AKTUELL: THEMA DER PS-ARBEIT ÜBERLEGEN

Proseminar für Zeitgeschichte:
Bauernwelten &
NS-Agrarsystem
Dr. Ernst Langthaler · WS 2001/02

 

 

 

 

 

Titelbild der Zeitschrift
NS-Frauen-Warte 1940

Diese Website soll im Verlauf der Lehrveranstaltung erweitert werden; sie eröffnet neben den wöchentlichen Plenartreffen einen weiteren Kommunikationsraum. Für Fragen, Wünsche oder Anregungen steht der Lehrveranstaltungs-Leiter unter der Adresse ernst.langthaler@univie.ac.at zur Verfügung.


Erste Publikation dieser Seite: 20.8.2001
Letzte Änderung dieser Seite: 4.12.2001

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Karoline Eberhardt
Remigio Gazzari
Inge Geiringer
Bibiane-Stéphanie Horský
Vanessa Kogler
Robert Kornmüller
Sabrina Matt
Josef Fr. Moser
Nikolaus Onitsch
Ingrid Oppenauer
Roland Rudel
Helmut Sampl
Hannelore Stätter
Horst Tschaikner
Reinhard Wagner

 

 

Überblick

Leitung: Dr. Ernst Langthaler
Sprechstunde: nach Vereinbarung (Tel. 0664/6302337 oder 02725/649)
Zeit: Mittwoch, 18.00-19.30 Uhr
Ort: Institut für Zeitgeschichte, Seminarraum 2
Anmeldung: bis 27.9., 17 Uhr, am Institut für Geschichte
Beginn: 10.10.

In der Lehrveranstaltung werden Zugänge zu Theorien, Methoden, Quellen, Ergebnissen und Problemen agrar- und zeithistorischer Forschung erarbeitet. Um den Studierenden Vorstellungen von der geschichtswissenschaftlichen Praxis zu vermitteln, ist die Lehrveranstaltung wie ein Forschungsprojekt aufgebaut. Im Mittelpunkt stehen die Wechselwirkungen zwischen den bäuerlichen Lebenswelten und dem NS-Agrarsystem auf dem Gebiet der "Ostmark" zwischen 1938 und 1945: Auf welche Weise eignen sich die Frauen und Männer auf dem Land die Anreize und Zumutungen der NS-Institutionen (Ablieferungspflicht, "Entschuldungs-" und "Aufbauaktion", Einsatz ausländischer Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, "Blut und Boden"-Propaganda, "Reichserbhofgesetz" usw.) im jeweiligen zeitlichen und räumlichen Umfeld an? Neben der veröffentlichten Literatur stützt sich die Beantwortung dieser Frage auf unveröffentlichtes Quellenmaterial aus dem niederösterreichischen Raum.

Die Lehrveranstaltung gliedert sich in drei Abschnitte: Zunächst werden ab Semesterbeginn in etwa zehn wöchentlichen Plenartreffen die in der Öffentlichkeit vorherrschenden Geschichtsbilder (Museen, Massenmedien, Belletristik usw.), der Forschungsstand, die Quellenerhebung im Archiv und im Forschungsfeld (Archivrecherche, Interviewtechnik, Computereinsatz usw.), die qualitative und quantitative Interpretation von Texten, Zahlen und Bildern sowie die Präsentation der Forschungsergebnisse reflektiert. Daran schließt eine Phase der Einzel- und Gruppenarbeit an, in der die Studierenden selbständig unter fallweiser Betreuung des Lehrveranstaltungs-Leiters an ausgewählten Fragestellungen arbeiten. Schließlich präsentieren die Einzelnen und Gruppen ihre Ergebnisse im Rahmen eines ganztägigen Plenartreffens zu Semesterende. Beurteilt werden die regelmäßige Beteiligung an der Diskussion, die Durchführung kleinerer Übungen sowie die mündliche, schriftliche oder audiovisuelle Präsentation der Projektarbeit.

Literatur zur Vorbereitung: Ernst Langthaler, Eigensinnige Kolonien. NS-Agrarsystem und bäuerliche Lebenswelten 1938-1945, in: Emmerich Tálos u.a. (Hg.), NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, 348-375. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)

 

Plenum am 10.10.
Reflexion I: Lebenswelt und Wissenschaft

Versuchen wir, geradewegs von unserer eigenen Lebenswelt aus andere Lebenswelten zu erschließen, dann unterliegen wir häufig Verzerrungen unterschiedlicher Art. Allein der Umweg über die Wissenschaft macht es uns möglich, die Eigenarten anderer Lebenswelten angemessener zu verstehen und zu erklären. Das zeigt etwa das folgende Beispiel: Im Februar 2000 erschien in der Zeitschrift "profil" ein Interview mit der kürzlich zur Regierungsbeauftragten für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern bestellten Maria Schaumayer. Im Lauf des Gesprächs entwickelte sich der folgende Dialog (profil Nr. 8 vom 21.2.2000, S. 56 f.):

"profil: Sehr viele Zwangsarbeiter waren in der Landwirtschaft eingesetzt. In Deutschland hat es den Anschein, als ob sie leer ausgehen. Wie stehen Sie dazu?
Schaumayer: Der Auftrag lautet, Zwangsarbeit in der Industrie zu entschädigen. Natürlich wurden auch in der Landwirtschaft Kräfte gegen ihren Willen eingesetzt, aber das hat auch für Österreicher gegolten. Ich musste einen Sommer lang Seidenraupen für die Fallschirmseiden-Produktion füttern. Grundsätzlich glaube ich, dass Zwangsarbeit in der Landwirtschaft nicht in den strengen kriegswirtschaftlichen Rüstungsbegriff der Zwangsarbeit fällt."

Die Sprecherin folgt offenbar der Strategie, den Standpunkt der österreichischen Bundesregierung zu legitimieren. Zum damaligen Zeitpunkt sollten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft noch von der Entschädigung ausgeschlossen bleiben. An ihrer Erzählung werden unterschiedliche Verzerrungen im Umgang mit Geschichte deutlich: die Relativierung der unterschiedlichen Lebensbedingungen von ausländischen und inländischen Arbeitskräften, die Authentifizierung von Behauptungen durch das eigene Erleben, die Projektion der eigenen Lebenswelt auf die Lebenswelten anderer.

Lebenswelt und Wissenschaft stehen zueinander in Wechselwirkung. Einerseits steht die Wissenschaft mit der Lebenswelt in Verbindung. Aus dem lebensweltlichen Bedürfnis nach Orientierung im Zeitfluß von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entsteht die Nachfrage nach bedeutungsvollen Geschichten. Die historischen Wissenschaften sind neben anderen Anbietern (Massenmedien, politischen Bewegungen, Religionen usw.) auf dem 'Markt der Erzählungen' mit einem Angebot an bedeutungsvollen Geschichten vertreten. Andererseits löst sich die Wissenschaft von der Lebenswelt ab. In der Lebenswelt sind die Menschen in den meisten Situationen zum raschen Handeln gezwungen. Dabei folgen sie eingeschliffenen Handlungsmustern, die in geringem Maß reflektiert werden. Kurz, sie verfügen über ein Alltagswissen, von dem sie kaum wissen. Im Alltagsgespräch etwa ruft jemand, der nach jedem Satz minutenlang über Bedingungen und Folgen seiner Äußerungen nachdenkt, erhebliche Verwunderung bei seinen Zuhörern hervor. Die Wissenschaft versucht dagegen, die alltäglichen Handlungszwänge so weit wie möglich abzuschwächen. Dadurch können eingeschliffene Handlungsmuster in systematischer Weise einer Reflexion unterzogen werden. Nun stehen die Selbstverständlichkeiten des Alltagswissens zur Debatte. In der Oral History etwa werden die Bedingungen und Folgen der einzelnen Sätze einer lebensgeschichtlichen Erzählung ausführlich erörtert. Auf diese Weise (re-)konstruieren Historikerinnen und Historiker nach den Regeln der "historischen Methode" bedeutungsvolle Geschichten. Diese wissenschaftlichen Geschichten beanspruchen ein höheres Maß an Glaubhaftigkeit als jene Geschichten, die sich die Menschen im Alltag erzählen. Falls sich die erforschte Lebenswelt mit der eigenen Lebenswelt der Forscherin bzw. des Forschers überschneidet, sind zusätzliche Verzerrungen zu erwarten. Mit Hilfe der "historischen Methode" kann der Forschungsgegenstand künstlich fremd gemacht - verfremdet - werden. Auf diese Weise verringert sich die Gefahr, verzerrte Geschichten zu erzeugen; gänzlich ausgeschlossen wird sie jedoch nicht. Denn das Ideal der "historischen Methode" läßt sich in der wissenschaftlichen Praxis niemals und nirgendwo in vollem Umfang realisieren. Auch Historikerinnen und Historiker unterliegen in der Wissenschaft Handlungszwängen wie im Alltag: Sie sind an Termine gebunden, verfügen über begrenzte Mittel, sind in Machtkämpfe verstrickt und so fort.

Die Zeitgeschichte nimmt innerhalb der Geschichtswissenschaften eine besondere Stellung ein: Die Akteure der Vergangenheit sind in der Gegenwart anwesend und werden auch in der nahen Zukunft anwesend sein. Ihre Präsenz berührt nicht nur die Voraussetzungen zeitgeschichtlichen Forschens, sondern auch deren Folgen: Einerseits liefern die "Zeitzeuginnen" und "Zeitzeugen" den Historikerinnen und Historikern Erzählungen über vergangene Lebenswelten; andererseits nehmen sie aus ihren gegenwärtigen Lebenswelten heraus Stellung zu den wissenschaftlichen Erzählungen der Zeitgeschichte. Diese Besonderheit hat der deutsche Historiker Hans Rothfels 1953 seiner Definition von Zeitgeschichte als "Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung" zugrunde gelegt

Weiterführende Literatur:
Rolf Schörken, Geschichte als Lebenswelt, in: Klaus Bergmann u.a. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Aufl., Seelze-Velber 1997, 3-9. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)
Jörn Rüsen, Geschichte als Wissenschaft, in: Klaus Bergmann u.a. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Aufl., Seelze-Velber 1997, 99-110. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)
 

 

Plenum am 17.10.
Datenerhebung I: Literaturverarbeitung

Die Geschichtswissenschaft unterscheidet zwischen (Fach-)Literatur und Quellen als Grundlagen der Information. Diese Unterscheidung steht zunehmend zur Debatte. Zwar kann die Literatur ein höheres Maß an Glaubwürdigkeit beanspruchen als die Quellen, wenn sie nach den Regeln der "historischen Methode" erstellt wurde. Allerdings besteht sie ebenso wie Archivalien, Presseartikel oder Fotografien aus Daten, die - wie jedes Datum - eingehender Reflexion bedürfen. Während 'moderne' Positionen der Geschichtswissenschaft weiterhin dieser Unterscheidung folgen, bezweifeln Vertreterinnen und Vertreter 'postmoderner' Positionen die höhere Glaubwürdigkeit der Literatur und behandeln sie wie eine Quelle.

Der geschichtswissenschaftliche Umgang mit Literatur besteht aus mehreren Arbeitsschritten:

Recherche: Grundsätzlich können wir zwei Suchstrategien unterscheiden. Die Suche top down schränkt ein große Menge an Literatur schrittweise ein (Beispiele: Bibliothekskataloge, Buchhandelsverzeichnisse, Fachbibliographien usw.). Die Suche bottom up erweitert Schritt für Schritt eine kleine Menge an Literatur (Beispiele: Rezensionen, Literaturhinweise, "Schmökern" in Bibliotheken usw.). Zahlreiche Links zur computerunterstützten Literaturrecherche finden sich auf den Websites der Institute für Zeitgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Geschichte der Universität Wien. Weitere Hinweise bietet der Gastvortrag von Mag. Stefan Eminger über "Literaturrecherche für Zeithistorikerinnen und -historiker".

Dokumentation: Die Information, die in der Literatur enthalten ist, wird in Informationseinheiten gegliedert und (meist mit Hilfe des Computers) erfaßt. Ein einfaches Beispiel für die Literaturdokumentation ist die folgende Tabelle, die mit jedem Textverarbeitungsprogramm verwaltet werden kann.

Nr.

Text

Seite(n)

Beschreibung

Kommentar

Rang

1

Baumgartner 1992

201 f.

Im Bezirk Oberwart wurden sämtliche Entschuldungsanträge von Nebenerwerbsbauern abgewiesen. Das schloß über ein Viertel der Betriebe von der Entschuldung aus. Bei der Zuerkennung der Kredite spielten auch Beziehungen zu lokalen NS-Amtsträgern eine Rolle.

Unterschied zu 3, bestärkt 9

4

2

Baumgartner 1992

...

...

...

 

3

Höllmüller 1999

85

Es wurden im Untersuchungsgebiet des südlichen Waldviertels nur wenige Entschuldungsanträge abgewiesen.

Unterschied zu 1

3

4

Höllmüller 1999

...

...

...

 

5

Karner 1986

283

Der Erfolg der Entschuldungsaktion wurde nicht sofort greifbar. Die Entschuldung hat jedoch "langfristig wesentlich zur Verbesserung der Agrarstruktur beigetragen". Es gab in der Steiermark nahezu kein Dorf, in dem nicht mindestens ein Bauernhof durch die Entschuldung von der drohenden Zwangsversteigerung bewahrt wurde.

Einschätzung, die es zu hinterfragen gilt

2

6

Karner 1986

...

...

...

 

7

Mooslechner/Stadler 1986

61 ff.

Die Entschuldungs- und Aufbauaktion wurden von rund einem Drittel der Betriebe in St. Johann in Anspruch genommen. Sie vergrößerte die Ungleichheiten zwischen leistungsstarken und -schwachen Betrieben. Die Schulden pro Hektar Kulturfläche sanken bei den Mittel- und Großbauern von 266 RM auf 283 RM; sie stiegen bei den Kleinbauern von 207 auf 285 RM.

bestärkt 9

5

8

Mooslechner/Stadler 1986

...

...

...

 

9

Münkel 1996

293

Die Praxis der Entschuldung im Landkreis Stade weist auf eine "starke Förderung des mittelständischen Elements im landwirtschaftlichen Bereich" hin. Kleinbetriebe wurden demgegenüber benachteiligt.

wird durch 1 und 7 bestärkt

6

10

Münkel 1996

...

...

...

 

11

Saldern 1979

89 f.

Über die Frage der "Mittelstandspolitik" im Dritten Reich lassen sich keine Pauschalaussagen treffen. Gewiß ließ sich die NS-Wirtschaftspolitik nicht ausschließlich von mittelständischen Interessen leiten. Dennoch griff sie einige dieser Forderungen auf – etwa die Entschuldung der Betriebe. Die "Mittelstandspolitik" hatte für die Bauern, Handwerker und Einzelhändler je nach der Größe der Betriebe unterschiedliche Folgen.

Gegenstand einer Forschungsdebatte zwischen Heinrich August Winkler und Adelheid von Saldern

1

12

Saldern 1979

...

...

...

 

Interpretation: Die Informationseinheiten werden im Vergleich miteinander und mit den Informationen aus den Quellen interpretiert, d.h. ihre Glaubwürdigkeit wird abgeschwächt oder bestärkt (siehe Spalte "Kommentar").

Auswahl: Ausgewählte Informationseinheiten werden für die Darstellung in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht (siehe Spalte "Rang")

Erzählung: Die Einzelinformationen werden zu einem narrativen Text, einer Geschichte, verbunden (emplotment). Dabei folgen Historikerinnen und Historikern bewußt oder unbewußt bestimmten Erzählmustern. An diesem Akt entzündet sich die Debatte, wo im Spektrum zwischen 'Dichtung' und 'Wahrheit' die Geschichtsschreibung verortet sei. Dabei wird die Existenz von Fakten kaum bestritten; als fiktiv gilt allein die Art und Weise ihrer Verknüpfung. In diesem Fall könnte diese Geschichte folgendermaßen lauten:

Zur Frage, ob das NS-Agrarsystem eine dezidierte "Mittelstandspolitik" betrieb (von Saldern 1979: 89 f.), stellt die Praxis der "Entschuldung" ein wichtiges Testfeld dar. Für das Gebiet der "Ostmark" muß die Behauptung, die "Entschuldung" habe "langfristig wesentlich zur Verbesserung der Agrarstruktur beigetragen" (Karner 1986: 283), im Lichte neuerer Regional- und Lokalstudien differenziert werden. Während sich im südlichen Waldviertel die Abweisungen von Entschuldungsanträgen in Grenzen hielten (Höllmüller 1999: 85), wurden im burgenländischen Bezirk Oberwart sämtliche Anträge von Nebenerwerbsbauern abgewiesen, was in dieser kleinbäuerlich dominierten Region über ein Viertel der Betriebe von der "Entschuldung" ausschloß. Überdies dürften für die Zuerkennung der Kredite politische Klientelverhältnisse eine wichtige Rolle gespielt haben (Baumgartner 1992: 201 f.). Auch eine Lokalstudie über die Salzburger Gemeinde St. Johann im Pongau zeigt, daß das Entschuldungsverfahren, das rund ein Drittel aller Bauernwirtschaften in Anspruch nahmen, die Disparitäten zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Betrieben vergrößerte. Während die Schulden je Hektar Kulturfläche im Durchschnitt bei den Mittel- und Großbetrieben von 266 auf 248 Reichsmark sanken, stiegen sie bei den Kleinbetrieben von 207 auf 285 Reichsmark (Mooslechner/Stadler 1986: 61 ff.). Dies alles spricht für die These, daß die Entschuldungspraxis eine "starke Förderung des mittelständischen Elements im landwirtschaftlichen Bereich" (Münkel 1996: 293) zum Nachteil der Kleinbetriebe bewirkte.

Zitieren: Beim Zitieren von Literatur können wir zwei Grundformen unterscheiden: Zitieren im Text (wie in diesem Fall) und Zitieren als Anmerkung am Fuß oder Ende des Textes (wie etwa in den Richtlinien der ÖZG - Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften).

Weiterführende Literatur:
Jörn Rüsen, Historisches Erzählen, in: Klaus Bergmann u.a. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Aufl., Seelze-Velber 1997, 57-63. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)
Wolfgang Bialas, Moderne, Postmoderne, in: Klaus Bergmann u.a. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Aufl., Seelze-Velber 1997, 92-96. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)
Wolfgang Schmale (Hg.), Schreib-Guide Geschichte. Schritt für Schritt wissenschaftliches Schreiben lernen, Wien u.a. 1999.

1. Übung:

 

Plenum am 24.10.
Datenerhebung II: Feldforschung

Im Spektrum der Erhebungsformen, die in der historischen Feldforschung gebräuchlich sind, nimmt das Interview einen besonderen Stellenwert ein. Innerhalb der Geschichtswissenschaften werden jene Ansätze, die bevorzugt mit Interviews arbeiten, unter der Bezeichnung Oral History zusammengefaßt. Wir unterscheiden narrative und standardisierte Formen des Interviews. Im Interview wird das vergangene Geschehen nicht einfach abgebildet, sondern (re-)konstruiert. Im Gespräch über das Alte schaffen Forscher und Beforschte gemeinsam etwas Neues - eine Quelle, die von der Gegenwart (und zukünftigen Erwartungen) aus vergangene Erfahrungen thematisiert. Nicht nur die Erzählerin oder der Erzähler, sondern auch die Interviewerin oder der Interviewer beeinflussen das, worüber erzählt wird. Wenn wir fremde oder verfremdete Lebenswelten in ihrer Eigenart erkennen wollen, sollten wir weitgehend den lebensweltlichen Akteuren die Entscheidung über das, was erzählenswert ist, überlassen. Zu starke Vorgaben könnten die Erzählerinnen und Erzähler von ihren lebensweltlichen Denkweisen ablenken und, wie in einem Verhör, unseren Denkweisen unterwerfen. Ziel eines 'guten' Interviews ist es, der Erzählerin oder dem Erzähler einen möglichst weiten Freiraum zu eröffnen. Aus diesem Grund werden in der historischen Feldforschung narrative Interviews gegenüber standardisierten Interviews bevorzugt. Das narrative Interview wird entweder biographisch (auf die gesamte Lebensgeschichte der Erzählerin oder des Erzählers bezogen) oder fokussiert (auf ein bestimmtes Thema aus der Lebensgeschichte bezogen) angelegt.

Phasen eines narrativen Interviews

1. Haupterzählung

2. Inneres Nachfragen

3. Äußeres Nachfragen

Weiterführende Literatur:
Reinhard Sieder, Erzählungen analysieren - Analysen erzählen. Narrativ-biographisches Interview, Textanalyse und Falldarstellung, in: Karl R. Wernhart u. Wernen Zips (Hg.), Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik, Wien 1998, 145-172. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)

2. Übung
Lesen Sie den Text: Jörn Rüsen u. Friedrich Jaeger, Historische Methode, in: Richard van Dülmen (Hg.), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt am Main 1990, 13-32 (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte) und beantworten Sie folgende Fragen in einigen Sätzen (bis Dienstag, 30.10., 17 Uhr per E-Mail an ernst.langthaler@univie.ac.at oder in Papierform über das Postfach am Institut für Zeitgeschichte):

 

Plenum am 31.10.
Reflexion II: Historische Methode

Die "historische Methode" umfaßt jene Regeln der Erkenntnisgewinnung, auf Grund derer die Geschichtsschreibung (Historiographie) ein höheres Maß an Glaubwürdigkeit beansprucht als lebensweltliche Geschichten. Die Vielfalt dieser Regeln kann nach zwei Gesichtspunkten geordnet werden: den "Regulativen der Forschung" (Heuristik, Kritik und Interpretation) und den "Strategien der Forschung" (Hermeneutik und Analytik).

 

Hermeneutik

Analytik

Heuristik

Gefragt wird nach jenen Aspekten des vergangenen Geschehens, die verstehbar sind. Im Vordergrund stehen daher die (bewußten) Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen der historischen Akteure, die bestimmten Logiken folgen.

Beispiel: Anhand eines Erbhofverfahrens wird danach gefragt, welchen identitätsstiftenden Vorstellungen die Bauern in ihrem Handeln folgen.

Gefragt wird nach jenen Aspekten des vergangenen Geschehens, die erklärbar sind. Im Vordergrund stehen daher die Bedingungen des Wahrnehmens, Denkens und Handelns, die sich dem Bewußtsein der historischen Akteure weitgehend entziehen.

Beispiel: Anhand einer Reihe von Gerichtsakten wird die Spruchpraxis der Erbhofgerichtsbarkeit im Kontext der Kriegsernährungswirtschaft erforscht.

Kritik

Aus den Quellen (vor allem Traditionen) werden Tatsachen ermittelt, die als Ausdrücke menschlichen Handelns gelten.

Beispiel: Aus dem "Amtsdeutsch" des Gerichtsaktes werden die vermutlichen Äußerungen der Einspruch erhebenden Bauern herausgearbeitet.

Aus den Quellen (vor allem Überresten) werden Tatsachen ermittelt, die als Bedingungen menschlichen Handelns gelten.

Beispiel: Es werden die zeitlich und räumlich variierenden Häufigkeiten der erfolgreichen und abgewiesenen Anträge von Bauern ermittelt.

Interpretation

Die ermittelten Tatsachen werden zu einer Geschichte verarbeitet, die das Wahrnehmen, Denken und Handeln der historischen Akteure verstehend rekonstruiert.

Beispiel: Das Bemühen der Bauern, den Bestimmungen des Reichserbhofgesetzes zu entgehen, stützt sich auf das verbreitete Bild des "fleißigen und genügsamen Gebirgsbauern". Das Gericht greift dieses Bild auf, wendet seine Argumentation jedoch gegen die Bauern.

Die ermittelten Tatsachen werden zu einer Geschichte verarbeitet, die die Bedingungen des menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Handelns erklärend rekonstruiert.

Beispiel: Die Spruchpraxis der Erbhofgerichte folgt weitgehend den Anforderungen der Kriegs-Ernährungswirtschaft; politisch-ideologische Gesichtspunkte treten gegenüber wirtschaftlich-pragmatischen Gesichtspunkten zurück.

3. Übung
Formulieren Sie fünf Forschungsfragen zum Thema "Bauernwelten & NS-Agrarsystem", die den Ansprüchen der Heuristik (Innovationsgehalt, Orientierungsbedürfnis und Quellengrundlage) genügen (bis Dienstag, 13.11., 17 Uhr per E-Mail an ernst.langthaler@univie.ac.at oder in Papierform über das Postfach am Institut für Zeitgeschichte). Geben Sie für jede der fünf Fragen geeignete Quellenbestände an. Nützen Sie dafür auch die Informationen über verschiedene Quellenbestände im Lauf der Exkursion in das NÖ Landesarchiv am 7.11.

 

Exkursion am 7.11.
Datenerhebung III: Archivrecherche (NÖ Landesarchiv)

Das NÖ Landesarchiv (NÖLA) befindet sich im Regierungsviertel von St. Pölten (3109 St. Pölten, Landhausplatz 1). Die Archivführung findet von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr statt. Hofrat Prof. Dr. Ernst Bezemek, der Sachbearbeiter für Zeitgeschichte, wird in die Benützung der zeitgeschichtlichen Bestände einführen. Anschließend besteht die Gelegenheit, in ausgewählte Akten zur Agrargeschichte der NS-Zeit (Entschuldungsakten, Hofkarten, Landratsberichte usw.) Einsicht zu nehmen.

 

Plenum am 14.11.
Reflexion III: Lebenswelt und System

Die Unterscheidung zwischen hermeneutischen und analytischen Forschungsstrategien ist eine Idealvorstellung; in der Forschungsrealität kommt die eine nicht ohne die andere aus. Auf diese Weise entstehen in zeit- und raumspezifischen Kontexten unterschiedliche Paradigmen der Forschung, die Hermeneutik und Analytik in unterschiedlichem Maß gewichten (Historismus, Marxismus, Annales-Schule, Historische Sozialwissenschaft, Neue Kulturgeschichte usw.). Nicht Verstehen oder Erklären, sondern Verstehen und Erklären - so lautet der Anspruch an eine zeitgemäße Geschichtsforschung. Verstehendes Erklären bzw. erklärendes Verstehen findet in vielfältiger Weise seinen Ausdruck. Das folgende Modell, das dem Paradigma der Alltagsgeschichte, Mikrohistorie und historischen Anthropologie nahesteht, geht von der Erkenntnis aus, dass die historische Forschung den Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen der Menschen (Praktiken) und deren Bedingungen (Strukturen) gleichermaßen Rechnung tragen muss. Die Menschen der Vergangenheit sind weder völlig autonome Subjekte noch völlig abhängige Objekte, sondern Subjekte und Objekte zugleich: Akteure. Die historischen Akteure eignen sich die Strukturen des Ökonomischen, Sozialen, Politischen und Kulturellen, die sie in ihren Lebenswelten als Handlungsbedingungen vorfinden, durch ihre Praktiken an und erneuern, d.h. wiederholen oder verändern, sie. Kurz, Strukturen sind Voraussetzungen und Resultate von Praktiken und umgekehrt. Einzelne Elemente des folgenden Modells stammen aus den sozialtheoretischen Entwürfen von Jürgen Habermas ("Theorie des kommunikativen Handelns"), Pierre Bourdieu ("Theorie der Praxis") und Anthony Giddens ("Theorie der Strukturierung"). Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieses theoretische Modell für die Erforschung moderner Gesellschaften des Westens entwickelt wurde; es erhebt keinen Anspruch auf Gültigkeit für alle Zeiten und Räume.

Ein Beispiel für das Tauziehen zwischen System und Lebenswelt stellt die Durchführung des "Reichserbhofgesetzes" dar. Die im Gesetz vorgesehenen Bestimmungen wie die Benachteiligung weiblicher gegenüber männlichen Nachkommen eines Erblassers, die ungeteilte Weitergabe des Besitzes oder die Abschaffung der Gütergemeinschaft riefen in manchen Gebieten heftigsten Widerspruch von seiten der Bauern hervor. Die zahlreichen Einsprüche gegen Entscheidungen der Erbhofgerichtsbarkeit veranlassten die Führung der NS-Agrarpolitik dazu, das Gesetz in einigen Punkten an die bäuerlichen Vorstellungen anzunähern (vgl. Ernst Langthaler, Eigensinnige Kolonien. NS-Agrarsystem und bäuerliche Lebenswelten 1938-1945, in: Emmerich Tálos u.a. (Hg.), NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, 348-375, hier 354 ff.).

 

Plenum am 21.11.
Dateninterpretation I: Texte - am Beispiel Interviews

Unter dem Begriff der "Ego-Dokumente" werden jene Quellen zusammengefasst, in denen ein Akteur sich selbst beschreibt ("Selbstzeugnis") oder zum Gegenstand von Beschreibungen wird ("Fremdzeugnis"). Als Beispiel für Ego-Dokumente betrachten wir die Texte, die im Rahmen eines narrativen Interviews zwischen Interviewer und Interviewpartner hergestellt werden. Wie das Handeln selbst ist das Erzählen darüber eine Abfolge von Entscheidungen, die innerhalb erkannter und unerkannter Bedingungen vonstatten gehen, bewußten und unbewußten Strategien folgen und beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen nach sich ziehen. Erzählungen zu interpretieren heißt, diese Kette von Entscheidungen auf den Ebenen des erzählten und des gelebten Lebens Schritt für Schritt zu re-konstruieren. Weder bilden Erzählungen das Leben einfach ab, noch verhalten sie sich beliebig dazu; vielmehr stehen Form und Inhalt - das erzählte und das gelebte Leben - in einem logischen Zusammenhang:

Es führt kein direkter Weg von der Gegenwart in die Vergangenheit. Vielmehr müssen wir zunächst die Bedingungen, Strategien und Folgen auf der Ebene des erzählten Lebens re-konstruieren, um die Bedingungen, Strategien und Folgen auf der Ebene des gelebten Lebens re-konstruieren zu können. Fassen wir den Umgang mit Oral History in die Begriffe der "historischen Methode", dann entspricht das Führen des Interviews der Heuristik, die Re-Konstruktion des erzählten Lebens der Kritik und die Re-Konstruktion des gelebten Lebens der Interpretation.

    1. Welche Form und welchen Inhalt können wir an der Sinneinheit feststellen?
    2. Welche erkannten und unerkannten Bedingungen für das Erzählen / Handeln des Akteurs können wir auf Grund des Textes sowie unseres darüber hinausreichenden Kontextwissens angeben?
    3. Welche bewußten und unbewußten Erzähl- und Handlungsstrategien des Akteurs können wir vermuten?
    4. Welche beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen sind für das weitere Erzählen / Handeln des Akteurs zu erwarten?

Beispiel für die Interpretation einer Sinneinheit

"IP: Sie als junger Mensch können sicher nicht verstehen, was für uns damals der Anschluß im 38er Jahr bedeutet hat. --- Ich mußte jahrelang bei meinem Dienstgeber im Stall schlafen, bei den Kühen. Nach dem Anschluß, ich glaube es war der Erste Mai, hatten wir im Dorf einmal eine Versammlung, auf der der Ortsbauernführer verkündete: Kein Knecht soll mehr im Stall schlafen. Wir konnten das zunächst nicht glauben. Kurz darauf durften wir in eine Kammer übersiedeln. Im Kuhstall schlief dann später der Pole, der im 40er Jahr auf den Hof kam. Dem Bauern wars nicht recht, dass ich in die Kammer übersiedelte, aber er konnte nicht dagegen machen. ----- Der Hitler, sag ich Ihnen, hat uns zu Menschen gemacht.

I: Mhm, ich verstehe."

erzähltes Leben

gelebtes Leben

1. Erzählung: Bericht mit beschreibenden, bewertenden und argumentativen Elementen

1. Handlung: Nach dem Anschluß durfte der Knecht auf Drängen des Ortsbauernführers und entgegen dem Willen des Bauern anstatt im Stall in einer Kammer schlafen.

2. Erzählbedingungen:

  • mächtiges Geschichtsbild, das die 'guten' und 'schlechten' Seiten des Nationalsozialismus trennt
  • Erfahrung des sozialen Aufstiegs
  • Interviewer ist einer, der die Zeit nicht erlebt hat

2. Handlungsbedingungen:

  • Arbeitskräftemangel durch Abwanderung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte in die Industrie
  • sozialpolitischer Populismus des NS-Regimes ("Betriebsgemeinschaft")

3. Erzählstrategien:

  • Hervorkehren der 'guten' Seiten des Nationalsozialismus
  • Lebensgeschichte als sozialer Aufstieg
  • Anerkennung des eigenen Geschichtsbildes durch einen 'Nachgeborenen'

3. Handlungsstrategien:

  • Einfordern sozialer Verbesserungen gegenüber Dienstgeber
  • Vertrauen auf sozialpolitische Versprechungen des Nationalsozialismus

4. Erzählfolgen:

  • Schwierigkeiten beim Aufrechterhalten des positiv gefärbten Geschichtsbildes des Nationalsozialismus
  • Vorführen von Erzählungen, die sich in das Muster des sozialen Aufstiegs einfügen
  • verständnisvolle Haltung des Interviewers führt zum Zurücktreten der Belehrungsversuche

4. Handlungsfolgen:

  • Stärkung der sozialen Position des Knechtes gegenüber dem Dienstgeber
  • Sympathie mit NS-Ideologie und den Personen, die sie repräsentieren

Weiterführende Literatur:
Reinhard Sieder, Erzählungen analysieren - Analysen erzählen. Narrativ-biographisches Interview, Textanalyse und Falldarstellung, in: Karl R. Wernhart u. Wernen Zips (Hg.), Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik, Wien 1998, 145-172. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)

4. Übung

Interpretieren Sie die folgende Sinneinheit aus einem narrativen Interview mit einer 1918 geborenen Altbäuerin auf den Ebenen des erzählten und gelebten Lebens (bis Dienstag, 27.11., 17 Uhr per E-Mail an ernst.langthaler@univie.ac.at oder in Papierform über das Postfach am Institut für Zeitgeschichte): "Wie wir zusammengekommen sind? --- Ich habe meinen Mann schon von Kindheit an gekannt. Unsere Familien waren schon seit langem befreundet. Unsere Väter haben gemeinsam eine Dreschmaschine besessen. Dass wir ein Paar geworden sind, ist ganz von selbst gegangen, ganz automatisch. Wir sind nicht verkuppelt worden wie so manche andere. Es war im 39er Jahr, da stand er eines Tages da und sagte zu meinem Vater: Wir wollen heiraten. Nachdem die Übergabe geregelt war - die Eltern behielten sich die Hälfte der Wirtschaft -, fand die Hochzeit statt. ----- Wir führten bis zu seinem Tod eine gute Ehe, wenns auch manchmal schwierig war."

 

Plenum am 28.11.
Dateninterpretation II: Zahlen - am Beispiel Entschuldungsakten

Der Begriff "Massenquellen" umfasst gleichartige Quellen, die zeitlich oder räumlich gestreut in großer Zahl vorhanden sind (Gerichtsakten, Kirchenbücher, Steuerakten usw.). Als Beispiel für Massenquellen betrachten wir die Akten, die im Zuge der "Entschuldungs-" und "Aufbauaktion" der österreichischen Landwirtschaft 1938 bis 1945 angelegt wurden. Für die Abwicklung dieser Aktion wurde eine eigene Behörde, die "Landstelle", eingerichtet. Nach 1945 ging die Zuständigkeit an das Landwirtschaftsministerium, später an die Landesregierungen über. Aus diesem Grund finden sich die Akten heute in der Regel in den jeweiligen Landesarchiven (z.B. NÖ Landesarchiv, Amt der NÖ Landesregierung, Abt. VI/12). Die "Entschuldungs-" und "Aufbauaktion" war eines der wichtigsten Instrumente der NS-Agrarpolitik in der "Ostmark" (vgl. Ernst Langthaler, Eigensinnige Kolonien. NS-Agrarsystem und bäuerliche Lebenswelten 1938-1945, in: Emmerich Tálos u.a. (Hg.), NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, 348-375, hier 357 ff.). Die folgende Grafik veranschaulicht den Ablauf des "Entschuldungs-" und "Aufbauverfahrens" am Beispiel eines 30-ha-Bergbauernhofes in den niederösterreichischen Voralpen:

Unter den zahlreichen Möglichkeiten, Fragen an diese Quelle zu stellen, greifen wir jene heraus:

Um es wiederum in den Begriffen der "historischen Methode" zu sagen: Die Fragen entspringen der Heuristik. Die Beantwortung der ersten Frage, die das Ermitteln von 'Tatsachen höherer Ordnung' erfordert, zählt zur Kritik. Die Beantwortung der zweiten und dritten Frage gehört bereits zur Interpretation. Für die Untersuchung wählen wir eine mikrohistorische Perspektive. Das heißt, wir untersuchen 'große' Phänomene innerhalb von 'kleinen' Einheiten. Zu diesem Zweck rücken wir zwei Gemeinden aus unterschiedlich strukturierten Agrarlandschaften in den Blickpunkt: die Voralpengemeinde Frankenfels im politischen Bezirk St. Pölten und die Flach- und Hügellandgemeinde Auersthal im politischen Bezirk Gänserndorf.

Die Verarbeitung der Fülle an Zahlen, die beim Umgang mit Massenquellen anfällt, wird in der Forschung zumeist besondere Statistiksoftware (z.B. SPSS) eingesetzt. Für einfachere statistische Berechnungen reicht häufig auch allgemeine Software. Für die folgenden Berechnungen wurde das Tabellenkalkulations-Programm EXCEL verwendet.

Aktenzahl

Kulturfläche in ha

Aufbaumittel in RM

Aufbaumittel/ha in RM

1378-02

10,48

1.510,00

144,08

1378-03

20,85

3.250,00

155,88

1378-04

19,18

1.900,00

99,06

...

...

...

...

 Frankenfels

Aufbaumittel in RM

Aufbaumittel/ha in RM

1. Terzil

2.537

200

2. Terzil

3.405

121

3. Terzil

2.464

66

alle Betriebe

2.802

129

Übung 5:
Interpretieren Sie die Ergebnisse der obigen Berechnung für die Gemeinde Auerstahl. Bringen Sie dabei auch Ihr Kontextwissen über die Agrargeschichte der NS-Zeit ein (bis Dienstag, 4.12., 17 Uhr per E-Mail an ernst.langthaler@univie.ac.at oder in Papierform über das Postfach am Institut für Zeitgeschichte).

 Auersthal

Aufbaumittel in RM

Aufbaumittel/ha in RM

1. Terzil

740

379

2. Terzil

2.081

504

3. Terzil

5.143

449

alle Betriebe

2.619

448

Weiterführende Literatur:
Kersten Krüger, Historische Statistik, in: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1998, 59-82. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)

 

Plenum am 5.12.
Dateninterpretation III: Bilder - am Beispiel Fotografien

Unter dem Begriff der "Ego-Dokumente" werden, wie gesagt, jene Quellen zusammengefasst, in denen ein Akteur sich selbst beschreibt ("Selbstzeugnis") oder zum Gegenstand von Beschreibungen wird ("Fremdzeugnis"). Auch die Fotografie kann zu den Ego-Dokumenten gezählt werden. Fotografien - insbesondere jene, auf denen Personen zu sehen sind - stellen weder ausschließlich Ab-Bildung noch ausschließlich Um-Bildung der Wirklichkeit dar; sie ist beides zugleich: die Ab-Bildung einer Um-Bildung. Einerseits bildet die Fotografie im Zuge des Belichtungs- und Entwicklungsprozesses sichtbare Phänomene ab, wenn wir die gewollten und ungewollten 'Verzerrungen' außer acht lassen. Andererseits bildet sie sichtbare Phänomene um, stellt sie vielmehr erst her. Die Blicke der Fotografen wie die Posen der Fotografierten wirken ein auf die fotografische Konstruktion der Wirklichkeit. Wie das Posieren, das Handeln vor der Kamera, ist das Fotografieren, das Handeln hinter der Kamera, eine Abfolge von Entscheidungen, die innerhalb erkannter und unerkannter Bedingungen vonstatten gehen, bewußten und unbewußten Strategien folgen und beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen nach sich ziehen. Fotografien zu interpretieren heißt, diese Kette von einander beeinflussenden Entscheidungen Schritt für Schritt zu re-konstruieren.

Es führt, wie gesagt, kein direkter Weg von der Gegenwart in die Vergangenheit. Dies gilt auch für den Umgang mit Fotografien. Die Fotografie, das gegenwärtigen Dokument des fotografierten Lebens in der Vergangenheit, steht jedoch in einer re-konstruierbaren Beziehung zum Alltag der Fotografen und der Fotografierten, dem gelebten Leben in der Vergangenheit. Wir können die Wechselwirkungen des Handelns hinter und vor der Kamera (fotografiertes Leben) re-konstruieren, um Erkenntnisse über das Handeln der Beteiligten abseits der Kamera (gelebtes Leben) zu gewinnen. Fassen wir den Umgang mit Fotografien in die Begriffe der "historischen Methode", dann gehört das Aufspüren der Fotografien zur Heuristik, die Prüfung der Echtheit und die Re-Konstruktion des fotografierten Lebens zur Kritik und die Re-Konstruktion des gelebten Lebens zur Interpretation. Fotografien werden in den Geschichtswissenschaften entweder in großer Zahl als Bildserien oder als Einzelbilder interpretiert. Die folgenden Schritte beschreiben die Interpretation von Einzelbildern.

    1. Wie können wir den Blick des Fotografen und die Pose des Fotografierten beschreiben?
    2. Welche erkannten und unerkannten Bedingungen für das Handeln können wir auf Grund des Textes sowie unseres darüber hinausreichenden Kontextwissens angeben?
    3. Welche bewußten und unbewußten Strategien der Akteure können wir vermuten?
    4. Welche beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen sind für das weitere Handeln der Akteurs zu erwarten?

Die folgenden Fotografien stammen aus dem Buch Deutsche Bergbauern, das 1940 im Deutschen Alpenverlag in Innsbruck erschienen ist. Der Autor und Fotograf, Simon Moser, beschreibt im Vorwort die Absicht des Buches folgendermaßen: "Es war mir mit diesem Bilderband darum zu tun, irgendwie die Gesamtheit des bäuerlichen Lebens in den Bergen einzufangen. Seinem ewig gleichen Wechsel ist auch die Ordnung der Motive nach Jahreszeiten angepaßt." (S. 5) Über seine Methode des Fotografierens schreibt er: "Um aber alle diese Vorbedingungen seelischer Art (das Drücken des Auslösers im richtigen Augenblick - EL) zu erfüllen, ist es notwendig, sich in jahrelanger Einfühlung mit der Arbeit des Bergbauern vertraut zu machen." (S. 6) Die beiden Fotografien im Format von jeweils 16 x 22 cm befinden sich auf einer Doppelseite des Buches (S. 96-97) und sind betitelt mit "Bergbauer" und "Die Bäuerin".

Die Interpretation für die erste Sinneinheit der linken Fotografie könne etwa folgendermaßen lauten:

1. Sinneinheit: Kopf eines bäuerlich anmutenden Mannes in Nahaufnahme

Handeln hinter der Kamera

Handeln vor der Kamera

1. Beschreibung: Nahaufnahme, Lichtquelle links oben, starke Licht-Schatten-Kontraste, Kameraposition etwa in Augenhöhe

1. Beschreibung: Innehalten vor der Kamera, Kopf etwas nach links zur Seite gedreht, Kopf leicht nach oben gerichtet

2. Bedingungen:

  • NS-Bauernbild ("Blutquell und Ernährer")
  • Verwertungsmöglichkeiten
  • Ästhetik der Porträtfotografie
  • Geräte und Fertigkeiten
  • Vertrautheit mit Fotografierten

2. Bedingungen:

  • Erscheinungsbild entspricht dem verbreiteten Bild 'des Bergbauern'
  • Identifikation mit NS-Bauernbild
  • Arbeitsvertrag mit Honorar
  • Vertrautheit mit Fotografierten

3. Strategien:

  • Inszenierung eines ideologisch gefärbten Bauerntypus
  • Verwertung des Bildes in Printmedien
  • Orientierung an ästhetischen Vorgaben
  • Demonstration des fotografischen Könnens
  • Dienstleistung für Fotografierten

3. Strategien:

  • Inszenierung eines bäuerlichen Selbst- oder Fremdbildes
  • Pflichterfüllung an der "Volksgemeinschaft"
  • Erfüllung einer Vertragsverpflichtung
  • Dienstleistung für Fotografen

4. Folgen:

  • ideologische Schlüsselzeichen (Accessoires, Mimik, Gestik usw.)
  • verwertbare Bildelemente ("Schönheit")
  • ästhetische Besonderheiten (Effekte)
  • handwerkliche Eigenheiten
  • Anzeichen für Beziehung zum Fotografierten

4. Folgen:

  • Ausdrucksformen eines bäuerlichen Habitus (Kleidung, Werkzeuge, Gebäude usw.)
  • ideologische Schlüsselzeichen (Accessoires, Mimik, Gestik usw.)
  • Hinweise auf Vertragsbeziehung
  • Anzeichen für Beziehung zum Fotografen

Weiterführende Literatur:
Heide Talkenberger, Historische Erkenntnis durch Bilder. Zur Methode und Praxis der Historischen Bildkunde, in: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1998, 83-98. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)
Ernst Langthaler, Lebens-Zeichen. Zur sozialwissenschaftlichen Lektüre von Fotografien, in: Getraud Diendorfer u.a. (Hg.), Zeitgeschichte im Wandel. 3. Österreichische Zeitgeschichtetage1997, Innsbruck u. Wien 1998, 493-499. (Kopiervorlage im PS-Ordner am Institut für Zeitgeschichte)
Fotogeschichte 21 (2001) H. 82, Themenheft: Völkische Feldforschung. Fotografie und Volkskunde im Nationalsozialismus
(Bestellungen zum Preis von DM 39,- direkt beim Verlag: jonas@jonas-verlag.de)

 
Plenum am 12.12.
Reflexion IV: Projektdesign

Ziel der Projektarbeit ist es, 1. einzeln oder gruppenweise eine oder mehrere Forschungsfragen zum Thema "Bauernwelten & NS-Agrarsystem" zu formulieren, 2. entsprechende Dokumente quellenkritisch zu betrachten und 3. mit Hilfe geeigneter, vor allem im Proseminar erarbeiteter Methoden zu interpretieren und 4. die Forschungsergebnisse mündlich, schriftlich und - gegebenenfalls - audiovisuell darzustellen. Der Projektbericht wird vor allem nach seiner Qualität - d.h. nach dem dafür nötigen Aufwand - begutachtet; was die Quantität betrifft, erscheint ein Umfang zwischen 10 und 20 Seiten angemessen. Die Gestaltung des Projektberichts sollte sich an geschichtswissenschaftlichen Publikationen orientieren (Zitierweise, Schreibstil, Gliederung usw.). Die folgenden Themenbereiche und Quellenbestände müssten für die Projektarbeit in Absprache mit dem Lehrveranstaltungs-Leiter noch enger eingegrenzt werden; daneben sind aber auch eigene Vorschläge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglich:

 

Einzel- und Gruppentreffen am 9.1./16.1.
Projektbesprechungen

 

Plenum (Blocktermin) am 26.1.
Projektpräsentation