Was ist Medienphilosophie?
Frank Hartmann
Ein Essay (Juli 2004)
Zitat-URL = http://www.medienphilosophie.net/medienphilosophie.html
"Zur Frage, ob eine Philosophie des Computerzeitalters gefordert ist. Eine Philosophie
der neuen Zeit entsteht von selbst. Nicht nur, weil sich die Themen ändern, sondern vor
allem, weil sich das Denken ändert." (Vilém Flusser, in: Zwiegespräche, 1991)
Medienphilosophie - ist das eine neue Disziplin? Medienphilosophie ist jedenfalls nicht, wenn ein
Philosophieprofessor im Fernsehen auftritt. Vielmehr geht es um eine
Reflexion dessen, wie Medien Wirklichkeiten prägen. Die menschliche Umwelt
ist medial; Kultur ist nicht nur medial "geprägt", sondern durch
mediale Übertragung überhaupt erst ermöglicht und immer wieder
transformiert worden. Im Unterschied zur Medienwissenschaft werden in der
Medienphilosophie die Medien theoretisiert, d.h. auf ihre technischen
Grundlagen und kognitiven Auswirkungen hin befragt.
Mit dem akademischen Fach "Philosophie" und seinen
Autoritäten hat das nur entfernt zu tun. Medien- philosophie gibt sich
auch mit psychologischen oder soziologischen Erforschungen der
Medienkultur nicht zufrieden. Sie bricht mit der Tradition der Semiologie,
die überall Textstrukturen sehen und Kultur(en) einer "Lektüre"
unterwerfen will. Es geht der Medienphilosophie um die immanenten
technischen Variablen, um die Scharniere, die Kultur funktionieren lassen:
nicht um selbstbewusst kommunizierende Subjekte, sondern um Vermittlungen
in der Tiefendimension jeder Kultur. Zeichen, Wörter, Bilder sind dabei
Übertragungsmittel, mit denen Ideen wirksam werden. Die Beherrschung von
Raum und Zeit, also Transmission (Übertragen in symbolischen Systemen,
Transportsystemen, Archiven, Institutionen etc.) ist allem Kommunizieren
vorgängig. Es findet unter
bestimmten Bedingungen statt: Sprache, Schrift, Druck, Elektrizität,
Audiovisualität, und aktuell: den Interfaces zu
Rechenleistungen.
Medienwahrnehmung
Wir alle kennen den Spruch: Das Medium ist die Botschaft. In diesem Slogan verdichtete der Kanadier
Marshall McLuhan vor fast einem halben Jahrhundert die Erkenntnisse einer neuen Zeit. Sie war mit der
Elektrizität angebrochen, die neue Möglichkeiten zum Speichern von Information geschaffen hat und
damit die Grundlage für ein neues Medienzeitalter bildete.
McLuhan war der Überzeugung, dass damit die zweieinhalb Jahrtausende währende Ignoranz der Philosophie
gegenüber der Technik beendet sein muss. Die psychischen und sozialen Folgen der neuen audiovisuellen
Medien und des eben beginnenden Zeitalters von Automation und Information sind Gegenstand seiner neuen
Wissenschaftsdisziplin, der Medientheorie.
Was steht dabei auf dem Spiel? Technik und Medien wirken verändernd auf Kultur und Gesellschaft, damit
auf unsere spezifische Art und Weise der Weltwahrnehmung. Vor den neuen Medien haben Neuzeit und Moderne
mit dem Buchdruck für eine revolutionäre Veränderung gesorgt, nicht nur auf Ebene der technischen
Manipulation, sondern auch in der kognitiven Dimension. Medienabhängig ist nicht nur, was wir von der
Welt wahrnehmen und wissen, sondern auch, wie wir darüber denken.
Neue Kulturtechnologien sorgen für eine neue oder schlicht andere Handhabung der symbolischen Ebene.
Medienphilosophie reflektiert Übergänge, die historisch vor allem mit der Verwendung von Schrift, der
Entwicklung des Drucks, der Zentralperspektive, schließlich der neuen optischen und akustischen Medien
und der Digitalcomputer in Zusammenhang stehen. Die Veränderungen im Speichern und Austauschen von Informationen
betreffen die gesamte menschliche Existenz, bestehend in der Wahrnehmung von Raum, von Zeit und von
zwischenmenschlichen Beziehungen.
Erst Schrift und Buchdruck, dann die Elektrizität, nun die Digitalisierung transformieren als epochale
Veränderungen mit den Grenzen und Formen der Kultur auch unser Denken über die Welt und die menschliche
Stellung in ihr. Damit ist das betroffen, was der transzendentale Idealismus einst in der "Ästhetik" und
der "Logik" als Bedingungen menschlichen Daseins ergründet hat. Im zwanzigsten Jahrhundert hat die
Philosophie vorerst die "Sprache" entdeckt (Lingustic Turn), im Augenblick ihrer Gefährdung durch die
neuen "Bilder" die jetzt allmählich Thema werden (Iconic Turn). Ein Medial Turn steht noch aus,
obwohl einige Philosophen (wie Walter Benjamin, Günther Anders, und Vilém Flusser) ihn angedacht haben.
Es ist fraglich, ob dieser nicht im Jenseits der Philosophie, verstanden als klassische - und, wie manche
behaupten, verknöcherte - Disziplin stattfinden wird, zum Beispiel in Form einer "Mediologie".
Disziplin?
Die Debatte zum disziplinären Anspruch einer Medienphilosophie innerhalb des akademischen
Diskurses ist jüngeren Datums; sie bewegt sich zwischen dem Anspruch, eine neue Grundlagendisziplin zu sein,
und dem eines Korrektivs vergessener und übersehener medialer Zusammenhänge in der Philosophie selbst.
Es ist auch eine spezifisch deutsche und entsprechend ziselierte Debatte, zu der auch die in anderen Sprachen
eher ungewöhnliche Substantivierung des Begriffs "Medium" beigetragen haben mag.
Darin steckt die fragwürdige Möglichkeit, mit "Medien" die Leerstelle des geschichtsphilosophischen Subjekts
neu zu besetzen. Doch Medienphilosophie im Geiste McLuhans stellt weniger die Frage, was die philosophischen
Tradition zum Diskurs über Medien beizutragen hat, als diejenige nach dem historisch kontingenten Stand medialen
Daseins. Folglich geht es weniger um Geist als um Technik, weniger um ein unveränderliches Sein als um die
veränderliche Weltwahrnehmung, weniger um Fragen der Wahrheitssuche als um solche der kulturellen Organisationsform.
Als textfixierte
Wissenschaftsdisziplin hat sich die Philosophie mit dem okzidentalen
Denken in seiner bisherigen Ausdrucksformen beschäftigt: mit Sprache und
Schrift als den privilegierten Medien des Begreifens von Welt.
Medienphilosophie beginnt dort, wo die Selbstverständlichkeit des
subjektiven Zugriffs hinterfragt, und Denken in Abhängigkeit von den zur
Verfügung stehenden Medien gestellt wird. Ihnen gegenüber sind die
Menschen keineswegs souverän. Wie schon der Sprachphilosoph Wilhelm von
Humboldt feststellte, leben Menschen mit ihren Gegenständen, ihrem
Empfinden und ihrem Handeln so, wie die Sprache sie ihnen zuführt. Sprache
hat ein unabhängiges Dasein, eine durchaus gegen das Individuum gerichtete
Gewalt. Erstaunt und belustigt stellt Friedrich Nietzsche - der vielleicht
erste Philosoph, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Schreibmaschine
benutzt hat - fest, dass sogar "das Schreibzeug" mit an unseren Gedanken
arbeite.
Zeit der Medientheorie
Mehr als anekdotische Bezugnahmen auf konkrete Medien sind in der Philosophie jedoch kaum
zu finden. Auch die Fotografie als Medienrevolution des 19. Jahrhunderts hat sie kaum berührt. Erst Mitte des
20. Jahrhunderts, als Telefon, Fotografie, Radio und Fernsehen im Alltag langsam selbstverständlich wurden,
als die ersten Computer gebaut wurden und Publikationen sich mit Kybernetik und Automation befasst haben,
beginnt die eigentliche Zeit der Medien-Theoriebildung.
Medienphilosophie umfasst im weiteren Sinne die Frage danach, was unter neuen Medienbedingungen j
enseits der Schriftkultur überhaupt noch Philosophie ist, und analysiert in einem engeren Sinne die
Bedeutung von Kulturtechniken und technischen Kommunikationsmitteln. Frei nach Hegel kommt der
Philosophie die Aufgabe zu, das, was an der Zeit ist, in Gedanken zu erfassen. Medienphilosophie muss
also jene Innovationen reflektieren, die den Weg in eine telematische Gesellschaft geebnet haben, um
gerade in der Differenz zu klassischen bewusstseins- und sprachphilosophischen Ansätzen einen entscheidenden
Schritt über die typografische Vernunft hinauszugehen.
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