"DAS UNENDLICHE BUCH"
NOVALIS' HEINRICH VON OFTERDINGEN
ALS ANTIZIPATION VON SCHELLINGS KUNSTPHILOSOPHIE?

Beide, Novalis wie Schelling, unternahmen einen Spaziergang durch die Romantik; solange bis sie sich trafen. Zu diesem Schnitt oder Treffpunkt bin auch ich unterwegs (auf diesen Seiten). Novalis beginnt seinen Roman 1799 und stirbt vor dessen Vollendung 1801. Friedrich Schelling schreibt den mir vorliegenden Text 1800. Von einer direkten wechsel- und gegenseitigen Beeinflussung der beiden untereinander weiss ich nichts, doch genuegt mir der Umstand, dass ich hier von Zeitgenossen und Geistesverwandten sprechen kann.
Mich interessiert, was der eine vom anderen - in welcher Form und Weise auch immer - verwirklicht, und also formuliert (in neue Form gebracht) hat - ob in philosophischer oder poetischer Art und Weise. Was von einem auf den anderen uebergegangen ist, was der eine vom anderen verwendet, weitergefuehrt, trans-portiert hat.

Fuer Schelling ist die Kunst bewusste Taetigkeit und die Poesie das Bewusstlose, was in die Kunst mit eingeht. Die Indifferenz nun von Poesie und Kunst bringt das Vollendete (das nur durch das Genie moeglich ist) hervor. Das Genie, so meint er, sei fuer die Aesthetik das, was das ICH fuer die Philosophie sei, naemlich das hoechste absolut Reelle. Genie und Ich sind selbst zwar nie objektiv, sind aber die Ursache alles Objektiven. Und somit das, wohin nicht zu gelangen ist, was nicht erreichbar ist (und war ?): problematisch.

Kunst nun reflektiert die Identitaet der bewussten und der bewusstlosen Taetigkeit, ihr Grundcharakter ist eine bewusstlose Unendlichkeit, eine Synthesis von Natur und Freiheit. Deshalb erscheint es ihm, als ob jedes Kunstwerk einer unendlichen Auslegung faehig waere. Es ist in seiner Betrachtung nicht zu Ende zu führen. ES ist nicht AUS-lesbar, nicht voellig und zu Ende lesbar.

Andererseits findet ein Gefuehl eines unendlichen Widerspruches im Kunstwerk seine Befriedigung. So ist der aeussere Ausdruck des Kunstwerkes immer der Ausdruck der Ruhe und der stillen Groesse. Fuer mich bleibt hier schon die erste Frage offen: kann ein Kunstwerk denn je be- und vollendet werden oder als abgeschlossen betrachtet werden? (Schreibt Schelling doch, dass das Gefuehl der Befriedigung die Vollendung begleiten wuerde) Aus dem Gegensatzpaar bewusstlose Unendlichkeit und befriedigende Vollendung entwickelt er schliesslich eine Art Synthese:

Beide kommen zusammen, wenn das Unendliche endlich dargestellt wird, was nichts anderes bedeutet, als dass Schoenheit dargestellt wird. (Das Göttliche wird fleischlich ...) Und Schoenheit ist fuer ihn schlicht der Grundcharakter eines jeden Kunstwerkes. Ausserdem merkt er an, dass wahrhaft Schoenes auch immer erhaben, wahrhaft Erhabenes auch immer schoen ist. (Lyotard/Silverman)

Was ein Kunstwerk nach Schelling weiters auszeichnet, ist Helligkeit und Reinheit, die aus einer Unabhaengigkeit der Kunstproduktion von aeusseren Zwecken herruehrt. Das finden wir auch in der gegenwaertigen Kunst- und Aesthetik-Diskussion. Jedoch ist heute die Kunst frei, und nicht die Produktion (Sponsoren, Preisgelder, ...). Im Gegensatz zum Naturprodukt stellt es etwas vereinigt dar, was bereits getrennt war, es geht aus vom Bewusstsein, vom unendlichen Widerspruch, welcher fuer Schelling Bedingung der aesthetischen Produktion ist.Die aesthetische Hervorbringung ist weiters eine freie.

Betrachten wir nun eine kurze Vorstellung des Heinrich von Ofterdingen als Muster-Beispiel einer fruehromantischen Dichtung, und untersuchen wir, welche von Schellings Thesen und Behauptungen, denn noch sind es Behauptungen, die auf ihre Erprobung und Messung an der Realitaet der Kunst warten - in ihm sich wiederfinden und an ihm sich bewahrheiten lassen. Mein Hauptaugenmerk habe ich hierbei auf den Aspekt des Unendlichen gelegt, verstanden als Nicht-moeglichkeit einer Vollendung sowohl von Kunstwerken als auch von Leben. Also im weiteren Sinne bereits ein Hypertext, ein unendliches Buch.
Die romantische Literatur wirft uns viele Fragen auf, sie spielt mit uns und meint es doch ernst.Ironisieren ist nicht scherzen! Ebenso tut es die Philosophie. Sie spielt und stellt Fragen, und er-klaert so ganz nebenbei, was das Wesen der Kunst eigentlich sei; oder zu sein hat.

Fuer Schelling hat Kunst aber nicht nur mit Unendlichkeiten zu tun. Er begreift sie auch als eine allgemein anerkannte Objektivitaet einer, wie er formuliert, intellektuellen Anschauung. Gemeint ist hiermit jene Anschauung, die ein absolut nichtobjektives Prinzip darstellt und zum Objekt hat. Dieses Prinzip ist es, von der die Philosophie, so Schelling, ausgeht. Diese intellektuelle Anschauung kann weiters selbst objektiviert werden, wodurch sie zur aesthetischen Anschauung wird, somit erst Schoenheit und diskussionswuerdige Erhabenheit erhaelt.

Kunst reflektiert mir das Identische, das sich im Ich schon getrennt hat, schreibt Schelling. Was der Philosoph trennt, strahlt aus den Kunstprodukten als Eins zurueck. Die Kunst tut so, als ob noch nie eine philosophische Frage an den Dingen geruehrt haette, als ob sie stets die erste waere.Damit waeren wir wieder beim Beispiel des Heinrich von Ofterdingen: So gespalten und zerklueftet er mir auch erscheinen mag, so ist er doch so und nur so mir Erscheinung, und dadurch eine abgeschlossene Einheit. Was freilich nicht heissen muss, dass er gleichzeitig auch vollkommen und fertig sein muss. Unendlich, doch begrenzt.

Gleichzeitig ist dieses Buch dann auch Teil des absoluten Kunstwerkes von Schelling. Schreibt er doch, dass es eigentlich nur ein absolutes Kunstwerk gibt, welches in verschiedenen Exemplaren existiert, aber doch nur eines ist: die Welt ?
Und er laesst nicht los von dem Gedanken an das Unendliche. Fuer ihn ist nichts ein Kunstwerk, was nicht ein Unendliches unmittelbar oder wenigstens im Reflex darstellt. So gesehen duerfte meine Entscheidung, gerade den Heinrich als Exempel hier heranzuziehen, nicht allzu fehl gegangen sein.

Kunst bekundet fuer Schelling fortwaehrend das Bewusstlose im Handeln und Produzieren, sowie die urspruengliche Identitaet mit dem Bewussten. Und was bedeutet das Bewusstlose fuer ihn? (Bewußtloses =)Das, was mit eingeht (was sich mit einschreibt) in die Kunst, was angeboren ist, schlicht die Poesie. Und eben sie ist es, die auch Novalis staendig thematisiert und behandelt. Die Suche nach der blauen Blume ist doch die Suche nach dem Reich der Poesie, ein Versuch, das Leben zu poetisieren, indem er ins Land der Maerchen vorstoesst.
Novalis will "Roman und Maerchen in einer gluecklichen Mischung" und "die Vermischung des Romantischen aller Zeiten". "Der Roman soll allmaehlich in Maerchen uebergehen" fordert er und nennt sein Buch "mein Maerchen". In dieser Metamorphose, dieser Wandlung und mannigfachen Verwandlung von Text und Held finden wir stets jenes Motiv wiederholt, das ich zuvor schon kurz angesprochen hatte, naemlich die "Poetisierung der Welt" und weiters diese als "Herstellung der Maerchenwelt".

Vollendet hat Novalis sein Vorhaben allerdings nie. Schelling schreibt hierzu, dass ein System nur abgeschlossen und vollendet ist, wenn es in seinen Anfangspunkt zurueckgefuehrt ist. So macht die Kunst das objektiv, was der Philosoph nur subjektiv darzustellen vermag. (zirkulaeres Denken) Die Philosophie und die Wissenschaften werden (so Schelling) nach ihrer Vollendung in den allgemeinen Ozean der Poesie zurueckfliessen, von dem sie auch ausgegengen waren. (alles macht sich selbst)
Was noch fehlt, ist das Mittel zur Rueckkehr der Wissenschaft zur Poesie. Schelling sagt, es gab einmal ein solches: die Mythologie. Deshalb vermutet er auch, dass ein kommendes Geschlecht eine neue Mythologie entstehen lassen wird, doch das bleibt fuer ihn nur noch abzuwarten. Was/Wie denken wir heute darueber?

Hier trifft er sich auf breiter Spur mit Novalis:
Auch er: sieht alles in einen Ozean der Poesie fliessen, alles wird poetisiert werden, das Maerchenreich ist nah. Auch er: erwartet eine Art neues Geschlecht, eine Art neue Mythologie. Bei ihm traegt diese kommende Zeit den Namen GOLDENES ZEITALTER.
Ob sie beide rechtbehalten werden, bleibt tatsaechlich nur abzuwarten. Beider Denken der Literatur als romantisch und als "Erzieherin" kommt dem entgegen, was in jenem "aeltesten Systemprogramm des deutschen Idealismus" schon programmatisch vorformuliert worden war: "Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit." - paedagogische Poesie, literarische Erziehung?


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