Gefährdete Delikatessen

Heimische Flusskrebse - schmackhaft, aber bald ausgestorben?

von Erich Eder *

Flusskrebse begannen ihre kulinarische "Karriere" im Mittelalter - als beliebte Fastenspeise des Adels und des Klerus. Bis Ende des vorigen Jahrhunderts waren sie in ganz Österreich verbreitet und als äußerst delikates Nahrungsmittel geschätzt, wie älteren Kochbüchern und den Menüplänen herrschaftlicher Häuser zu entnehmen ist. Auf dem Wiener Fischmarkt gab es neben den "Krebslerinnen" gar eigene "Krebsenrichter", die über die Qualität der feilgebotenen Krustentiere zu urteilen hatten.

In Österreich leben heute sechs Arten von Flusskrebsen, aber nur drei davon sind wirklich heimisch (autochthon): Der seinem Namen alle Ehre machende Edelkrebs ( Astacus astacus ), der kleinere Steinkrebs ( Austropotamobius torrentium ) und der seltene, bei uns nur in Kärnten und Tirol vorkommende Dohlenkrebs ( Austropotamobius pallipes ).

Zwischen 1880 und 1900 breitete sich in unseren Gewässern eine Krankheit aus, die zu Recht als "Krebspest" bezeichnet wird. Die Infektionsrate und die extrem hohe Sterblichkeitsrate in angesteckten Populationen ist in der Tiermedizin eine epidemiologische Einzigartigkeit. Der Erreger der Krebspest ist ein Schlauchpilz ( Aphanomyces astaci ), der sich mit Hilfe von Sporen rasch ausbreitet. Viele Krebsbestände erloschen innnerhalb weniger Jahrzehnte.

Man machte sich auf die Suche nach pestresistenten Krebsarten. Um 1900 wurde der aus Osteuropa stammende Galizische Sumpfkrebs ( Astacus leptodactylus ) bei uns eingeführt. Doch auch er war nicht immun gegen diese Krankheit. Seit 1970 importieren Teichwirte die aus Amerika stammenden Arten Signalkrebs ( Pazifastacus leniusculus ) und Kamberkrebs ( Orconectes limosus ), die sich als resistent erwiesen. Darüberhinaus wachsen sie schneller als die heimischen Arten, produzieren mehr Eier und Junge, werden früher geschlechtsreif und ertragen schlechtere Gewässergüte. So wurde vor allem der Signalkrebs in den 70er Jahren von R. Spitzy als idealer "Ersatz" für den Edelkrebs propagiert.

Zu spät erkannte man, dass die amerikanischen Arten zwar immun gegen die Krebspest sind, aber allesamt mit dem Erreger infiziert und daher Überträger der gefährlichen Krankheit sind! Bei Kontakt mit heimischen Krebsen kommt es unweigerlich zum Ausbruch der Krebspest und zum Zusammenbruch der ursprünglichen Population. Die Faunenverfälschung führte zu einem noch rascheren Rückgang der heimischen Krebse, insbesondere des Edelkrebses.

Einbürgerungen faunenfremder Arten können auch außerhalb der Gewässer ökologische Katastrophen auslösen. In Spanien beispielsweise wurde der Rote Amerikanische Sumpfkrebs ( Procambarus clarkii ) 1974 für aquakulturelle Zwecke importiert, entkam aber in die freie Natur und entwickelte sich zu einem Schädling in Reiskulturen. Versuche, ihn mit Chemikalien wieder auszurotten, verursachten ein Massensterben bei Vögeln. Diese sich aggressiv ausbreitende Art wird auch bei uns im Aquarienhandel als "Süßwasserhummer" oder "Zierkrebs" (hübsch ist er ja) angeboten, was eine große Gefahr darstellt: Flusskrebse sind wahre Ausbruchskünstler. In Deutschland und der Schweiz sind bereits dichte Populationen dieser Art bekannt, die aufgrund ihrer Zähigkeit praktisch nicht mehr vernichtet werden können. Noch liegen keine Meldungen aus Österreich vor.

Vor allem Fischer und Teichbesitzer, aber ebenso Aquarianer und Gastronomen sollen nun mit Hilfe eines Buches und einer Ausstellung darüber aufgeklärt werden, dass keinesfalls ausländische Krebsarten in unseren Gewässern ausgesetzt werden dürfen. Auch vom Festmahl übriggebliebene oder im Aquarium vermehrte Krebse müssen im Interesse des Naturschutzes getötet werden und dürfen keinesfalls aus falscher Sentimentalität "freigelassen" werden!

Zur Rettung der heimischen Krebse ist das aber nicht genug. Zunächst sind bundesweit strengere gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Aussetzen nicht heimischer Arten endgültig unterbinden. Um überhaupt über den aktuellen Verbreitungsstand, der sich ja rapide ändern kann, Bescheid zu wissen, ist dringend weitere Grundlagenforschung (Kartierung) erforderlich. Und, nicht zuletzt, müssen wirksame Maßnahmen zur Reduzierung der eingeschleppten Arten gefunden werden.

* Erich Eder, Zoologe an der Universität Wien, ist Gestalter der Ausstellung "Flusskrebse Österreichs" und Herausgeber des gleichnamigen Buches.

Fotos: Werner Köstenberger. Der engagierte Naturfotograf legt Wert darauf, die Tiere ausschließlich im Freiland in ihrer natürlichen Umgebung - und nicht z.B. im Aquarium - zu fotografieren.

Illustrationen:

Abb.1: Der Edelkrebs ( Astacus astacus ) ist europaweit gefährdet. Foto: Köstenberger

Abb.2: Der eingeschleppte Signalkrebs ( Pazifastacus leniusculus ) ist Überträger der gefährlichen Krebspest. Foto: Köstenberger

Kasten:

Austellung Flusskrebse Österreichs:

21. Mai 1999 bis 4. Juli 1999

Shedhalle

Landhausbezirk St. Pölten,

Öffnungszeiten:...............................................

Zur Ausstellung erschien ein 284 Seiten starker, reich bebilderter Katalog.

In der Ausstellung sind neben umfangreichem Bild- Text- und Videomaterial ein bewegliches Riesenmodell und alle heimischen Krebse lebend zu sehen.