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Dr Emo Gotsbachner Unter
Diskursen versteht eine kritische Soziolinguistik die Vor- und
Darstellungskomplexe, welche als unausgesprochene Hintergrundannahmen in die wiederkehrenden
und wiedererkennbaren sprachlichen Muster alltäglicher Kommunikation
eingelassen sind. Alles 'soziale Wissen' über die geschichtete Gesellschaftsstruktur, die
Identitäten der sich in ihr bewegenden Individuen, ihre Wertorientierungen und
Statuszuweisungen, wird über Diskurse reproduziert, stabilisiert und verbreitet.
Sie sind damit ein wesentlicher Bestandteil der Produktion des 'common sense'
und von 'Normalität', wobei ihre Verhaftung in einer ideologischen Weltsicht für die, die sie
verwenden,
jedoch weitgehend undurchsichtig bleibt. Was die Untersuchung solcher Prozesse so wichtig für die
Politikwissenschaft macht, ist ihre Rolle als ein grundlegender Mechanismus in
der mehr oder weniger verdeckten Wirkungsweise von sozialen Machtverhältnissen.
"Gesellschaftliche Wirklichkeitskonstitution ist ein andauernder und
fortschreitender Prozess, in dem kollektive Akteure in einem symbolischen Kampf
um die Durchsetzung ihrer Deutungen stehen." (Keller 1997: 314) Über die
Normalisierung, d.h. das Dominantwerden von Diskursen versuchen politische
Akteure ihre interessensgeleiteten Perspektiven auch bei jenen zu stabilisieren,
gegen welche sich ihre Deutungen richten. In diesem Sinne stecken Diskurse den
Rahmen dessen ab, was zu einem bestimmten Zeitpunkt ‘politisch möglich’
ist.
Ziel und Methoden der Lehrveranstaltung Nachdem
im ersten Teil des Langkurses "Zur
Politik der Bedeutung"
Fragen der Forschungskonzeption, der Datensammlung und Geltungsbegründung im
Mittelpunkt standen, widmet sich der zweite Teil vorwiegend Verfahren der
Dateninterpretation. Die Interpretation qualitativer Daten muss sich - um dem
Bereich subjektiver Beliebigkeit zu entrinnen - der Aufgabe stellen, jene
gesellschaftlichen Mechanismen zu rekonstruieren, wie Sinndeutungen im Alltag
tatsächlich gebraucht, verstanden und verändert werden. Die Bandbreite alltäglich angewendeter Verständnissicherungs- und
Sinnstiftungsverfahren ist dabei weitaus komplexer, als man sich im intuitiven Gebrauch von Sprache gewöhnlich bewusst wird.
Sie in ihrem
Handlungs- und Wirkungsaspekt nachzuvollziehen versuchen die hier vermittelten Methoden der Konversations- und
Diskursanalyse. Aus einem breiten Spektrum
soziolinguistischer Denkschulen und Ansätze wurde im Proseminar eine punktuelle Auswahl
analytischer Konzepte für
politikwissenschaftliche Fragestellungen getroffen. Die mikrosoziologisch genaue
Textanalyse - der die Analyseblöcke im Mittelteil des Seminars gewidmet sind - erfasst sowohl die interaktionistische Dimension (von
Durchsetzungsverfahren in Streitgesprächen) als auch die semantische Dimension (der Etablierung von
diskursiven Wirklichkeitsdefinitionen). Danach wird anhand verschiedener
Ansätze und Beispiele diskutiert, mit welchen Forschungsstrategien über die
Feinanalyse von Einzelereignissen und -texten hinaus Aussagen über größere
gesellschaftliche Zusammenhänge erzielt werden können, sodass man konkrete
politische Abläufe, Strategien und Wirkungen rekonstruieren kann. Grundlinie
für den Ablauf der LV ist einesteils eine
enge Verknüpfung von gründlicher theoretisch-konzeptioneller Lektüre mit der
praktischen Textarbeit an konkreten Anwendungsbeispielen, andererseits die
Diskussion von Forschungsstrategien anhand konkreter Studien. Von den Studierenden werden
- wie schon im Wintersemester - vor jeder Lehreinheit verpflichtend ein oder zwei
wissenschaftliche Artikel gelesen und in
einem kurzen abstract zusammengefasst. Diese Methode der Wissensaneignung hat einige wesentliche Vorteile:
verpflichtende Basisliteratur BERGMANN, Jörg. Ethnomethodologische Konversationsanalyse. in: FRITZ, Gerd; HUNDSNURSCHER, Franz (Hg.) Handbuch der Dialoganalyse (Tübingen 1994) 3-16 LEVINSON, Stephen C.. Pragmatik (Tübingen 1990) <engl.Original 1983> 295-307, 317-321 KALLMEYER, Werner; SCHMITT, Reinhold. Forcieren oder: die verschärfte Gangart. Zur Analyse von Kooperationsformen im Gespräch. in: KALLMEYER, Werner (Hg.) Gesprächsrhetorik. Rhetorische Verfahren im Gesprächsprozeß (Tübingen 1996) 19-118 POTTER, Jonathan. Representing Reality. Discourse, Rhetoric and Social Construction (Thousand Oaks 1996) 176-201 SCHENKEIN, Jim. Identity Negotiations in Conversation. in: ders.. (Hg.) Studies in the Organization of Social Interaction (New York 1978) 57-78 SCHÖN, Donald A.; REIN, Martin. Frame Reflection. Toward the Resolution of Intractable Policy Controversies (N.Y.: Basic Books 1994) 23-31 KELLER, Reiner. Diskursanalyse. in: HITZLER, Ronald; HONER, Anne (Hg.) Sozialwissenschaftliche Hermeneutik (Opladen 1997) 309-333 SCHWAB-TRAPP, Michael. Methodische Aspekte der Diskursanalyse. Probleme der Analyse diskursiver Auseinandersetzungen am Beispiel der deutschen Diskussion über den Kosovokrieg. in: KELLER, Reiner; HIRSELAND, Andreas; SCHNEIDER, Werner; VIEHÖVER, Willy (Hg.). Handbuch sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse. Bd.2: Forschungspraxis. Wiesbaden: Verl.f. Sozialwissensch.,169-195. GOTSBACHNER, Emo. Normalisierungsstrategien der FPÖ. Die politische Alchemie, Kritik in Unterstützung zu verwandeln. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 32/4 (2003) 457-484 FAIRCLOUGH, Norman. Language and Power (London: Longman 1989) Kap. 5 und 6, 109-168 GAMSON, William A.; MODIGLIANI, Andre. Media Discourse and Public Opinion on Nuclear Power: A Constructionist Approach. In: American Journal of Sociology 95/1 (1989) 1-37 DEPPERMANN, Arnulf. Ethnographische Gesprächsanalyse: Zu Nutzen und Notwendigkeit von Ethnographie für die Konversationsanalyse. Gesprächsforschung - Online-Zeitschrift vol. 1 (2000) 96-124 TANNEN, Deborah. The Relativity of Linguistic Strategies: Rethinking Power and Solidarity in Gender and Dominance. in: WETHERELL, Margaret; TAYLOR, Stephanie; YATES, Simeon J.. (Hg.) Discourse Theory and Practice (London: Sage 2001) 150-166 Weiter- oder tieferführende Literatur ANTAKI,
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