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Film und Foto
1895 als
medienhistorischer Wendepunkt: in diesem Jahr stellen die Brüder
Lumière in Frankreich ihr Kinetoscope en projection vor; im
selben Jahr geht in Amerika die erste Fotokamera in
Massenproduktion, die mit einem Rollfilm versehene Pocket
Kodak. Die folgenden Jahrzehnte brachten das, was später
als eine zweite industrielle Revolution bezeichnet werden sollte:
den Einbruch der Maschinen und Apparate in den
Alltag.
Welche Rolle spielen
Film und Fotografie für die Theoriebildung?
Walter Benjamin schreibt über den
Wahrnehmungs-Schock, den diese neue Kunstform als Begegnungs-raum
von Mensch und Technik ausgelöst hat. Die Kamera macht in der
Wahrnehmungs-welt ein Optisch-Unbewußtes erfahrbar, sie
bildet Wirklichkeit nicht ab, sondern durchdringt sie (Benjamin:
Kleine Geschichte der Philosophie, 1931)
Die neue Ästhetik beschäftigte damals weniger die
Philosophie als die fortschrittliche Kunsttheorie. Der am Warburg-Institut
(vgl. Vorlesung 2.2) tätige Erwin Panofsky hat 1930 einen Essay über
"Original und Faksimilereproduktion" publiziert, in dem er sich
skeptisch gegenüber dem Echtheitserlebnis der Kunst äußert und den
Wert von Nachbildungen oder Reproduktionen von Kunstwerken für
Studium und Analyse anerkennt. Wenige Jahre hielt Pansofky Vorträge
über Film, unter anderem anläßlich der Eröffnung der Film
Library am Museum of Modern Art in New York. Dabei wurde
erstmals die neue mediale Ästhetik gewürdigt, die er als eine
Dynamisierung des Raums und eine Verräumlichung der Zeit
bezeichnete.
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Die technische Reproduzierbarkeit
Die hier anschließenden medienphilosophischen
Fragen betreffen vor allem die veränderten technischen und
gesellschaftlichen Bedingungen der Apperzeption (philosophischer
Ausdruck für den bewußten Wahrnehmungsvorgang). Die mediale Technik
bedingt nicht nur eine eigene Form der Wahrnehmung. Sie bildet auch
eine jeder menschlichen Wahrnehmung vorgängige kategoriale
Differenz.
Dass Film und Foto als technische Medien einer
durch Apparate bestimmten Wirklichkeit angehören, war Thema des
vielzitierten aufsatzes von Walter Benjamin, der 1936 in Horkheimers
"Zeitschrift für Sozialforschung" auf französisch publiziert worden
ist: L'oeuvre d'art à l'epoche de sa reproduction mécanisée
(Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit).
Benjamin hat sich bereits in früheren Schriften
mit der medialen Realität auseinandergesetzt, so finden sich etwa in
der Aphorismensammlung "Einbahnstraße" aus dem Jahr
1928 ( > Kurzdarstellung)
scharfsinnige Bemerkungen zum Ende der Druckkultur und dem
Aufkommen einer neuen "Bilderschrift". Klar erkannt wird auch die
erforderliche Medienkompetenz, die den neuen Zuständen entspricht.
"Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird der
Analphabet der Zukunft sein" - wie es in dem Artikel Kleine
Geschichte der Photographie von 1931 heißt.
Benjamin vergleicht in diesem Artikel zur
Photographie frühe Fotokunst
bzw. die Spannung zwischen Fotografie und Kunstwerk. An den frühen
Fotografien (Benjamin bespricht hier eigentlich einige 1931
publizierte Fotobildbände) bemerkt er eine gewisse
Qualität, die kein ästhetisches Kriterium ist, sondern ein
technisches: eine gewisse Aura als etwas, das durch
lichtstärkere Objektive verdrängt wird. Sie verschwindet mit der
fortgeschrittenen Technik, die eine Aura zwar noch vortäuschen
möchte, was ihr aber nicht mehr gelingt. Das unterscheidet die
Abbilder als Produkte der Reproduktion
von den früheren Bildern.
Dieser Verfall der Fotografie seit ihrer
Frühzeit wird nicht unbedingt als ein Verlust gezeichnet, Benjamin
spricht hier von einer "Befreiung des Objekts von
der Aura" (was in der Sekundärliteratur beharrlich
ignoriert wird - sie stellt Benjamin dar, als würde er den Verfall
der Aura beklagen, was natürlich Unsinn ist: Benjamin war im
marxistischen Sinne einer Entfaltung von Produktionsmitteln
fasziniert von den Möglichkeiten, welche die neue mediale Technik
bot). Abschließend wird noch die moderne
Reproduktionstechnik näher erörtert. Es geht
weniger darum, ob eine fotografische Reproduktion auch Kunst sein
kann, sondern um die Frage, was die Fotoreproduktion aus einem
Kunstwerk macht. Die Antwort: sie macht aus der Hervorbringung
einzelner kollektive Gebilde. Durch die
Verkleinerung der Kamera kommt sie in einem breiteren
Anwenderkreis zur Verwendung und so steigert sich in dieser neuen
Medienwirklichkeit die
allgemeine Verfügbarkeit.
"Jeder wird die Beobachtung haben machen
können, wieviel leichter ein Bild, vor allem aber eine Plastik, und
nun gar Architektur, im Photo sich erfassen lassen als in der
Wirklichkeit. (...) Im Endeffekt sind die mechanischen
Reproduktionsmethoden eine Verkleinerungstechnik und verhelfen
dem Menschen zu jenem Grad von Herrschaft über die Werke, ohne
welchen sie gar nicht mehr zur Verwendung kommen." (Benjamin: Kleine
Geschichte der Photographie, 1931)
Alle diese medientheoretischen
Motive werden im erwähnten Kunstwerk-Aufsatz wieder
aufgenommen, in dem Fotografie als Reproduktionstechnik
und Film als neue Produktionstechnik diskutiert
werden. Die Kunsttheorie braucht hier neue Begriffe, die
Benjamin in diesen Diskurs einführt. Technische Reproduktionsmittel
hat es immer schon gegeben (Guss, Prägung, Kupferstich,
Lithographie oder jetzt eben Fotografie), nur haben sie jetzt
eine neue Qualität in der bildlichen Reproduktion
erreicht: Benjamin erwähnt die Entlastung der Hand zugunsten
des ins Objektiv blickenden Auges. Vor allem mit dem Film kommt es
zu neuen Wahrnehmungsformen, aber auch zur Produktion neuer
Wirklichkeiten. Der Kunstwerk-Aufsatz gewinnt durch diese
Überlegungen und Analysen eine wichtige
medienanthropologische Dimension, die
auf mindestens vier Ebenen entfaltet wird:
- Medien und Menschen stehen in
einem Verhältnis der Ko-Evolution
. Technik und Mensch
stehen einander nicht unveränderlich gegenüber, sondern Wahrnehmungsorgane einschließlich Medien
haben ebenso ihre Geschichte wie das Objekt der
Wahrnehmung.
"Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume
verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen
Kollektive auch die Art und Weise ihrer Sinneswahnehmung.
Die Art und Weise, in der die menschliche
Sinneswahrnehmung sich organisiert - das Medium, in dem sie erfolgt -
ist nicht nur natürlich sondern auch geschichtlich bedingt." (Benjamin:
Das Kunstwerk..., Abs. III)
- Wirklichkeit wird medial nicht
abgebildet, sondern neu produziert. Der neue Zusammenhang medialer Rezeption
ist das Kollektiv, die stets neu produzierte kollektive Erfahrung
- das Subjekt der massenmedialen Produktion und Rezeption ist
nicht mehr das Individuum. Die involvierte Technik zerstört weiter
die ästhetische Autonomie; sie bildet eine jeder Wahrnehmung
vorgängige kategoriale Differenz. Es macht angesichts dieser
Medienwirklichkeit keinen Sinn mehr, "den Menschen" und "die
Wirklichkeit" gegenüberzustellen.
"Eine Film- und besonders eine Tonfilmaufnahme
bietet einen Anblick, wie er vorher nie und nirgends denkbar
gewesen ist. (...) Im Filmatelier ist die Apparatur derart tief in
die Wirklichkeit eingedrungen, daß deren reiner, vom Fremdkörper
der Apparatur freier Aspekt das Ergebnis einer besonderen Prozedur, nämlich
der Aufnahme durch den eigens eingestellten photographischen Apparat
und ihrer Montierung mit anderen Aufnahmen von der
gleichen Art ist. Der apparatfreie Aspekt der Realität
ist hier zu ihrem künstlichsten geworden und der Anblick der unmittelbaren
Wirklichkeit zur blauen Blume im Land der Technik." (Benjamin:
Das Kunstwerk..., Abs. XI)
- Medientechnik enthüllt neue
Wirklichkeitsaspekte. Als technische Produkte gehören
Foto und Film einer durch Apparate bestimmten Wirklichkeit an.
Gleichzeitig dringt die Kamera auf neue Art in die Wirklichkeit
ein und enthüllt an ihr das Optisch-Unbewußte, analog zur
Enthüllung des Triebhaft-Unbewußten durch die Psychoanalyse.
- Veränderung der menschlichen
Apperzeption. Neben der optischen gibt es eine taktile
Seite der Wahrnehmung. Film spielt einerseits mit dem
Wirkungskalkül, verführt andererseits zur taktilen Rezeption und
erwirkt über die Gewöhnung eine Veränderung des
menschlich-sensorischen Wahrnehmungs-apparats.
In einer
Nachbemerkung stellt Benjamin dann noch fest, dass
Massenbewegungen eine der technischen Apparatur
besonders entgegenkommende Form menschlichen Verhaltens darstellt.
Die veränderte Sinneswahrnehmung könnte dann die vollendete
künstlerische Befriedigung im Krieg finden, befürchtet Benjamin
nicht ohne Grund (vgl. die zeitgenössischen Fantasien von Ernst
Jünger bis Filippo Tommaso Marinetti):
"Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt
für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden.
Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene
Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben läßt."
(Benjamin: Das Kunstwerk..., Nachwort)

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>>>
Biografie Walter Benjamin

Walter
Benjamin: EINBAHNSTRASSE,
1928
"Die Schrift,
die im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte,
wo sie ihr autonomes Dasein führte,
wird unerbittlich auf die Strasse hinausgezerrt
und den brutalen Heteronomien des wirtschaftlichen Chaos unterstellt."
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