I. Kurze Einführung in die Problemlage feministischer Rechtstheorie:
Dieses "Phänomen" gibt es seit Beginn der sogenannten "zweiten Welle des Feminismus", also etwa seit Mitte der sechziger Jahre. Der Terminus "verstört" (Scales), scheint er doch zu suggerieren, hier ginge es nicht darum, was konventionellerweise von "Wissenschaftlichkeit" erwartet wird: Objektivität etwa und Neutralität.
In der Tat hat feministische Rechtstheorie einen Standpunkt - und das besondere daran - sie gibt ihn zu, legt ihn offen. Ein ganz ungewohntes Phänomen.
Das Ziel: Recht soll Frauen gerecht werden mit Methoden, wie Katharine T. Bartlett sich ausdrückt, die Feministinnen einen Weg eröffnen sollen, Recht in einer Art zu betreiben, die ausdrückt, wer sie sind und wer sie werden wollen.
Zu den Methoden
"These methods can give feminists a way of doing law that expresses who they are and who they wish to become":
1. Die Frauenfrage als Frage nach den "Ausgeschlossenen" 2. Feminist practical reasoning 3. Consciousness-Raising Literatur: Katharine T. Bartlett, Feminist Legal Methods, in: Katharine T. Bartlett and Rosanne Kennedy (eds.), Feminist Legal Theory. Readings in Law and Gender, Boulder/San Franzisco/Oxford: Westview Press 1991, 370-403.Ziel aller feministischer Rechtstheorie (Rhode):
- Den sozialen und ökonomischen Status von Frauen zu verbessern (Stichwort Feminisierung von Armut).
- Jene Frauen zu erreichen, die es am meisten brauchen (ein schwieriges Unterfangen, stellt Frau insbesondere in Rechnung, daß das Verhältnis zwischen Feminismus und seiner weiblichen Klientel nicht gerade das beste ist).
- Den Selbstrespekt von Frauen zu befördern.
- ihre Kraft und Fähigkeit, bestehende - als ungerecht "empfundene" (formulieren wir es so "subjektivistisch") - institutionelle Arrangements zu verändern.
Die Geschichte der feministischen Rechtstheorie signalisiert eine gewisse Uneinigkeit hinsichtlich der Methode, wie dahin zu gelangen sei. Illustrieren und auch thematisch aufhängen läßt sich die ganze Problematik anhand der Gleichheit/Differenz-Debatte.
Dazu auch folgende Texte:
Zum Stichwort geworden, oder: "What will we loose, if we win?" (H. Arendt) Elisabeth List, Stichwort: Geschlechterdifferenz. Eine weibliche Moral: Frauen wollen, statt sich zu rechtfertigen, vor allem vermeiden, andere zu verletzen und Bindungen zu zerstören. Carol Gilligan, Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau, München: Serie Piper, 5. Auflage 1992. (insb. Kap. 1 und 2). Ein Ausweg aus dem Gleichheit/Differenz-Dilemma? Deborah L. Rhode, The politics of paradigms: gender difference and gender disadvantage, in: Gisela Bock and Susan James (eds.), Beyond Equality and Difference. Citizenship, feminist politics and female subjectivity, 149-163.Nur ein paar Anregungen zum Dilemma Gleichheit/Differenz:
Was kann Gleichheit, was kann Differenz heißen?
Und über wen sprechen wir, wenn wir feministische Rechtstheorie machen?
Die Frau, der weibliche Körper ist in jeder Hinsicht mit vielen Bedeutungen überfrachtet, auch und gerade durch das Recht. Zahlreiche Ebenen:
- Alter (in feministischer Theorie viel zu wenig beachtet)
- Hautfarbe
- soziale Situation/Klasse
- Bildung
- geographische Lage: West/Ost, Nord/Süd, Stadt/Land
- sexuelle Orientierung/Familienstand
- Aussehen (Behinderung; Schönheitsideale)
Daran knüpft sich auch, was andere dürfen oder nicht dürfen <-> körperliche Integrität von Frauen (vgl. Vergewaltigungsrecht) und was eine Frau selber darf oder nicht darf <-> Freiheit, Chancen.
Das nur als Denkanregung hinsichtlich der Frage, was es bedeutet oder bedeuten könnte, in einem bestimmten historischen etc. Kontext Frau zu sein, in eben dem Zusammenhang der Gleichheit/Differenz-Debatte.
II. Entwicklungslinien, Themenabfolge.
"Liberaler Feminismus": Gleichheit, sprich vor allem gleiche Chancen im Erwerbsleben für Frauen. Forderung nach dem Equal Rights Amendment. In Begriffen von M.J. Frug:
A. Equality Doctrine: Aufbruchsstimmung
"The Need for a New Constitutional Amendment" Literatur: Barbara A. Brown, Thomas I. Emerson, Gail Falk and Ann E. Freedman, The Equal Rights Amendment: A Constitutional Basis for Equal Rights for Women, The Yale Law Journal 80 (1971), 871-985.Der Ansatz hat allerdings seine Grenzen. Das Insistieren auf "Gleichheit ohne Kompromiß" mag gegebene gesellschaftliche Strukturen negieren und erst recht wieder zu negativen Folgen führen. Außerdem: Anpassen an männliche Strukturen, an männliche Lebensmuster.
B. Equality Theory: Ernüchterung und Neukonzeptualisierung, oder: Die Entdeckung der Differenz.
Ein Katalog der "wahren Unterschiede" sollte erstellt werden. Das Recht könne strukturell so bleiben, wie es ist, es reiche, die falschen Unterschiede aufzudecken, aufgrund derer Frauen diskriminiert werden.
"Confronting Yin and Yang": "Acceptance, Not Accommodation." Wendy Williams, The Equality Crisis: Some Reflections on Culture, Courts, and Feminism [1982]; Christine A. Littleton, Reconstructing Sexual Equality [1987] in: Bartlett/Kennedy, 15-34 und 35-56.Auch dabei konnte es freilich nicht bleiben. Als zu gravierend erwiesen sich die Defizienzen auch dieses Ansatzes. Forderung: andere Methoden, andere Herangehensweisen an das Recht. Hier beginnt der Differenzbegriff zu schillern. Mehrere Pfade lassen sich identifizieren: Cultural Feminism oder Gynozentrismus, Radikaler Feminismus, Feminist Critical Legal Studies, Postmodern Legal Feminism. Zunächst
C. Cultural Feminism and Beyond: Über die Natur der Frau (hinaus)
"A jurisprudence built upon feminist insights into women’s true nature, rather than upon masculine insights into ‘human nature’." (D. Patterson) Literatur: Robin West, Jurisprudence and Gender [1988], in: Patricia Smith (ed.), Feminist Jurisprudence, New York/Oxford: Oxford University Press 1993, 493-530.In Rezeption der Gilliganschen Forschungen zur weiblichen "anderen Stimme". Die Essenz, sehr platt ausgedrückt: Frauen sind die besseren Menschen, sind nicht so machtgierig wie Männer, verkörpern die wahren Werte. Mütterlichkeit, Beziehungen werden großgeschrieben.
Mannigfaltige Probleme mit diesem Ansatz: Essentialismus, Festschreibung eines bestimmten Frauenbildes, Separatismus - Gynozentrismus ist dem Patriarchat nicht wirklich ein Dorn im Auge (Young).
Kritik konkret, von zwei Feministinnen, deren eine den FemCLS, die andere der Postmodern Feminist Theory zugeordnet wird; scheint mir aber hier passend:
"The Perils of Modern Domesticity." Joan C. Williams, Deconstructing Gender [1989] in: Smith, 531-558. "Reading In a Different Voice (Differently)" Mary Joe Frug, Feminist Doctrine; Progressive Feminist Legal Scholarship: Can We Claim a "Different Voice"?, in: Mary Joe Frug, Postmodern Legal Feminism, New York/London: Routledge 1992, 12-49.Interessant insbesondere der Sears Case, der von beiden Theoretikerinnen aufgegriffen wird, um die Gefahren der Argumentation mit genuin weiblichen Werten aufzuzeigen.
Joan C. Williams: "In EEOC v. Sears, Roebuck & Co., argumentierte Sears erfolgreich, daß Frauen in der relativ hochbezahlten Sparte der commission sales nicht deshalb unter-repräsentiert wären, weil Sears sie diskriminiert hätte, sondern weil Frauen einfach nicht daran interessiert wären. Sears benützte die Sprache des Beziehungsfeminismus, um sein Kernargument zu unterstützen, daß der Fokus der Frauen auf Beziehungen daheim und bei der Arbeit dazu führt, daß sie weltliches Vorankommen opfern und statt dessen lieber ein erträgliches Arbeitsumfeld und beschränkte Arbeitszeiten haben, was ihrer Hingabe an die Familie entgegenkommt. Ein unmißverständlicher Unterton liegt in Sears subtiler Andeutung, daß das Opfer der Frauen nur ein beschränktes ist, da deren andere Stimme den fast track für sie nicht anstrebenswert macht. Ihre Ethik des Sorgens ermöglicht Frauen, über dem Kampf zu stehen, sodaß sie nicht wirklich verletzt sind, wenn sie von machtvollen, auf Wettbewerb abgestellten Jobs in commission sales ausgeschlossen werden. [...] Sears illustriert dramatisch die Macht des relationalen Feminismus, nämlich eine respektable akademische Sprache bereitzustellen, in der traditionelle Stereotypen zu akademischen Würden gelangen (dignify)."
Auch Frug beschäftigt sich mit Sears und geht der Frage nach, ob Frauen tatsächlich eine „andere Stimme" beanspruchen können.
Exkurs am Beginn des zweiten Tages des ersten Blocks:
Transgressing gender norms: "Crazy Women - Women on the Edge": Thelma and Louise. Martha Minow and Elisabeth V. Spelman, Outlaw Women: An Essay on Thelma and Louise, in: New England Law Review 26, (1992), 1281-1296 und ‘Til Death Do Us Apart: Thelma and Louise, in: Lynda Hart, Fatal Women, Routledge 1994, 67-80.IV. Inequality Approach - Radical Feminism: Recht, Macht und Herrschaft
Zur Einführung ein zweiter Exkurs, im Anschluß an den wir uns mit MacKinnon’s radikalem Feminismus beschäftigen; dazu werden die psychoanalytischen Grundlagen geschaffen:
"Der Macht-Ausübende bedarf stets eines Macht-Erduldenden, und in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart sind diese Rollen sterotyp geschlechtsspezifisch verteilt. Ohne emotionale Verwicklung ist das ... nicht denkbar." Jessica Benjamin, Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1993.Catharine MacKinnon ist vielleicht die herausragendste Figur innerhalb der feminist jurisprudence. Differenz, wie die Gynozentrikerinnen ihr frönen, ist für MacKinnon der "Samthandschuh auf der eisernen Faust der Herrschaft".
"Difference is the velvet glove on the iron fist of domination." - "However controversial MacKinnons work may be, her analysis is far too important for anyone, especially feminists, to neglect or misunderstand." Catharine MacKinnon, Difference and Dominance: On Sex Discrimination [1984], in: Bartlett/Kennedy, 81-94 Frances Olsen, Feminist Theory in Grand Style, Columbia Law Review 89 (1989), 1147-1178.Der Tenor: Alle gender-Differenzen sind Resultat der patriarchalischen Herrschaft, alle Frauen sind unterdrückt, weibliche Werte sind, plakativ formuliert, Überlebensstrategien.
Olsens Schrift ist eine verstehenwollende "wohlwollende" Rezension von MacKinnons "Feminism Unmodified".
An MacKinnon anknüpfend, wiewohl mE "differenzenfreundlicher":
"The issue is freedom from systematic subordination because of sex. -The law must finally enter the 20th century." Ann C. Scales, The Emergence of Feminist Jurisprudence, Yale Law Journal 95 (1986), 1373-1404.Anknüpfungspunkte an MacKinnon bietet auch:
Funktionäre der Macht Nikolaus Benke, JuristInnenausbildung - ein feministischer Irrweg? Manuskript 1994.Benkes Aufsatz, ein Manuskript, das in der Österreichischen ZS für Rpol erscheinen wird, bringt vieles von dem bisher vorgebrachten auf den Punkt. JuristInnen, Macht, Politik. Besonders wichtig: die Produktion unserer Zunft: ermöglicht uns, über unser Studium, dessen Eigendynamik und Produkte nachzudenken und vielleicht eine Reformperspektive zu entwickeln. Benke wird uns dazu auch Rede und Antwort stehen.
Am Beginn von Block zwei wird es in Anknüpfung an das Problem von Herrschaft konkret:
V. Ikonen der Herrschaft: Selbstlose Frauen, Frauenkörper
Der Feminismus und seine Klientel - zu einem problematischen Verhältnis
"In the context of work/family conflict, choice rhetoric is an integral part of a gender system that leaves women with different - and less desirable - choices than men." Joan C. Williams, Gender Wars: Selfless Women in the Republic of Choice, New York University Law Review 66 (1993), 1558-1634.Frauenkörper im Zerrspiegel von Kleidervorschriften
The conventional view "sexy dress provokes sexual abuse" as narrative and responses to that narrative. Duncan Kennedy, Sexual Abuse, Sexy Dressing and the Eroticization of Domination, New England Law Review 26 (1992), 1309-1394.Sexuelle Belästigung und die Frage nach der Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit: Wer hat die Macht zu entscheiden, wo diese Grenze liegt? Welche Strukturen der Ungleichheit liegen dem zugrunde?
Nancy Fraser, Sex, Lügen und die Öffentlichkeit: Überlegungen zur Bestätigung des Bundesrichters Clarence Thomas, in: Institut für Sozialforschung Frankfurt (Redaktion Katharina Pühl), Geschlechterverhältnisse und Politik, Frankfurt am Main 1994, 19-42. Catharine MacKinnon, Sexual Harassment: Its First Decade in Court, in: Smith, 145-157Date Rape
1992: "This has been a big year for nonstranger rape, or acquaintance rape, or date rape." Susan Estrich, Palm Beach Stories, in: Law and Philosophy 11 (1992), Philosophical Issues in Rape Law, 5-34.Zu MacKinnons Ansatz:
MacKinnons Analyse tendiert dazu, Frauen gleichsam als monolithischen Block mit einheitlichen Interessen darzustellen. Operiert implizit mittels Freund-Feind-Schema. Die Strafe für Nichtübereinstimmung mit ihren Thesen ist, wiederum plakativ formuliert, die Brandmarkung mit false consciousness. Was nicht heißen soll, daß es völlig absurd ist, so etwas wie false consciousness überhaupt zu diagnostizieren, aber MacKinnon geht damit etwas gar großzügig um. So können Differenzen unter den Frauen nicht adäquat wahrgenommen werden. Das zu leisten haben sich die letzten beiden Ansätze zur Aufgabe gestellt:
VI. Feminist Critical Legal Studies: Pragmatische Methodenvielfalt
Versuche, Dichotomien zu transzendieren:
Frances Olsen, The Family and the Market: A Study of Ideology and Legal Reform, in: Smith, 65-93. "Engendering Justice": Martha Minow, Justice Engendered [1987], in: Smith, 217-243. "Alternative Visions including a more concrete analysis that challenges both structural inequalities and the normative assumptions that underlie them": Deborah Rhode, Feminist Critical Theories [1990], in: Bartlett/Kennedy, 333-350.VI. Postmoderne feministische Rechtstheorie: Die Kodierung des weiblichen Körpers
Locating Feminism in Postmodernism: Eine Auseinandersetzung mit Robin West, Joan C. Williams und Zillah Eisenstein.
Dennis Patterson, Feminism/Postmodernism/Law, Cornell Law Review 77 (1992), 254-317.About the importance of differentiating the female body from the mother’s body.
Zillah Eisenstein, The Female Body and the Law, Berkeley/Los Angeles: University of California Press 1988. Chapter 3, Sex "Difference" and the Engendered Body, 79-116 and Chapter 6, Beyond the Phallus and the Mother’s Body, 191-225.Rechtliche Codierung des weiblichen Körpers: mitunter eine Dekonstruktion von Pornographie
Mary Joe Frug, A Postmodern Feminist Legal Manifesto, in: Frug, 125-153 Zillah Eisenstein, Reconstituting the Phallus II: Reaganism and the Courts, Pornography, Affirmative Action and Abortion, in: Eisenstein, 152-190 Mariana Valverde, Pornographie: Nicht nur für Männer, in: dies., Sex, Macht und Lust, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1994, 152-183."Some thoughts about the potential relevance of lesbian experience to the postmodern development of feminist legal theory."
Patricia Cain, Feminist Jurisprudence, in: Katharine T. Bartlett and Rosanne Kennedy (eds.), Feminist Legal Theory. Readings in Law and Gender, Boulder/San Franzisco/Oxford: Westview Press 1991, 263-280."Subversiver" dekonstruktiver Nachsatz
Das biologische Geschlecht als "Norm": Judith Butlers anatomisches Regelfolgen. Literatur: Judith Butler, Körper von Gewicht, Frankfurt am Main 1995 Elisabeth Holzleithner, Geschlecht, Norm und Dekonstruktion, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 43 (1995) 5, 891-894