Sinn mit Bezug auf die Welt synonym ist. Das bedeutet, dass nur im Satz die Bezugnahme auf die Welt erfolgen kann. Sinnvolle Sätze können wahr oder falsch sein, nicht-sinnvolle Sätze erfüllen diese Bedingung nicht. Dazu gleich mehr. "Namen" alleine – und hier unterscheidet sich Wittgenstein von Frege – können keinen Sinn, keinen Bezug auf einen Gegenstand haben.
Aus dieser Annahme leiten sich weit reichende Folgen ab. Wittgenstein möchte eine logische Zeichensprache entwickeln, die uns die Grenzen der Sprache/Welt zu ziehen hilft. Die Logik basiert auf der Idee, dass ein sinnvoller Satz entweder wahr oder falsch sein kann. Entweder ist das Bild der Welt richtig oder es ist unrichtig. Auf einer so genannten "Wahrheitstafel" lassen sich sämtliche logischen Möglichkeiten darstellen. Mit Hilfe der aussagenlogischen Konnektive kann man komplexe Sätze bauen und alle logischen Möglichkeiten durchspielen. In These 5 wird schließlich die Behauptung aufgestellt, dass der Satz eine Wahrheitsfunktion der "Elementarsätze" ist. In diesem Zusammenhang lanciert Wittgenstein auch eine Volte gegen die "traditionelle" Philosophie: Die sinnvollen Sätze über die Wirklichkeit werden von der Naturwissenschaft artikuliert. Auf diesem Feld hat die Philosophie nichts verloren, sie kann nicht neben, sondern nur über oder unter der Naturwissenschaft stehen. Dazu werde ich später noch ein bisschen mehr erzählen.
Durch These 6, die in eine schwierig anmutende Form gekleidet ist, soll geklärt werden, worin der Zusammenhang zwischen zusammengesetzten und so genannten "Elementarsätzen" besteht. Wittgenstein sagt, dass es eine "allgemeine Form des Satzes" gibt, und daraus ergibt sich, dass alle sinnvollen Sätze denselben Wert haben. Zwischen den Sätzen, die einen Bezug auf die Welt haben, gibt es also keine Rangordnung. Am Schluss des Buches zieht Wittgenstein einige Konsequenzen aus dieser Theorie zum Verhältnis zwischen Welt, Gedanke und Sprache: Ethik und Ästhetik sind nicht in der Lage, sinnvolle Sätze zu produzieren, weil sie etwas Höheres ausdrücken wollen als die Tatsachen. Sinnvolle Sätze kann, wie gesagt, nur die Naturwissenschaft hervorbringen. Die Logik wiederum besteht aus Tautologien (oder Kontradiktionen); das bedeutet, dass logische Sätze nichts sagen oder beschreiben, aber trotzdem von Nutzem sind, weil sie die formalen Eigenschaften der Sprache/Welt zeigen. Das berühmte Ende des "Tractatus", der Satz 7, lautet: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."
Neben der von Wittgenstein selbst fabrizierten Struktur kann man den "Tractatus" eigentlich in drei Sektionen einteilen: 1. den sehr apodiktischen, "ontologischen" Anfang, der einmal mit einem "Schöpfungsmythos" verglichen wurde; 2. die sprachlogischen Ausführungen des Mittelteils; 3. die Mystik des Endes. Die große Faszination, die der "Tractatus" bereits im unmittelbaren Anschluss an seine Veröffentlichung auf Leute wie Russell, Carnap oder Schlick ausgeübt hat, scheint auch damit zusammenzuhängen, dass Wittgenstein alle drei Probleme mit einem Lösungsvorschlag anzupacken versucht. In einem Brief schreibt Wittgenstein trotzdem einmal, dass der wichtigste Teil des "Tractatus" derjenige sei, der nicht geschrieben wurde.

3. Ein Thema: Philosophie
Ich möchte aus der Vielfalt der Themen, die im "Tractatus" behandelt werden, eines herausgreifen und kurz vorstellen: nämlich die Frage, welche Rolle der Philosophie im "Tractatus" zukommt. Im Vorwort meint Wittgenstein: "Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr – nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken. Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können [...]." Nachdem Wittgenstein die Bedingungen festgelegt hat, unter denen Sätze Sinn haben können, hat er den Naturwissenschaften die Aufgabe übertragen, innerhalb dieser Grenze zu agieren. Sinnvolle Sätze können wahr oder falsch sein, sie unterliegen den Wahrheitsbedingungen der Logik. Vieles von dem, was wir für gewöhnlich als sinnvolle sprachliche Äußerung erachten, steht für Wittgenstein außerhalb der Grenze des Sagbaren: Es ist entweder unsinnig oder sinnlos. Diese Unterscheidung ist fundamental, weil die Logik sinnlos ist, während Ethik und Ästhetik mit dem Etikett "unsinnig" versehen werden müssen. Die Sätze der Logik können tautologisch oder kontradiktorisch sein. Im ersten Fall ist der Satz unter allen Bedingungen wahr, im zweiten unter keinen. Dass ein Satz unter allen oder keinen Bedingungen wahr ist, ist aber nur dann möglich, wenn er keinen Bezug zur Welt herstellt. Das heißt, die Sätze der Logik bilden nichts ab, aber sie zeigen die Grenzen der Sprache/Welt. Da sie selbst zur Bestimmung der Wahrheit von sinnvollen Sätzen dienen, besitzen sie einen Wert. Deswegen auch der Satz 4. 0312: "Mein Grundgedanke ist, daß die ‚logischen Konstanten‘ nicht vertreten. Daß sich die Logik der Tatsachen nicht vertreten läßt." Nicht nur die Logik ist sinnlos, sondern auch die Mathematik.
"Unsinnig" hingegen bezeichnet eine andere Klasse von nicht-sinnvollen Sätzen. Da nur Tatsachen in der Welt abgebildet und sprachlich ausgedrückt werden können, muss jeder Versuch, etwas über Dinge außerhalb der Welt zu sagen, scheitern. Jede Rede von "Werten" – seien diese nun ästhetisch oder ethisch – fällt diesem Schicksal zum Opfer: Um einer Sache Wert zuzuschreiben, muss man außerhalb ihres Bezugsfeldes stehen; man muss sich außerhalb der Welt aufstellen, was aber nicht möglich ist und deshalb zu allerlei Unsinn führt. Aber bei dieser negativen Diagnose bleibt Wittgenstein nicht stehen: Wenn etwas nicht gesagt werden kann, dann muss man zwar schweigen, aber man kann es zeigen. Die Dichotomie zwischen Sagen und Zeigen ist vollständig: Also, was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden, und was gesagt werden kann, kann nicht gezeigt werden. Auf dem Tableau des Wissens sind jetzt schon einige Plätze besetzt: die Naturwissenschaft produziert sinnvolle Sätze, die Logik und Mathematik sinnlose Sätze, die aber immerhin die Grenzen der Sprache/Welt bestimmen. Wo könnte sich da noch die Philosophie aufstellen?
Jedenfalls nicht in Konkurrenz zur Naturwissenschaft, die ja hegemonial über die wahren oder falschen Sätze herrscht. Die Philosophie kann nicht neben, sondern nur über oder unter der Naturwissenschaft stehen. Die Philosophie ist für Wittgenstein keine Doktrin, sondern eine Tätigkeit. Diese Tätigkeit besteht darin, jene Sätze und Gedanken zu erläutern, die sonst undeutlich und metaphysisch sind. In 6.53 fasst Wittgenstein diesen Gedanken zusammen: "Die richtige Methode wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit der Philosophie nichts zu tun hat –, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, daß wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige." Die Aufgabe der Philosophie ist also Sprachkritik: Sie muss den Unsinn der traditionellen Philosophie aufdecken und entlarven. Interessant ist dieses Philosophieverständnis auch im Blick auf die Sätze des "Tractatus" selbst: Offensichtlich sind diese Sätze nicht naturwissenschaftlich und können daher nichts Sinnvolles ausdrücken. Es sind auch nicht ausschließlich um Sätze der Logik. Wittgenstein selbst akzeptiert diese Tatsache, wenn er die Sätze seines Buches als "unsinnig" bezeichnet. Trotzdem hat die Lektüre und auch die Philosophie eine Funktion, die man im Blick auf den späten Wittgenstein als "therapeutisch" bezeichnen könnte. Um dies zu unterstreichen, benutzt Wittgenstein die Metapher der Leiter, die man nach dem Aufstieg getrost wegwerfen kann. Ist der Unsinn des "Tractatus" erst erkannt, kann das philosophische Tun und die Logik und die Naturwissenschaft beginnen.

4. Wirkung

Die Wirkung des "Tractatus" ist durch mehrere, heterogene Faktoren bestimmt. Der erste Faktor ist der intellektuelle Werdegang von Wittgenstein. Bekanntlich wird in der Forschung immer noch zwischen Wittgenstein I und Wittgenstein II, dem frühen und dem späten Wittgenstein unterscheiden, auch wenn diese Trennung inzwischen mehr und mehr in Frage gestellt. Wittgenstein I ist gemäß dieser Lesart der Autor des "Tractatus", auf den nach einer Übergangsphase Wittgenstein II, der Verfasser "Philosophischen Untersuchungen" folgt. Wittgenstein selbst spricht im Vorwort der "Philosophischen Untersuchungen" von "schwere[n] Irrtümern", die ihm in seiner ersten Publikation unterlaufen seien. Wittgensteins Selbstkritik und Weiterentwicklung hat die mittelbare philosophische Rezeption des "Tractatus" also erheblich beeinflusst. In der analytischen Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat jedenfalls Wittgenstein II – mit der Idee des Regelfolgens zum Beispiel – tiefere Spuren hinterlassen. Auch für die Postmoderne, vor allem für Lyotard, ist Wittgenstein II ein zentraler Stichwortgeber. Für den Wiener Kreis war der Autor des "Tractatus" von größtem Interesse.
Ein weiterer Faktor betrifft den stilistischen Charakter des "Tractatus". Das System der Durchnummerierung von Einzelthesen hat etwa viele Nachahmer gefunden. Neben den strengen Formulierungen im Anschluss an Russell und Frege finden sich viele Sätze, die eher an Aphorismen erinnern. Jedenfalls erhebt Wittgenstein durchaus einen literarischen Anspruch, der seinem Misstrauen gegenüber jeder Form von Schlampigkeit in der Sprache entspringt. Insgesamt scheint der "Tractatus" zuweilen als ein Text gelesen zu werden, der eine beinahe mystische Autorität auszustrahlen vermag. Dies kann man auch daraus ersehen, dass sich die Rezeption des "Tractatus" keineswegs nur auf die Philosophie und Logik beschränkt, sondern von unterschiedlichen Kunstformen vollzogen wurde und wird. Das hat natürlich auch mit der Person Ludwig Wittgenstein zu tun. Der "Tractatus" ist selbst zu einem kulturellen Phänomen stilisiert worden. Dass die Wittgenstein-Lektüre auch lustige Blüten treibt, beweist etwa die "Tractatus Suite" des finnischen Musikers M. A. Numminen aus dem Jahre 1966.

5. Letztbegründung?

Ganz zum Ende will ich noch eine Frage aufwerfen, die im Zusammenhang mit dem Generalthema unserer Vorlesung steht. Wo würden wir Wittgenstein, ich meine jetzt den Autor des "Tractatus", in der Frage der Letztbegründung verorten? Meine sehr naive Vermutung wäre, dass wir es mit einer ambivalenten Sache zu tun haben: Zum einen kritisiert Wittgenstein ganz offen die überhebliche Art der traditionellen Philosophie. Wenn er sagt, dass da hauptsächlich grober Unsinn produziert wird, dann ist das offenbar eine Entthronung der Königsdisziplin. Zum anderen aber will Wittgenstein die Philosophie selbst ja nicht abschaffen, sondern nur reformieren in Richtung einer für die Naturwissenschaften sensiblen Sprachkritik. Und dann kann man sich natürlich fragen, wie Wittgensteins Geste der Grenzziehung – die klassische Handlung des Kritikers – selbst zu bewerten sei. Welchen Anspruch erhebt jemand, der behauptet, "die Probleme im wesentlichen gelöst zu haben" (Vorwort)?

6. Literatur zum Tractatus:

Anscombe, G. E. M., An Introduction to Wittgenstein’s Tractatus, London 1959
Schulte, Joachim (Hg.), Texte zum Tractatus, Frankfurt am Main 1989
Janik, Allan/Toulmin, Stephen, Wittgensteins Wien, München 1986
Monk, Ray, Wittgenstein. Das Handwerk des Genies, Stuttgart 1993
Stenius, Erik, Wittgensteins Traktat. Eine kritische Darlegung seiner Hauptgedanken, Frankfurt am Main 1969
Heinrich, Richard, Wittgensteins Grenze, Wien 1993
McGuiness, Brian, Wittgensteins frühe Jahre, Frankfurt am Main 1992
Schulte, Joachim, Wittgenstein. Eine Einführung, Stuttgart 1989
von Wright, Georg Henrik, Wittgenstein, Frankfurt am Main 1986
Carruthers, Peter, The Metaphysics of the Tractatus, Cambridge 1990
- Tractarian Semantics. Finding sense in Wittgenstein’s Tractatus, Oxford 1989
Mann, Christian, Wovon man schweigen muß. Wittgenstein über die Grundlagen von Logik und Mathematik, Wien 1994
Glock, Hans-Johann, A Wittgenstein Dictionary, Cambridge 1996

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Erstellt: Wintersemester 2005