A K T U E L L :: D E B A T T E
Medienphilosophie.
Beiträge zur Klärung eines Begriffs
Fischer Verlag, Januar 2003 (TB Nr. 15757)
Es gibt keine Medienphilosophie, zumindest nicht im institutionellen Sinn - und trotzdem kursiert dieser
Begriff in den aktuellen Debatten. Was also ist Medien-philosophie? Ist sie eine, vielleicht die neue philoso-phische Fundamentaldisziplin? Die Beiträge des Bandes setzen sich damit auseinander, was ein grundlagen-orientiertes Nachdenken über die Medien innerhalb des akademischen Diskurses leisten kann und soll.
Beiträge von: Martin Seel, Stefan Münker, Elena Esposito, Alexander Roesler, Lorenz Engell, Sybille Krämer,
Barbara Becker, Matthias Vogel, Frank Hartmann,
Reinhard Margreiter, Stefan Weber, Mike Sandbothe
Reaktionen zur Debatte auf der Seite von > Mike Sandbothe
Rezension: > Die Kunst, aneinander vorbei zu reden (Süddeutsche Zeitung)
Artikel: > Philosophie im medialen Zeitalter | ORF Science
Diskussion: am 5. Feb. 2003 mit Herbert Hrachovec im >>> Depot [Wien 7.]
Dazu ein Statement des Herausgebers:
Frank Hartmann: "Woher kommt denn die seltsame Abwehrhaltung der etablierten Philosophie gegen das Thema Medien/Mediales?"
Mike Sandbothe: "Philosophieprofessoren sind wie die Bäume in Tolkiens 'Herr der Ringe'. Sie denken langsam und in großen Zeiträumen und bewegen sich nur im äußersten Notfall. Das Thema Medien halten die meisten von ihnen für ein Zeitgeistproblem, das man in aller Ruhe aussitzen kann. Nur keine Hektik! Nichts übereilen! Schließlich hat das Fach fast drei Jahrhunderte dazu gebraucht, um die Wende von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie zu vollziehen!
"Schon im 18. und 19. Jahrhundert hatten de Maupertuis, Herder, Hamann und Humboldt vergeblich versucht, das Thema Sprache auf die philosophische Tagesordnung zu setzen. Erst nachdem Russell, Wittgenstein und Carnap in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die von Frege gelegten Grundlagen für eine logische Formalisierung sprachlicher Strukturen weiterentwickelt haben, begann man in der zweiten Jahrhunderthälfte das Thema ernsthaft zu erwägen. Das Ergebnis: Auch in Deutschland werden neuerdings Professuren ausgeschrieben, die sich der Sprachphilosophie als 'neuer' philosophischer Fachdisziplin widmen.
"Sie können sich ausrechnen, welchen Weg die Medienphilosophie noch vor sich hat! Die heutigen Medienphilosophinnen und Medienphilosophen sind ungefähr in der Situation, in der sich de Maupertuis, Herder und Hamann im 18. Jahrhundert befunden haben. Ein Frege, der die medialen Strukturen von Bildern und Klängen, von Fernsehen und Internet logisch reformuliert, ist noch nicht in Sicht. Vielleicht wird es ihn nie geben!
"Vielleicht wäre das auch gut so. Vielleicht wird die Fachphilosophie in den nächsten Jahrhunderten daran zu arbeiten haben, ihr Verhältnis zur Logik zu überprüfen. Eventuell liegen die zukünftigen Aufgaben des Fachs und die Herausforderungen, vor denen die Medienphilosophie in den kommenden Jahrhunderten steht, auf anderen Gebieten: ethischen, politischen, ästhetischen, pädagogischen, ökonomischen!
"Wie dem auch sei: Die Philosophen sind wie die Bäume in Tolkiens 'Herr der Ringe'. Sie lassen sich Zeit. Viel Zeit! Und vielleicht ist das ja auch gut so in einer Welt der Beschleunigung und des wissenschafts-politischen Aktionismus. Schließlich ist es noch immer das philosophische Loblied der Langsamkeit, das viele junge Menschen dazu motiviert, das Fach zu studieren. Wenn man diesem Lied jedoch zu lange lauscht, dann schläft man ein und wird selbst zum Baum. Ein wenig medienphilosophischer Jazz kann daher der Zukunft der Philosophie nicht schaden!"
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Kurzbesprechung: Das Konzept einer "Medienphilosophie" kann sehr eng verstanden werden - Philosophie, die sich Medien als Thema vornimmt - oder recht breit, dann ist sie eben eine Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln.
Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich derzeit eine Debatte, die soeben in einem aktuellen Sammelband ihren Niederschlag fand: Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs (Fischer Verlag).
Martin Seel meint darin, dass es eine "vorübergehende Sache" sei, die Philosophie über ihre Medienvergessenheit aufzuklären. Viel weiter gehen möchte Reinhard Margreiter: "Die Philosophie ist", schreibt er, "selbst ein mediales Unternehmen, von dem neuerdings freilich infrage steht, ob die Neuen Medien ein historisches Ende dieses Unternehmens bedeuten ... oder ob unter den Bedingungen der Neuen Medien entweder eine problemlose Kontinuität oder Transformation traditionellen Philosophierens möglich bzw. notwendig ist."
Das sind in der Tat mehrere Fragen, die selbst vielleicht wichtiger sind als ihre möglichen Antworten. Jede Kultur stösst irgendwo auf ihre Grenzen, so auch die Textkultur der kanonischen Verweise namens "Philosophie" - die ja mit ihren klassischen Anfängen durchaus limitiert auftritt und so auch den Begriff ihrer möglichen Transformation impliziert. Sicher ist, dass unter neuen kulturellen Bedingungen sich das Interesse daran relativieren lassen muss, was alte Männer über tote Männer zu sagen haben... [28.Dez.2002]
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