Nach eigener Aussage entkam Kittler in den sechziger
Jahren durch die Lektüre von Jacques Lacan und Michel Foucault der
Freiburger Heideggerei, wurde nicht verführt vom negativen Glücksversprechen der
Frankfurter Schule, las weiters viel mehr Hegel als Marx und hörte gern psychedelische
Musik von Pink Floyd und Jimi Hendrix. Über eine poststrukturalistisch
inspirierte Diskursanalyse der siebziger Jahre entwickelte er dann jene Sachlichkeit der
technischen Argumentation, die sich ebenso strikt wie bestimmt gegen jegliche Hermeneutik
des Sinnverstehens richtet: nicht Intentionen, Gefühle, Worte etc. gilt es in der
geisteswissenschaftlichen Interpretationsarbeit zu untersuchen, es können höchstens
vorgängige Strukturen freigelegt werden. Und die sind, als Bedingungen der Hardware, vor
allem auch technischer Natur.
Die Diskursanalyse wird materialistisch, indem sie Standards der zweiten industriellen
Revolution gerecht wird und neben 'Arbeit' und 'Energie' auch 'Information' als Paradigma
geltend macht. In theoretischer Konsequenz bedeutet dies jene
"Aufräumarbeiten", die Kittler als eine strukturale Tätigkeit unter
entwickelten technischen Bedingungen praktiziert: die Entschlüsselung des - wie er es
nennt - "modernen Rätsels der Materialitäten von Kommunikation". Das ist der
Ausgangspunkt für Kittlers Analysen. Nicht Subjekte oder deren Bewußtsein, sondern Schaltungen
bestimmen, was wirklich ist. Kultur ist als ein Prozedere von Datenverarbeitung
anzusehen.
Damit begründet sich der methodische Übergang von
der Literatur- zu einer umfassenden Medienanalyse. Ohne Thematisierung des sie bedingenden
technischen Raums (in dem gespeichert, übertragen, und berechnet wird) geraten
philosophische Theorien heutzutage schlicht euphemistisch. Kittler ist nicht Aufklärer,
sondern eher Entmythologisierer, der eine letztmögliche Form von Metaphysikkritik
betreibt, indem er die Kulturtheorie dem technischen Stand der Dinge annähert. Kittler
provoziert wohl die philosophische Zunft, indem er die Summa Theologiae des Thomas von
Aquin als "historisch wohldatiertes Textverarbeitungsprogramm" vorstellt oder
Hegels Phänomenologie des Geistes als Abschreibeprodukt, dessen auf eine enzyklopädische
Exzerptensammlung des Philosophen verweisende Spuren von diesem selbst wohlweislich
verwischt worden sind. Die Gelehrtenrepublik formiert sich über solche verborgenen
medientechnischen Operationen: der geisteswissenschaftliche Text sucht die ihn
miterzeugende Medientechnik unsichtbar werden zu lassen.
Daß der große philosophische Text aus bewußt
getilgten Markierungen entsteht, aus materialen Bedingungen seiner Möglichkeit, fördert
die Rückkopplungsschleife einer Wiederholungslektüre zutage. Die Gelehrtenrepublik
entmystifiziert sich damit als "eine endlose Zirkulation, ein Aufschreibesystem
ohne Produzenten und Konsumenten, das Wörter einfach umwälzt." Ihre Produkte, allem
voran Bücher, sind Medien, nicht Träger irgendeines metaphysischen Wissens. Weiters
existiert diese Gelehrtenrepublik mit einer schweren Hypothek: dem verführerischen
Versprechen des hermeneutischen Verstehens, welches gewissermaßen als Diskurskontrolleur
funktioniert. Nicht nur für die literarische Produktion gilt: "Der Nebel im Feld der
Dichtung ist der Schein, Texte seien hermeneutisch verstehbar und nicht
programmiert-programmierend."
Was, mit anderen Worten, geschrieben steht, ist
immer auch ein Effekt dessen, was aufgrund unthematisierter Voraussetzungen geschrieben
stehen soll. Die unerkannte Normativität der Buchkultur ist eine mittlerweile gebrochene.
Denn: "Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken." - diese aus seinen
Briefen überlieferte Einsicht Friedrich Nietzsches dient als Leitmotiv für die
Mitte der achtziger Jahre erschienene Studie zu Grammophon, Film, Typewriter. Gerade die
Geisteswissenschaften haben ihre Autonomie in den letzten Jahrhunderten auf ein
systematisches Ausblenden der banalen Tatsache gebaut, daß die Bedingung der Möglichkeit
von Erkenntnis eben auch technischen Voraussetzungen unterliegt. Da diese Voraussetzungen
mit dem Innovationssprung des Digitalcomputers (Alan Turings universeller diskreter
Maschine) jetzt gründlich transformiert werden, bietet sich eine Möglichkeit zu ihrer
kritischen Reflexion, die Chance einer Medienphilosophie. Doch Vorsicht - nicht
Philosophie im akademisch disziplinären Sinn, sondern Erforschung der technischen
Bedingungen medialer Kommunikation lautet bei Kittler das Programm, für welches die
Bezeichung Medienarchäologie nicht unangebracht scheint.
Hier ist der theoretische Einfluß von Jacques
Derrida unverkennbar; Kittler kritisiert an der Philosophie, daß sie den
Pseudo-Humanismus des 'Gedankens' gelten läßt, ohne den medialen Aspekt zu
berücksichtigen: dabei wäre gerade 'Schrift' das Bestimmende und nicht etwa das reine
Denken. Was auch in der Philosophie als Argument oder Beweis gilt oder als zitierfähiger
Beleg zur Verfügung stehen soll, dies alles läßt sich an technischen Unterschieden
festmachen, an ihrem materiellen Gehalt.
Eine Philosophie der Medien hätte demnach bei
den Medien der Philosophie zu beginnen. Damit hat Kittler die einst sloganhaft
formulierte Einsicht Marshall McLuhans, daß das Medium selbst schon eine Botschaft sei,
nicht nur ernstgenommen, sondern sogar noch radikalisiert: besonders unter den Bedingungen
einer Immanenz der Nachrichtentechniken, die den von Philosophen systematisch übersehenen
oder mißachteten Schematismus der Wahrnehmbarkeit bilden, zählen nicht Botschaften oder
die konkreten Inhalte der Medien, "sondern einzig ihre Schaltungen". Nach der
Zerlegung der Welt in Buchstaben und Zahlen, in Filmkader und Pixel bildet die
systematische Schaltung das Hardwareprinzip, das alles zusammenhält. Dies ist eine andere
Rede vom Tod des Subjekts (Foucault); nur da die analogen Speicher- und
Übertragungsmedien menschliche Sensorien ersetzen (v.a. im kriegstechnischen Sinn, wie
bereits Norbert Wiener erkannt hat), läßt sich die Illusion halten, hinter all
dem stehe noch 'der Mensch'.
Die europäische Philosophie macht sich des
Versäumnisses schuldig, das Verhältnis von Geist und Körper wie dasjenige von Software
und Hardware zu sehen, während Technik (vom Papyrus über Stadtstrukturen bis zum
Siliziumchip) die eigentliche Hardware des Geistes bildet. Ein Denken ohne Körper ist ihr
also nicht vorstellbar, und so inszeniert sie das Leibliche letztlich als
Einspruchsinstanz gegen die Technik. Eine aus Kittlers Ansatz folgende Forschungsfrage ist
nun eher die, wie die Medientechnologie den menschlichen Habitus beeinflußt und damit
Kulturgeschichte geschrieben hat. Bewußtsein verschwindet damit als metaphysisches
Problem, da es ein Effekt des technischen Raums ist - keine Funktion des Leibes,
sondern von ihrerseits medial determinierten Diskursstrategien.
Hier stellt sich die Frage, warum dieser
(selbst)reflexive Schritt von den philosophischen Theoretikern selbst kaum je gemacht
worden ist. Einerseits, so Kittler, brauchte es bislang gar keine Theorie der Medialität,
weil symbolisches Handeln im Kontext traditioneller Theoriebildung fast unweigerlich auf
Schreiben hinausgelaufen ist. Die Notwendigkeit einer Medientheorie ergibt sich, in
Analogie auch zu McLuhan, erst aus dem Jenseits des Buches als Organisationsprinzip
gesellschaftlichen Wissens. Die moderne Medienentwicklung macht deutlich, daß selbst
Sprache ein historisch kontingentes Speichermedium darstellt. Gegenwärtig zieht sich mit
der Mikrologisierung der Computertechnologie die Schrift vollends in die Maschine zurück,
womit diese nicht nur die zeitliche und räumliche Wahrnehmung verschwinden macht, sondern
auch den Schreibakt als solchen. Die Hardware-Konstrukteure der Intel-Corporation, so
Kittler in seinen zuletzt erschienen Technischen Schriften, mögen in den späten
siebziger Jahren den letzten historischen Schreibakt vollbracht haben, um die Architektur
ihres ersten integrierten Mikroprozessors in Silizium aufzuzeichnen.
Diese Diagnose vom Verschwinden der Schrift
radikalisiert, als Konsequenz der neuen technischen Ordnung der Dinge am Ende der
industriellen Revolution, Foucaults Rede vom Verschwinden des Menschen. Indem sie
sprachliche Codes transzendiert, ist die Computertechnologie mehr als eine bloße
Infrastruktur des Wissens. Die Hermeneutik der Technologien, die Kittler betreibt,
impliziert jedoch eine Decodierung der Sozialprozesse, die sich in diese 'eingeschrieben'
haben. Die gegenwärtige Medienkultur indiziert eine kommunikative Transformation, die
teils als befreiend erlebt wird und doch eine umfassende Industrialisierung des
Bewußtseins betreibt. Kittler stellt nicht die Frage nach der 'kritischen Aufgabe' -
stattdessen bleibt die technische Ordnung der Dinge unter jener Fragestellung zu
umschreiben, auf die mit einer Theorie der Hardware zu antworten wäre.
Wo also die einen - im Sinne einer Demokratisierung
des Zugangs zu Informationen - brauchbare graphische Benutzeroberflächen sehen,
decouvriert Kittler Akte des Verbergens, nämlich der "zur Programmierung immer noch
unumgänglichen Schreibakte", wobei letztlich "eine ganze Maschine ihren
Benutzern entzogen" werde. Was können wir von den Informationsmaschinen selbst
wissen? Die Frage verbindet sich mit einer grundsätzlichen Schwierigkeit: das Neue an der
technischen Datenverarbeitung ist, daß die elektronisch vernetzten Medien sich
funktionell nicht länger bloß als die "technischen Verstärker der sprachlichen
Kommunikation" (wie es noch Jürgen Habermas in seiner Theorie des
kommunikativen Handelns sah) begreifen lassen. Die neue Medienkultur, die vom Menschen
als Produzenten von 'Sinn' damit dezidiert Abschied nimmt, so Kittler, "operiert auf
der Basis nicht von Sprachen, sondern von Algorithmen und zeitigt deshalb Effekte, die
keine Rede - auch unsere nicht - zureichend beschreiben kann."
Hier distanziert Kittler sich vorsichtig genug von
der Gefahr einer neuen Metaphysik, die Zahlen (bzw. digitalisierte Information)
verabsolutiert. Auch Zahlen sind historische Aprioris, die nicht an sich, sondern unter
operativen und damit medialen Bedingungen existieren. Wenn unter diesen Bedingungen der
fortgeschrittenen Technologien kein souveränes Subjekt mehr zu erkennen ist, dann stellt
sich damit die Frage nach der Rolle der Experten und schließlich auch der
Intellektuellen. Wird ihr Wissen bzw. dessen kritische Reflexion abgelöst von einem universalen
Maschinengedächtnis, auf dessen Einrichtung die menschliche Existenz letzten Endes
hinauszulaufen scheint?
Eine humanistische Ethik oder eine wohlmeinende
Medienpädagogik, die immer wieder am Subjekt ansetzt, wird als abstrakte Kritik den
Folgen der Medientransformation nicht mehr gerecht. Sie verkennt, daß Technologie jenes
Wissen ist, das zuallererst Macht vergibt. Wenn Philosophie sich weigert, sich den u.a.
von Kittler aufgeworfenen medientheoretischen Fragen zu stellen, bleibt ihr nurmehr die
Erbaulichkeit und sie wird jede gesellschaftspolitische Relevanz an die
Ingenieurswissenschaften abtreten müssen. Kritik scheint hier nach jenem Grad des
Selbstbewußtseins greifbar, mit dem sich die Differenz zwischen dem seine vorgängige
Programmierung vergessen machenden 'Worttext' und dem 'Klartext' seiner Programmierung
überhaupt noch thematisieren läßt. Nicht die Differenz zwischen Wissen und Nichtwissen
oder diejenige zwischen Informationsreichtum und Informationsarmut, sondern die zwischen
Programmierern und Programmierten bestimmt die Medienwirklichkeit.
Unterstützt durch das Schweigen der Ingenieure im
gesellschaftspolitischen Diskurs, lohnt es sich angeblich nicht, über Computertechnologie
und ihre Funktionen zu streiten: "It's only a tool". Eine immanente Kritik der
instrumentellen Vernunft muß jedoch zugestehen, daß die Werkzeuge der Symbolmanipulation
selbst hochgradig symbolträchtig sind. Computer sind folgerichtig mehr als ein bloßes
Werkzeug. Für eine Ideologiekritik des Computers heißt das, zu zeigen, daß sich
der Lese- und Schreibakt in der Maschine verselbständigt hat. Deswegen wagt Kittler die
extreme Behauptung, es gebe eigentlich gar keine Software, da sie gewissermaßen
immer nur ein Effekt der bestehenden Hardware ist. Eine definitive Theorie der Hardware
wird damit letztlich zum Paradox, wie Kittler (quasi schelmisch) explizit macht: da sie
eine Ausdrucksform in Anspruch nehmen muß, die ihre eigene technische Implementierung
stets wieder systematisch verdecken würde.
Die technische Rede führt Kittler mit subversivem
Ernst, wobei er nie jene grundsätzliche Seriosität verliert, die darauf beruht, daß er
sich nur auf Dinge einläßt, die er "wenigstens im Miniaturmodell selbst
gemacht" hat. Dies ist seine gerechte Kritik an der intellektuellen Abstraktion,
deren Diskurs an der Praxis jeder Medienrealität vorbeizielt. Seine Lektüre, die auf
eine Ebene der Schaltpläne unterhalb der Benutzeroberflächen zielt, ähnelt daher -
gemäß dem Verfahren von 'Trial and Error', wie es jedem Hacker geläufig ist - mehr
einer Spurensuche, als daß sie einen hermeneutischen Anspruch auf zweiter Ebene bedient..
Dagegen bleibt einzuwenden, daß die
technische Grundlage nicht zwingend die gesellschaftliche Bedeutung einer Technologie
erschließt. So hat sich in jüngster Zeit das Internet als ein wesentlich soziales
Phänomen entwickelt und nicht als ein rein technisches; seine Existenz verdankt es
nicht ausschließlich den Besonderheiten der Hardware (der Computerarchitektur). Daß die
technischen Produkte ein subversives Potential enthalten, das sich auch gegen die Macht
ihrer Produzenten wenden läßt, ist allerdings eine Einsicht, der die hier dargestellte
Position vermutlich keineswegs widersprechen würde. Plausibel ist diese Position als ein
Akt der kritischen Vollendung strukturaler Ansätze, doch sie unterliegt dementsprechenden
Einschränkungen. Kittler verfällt einem hoffnungslosen Technizismus, wenn er
Medien als heimlichen Ersatz für ein geschichtsphilosophisches Subjekt einsetzt, und die
quasi-Natürlichkeit ihrer Entwicklung in einen Geschichtsautomatismus auslaufen läßt,
der jede Medientheorie im engeren Sinn obsolet werden läßt.
Aus den Materialitäten der Kommunikation
erschließt sich deren Semantik ebensowenig, wie die hier immer wieder bemühte
Faktizität des Krieges die Komplexität der Sozialprozesse vergessen machen kann, welche
die Medienentwicklung bestimmen. Wäre es tatsächlich allein die Technologie, so müßte
der Abschied vom Menschen nicht derart propagandistisch zelebriert werden, und schon gar
nicht in technischen Schriften.
Publikationen von Friedrich Kittler:
Hg.: Die Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des
Poststrukturalismus, Paderborn 1980
Aufschreibesysteme 1800/1900. München 1985 und 1987
Grammophon, Film, Typewriter, Berlin 1986 · Die Nacht der Substanz, Bern 1989
Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993
"Wenn die Freiheit wirklich existiert, dann soll sie doch ausbrechen" in: Rudolf
Maresch, Am Ende vorbei. Gespräche, Wien 1994, S.95ff
"There is No Software"
[C-Theory]
© Frank Hartmann 1998
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